Kommen in Edelstahldose: St. Helens Komplett-Sets für Stop-Tailpiece-Gitarren. (Bild: Heinz Rebellius)
Willkommen zu einem besonderen Artikel – im Folgenden geht es nämlich ausschließlich um harte Ware, im Neudeutsch: Hardware. Die Hardware ist immerhin das Herzstück jeder E-Gitarre, vor allem die Brückenkonstruktion ist elementar wichtig für den Klang und das Spielverhalten des Instruments.
Einer, der sich intensiv mit der Geschichte des E-Gitarrenbaus in all seinen Facetten beschäftigt hat, ist Gerhard Schwarz. Die Erkenntnisse seiner Expeditionen in die Vergangenheit dieses Instruments spiegeln sich nicht nur in seinen bemerkenswerten Gitarren wider, sondern seit einiger Zeit auch in ausgewählter, möglichst authentisch gefertigter und klingender Hardware für Gibson-Type-Gitarren, die unter dem Namen St. Helens firmiert.
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Vorbild in Design, Materialwahl und Klang ist die Hardware von Gibson aus den 1950er-Jahren. Doch es geht nicht um bloßes Replizieren: Schwarz will verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Weise gefertigt wurde, welche konstruktiven Überlegungen dahinterstehen und wie sie sich auf Klangcharakter und -verhalten auswirken. Dabei können – bei aller historischen Korrektheit im Design – auch eigene Ansätze einfließen, immer mit dem Ziel, das klangliche und spielerische Potenzial der jeweiligen Gitarre bestmöglich auszuschöpfen.
ST. HELENS
Wir wollten herausfinden, was die nach alten Rezepten gefertigte Hardware auf neuzeitlichen Gitarren bewirkt, und bestellten für drei sehr unterschiedliche Modelle die jeweils passende St.-Helens-Hardware:
Gibson ES-335 von 1990
Gibson R4 (1954 Reissue) von 2004
Nik Huber Krautster II von 2015 (mit Top-Mount-Vibratosystem)
Wer schon einmal an Gitarren geschraubt hat, weiß von den Momenten, in denen es doch komplizierter wird als gedacht – etwa, wenn sich das Herauslösen von Gewindehülsen aus der Decke schwierig gestaltet. Praktischerweise hat Gerhard Schwarz auch daran gedacht: Unter der Rubrik Luthier’s Tools bietet sein Shop kleine Werkzeug-Sets und Helferlein an, die den Umbau einer Gitarre auf seine Hardware deutlich erleichtern, und die uns Gott sei Dank auch zur Verfügung standen.
GIBSON ES-335
Die Originalbestückung der 1990er Gibson ES-335. (Bild: Heinz Rebellius)
Die schwarze ES von 1990 erhielt die komplette Schwarz-Behandlung mit dem St.-Helens-„Classic”-Hardware-Set. Dieses umfasst die Adjustable Bridge mit Gewindestangen (Posts) und Rändelmuttern, sowie das Stop-Tailpiece aus Aluminium, dazugehörige Haltebolzen (Studs) und Gewindehülsen (Anchors). Die Hardware kam in Aged Nickel, das optisch perfekt zur Patina der 35 Jahre alten Gitarre passt.
Um zu zeigen, wie akribisch die Nachbildung eines solchen Hardware-Teils sein kann, haben wir die Features der Adjustable Bridge, einer Nachbildung der Gibson ABR-1, einmal im Detail aufgelistet:
Das Gehäuse der Brücke wird wie das Gibson-Original im Druckgussverfahren aus einer vintage-korrekten Zink-Legierung (Zamak*) hergestellt und vernickelt.
Die Saitenreiter (Saddles) und die Schrauben zur Einstellung der Oktavreinheit sind aus einer speziellen Messing-Legierung gefertigt, die nach dem HV-Standard (die so genannte Vickers-Härte*) härtegetestet ist. Die Saddles können gekerbt oder ungekerbt bestellt werden, die Schrauben entsprechen exakt dem 4-40 UNC*-Standard, was vintage-korrekte 40 Gewindegänge pro Zoll bedeutet.
