Wiedergeburt:

Restauration einer 1964er Gibson J-45

Seit Jahrzehnten wird die J-45 als universales Workhorse geschätzt und gehört seit ihrer Einführung 1942 zu den beliebtesten Steelstrings. Da lohnt die Wiederbelebung eines bemitleidenswerten Exemplars aus dem Jahr 1946. Hier die Geschichte einer Intensivbehandlung.

(Bild: Igor Huss, Kamila)

Die Round-Shoulder-Jumbos der Instrumentenschmiede Gibson sind eine echte Erfolgsgeschichte, die in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts beginnt. Das Modell mit der schlichten Bezeichnung J-45 wird bis heute in verschiedenen Ausführungen angeboten, von der Standardversion über die wertigere Southern Jumbo bis zur opulent verzierten Luxusvariante „Vine“ und diversen limitierten Editionen.

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Im Laufe der Firmen- und vor allem der Weltgeschichte hat die J- 45 gute und weniger gute Zeiten durchlebt. Durchweg hält sich jedoch die Meinung von Musikern, Experten, Sammlern und Gitarrenbauern, dass die Instrumente aus den 40ern konstruktiv und klanglich am besten ausgefallen sind. Als sogenannte „Bannerheads“ tragen einige auf der Kopfplatte sogar das stolze Logo „Only A Gibson Is Good Enough“ – und sind tatsächlich oft exzellente Exponate amerikanischer Gitarrenbaukunst.

Worauf beruht dieser Kultstatus? Hierzu trägt indirekt der Zweite Weltkrieg einen Teil bei. Seinerzeit kämpfen die meisten männlichen Mitarbeiter der Gitarrenschmiede im fernen Europa, vornehmlich eilig angelernte junge Damen halten die Produktion in Kalamazoo am Laufen. Es mag weibliche Geduld und Präzision, Liebe zum Detail oder einfach Glück sein: den „Kalamazoo Gals“ gelingen tatsächlich Steelstrings mit Referenzqualität. Nachzulesen in der spannenden Dokumentation „Kalamazoo Gals“ (John Thomas, American History Press, ISBN 978-0-9830827-8-1). Der charakteristisch geformte 16-Zoll-Korpus mit den namensgebenden runden Schultern besteht üblicherweise aus Mahagoni (auch Palisander oder Koa), die Decke ist zumeist aus Sitka oder Adirondack-Fichte gefertigt. Interessant bei den J-45 jener Ära ist das Zusammenspiel aus Handwerk, Materialverfügbarkeit und Improvisationsvermögen. Wer sich mit dieser Ära beschäftigt, wird feststellen, dass verwendete Hölzer, Mechaniken, Konstruktion und selbst die Lackierungen eher kreative Vielfalt, als penible Modelltreue zeigen. Aufgrund der Vorgaben des US-Kriegsministeriums sind Stahl und Holz während dieser Jahre streng rationiert.

Mal fehlt Stahl für die Halsstäbe, mal Mahagoni für Boden und Zargen, dann Fichtenholz in entsprechender Qualität und Größe. Nicht selten werden Gitarrendecken vierteilig gestückelt, statt zweiteilig gespiegelt. Es wird munter improvisiert in der „Banner“-Ära – man macht halt das Beste aus den miserablen Möglichkeiten. Wer mit diesem Wissen heute jene J-45 oder Southern Jumbos vergleicht, wird sich kaum wundern: variierende Korpusmaße und Materialstärken, Decken aus Fichte oder Mahagoni, einteilige oder mehrstreifige Hälse aus Ahorn und Mahagoni, mal mit, mal ohne Stahlstab, verschiedene Kopfplatten-Shapings und variierende Mechaniken sind an der Tagesordnung. Man verbaut, was man gerade zur Verfügung hat. Erst im letzten Kriegsjahr entspannen sich Produktionsbedingungen und Materiallage. Ab 1946 merkt man dies mitunter bereits am Gewicht der Instrumente: Es kann wieder aus dem Vollen geschöpft werden.

