Neben dem ewigen Klassiker 4003 bietet Rickenbacker in den letzten Jahren auch immer mal exotischere Bässe an, wie die Neuinterpretation ihres Fünfsaiters, den wir vor fünf Jahren im Test hatten. Auch Shortscale-Bässe gab es bei Rickenbacker vor Jahrzehnten schon mal, aber das, was ich hier testen darf, ist etwas völlig anderes.
Die Entwicklung des kurzmensurigen 4003-Ablegers fing schon vor ein paar Jahren an, als Jesse Keeler, Bassist bei Death From Above 1979, und Ben Hall, Enkel von F.C. Hall, der die Firma 1953 übernommen hatte, darüber nachdachten, wie man Jesses Live-Bässe kombinieren könnte. Das war, man ahnt es schon, ein Rickenbacker, und ein Ampeg Dan Armstrong Plexi mit 30,5″-Mensur. Das Ergebnis waren ein paar Custom-Bässe, die im Prinzip meinem Testbass schon recht ähnlich waren.
Anzeige
Danach gab es noch Sonderbestellungen amerikanischer Händler, bevor sich Rickenbacker entschloss, das Instrument als 4030S regulär zu bauen. And here we are.
EIGENARTIG
Basis des 4030S ist, und da fängt der sprichwörtliche Rickenbacker’sche Eigensinn schon an, der 4003. Und damit meine ich nicht die allgemeine Form: Der durchgehende Hals und die Seitenteile entsprechen in den Maßen exakt dem aktuellen 4003S, die Rohlinge werden scheinbar aus dem gleichen Regal gegriffen. Auch das Material ist, etwas weniger überraschend, identisch, sprich Ahorn für den Hals, mit einem Mittelstreifen aus Walnuss und Walnuss-“Backen”, um die Kopfplatte auf die nötige Breite zu bringen. Dazu Ahorn-Seitenteile für den Body, alles perfekt in glorioses Fireglo gehüllt, dem transparenten Burst mit einem schönen Verlauf von Gelb zu leuchtendem Rot.
(Bild: Dieter Stork)
Wie man aus dieser Grundlage für einen Beinahe-Longscale (auch hier ist Rickenbacker eigen mit 33 ¼ Zoll-Mensur statt der üblichen 34 Zoll) einen Shortscale macht, sieht man schon auf den Fotos. Die Brücke wird einfach um 2,75 Zoll zum Hals hin verschoben. Passend dazu rücken die Bünde enger zusammen, und statt derer 20 reicht der Platz jetzt für 24 sauber abgerichtete Bundstäbchen im lackierten Palisandergriffbrett, das ein Comeback gefeiert hat, nachdem eine Zeit lang Chechen verwendet wurde, was zwar als karibisches Palisander gehandelt wird, aber einer gänzlich anderen Holzfamilie angehört.
Dass Rickenbacker Neuerungen gänzlich abgeneigt ist, kann man so nicht sagen, es dauert nur manchmal ein paar Jahrzehnte. So findet sich unter der charakteristisch geschwungenen Trussrod-Abdeckung ein einzelner Stahlstab statt des ewig gepflegten Zwillings-Rods. Und auch die Brücke ist eine neue Version, die die klassische Optik und Form, inklusive des über zwei Schrauben zu betätigenden Dämpfers, endlich mit per Schrauben am Brückenende in der Oktave zu justierenden Saitenreitern, die zudem noch individuell in der Höhe und per Röllchen im Saitenabstand eingestellt werden können, kombiniert.
Bridge (Bild: Dieter Stork)
Am anderen Ende der durch die Brücke gefädelten Saiten sorgen gekapselte Schaller-M4-Mechaniken für gewohnte Stabilität und sahniges Stimmverhalten. Bei der Platzierung der Tonabnehmer musste man sich zwangsläufig etwas einfallen lassen. Beim aktuellen 4003 sitzt die Mitte des Halspickups exakt unter dem Oberton am (gedachten) 24. Bund. Gibt es tatsächlich volle zwei Oktaven, muss der Abnehmer näher an den Steg und landet, auf die lange Mensur übertragen, ziemlich genau mittig zwischen den Pickups am 4003, während der Stegabnehmer gegenüber dem Longscale noch etwas näher an die Brücke rückt. Nicht nur das wird den Ton ändern, sondern auch die Verwendung zweier „Hot Toaster Top”-Pickups, der in ähnlicher Form sonst am Hals Verwendung findet.
Etwas kurios ist, dass sie die typische Toaster-Optik (Chromkappe mit zwei schwarzen Schlitzen) vermissen lassen, nicht aber die typische Konstruktion mit sechs einzelnen Alnico-Magneten mit einem ¼-Zoll Durchmesser, wie schon beim ersten 4001. Geregelt wird wieder wie beim Großen: per Dreiwegschalter werden die Abnehmer angewählt, jeder hat seinen Volume- und Tone-Regler, und als kleiner Bruder des 4003S hat auch der 4030S nur eine Monobuchse statt des aufwendigeren „Rick-o-Sound”-Stereo-Outputs.