Der Abstand der beiden Posts beträgt vintage-korrekte 73,8 mm. Die Posts selbst sind vom Typ 6-32 UNC* und haben 3,5 mm Durchmesser und 32 Gewindegänge. 4 mm starke Posts sind ebenfalls erhältlich.
Das Stop-Tailpiece besteht aus Aluminium und wiegt nur 30 g – das Gibson-Original von 1990 bringt fast das Dreifache auf die Waage: 84 g. Die Studs der 1990er ES messen rund 36 mm in der Länge, das originale Late-50s-Maß – und damit auch das St.-Helens-Maß – beträgt 39 mm, mit einem Gewindebereich von 1 Zoll. Bei den Gibsons der frühen 1950er reichte das Gewinde nur über ¾ Zoll.
Die St.-Helens-Gewindehülsen sind 1 Zoll lang, also länger als die ⅞ Zoll unserer 1990er Gibson-Version – aber Schwarz hat auch ⅞-Varianten im Programm. 1953 bis 1957 maßen sie nur ½ Zoll, saßen weniger fest im Holz und mussten häufiger ersetzt werden.
Der Durchmesser der 1990er Gibson-Hülsen beträgt 13 mm, bei den 1955–1957er Modellen waren es noch 13,3 mm – identisch mit den heutigen St.-Helens-Hülsen. Dank ihrer stärker ausgeprägten Spitzen sitzen die St.-Helens-Hülsen fest in den Bohrlöchern, wackeln nicht und passen für verschiedene Gibson-Jahrgänge, auch für die 1990er ES; bei Bedarf kann aber auch etwas aufgebohrt werden. (Schwarz bietet neben den hier verwendeten, zölligen Gewindehülsen und Studs übrigens auch metrische Versionen an.)
Zum Lösen der originalen Gewindehülsen erwies sich das Anchor Puller Set aus Schwarz’ Luthiers Shop als echter Helfer – das Entfernen der Anchors (Hülsen) wird damit zum Kinderspiel. Sehr praktisch war auch das PIT (Post Installation Tool) aus derselben Abteilung, entwickelt, um 6-32-UNC-Gewindestangen für Tune-o-matic-Brücken einfach zu installieren oder zu entfernen. Es gibt das PIT natürlich auch für 4-mm-Posts, sodass ich auch für den Umbau der Nik Huber Krautster bestens gerüstet war.
GIBSON CUSTOM SHOP R4
Gibson R4 mit St. Helens Wraparound. (Bild: Heinz Rebellius)
St. Helens bietet vier verschiedene Wraparounds an: die klassische DieCast-Aluminium-Version, die flachere Lo-Pro (für Gitarren mit flacherem Hals-/Korpuswinkel, wie z. B. die 1952/53-Jahrgänge der Les Paul), die gerade Lightning Bolt und die gewinkelt montierte Classic Bolt.
Für die R4 verschrieb Dr. Schwarz uns die DieCast-Aluminium-Wraparound mit passenden Studs, die 30,5 Gramm wiegt und damit nur etwas leichter als das 1990er Gibson-Original mit 36 Gramm ist. Zwischen Aluminium und vernickelter Oberfläche liegt auch hier – wie bei allen St.-Helens-Parts – vintage-correct keine Kupferschicht. Heute werden so gut wie alle Brücken, Stop-Tailpieces und Wraparounds mit einer Kupferschicht hergestellt, denn Kupfer sorgt dafür, dass die Oberfläche schön glatt wird, schön poliert werden kann und dann eben auch schön glänzt. Ohne Verwendung von Kupfer verbleiben jedoch oft winzige, oberflächliche Löcher, und das ist eben so „wie früher”. Wem also eine hundertprozentig glatte Oberfläche seiner Hardware wichtig ist, der wird bei St. Helens nicht fündig.
