(Bild: Neural DSP)
Mit der Archetype-Serie bietet die innovative finnische Firma Neural DSP eine Kollektion hochkarätiger Gitarren-Plug-ins, die in enger Zusammenarbeit mit prominenten Gitarristen entwickelt wurden. Jedes Plug-in dieser Serie zielt darauf ab, den authentischen Signalweg und den charakteristischen Sound des jeweiligen Protagonisten digital einzufangen. Für Freunde besonderer Boutique-Sounds gibt es nun das komplette Rig von John Mayer als Plug-in.
Mayers originales Setup, bestehend aus Dumble und Co., dürfte einen Wert im hohen sechsstelligen Bereich haben, und seine Sounds, die er auf seinen zahlreichen Alben oder live präsentiert, sind wahrlich zum Niederknien. Wie viel Spaß macht das digitale Abbild?
John Mayer ist in den USA und auch andernorts in Europa ein Superstar. Hier in Deutschland hat er sich hingegen immer rar gemacht. Dennoch dürfte er zumindest in der Gitarrenszene auf Widerhall stoßen. Nicht wenige aus meinem Freundeskreis würden ihn gern einmal live erleben.
Er ist nicht nur ein großartiger Singer-Songwriter mit wundervollen Songs und einem grandiosen Ton und Spiel, sondern auch seine Blues-Seite ist absolut beeindruckend. Man schaue sich nur einmal seine Live-Aufnahme aus Los Angeles von 2008 an. Die Gitarren-Community weltweit ist in allen möglichen Foren und Diskussionsgruppen auf der Suche nach den Ton-Essenzen. John Mayer ist bekannter Nutzer exquisiten Equipments, das auch stets den Mythos des Unerreichbaren innehat.
Nun hat Neural DSP im Rahmen der Archetype-Serie das komplette Rig in maximaler Detailtiefe in Johns eigenem Studio in Los Angeles digital erfasst und in diesem Plug-in für jedermann zugänglich gemacht. Klingt man dann wie John Mayer? Natürlich nicht, denn es kommt immer noch auf den Spieler an. Aber man hat ein Arsenal an Sounds parat, das im Bereich Clean, Crunch und bluesigem Overdrive eine Vollbedienung verspricht.
Die Software läuft als Standalone-Anwendung oder als Plug-in in der DAW. Die Installation ist einfach und schnell, es gibt eine 14-tägige Testphase, sodass man es vor einem Kauf selbst testen kann.
AMPS UND CABINETS
Im Zentrum des Plug-ins stehen drei legendäre Amps aus Johns Kollektion: Das ist zum einen sein Fender 1964 Vibroverb mit 15-Zoll-CTS-Speaker. Nummer zwei auf dem User-Interface ist das digitale Abbild von Johns Dumble Steel String Singer mit der Seriennummer 002 (!) in Kombination mit der originalen Dumble-1×12″-Box und EVM-12L-Lautsprecher. Das Amp-Trio wird durch Mayers Two Rock Signature Prototype #83, gepaart mit einer 2×12″-Box mit Celestion-G12M-Greenback-Speakern, komplettiert.
Im Plug-in heißen die Amps dann: „Smooth Operator”, „Headroom Hero” und „Signature 83″. Das Interessante ist, dass man jeden Amp einzeln auswählen kann oder alle drei zugleich, was dann dem originalen Setup von John Mayer entspricht.
EFFEKTE
Zu John Mayers Rig gehören aber nicht nur die Verstärker: Auch seine essenziellen Pedaleffekte und weitere Schmankerl, die im Signalweg nach dem Verstärker liegen, sind Teil davon.
Das virtuelle Pedalboard beinhaltet den „Justa Boost” (im Original der Keeley Katana Boost), den „Antelope Filter” (im Original der Electro-Harmonix Q-Tron Plus), den „Halfman OD” (im Original ein Klon Centaur), den „Tealbreaker” mit TS/BB Modus (im Original Ibanez TS10 und Marshall Bluesbreaker) sowie das „Millipede Delay” (im Original das Way Huge Aqua-Puss).
Der „Gravity Tank” beinhaltet eine Tremolo-Seite und einen Federhall, basierend auf dem Victoria Reverberato und dem Strymon Flint. Die Post-Effects bestehen aus dem „Dream Delay” und dem „Studio Verb”. Hier standen das Providence DLY-4 Chrono Delay und das Valhalla VintageVerb Pate.