(Bild: Dieter Stork)
Der Tone-Regler für den Stegpickup ist als Push/Pull ausgelegt, gezogen gibt es einen Bass-Cut per Kondensator, wie er früher fest verbaut war, und jetzt dankenswerterweise schaltbar ausgelegt ist.
Die gut ablesbaren Potiknöpfe sind auch dafür griffig genug. Zu guter Letzt sind noch die Gurtpins zu erwähnen, die mit Schaller S-Locks kompatibel sind, aber ohne Gegenstücke kommen.
EINZIGARTIG
Direkt aus dem Case, das aufgrund der Konstruktion einfach das (wirklich gute) der regulären Longscale-Ricks ist, macht der 4030S einen gut eingestellten Eindruck. Trotzdem drehe ich natürlich einmal an allen Stellschrauben. Angefangen mit dem Stahlstab, der nun nicht mehr als Zwilling kommt. Entsprechend schmal kann die Fräsung am Zugang ausfallen – so schmal, dass Vorsicht geboten ist, wenn man nicht mit dem beigelegten (!) Inbus (!) das Holz vermacken will, auch wenn’s unter der Abdeckung verschwinden würde.
Auch die Saitenlage lässt nichts zu wünschen übrig, die Möglichkeit, jede Saite einzeln einstellen zu können, freut mich natürlich – darauf hat man bei Rickenbacker ja lange genug warten dürfen. Auch in Sachen Oktaveinstellung ist die V2-Brücke bequemer aufgestellt. Das ist auch mehr als nötig, die Intonation ist auf der A- und E-Saite ganz schön weit draußen … Mit dem richtigen Werkzeug ist es dann allerdings ein Leichtes, das zu korrigieren.
(Bild: Dieter Stork)
Der Verzicht auf eine kompaktere Bauform bringt zwei Dinge mit sich: eine beherrschbare Kopflastigkeit, und dass die tiefen Lagen nicht näher rücken. Durch die enger zusammenliegenden Bünde ergibt sich in Kombination mit der flachen Saitenlage und der für mich großartigen Halsform mit einem ausgeprägt flachen Rücken bei über die ganze Länge gleichbleibender Dicke dennoch eine irre gute und schnelle Bespielbarkeit – da kommt Freude auf!
Verschoben hat sich dagegen das Arbeitsfeld für die rechte Hand, die Spielposition über dem Stegpickup beim 4003 wäre hier knapp vor der Brücke. Eine Daumenauflage gibt es so gut wie nicht, die Pickups gucken gerade mal 5 mm aus dem Pickguard. Mehr geht auch nicht, denn in Rickenbacker-typischem Eigensinn wurde das Design nicht so angepasst, dass sie näher an die Saiten gebracht werden könnten. Höchstens ein Ausbau der Federn würde noch einen Hauch Höhe bringen …
Entsprechend zahm ist der Output am Amp, da darf der Gain-Regler schon mal hochgedreht werden, „Hot Toaster” hin oder her. Dann aber macht sich ein Ton breit, der klar der 4000er-Familie zuzuordnen ist. Der Halspickup bringt schmatzende Höhen mit ausreichend Fundament, aber logischerweise weit weniger wuchtig als beim 4003. Sein Kollege nökt und näselt dagegen mit sehr durchsetzungsfreudigen Mitten. So für sich genommen ist das etwas dünn, mit etwas Nachhilfe am Bassregler des Amps dann aber überraschend tragfähig.
Überraschend ist auch der Sound mit beiden Pickups: Glockige Klarheit stellt sich ein, die mich quasi nötigt zu … slappen. Das hatte ich nun gar nicht auf dem Zettel … Auch hier ist leichte Bassunterstützung willkommen, und ich will auch nicht verschweigen, dass die E-Saite weniger Druck hat. Die Ursache scheint mir der Hals-Toaster zu sein, der das Phänomen solo am deutlichsten zeigt, am stegnäheren ist alles in Ordnung, in der Mittelstellung geht’s, vor allem, wenn der Hals-Pickup etwas zurückgedreht wird.
Apropos Mittelstellung: Mit gezogenem Tone-Regler klingt sie völlig anders und kommt mit der hohlen Note im Ton dem klassischen 4001/4003-Sound am nächsten. Das macht richtig Spaß, ebenso wie die ganze Palette mit den gut abgestimmten Volume- und Tone-Reglern weiterzubearbeiten. Noch mehr Spaß hätte ich, wenn die naturgemäß einstreuungsempfindlichen Singlecoil-Abnehmer wie beim Jazz Bass zusammengeschaltet brummfreier wären, aber da Rickenbacker erst seit etwa hundert Jahren Pickups baut, muss ich mich da wohl noch etwas gedulden.
Das Resümee, die Übersicht und weiteres gibt es auf Seite 2 im Überblick…