Und wenn einmal der Abschied naht...
(Bild: Donata Wenders)
Mit ‚Trink aus, wir müssen gehen!’ haben die Toten Hosen ihr offiziell letztes Studioalbum veröffentlicht. Kurz vor der anstehenden Tour hat uns Gitarrist Kuddel erzählt, welche Emotionen und Instrumente dabei im Spiel waren, was danach kommen könnte und welcher deutsche Sänger ihn bei den Aufnahmen besonders beeindruckt hat.
Kuddel, nimm uns mal mit auf die Reise zu diesem Album. Wann hat es angefangen? Wo waren die Stolpersteine?
Die allerersten Aufnahmen haben wir vor drei oder dreieinhalb Jahren gemacht, da war alles noch ganz locker. Vor zweieinhalb Jahren haben wir dann gesagt: Komm, lass uns ein letztes Album machen – ein letztes Studioalbum, wohlgemerkt – und da noch mal alles reinpacken, was wir haben. Das war der Startschuss. Von da an hat uns auch Regisseur Eric Friedler mit seinem Kamerateam regelmäßig begleitet (für die Dokumentation ‚Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album’).
Und dann?
Wie das am Anfang so ist: Man dödelt so rum. Ich habe ein paar Ideen mitgebracht, Breiti hat ein paar Ideen mitgebracht. Aber solange kein Druck da ist, passiert bei uns verhältnismäßig wenig. Wir gehen da eher locker an die Sache ran.
Und alles versandet so ein bisschen … Ich hab mir alte Interviews mit dir durchgelesen. Das war bei euch öfter so.
Jedes Mal. Es ist jedes Mal das Gleiche.
Ohne Druck scheint es nicht zu gehen.
Die Sessions bei Vince (Vincent Sorg, Produzent) im Principal Studio (in der Nähe von Münster) dauerten immer vier bis fünf Tage, aber die Resultate stimmten anfangs noch nicht. Irgendwann, nach ungefähr einem Jahr, haben wir dann gemerkt, dass wir langsam mal ein bisschen was tun müssen. Dazu kamen ein paar Stolpersteine, die einiges an Zeit kosteten. Im Januar sind wir mit unserem Studio nach Düsseldorf gezogen. Wir haben es über unserem Proberaum eingerichtet und den Rest der Platte dort aufgenommen und gemischt. Ich finde, das Resultat klingt super. Dennoch hat es sich am Ende natürlich wie immer zugespitzt. Wir haben auf den Tag genau abgegeben, damit wir den Veröffentlichungstermin halten konnten.
Wie war denn das Gefühl, als das Album dann tatsächlich fertig war? Stolz? Erleichterung? Wehmut?
Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass ich einen kleinen Nervenzusammenbruch kriege. Ich fand die ganze Idee mit dem „letzten Album” auch tatsächlich nicht so toll und dachte mir: Warum limitiert man sich? Das hat mich bei dem ganzen Prozedere eher gebremst. Ich hatte Angst, dass ich in ein totales Loch falle, wenn das Album fertig ist. Aber das war zum Glück nicht der Fall, Campino war da sehr viel stärker betroffen. Der hat viel mehr für sich verinnerlicht, dass da jetzt ein Schlussstrich gezogen wird. Das hat ihn schwer mitgenommen. An dem Abend, als wir das fertige Album bei einem Glas Champagner durchgehört haben, wurde er sehr emotional. Ich war eher euphorisch. Ich muss sagen, mir gefällt das Album persönlich unfassbar gut. Ich war sehr froh, dass es jetzt endlich fertig ist, und ich empfinde alles gerade als sehr positiv – warte dabei aber eigentlich darauf, dass mich die Erkenntnis einholt und niederstreckt, dass dieses jetzt das letzte Album war. Momentan ist es nicht so.
Lass uns über Gitarren reden. Was steht denn aktuell auf deiner Speisekarte weit oben?