30 Gramm leicht: St. Helens Stop-Tailpiece. (Bild: Heinz Rebellius)
Die Wraparound-Brücke unserer R4 stammt vom US-Hersteller API* und war ursprünglich ein Stop-Tailpiece, das mit nachträglich angebrachten Intonationsschrauben als Wraparound dient. Seit Jahrzehnten verwendet Gibson keine separaten Wraparounds und Stop-Tailpieces mehr, was auch die Ball-End-Löcher auf der Rückseite der originalen Wraparound unserer Gibson R4 zeigen – sicherlich kostensparend, weil so eine Gussform für zwei Bauteile genutzt werden kann, aber nachteilig für die Klangentwicklung. Denn die Saiten liegen wegen der rückwärtigen, größeren Ballend-Löcher nicht mehr in einem sauberen Bogen auf der Brücke auf, sondern beschreiben dort einen harten Knick.
Ich frage mich, warum Gibson keine eigene Gussform für ein Wraparound machen lässt. So enorm wären die Kosten in der Größenordnung, in der Gibson unterwegs ist – von Epiphone bis Murphy Lab – sicherlich nicht. Wie auch immer – die St. Helens Wraparound ist natürlich kein verkapptes Stop-Tailpiece, sondern eine Wraparound wie aus den Anfangstagen der Gibson Les Paul – mit Ball-End-Löchern nur auf der Vorderseite, sodass sich die Saiten hinten geschmeidig und ohne Knick um den Steg legen können.
Gibson R4 mit Original-Wraparound. (Bild: Heinz Rebellius)
Die St.-Helens-Studs passen problemlos in die originalen Gewindehülsen. Aufgrund ihrer Länge müssen sie zwar bis zum Boden des Loches geschraubt werden, was aber für eine perfekte Saitenlage gerade reicht. Je nach Gitarre kann es jedoch nötig sein, die Löcher minimal tiefer zu bohren oder statt der 1″ gleich die ⅞” (22 mm) langen Studs zu ordern.
NIK HUBER KRAUTSTER II
Diese Krautster II, ursprünglich mit einem Bigsby B50 ausgestattet, trägt nun ein Gotoh G5. Ihre originale Brücke ist aus einem massiven Messing-Block gefräst und hat Stahl-Saitenreiter. Anstelle dieser kommt nun die St. Helens V-Saddle-Bridge, also Zinkdruckguss und vernickelte Messingreiter, mitsamt den 4-mm-Posts, zum Einsatz.
Bild: Heinz Rebellius
Bild: Heinz Rebellius
Diese Brücke ist für alle Gitarren mit Top-Mount-Vibratosystemen wie Bigsby, Göldo, Duesenberg & Co. sehr interessant, denn sie hat nicht nur größere, V-förmige Kerben, sondern auch eine besondere Oberfläche: Chemisch-Nickel*, das stromlos aufgebracht wird und nicht nur extrem dünn, sehr reibungsarm und abriebfest ist, sondern laut Schwarz auch klanglich besser abschneidet als die Hartchrom-Beschichtung, die viele andere Hersteller verwenden.
Hartchrom hat dabei einen grundsätzlichen Nachteil: Der Prozess folgt dem Strom – und der fließt lieber um Ecken und Kanten herum als in enge Winkel hinein. Konkret bedeutet das: An äußeren Kanten setzt sich mehr Material ab als in engen Vertiefungen. Genau dort aber – im unteren Knick der V-Kerbe, also exakt da, wo die Saite aufliegt und Reibung entsteht – bleibt die Schutzschicht am dünnsten. Ein Konstruktionsfehler der Natur nach.
Chemisch-Nickel arbeitet ohne Strom und legt sich deshalb gleichmäßig über jede Oberfläche, egal ob Außenkante oder enger Winkel. Schwarz nutzt diese Methode schon länger – und hat damit auch Saitenreiter fremder Brücken für seine Gitarren nachbehandelt, bevor er überhaupt eigene Hardware entwickelte. Nein, Chemisch-Nickel habe nichts mit Vintage-Correctness zu tun, sagt Schwarz. Es sei einfach die bessere Beschichtung für diesen Zweck, und bei Chemisch-Nickel gäbe es eben auch keinen Eierschaleneffekt … Meinen fragenden Gesichtsausdruck beantwortet er so: „Den gibt es unter anderem bei Hartchrom. Wenn nämlich die äußere Beschichtung härter ist als das innere Material und dann punktuell Druck, wie z. B. durch eine Saite, ausgeübt wird, kann die Oberfläche brechen.”