Darüber hinaus stehen am Ende des Signalwegs ein 4-Band-parametrischer Equalizer sowie ein Compressor für den letzten tonalen Schliff zur Verfügung. Der Compressor dürfte sich am Distressor von Empirical Labs orientieren, denn sein Erscheinungsbild ist deutlich daran angelehnt. Alles in allem eine hoch exklusive Signalkette, die John Mayers Recording- und Live-Rig abbildet.
USER INTERFACE UND BEDIENUNG
Wer so viele Funktionen in einem Rig vereint, braucht eine intuitive Führung durch die vielen einstellbaren Parameter. Das ist Neural DSP hier sehr gut gelungen. Zum Start kann man durch die Presets scrollen, von denen John Mayer selbst 18 beigesteuert hat. Zudem ist das Plug-in mit weiteren Presets von über 40 Gitarristen ausgestattet, darunter Joey Landreth, Joe Satriani, John Petrucci, Ariel Posen, Pete Thorn und Neural DSP. Natürlich kann man auch eigene Presets erstellen und diese abspeichern.
Die Plug-in-Suite beinhaltet sechs wesentliche Fenster: Pre-Fx (das virtuelle Pedalboard), Verb/Trem („Gravity Tank”), die drei Amps unter „Amp”, „Cab” und „EQ&Comp” sowie „Post-Fx”. In jedem Fenster sind die globalen Settings erreichbar. Hier werden der Input-Pegel, das Noise Gate, der Mono/Stereo-Modus und der Ausgangs-Pegel bestimmt.
Zudem gibt es eine Transponierfunktion: Mit dem Transpose-Knob kann das Eingangssignal in zwölf Halbtonschritten hoch- oder runtergestimmt werden. Die Doubler-Funktion kann bei einem Mono-Eingangssignal ein Stereoabbild emulieren und das Ausgangssignal in die Breite ziehen.
Im unteren Fensterbereich stehen die Funktionen Tuner, MIDI, Tap, Tempo, Metronome, Settings, Tooltips Area, About und Window Size zur Verfügung. Apropos MIDI: Mit einem externen Controller lassen sich Presets schalten sowie alle möglichen schaltbaren Parameter per Controller Changes konfigurieren. Wer also einen umfangreichen MIDI-Controller besitzt, kann hier ein analoges Schaltgefühl integrieren.
Es ist schier unmöglich, im Rahmen dieses Tests auf alle Parameter einzugehen, da dies jeden Rahmen sprengen würde. Daher fokussiere ich mich auf das Wesentliche. Die drei Amps lassen sich über ihre klassischen Parameter steuern. Dazu werden die virtuellen Potis im Fenster angezeigt.
Wichtig: Im kombinierten Dreifachbetrieb, wie John Mayer sein Rig nutzt, ist die Einflussnahme reduziert. Denn hier kommen Johns Einstellungen „eingebacken” in den Sound zum Einsatz. Lediglich Gain und die individuelle Lautstärke der Amps sowie der Output sind regelbar. EQ-Einstellungen an den jeweiligen Amps können dann nicht vorgenommen werden. In diesem Setting gibt es zusätzlich den „Room Send”, um dieses gigantische Arsenal mit einem Raumklang zu garnieren. Der verwendete Algorithmus emuliert ein Raummikrofon.
Eine intensivere Beschäftigung mit den sehr aufwendig umgesetzten Boxensimulationen lohnt sich auf jeden Fall. Allerdings gilt auch hier: Dieses Fenster ist nur im Betrieb einzelner Amps aktiv. Aber: Eine Top-Auswahl an amtlichen dynamischen, Kondensator- und Bändchen-Studiomikrofonen an frei beweglichen Speaker-Positionen ermöglicht eine erhebliche Sound-Gestaltung.
Jedes relevante Mikro wurde abgebildet und es können stets zwei parallel betrieben, im Panorama verteilt und nah an der Box oder mit Abstand positioniert werden. Das ist top umgesetzt. Zudem können eigene Impulsantworten im Wave-Format in das Plug-in integriert werden. Die Addition von virtuellem Raum-Ambience kann dann im Cabinet-Fenster im Einzelbetrieb vorgenommen werden.
Für den optimalen Betrieb setzt man den Audio-Buffer des verwendeten Interfaces auf 128ms oder niedriger. So geschehen, spielen wir mal los…
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