Nach wie vor Nik Huber – mit der Krautster III habe ich sehr viele Parts des Albums eingespielt. Dazu kamen verschiedene Fender Telecasters, Custom-Shop-Versionen mit Ahorn- oder Palisander-Griffbrett. Die Tele war eine Gitarre, die immer gepasst hat, und die fast auf jedem Song zu hören ist. Wenn es um Les-Paul-Sounds ging, habe ich gerne zu Panucci-Modellen gegriffen (Gitarrenbauer aus Den Haag). Ein weiterer Hersteller, der zum Einsatz kam, war Shabat aus Los Angeles. Er baut unter anderem Telecasters mit Humbuckern und auch Superstrats mit Humbucker. Das sind sehr gute Instrumente. Was habe ich noch benutzt? Die Gitarren von Tausch und Schwarz sind schon länger Favoriten von mir, die kamen auch immer wieder zum Einsatz. Und noch eins: Bei vielen Songs des Albums ist eine PRS-Baritongitarre leise mit drin – nicht bei allen, aber sie ist tatsächlich oft gespielt worden.
Das nenne ich mal eine erlesene Auswahl.
Das Schöne ist, dass man wunderbar zwischen den Gitarren wechseln kann. Die klingen alle irgendwie gut. Den größten Einfluss auf den Sound hat es, wie wir bei der Produktion festgestellt haben, wenn das Mikro am Lautsprecher verschoben wird.
Neben deiner ständigen Suche nach neuen Gitarrenbrands bist du auch sehr Pickup-affin. Seit geraumer Zeit vertraust du in dieser Hinsicht auf die Produkte von Andreas Kloppmann. Warum? Ist es der direkte Kontakt?
Auch. Das Gute bei Kloppi ist: Wenn ich eine Gitarre habe, mit der ich unzufrieden bin und ich sie ihm schicke, sagt er mir oft schon von sich aus, was er ändern würde, um sie zu optimieren. Das kann eine Kleinigkeit am Poti sein. Und dann kippt die Gitarre auf einmal. So geht das bei ihm los. Andreas versteht sehr gut, was wirklich Einfluss auf Sound hat. Von daher ist es immer optimal, wenn er eine Gitarre selber begutachtet und dann Vorschläge macht. Manchmal schicken wir ein Instrument viermal hin und her, bis er verstanden hat, was ich will. Aber spätestens dann klappt das. Ich nehme meistens den Peter-Weihe-II-Humbucker. Der klingt verhältnismäßig hell und nicht zu heavy. Mit ihm habe ich die meisten meiner Les Pauls bestücken lassen – manche wurden dabei auch neu verkabelt, was ich nicht immer höre, er jedoch schon. Bis jetzt bin ich da immer sehr zufrieden. Dass jemand so mit Herzblut dabei ist, sieht man schon selten.
Mit welchen Amps habt ihr bei den Aufnahmen gearbeitet?
Häufig zum Einsatz kamen Topteile aus Marshalls Studio-Linie (Studio Classic & Studio Vintage). Die kann man in der Leistung von 20 auf 5 Watt reduzieren.
War der Ansatz dahinter, dass ihr mehr mit Endstufenverzerrung arbeiten konntet?
Gar nicht mal. Wir haben einfach immer den Sweetspot der Amps gesucht, und die 800er- (Classic) und Plexi-Versionen (Vintage) klangen da extrem gut. Dazu kamen ein Friedman BE-50, Diezel VH4 und Herbert sowie ein Engl Blackmore. Das war es eigentlich auch schon fast. Ab und zu haben wir noch einen einkanaligen Amp von Blackhole aus der Schweiz verwendet. Bei ein paar Songs ist zudem der Fractal Audio FM9 zu hören. Aber ansonsten haben wir nicht übermäßig viel herumexperimentiert. Die Amps liefen über eine 2×12″-Box. Wie schon erwähnt, wurden die meisten Sounds mit den Mikros davor gemacht. Das war echt drastisch, da wurde der Amp fast schon zweitrangig. Ich hätte nie gedacht, dass die Mikrofonposition den Ton so drastisch färbt.
Im Video zur ersten Single ‚Die Show muss weitergehen’ sieht man dich mit einer Jazzmaster-artigen Gitarre. Was hat es damit auf sich?