VORHER VS. NACHHER
Und jetzt ans Eingemachte! Da ein Vorher-Nachher-Vergleich bei Umbauzeiten von einer halben bis zu einer Stunde immer schwierig ist, habe ich die Gitarren jeweils vor und nach dem Umbau aufgenommen. Solche Aufnahmen können zwar niemals Spielgefühl, Anschlagsverhalten, Dynamik oder Sustain wiedergeben, bieten aber eine zusätzliche Perspektive zur Beurteilung der St.-Helens-Hardware.
Gibson ES-335
Vorher: Die Gitarre zeigte beim Anschlag ein leichtes, metallisches „Zing”, das auch nach testweiser Montage eines nur 34 g leichten Stop-Tailpieces von Faber bestehen blieb. Das Sustain war mittelmäßig, der Ton insgesamt eher harsch und ohne echte Highlights – kurz: Diese ES-335 war okay, aber mehr auch nicht.
Nachher: Mit der St.-Helens-Hardware klingt die Gitarre nun frischer, lebendiger und ausgewogener, ohne Überbetonungen oder Einbrüche. Hals- und Steg-Pickup unterscheiden sich klarer, cleane Sounds haben mehr schimmernde Höhen und wirken durchsichtiger statt rau und hart wie vorher (was zugegebenermaßen auch ein interessanter Sound war, aber eben nicht klassisch 335). Verzerrt gewinnt die Gitarre an vokalem Charakter: Der Hals-Pickup klingt feiner und irgendwie hochwertiger, der Steg-Pickup fetter und souveräner. Auffällig ist die bessere Ausgewogenheit der Saiten und Lagen, ebenso das längere Sustain. Die Gitarre reagiert direkter auf den Anschlag und fühlt sich insgesamt dynamischer und musikalischer an.
Gibson Les Paul R4
Vorher: Diese Gibson klang im Originalzustand schon richtig gut, doch die Wraparound-Brücke erzeugte einen Sitar-Effekt, der durch eine Fehlstellung oder einen Fehler in der Form der Brücke verursacht wurde und sich nur durch eine erhöhte Saitenlage beheben ließ. Das ergab Handlungsbedarf.
Nachher: Nicht nur ist der Sitar-Sound verschwunden, sondern die neue Brücke verbessert den gesamten Klang der Gitarre noch einmal merklich. Der Anschlag ist direkter, die Saiten reagieren ausgeglichener und die Transparenz ist spürbar gestiegen. Insgesamt wirkt der Sound runder und fülliger, das Spielen fühlt sich – wie auch bei der ES-335 – nun dynamischer und musikalischer an.
Nik Huber Krautster II
Vorher: Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass diese an sich großartige Gitarre etwas gebremst agierte. Das merkt man zwar nicht unbedingt auf den Aufnahmen, aber der eher langsame Attack, eine gewisse Trägheit in der Klangentfaltung und das nur durchschnittliche Sustain deuteten darauf hin, dass die Saiten nicht optimal schwingen. Besonders dem Mittenbereich fehlten Lebendigkeit und Charakter.
Nachher: Nach dem Austausch von Brücke und Posts zeigt sich ein neues Klangbild. Im Clean-Bereich wirkt der Hals-Pickup (P90) heller und strahlender, der Steg-Pickup (Firebird HB) direkter, fetter und ausgewogener. Verzerrt ist der Hals-Pickup nun definierter, während der Steg-Pickup griffiger, präziser und in Akkorden transparenter klingt. Das Attack ist unmittelbarer, die Saiten schwingen freier und der Klang wirkt insgesamt organischer, lebendiger und dynamischer – genau wie bei den beiden anderen Gitarren.
Auf der nächsten Seite geht es weiter mit dem Test und dem Interview…