The poor lady

Wie überall wird der Kaufpreis einer „Vintage“-Steelstring von Angebot und Nachfrage bestimmt. Die einschlägigen US-Händler notieren bei J-45s ein kontinuierlich wachsendes Preisniveau. Abhängig von Parametern wie Baujahr, Originalzustand, Hölzern, Reparaturhistorie und natürlich Klang, befindet man sich heute nicht selten im hohen vierstelligen Dollar-Bereich. Und beim Import nach Europa fallen neben den Transportkosten noch einmal fast 25 Prozent für Einfuhrumsatzsteuer und Zollgebühren an. Das hier zu sehende Exemplar aus dem Jahr 1946 fristete seit längerem ein verschmähtes Dasein auf der Website eines US-Dealers.

Kein Wunder bei dem trostlosen Zustand: Boden und Zargen mehrfach gerissen, obendrein unsachgemäß „zugekleistert“, die Decke abgeschrappt, das gesamte Instrument verdreckt und schmantig. Die Mechaniken getauscht, der Steg runtergeschliffen und sogar die Stegeinlage bis aufs äußerste gekerbt, damit die Saitenlage halbwegs spielbar ist. Durch die Vielzahl an Rissen ist das Instrument derart fragil, dass der Verkäufer jeglichen Versand ablehnt und auf Abholung besteht. Zum Glück nur anfangs. Zweifellos ist eine 70 Jahre alte J-45 ein Gitarrenklassiker, den es zu erhalten lohnt. An dieser Stelle kommt der Studiengang Musikinstrumentenbau der Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg der Westsächsischen Hochschule Zwickau ins Spiel. An deren Fachhochschule in Markneukirchen werden Tradition und Moderne des Instrumentenbaus verbunden. Überhaupt ist das Vogtland eine Region mit großer Instrumentenbautradition. Bereits im 17. Jahrhundert findet die erste Innung der Geigenbaumeister dort urkundliche Erwähnung. Mit der Zeit entsteht ein fruchtbares Umfeld für die Herstellung von Streich- und Zupfinstrumenten – auch wenn ein gewisser Christian Friedrich Martin seine Heimat verlässt, um in Amerika sein Glück zu suchen.

Zurück ins Hier und Jetzt. Es macht Sinn, dass ein Gitarrenenthusiast wie Torsten Preuß diese Region wählt, um das Handwerk des Zupfinstrumentenmachers zu lernen. Der gebürtige Hannoveraner kommt 2005 nach Markneukirchen und absolviert an der Berufsfachschule Vogtländischer Musikinstrumentenbau in Klingenthal bei den Meistern Bruni Jacob und Heinrich Drechsler seine Ausbildung und schließt 2008 den Studiengang Musikinstrumentenbau der Westsächsischen Hochschule Zwickau an, den er mit dem Bachelor of Arts beschließt – und damit den Meisterbrief des Zupfinstrumentenmachers erhält. Heute bildet er an der Markneukirchener Hochschule selbst Studenten und zukünftige Handwerksmeister aus – wie Igor Huss, Student im 8. Semester, der die Restauration dieser J-45 als Projektarbeit seines Studiums übernimmt.

Back To Life

Wie jede wissenschaftliche Arbeit beginnt auch diese Projektarbeit mit einer akribischen Bestandsaufnahme. Nach einer fotografischen Schadensdokumentation inklusive Röntgenaufnahmen, um sich ein Bild vom konstruktiven Innenleben, möglichen Reparaturen und Brüchen zu verschaffen, wird das Instrument im Institut für Musikinstrumentenbau (IFM) Zwota klanglich vermessen. Die Erhaltung des Originalzustands und die Bespielbarkeit des Instruments ist für den 28-jährigen Igor Huss – natürlich selbst Gitarrist – oberstes Gebot. „Instrumente wie dieses haben Musikgeschichte geschrieben und den Klang der Stahlsaitengitarre mit geprägt, das ist total interessant“, findet Huss. „Und meines Erachtens überleben nur die guten Instrumente. Und sie haben Charme: der alte Look, das verlebte Lackbild – das hat seinen Reiz. Genau das ist es.“