Die stammt von der ukrainischen Firma Valiant. Dieses Modell ist eine Offset und sieht aus wie eine Jazzmaster, allerdings sind dort Humbucker verbaut, die zweimal splitbar sind, entweder in Serie oder parallel, Singlecoil oder Humbucker. Die Company baut echt geile Gitarren mit hervorragender Hardware. Die Qualität spielt auf dem Niveau vom Fender Custom Shop.
Wie wird denn das Live-Setup für die kommende Tournee aussehen?
In Sachen Gitarren werde ich wohl vor allem Humbucker-Modelle der oben erwähnten Brands wie Panucci, Schwarz oder Tausch am Start haben. Wahrscheinlich nehme ich auch die eine oder andere Telecaster mit, aber ganz genau weiß ich das im Moment noch nicht. Ansonsten bin ich mittlerweile von Kemper weg und benutze stattdessen das Fractal Audio Axe-FX III. Damit bin ich sehr zufrieden.
Vom Fractal Audio geht es dann direkt ins Pult, oder? Wird es dazu wieder echte Amps auf deiner Bühnenseite geben?
Wir werden wieder einen Röhrenamp nebenbei laufen lassen – ob Engl oder Marshall, ist noch nicht ganz klar. Der wird dann bei Bedarf dazu gemischt. Ansonsten nehmen wir das Axe-FX und befeuern damit die P.A. und die Monitore. Zudem geben wir dessen Signal auch an eine Engl-Endstufe mit Cabinets raus, damit ich ein bisschen Hosenflattern auf der Bühne habe – und auch als Ersatz, falls mal was ausfallen sollte. Im Grunde hat sich im Vergleich zur letzten Tour eigentlich nicht großartig was geändert, nur dass ich von Kemper zu Fractal Audio gewechselt habe.
Was die Auswahl der Gitarren angeht: Auch in Sachen Singlecoils baust du auf die Expertise von Andreas Kloppmann. Er schafft es nach deiner Aussage, dass du Gitarren mit Einspulern live wieder verwenden kannst, ohne dass das Brummen alles übertönt. Was ist das Geheimnis? Blindspulen?
Er hat mir erzählt, dass er sich zu Hause hinsetzt und jede Menge Monitore vor sich aufbaut, damit die entsprechende Gitarre so richtig brummt. Dann setzt er einen Dummy-Coil dahin, wo das Brummen am wenigsten wird. Und siehe da, es funktioniert. Falls ich Telecasters mit auf Tour nehme, schaue ich, dass er mir die bis dahin noch brummfrei macht – ich erinnere mich noch sehr gut an einen Gig in Polen, bei dem das Brummen wirklich schlimm war. Es war bis heute das letzte Mal, dass ich auf der Bühne Singlecoils gespielt habe. Da haben die Humbucker natürlich klare Vorteile. Ach ja: Die MIDI-Steuerung der Sounds läuft nach wie über mein Skrydstrup-System.
Ihr spielt auf der anstehenden Tour in Fußballstadien und anderen sehr großen Locations. Trotzdem sind die Konzerte hierzulande schon lange komplett ausverkauft. Natürlich hat das mit der Ankündigung des finalen Studioalbums zu tun, aber dass die Resonanz so groß ist, konntet ihr nach drei Jahren Pause sicher nicht absehen. Wie sehr hat euch das überrascht?
Die Nachfrage bei dieser Tour war wirklich extrem. Dass viele Städte so schnell ausverkauft waren, hätten wir wirklich nicht gedacht. Natürlich hat die Ankündigung eines letzten Albums da mit reingespielt – wobei wir nicht gesagt haben, dass das die letzte Tour ist. Aber es hat uns schon sehr überrascht, dass das so reinknallte. Damit haben wir so nicht gerechnet. Und das sollte man auch nie tun.