Als nächstes erstellt Huss einen Restaurationsplan, der zum theoretischen Teil seiner Projektarbeit gehört wie die Dokumentation aller Arbeitsschritte als auch die Bewertung des Instruments im historischen Kontext. Dann geht der praktische Teil los. Im ersten Schritt wird das Instrument gründlich gereinigt. Man möchte ja den Ist-Zustand bewerten können. Dann werden der Steg und die Schwalbenschwanzverbindung von Hals und Korpus für die spätere Halswinkelkorrektur gelöst. Anschließend wird vorsichtig das untere Kunststoff-Binding entfernt, um den Boden abzunehmen, damit Risse gesäubert, bearbeitet und mit Holzspänen verfüllt oder auch einfach nur verleimt werden können. „Das Instrument hatte eine furchtbare Eigenspannung, ein Zargenriss hatte sogar einen richtigen Versatz. Aufgeschnitten ist der schon von allein in die richtige Position zurückgesprungen. Da hat jemand Sekundenkleber eingegeben, angedrückt und schon war die Zarge an der falsche Stelle fixiert.“

Überraschenderweise offenbart sich beim Öffnen der Patientin, dass sich im Laufe der Jahrzehnte bis auf das X-Bracing fast alle Leisten der Decke gelöst haben und schlichtweg nicht mehr vorhanden sind. „Erstaunlich, dass die Decke keinen Schaden wie Risse oder Verformung genommen hat“, ist Huss überrascht. „Die Gitarre kam ja unter Saitenspannung und die Deckenwölbung sah perfekt aus. Dann macht man die Kiste auf und stellt fest: es fehlen fünf Balken! Und das bei gerade mal 3,5 mm Deckenstärke. Beeindruckend!“

Auch der Boden ist ein Bild des Jammers. Hier wurde versucht, die Querleisten zu fixieren, was in einer ausgewachsenen Leimorgie resultierte. Fast 20 Gramm überschüssige Leim- und Klebereste wird Huss aus dem Inneren des Instruments entfernen, bevor er die versäuberten Risse mit neuen Holzspänen füllt, plan hobelt und später verleimt. „Der Clou ist, alles so zu entfernen, dass man nichts vom Holz wegnimmt. Drüberschleifen wär‘ ja schnell gemacht. Aber das wäre dann nicht Restauration, sondern Reparatur.“ Am Ende wird der Halswinkel berechnet und die Schwalbenschwanzverbindung neu angepasst und verleimt.

Links Gitarrenbauer Igor Huss mit der restaurierten J-45, daneben Dozent Torsten Preuß mit der nächsten Patientin. (Bild: Igor Huss, Kamila)

Auch ein neuer Steg samt Einlage sind fällig. Am Ende wird das Griffbrett abgerichtet und neu bundiert. Und schließlich, nach vielen Arbeitsstunden, erstrahlt – besser erklingt – die altersschwache Dame tatsächlich in ihrer so begehrten Tonkultur: dem typisch runden Akkordklang mit satten und tiefen Bässen, straffen Mitten und warmem Diskant, inklusive sehr klar konturierter Trennschärfe der Saiten – eben genau das, wofür man dieses Workhorse aus jener Ära so schätzt. Huss: „Diese Instrumente wurden gebaut, um gespielt zu werden. Und sie haben sich bewährt. Man muss sie erhalten. Und man sollte sie spielen, solange man es kann, denn irgendwann gibt es die Substanz nicht mehr her. Dann heißt es Konservieren, dann folgt das museale Aufbewahren in der Vitrine, damit das Instrument erhalten bleibt, und man Maße nehmen oder es sich wenigstens anschauen kann. Aber bis das soweit ist, gibt es einiges, was man tun kann, damit es bespielbar bleibt.“ Wie man sieht.

fh-zwickau.de

www.studia-instrumentorum.de/merz.htm

www.ifm-zwota.de


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Aus Gitarre & Bass 01/2017

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