Es sieht aktuell jedenfalls so aus, als stünden noch einmal zahlreiche kolossale Konzerterlebnisse für euch und euer Publikum an. Aber irgendwann geht auch diese Tour zu Ende …
Ich bin gespannt, was dann mit mir passiert. Wenn 2027 das letzte Konzert der Tour gespielt ist, dann wird es mich umhauen, schätze ich. Weiter haben wir bislang nicht geplant.
Hättest du aktuell denn noch Wünsche für die Zukunft?
Es war sehr schade, dass wir damals die Unplugged-Tour wegen Corona komplett canceln mussten. Darauf hatten wir uns sehr gefreut und dafür seinerzeit natürlich viel geprobt – das Ensemble stand, die Bläser, die Geigen, alles war mega. Das würden wir gerne nochmal machen. Aber wir haben derzeit keine konkreten Pläne für die Zeit danach.
Dann schauen wir doch auf die anstehenden Gigs. Wird es da etwas Neues geben?
Das wird es. Wir haben dieses Mal tatsächlich einen Keyboarder dabei. Sein Name ist Jet Baker, er spielt sonst bei der englischen Ska/Punk/Rock-Band Buster Shuffle. Wir hatten für das Album auch ein, zwei Ska-Nummern in der Pipeline, die es zwar letztendlich nicht drauf geschafft haben, dennoch gibt es einige Keyboards auf ‚Trink aus, wir müssen gehen!’, von denen wir dachten, dass wir sie gerne auch live hören würden. Jet ist total nett, passt astrein zu uns, und kann super geschmackvoll spielen, ohne als Keyboarder aufdringlich oder nervig zu sein. Mal gucken, ob er noch bei ein paar anderen Stücken mitspielen kann. Das ist auf jeden Fall eine Neuerung. Wir sind uns derzeit übrigens noch völlig unklar, wie viele Songs vom neuen Album wir spielen werden. Bei den Proben haben wir jedenfalls ziemlich viele davon ins Set gepackt. Die Frage ist, wie sie dann live ankommen. Das weißt du ja vorher nicht, das muss man dann sehen. Ich denke, es werden fünf, sechs Songs werden.
Was wir noch nicht besprochen haben, ist das Bonusalbum ‚Alles muss raus!’. Darauf interpretiert ihr 25 Songs im Duett mit ihren Originalsängern – und zwar querbeet, von Vicky Leandros über Wolf Biermann bis BAP, natürlich kommen auch zahlreiche Weggefährten zu Wort. Ich kann an dieser Stelle nicht im Detail darauf eingehen, aber das Album ist extrem unterhaltsam. Und nicht nur das: Wolfgang Niedeckens hochdeutscher Gesang in eurer gemeinsamen Fassung von ‚Kristallnaach’ geht geradezu unter die Haut.
Das Bonusalbum hat ganz viele Facetten. Es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, so lange daran zu arbeiten. Es war schon eine Menge Holz, aber es ist echt ein toller bunter Blumenstrauß, der einem da serviert wird. Ich hoffe, dass die Leute das zu würdigen wissen und entsprechend reinhören. Das würde mich sehr freuen. Einige unserer anderen Bonusplatten sind teilweise doch sehr untergegangen.
Ein weiterer Kollege, mit dem ihr aufgenommen habt, ist Marian Gold von Alphaville – gemeinsam interpretiert ihr deren 1984er-Klassiker ‚Forever Young’ …
Die Aufnahmen mit ihm waren echt lustig. Wie der noch singen kann, unfassbar! Als wir ins Studio gekommen sind und er geredet hat, war er ganz leise. Da dachte ich mir schon: Wie soll das gleich gehen, kann der überhaupt noch singen? Als er dann angefangen hat, haben die Wände im Studio gewackelt. Vince und Campino sind bei seinem Gesang die Kinnladen runtergefallen. Marian hat seine Stimme vollkommen im Griff, der kann das echt noch.
Vielleicht bekommen die Zuschauer der Tour ja mal die Gelegenheit, ein derartiges Duett am eigenen Leib zu erleben. Das wäre doch bestimmt etwas ganz Besonderes für alle Beteiligten. So oder so: Alles Gute für die anstehenden Gigs.
(erschienen in Gitarre & Bass 07/2026)