Die Story der größten Gitarrenmarke made in Japan

Ibanez Guitars: Vom Buchhändler zum Instrumentenhersteller

Ibanez Story Opener
In seiner 100-jährigen Geschichte ist für den japanischen Hersteller Hoshino Gakki der uramerikanische Tellerwäscher-Mythos tatsächlich Wirklichkeit geworden. Denn aus einem kleinen Buchladen entwickelte sich einer der größten und effektivsten Hersteller der Musikinstrumenten-Historie. Die Geschichte dieser Firma ist eine wechselvolle und interessante, die nicht nur von Erfolgen, sondern auch von Rückschlägen, aber vor allem von einem ungebrochenen Vertrauen in die Zukunft geprägt ist.

Dabei ist der Begriff „Hersteller“ eigentlich irreführend, denn bis auf die Akustik-Gitarren- Fabrik Tama und eine zeitweilig betriebene, kleine Manufaktur in den USA hatte Hoshino nie eigene Produktionsstätten besessen, sieht man von den ersten Anfängen der Gitarrenproduktion in den 30er-Jahren ab. Schon immer haben verschiedene Firmen wie Fujigen Gakki, Terada und Maxon, später auch Cort oder Samick in Korea und viele weitere im asiatischen Raum, Instrumente und elektronische Geräte im Auftrag der Firma Hoshino gefertigt, die sich selbst eher als innovative Handelsfirma versteht. Ein Konzept mit historischen Wurzeln, denn angefangen hat alles in einer Hafenstadt etwa 300 km südwestlich von Tokio, die bereits im Mittelalter als Handelszentrum bekannt war.

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buchhandel

1908 gründete Matsujiro Hoshino in Nagoya zunächst einen Buchhandel, der später als Hoshino Gakki Co., LTD, Gitarren- Geschichte schreiben sollte. Bereits ein Jahr später wurde das Sortiment um Musikinstrumente erweitert, vor allem um Harmoniums und Orgeln für das Schulministerium, das bereits Kunde des Hoshino-Buchladens gewesen war. Eine frühe Sensation war die Eröffnung eines Orgel-Showrooms, einmalig zu dieser Zeit. Um die Nachfrage nach Konzertgitarren befriedigen zu können, begann Hoshino Gakki 1921 mit dem Import von Instrumenten aus Europa und den USA, darunter ab 1929 auch Klassik- Gitarren des spanischen Hersteller Salvador Ibanez aus Valencia, denn nach einer Andres-Segovia-Tournee durch Japan boomte die spanische Konzert-Gitarre im Land der aufgehenden Sonne. Das Programm des noch jungen Großhandel-Unternehmens wurde ständig erweitert und schon in den 30er-Jahren bereicherten Mandolinen und Schlagzeuge aus Italien und Deutschland sowie Ludwig-Drums aus USA den japanischen Markt.

Yoshihiro, Jumpei und Masso Hoshino
Yoshihiro, Jumpei und Masso Hoshino 1962

Da ab etwa 1935 Salvador Ibanez die enorm gestiegene Nachfrage nach seinen Gitarren nicht mehr erfüllen konnte, entschloss sich Yoshitaro Hoshino, der mittlerweile zusammen mit seinen vier Söhnen die Geschicke von Hoshino Gakki Ten leitete, nun selbst Gitarren zu bauen und errichtete in der Nähe des Firmensitzes eine eigene Manufaktur mit ca. 30 Mitarbeitern. Weil Hoshino sich nicht nur auf den Import konzentrierte, sondern in immer größerem Maße auch dem Export vor allem in andere asiatische Länder widmete, war die Nachfrage nach den neuen Ibanez- Gitarren groß. Richtig, auch die eigenen Gitarren hießen Ibanez – Hoshino wollte die Marken-Kontinuität wahren und strich einfach nur das Salvador aus dem bereits bekannten Markennamen. Bereits 1937 fertigte Hoshino mehr als 1000 Gitarren im Monat – eine gigantische Stückzahl für die damalige Zeit. Dann kam es hart für die erfolgreiche junge Firma. 1939 zerstörte ein Feuer die komplette Gitarrenfabrik und gerade, als man sich davon erholt und eine neue Produktion auf einem deutlich geringeren Level aufgebaut hatte, begann der zweite Weltkrieg, infolge dessen nicht nur alle vier Söhne des Unternehmers an die Front beordert wurden, sondern auch der gesamte Hoshino-Besitz im Bombenhagel völlig zerstört wurde. Dies geschah am 19. März 1944. Erst etwa ab 1950 nahm Hoshino Gakki langsam wieder den Großhandelsbetrieb auf – zusammen mit seinen Söhnen, die alle gesund aus dem Krieg wieder gekommen waren.

sixties

1962 entschied Jumpei Hoshino, der jetzt die Firma leitete, dass wieder selbst Gitarren gebaut werden sollten. Man errichtete ein neues ca. 6000 qm großes Gebäude, in dem E-Gitarren und Verstärker hergestellt wurden, und nannte die neue Firma Tama Saisakusho, nach der Frau von Yoshitaro Hoshino. Ibanez war mittlerweile die Hauptmarke von Hoshino geworden, die aber auch noch viele Fremdmarken für asiatische und auch westliche Firmen baute. Ab 1966 entschloss man sich allerdings, in diesem Werk nur noch die Tama-Schlagzeuge herzustellen und die Gitarren von anderen Fabriken wie Fujigen Gakki oder Teisco bauen zu lassen.

Ab Anfang der 60er-Jahre begann die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Elger Company – eine der ersten Firmen, die asiatische Musikinstrumente in die USA importierte. Interessanterweise handelte es sich bei den ersten erfolgreichen Produkten auf dem amerikanischen Markt nicht um Gitarren, sondern um Plektren im Tortoise- Shell-Look. Fast zeitgleich startete auch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Vertrieb Roland Meinl Musikinstrumente GmbH & Co.. Bis die Instrumente in den USA und Europa in die Läden kamen, dauerte es allerdings noch ein Weilchen.

Die ersten Ibanez-Gitarren enterten dann ab 1967 den amerikanischen Markt. Zunächst handelte es sich um recht futuristisch anmutende Eigenkreationen, die meist entfernte Ähnlichkeiten mit Fender-Gitarren aufwiesen, mit einer inflationären Anzahl von Knöpfen und Schaltern ausgestattet waren und noch kein Logo trugen. Erst Ende der 60er-Jahre wurde der Markenname Ibanez wieder eingeführt – meist mit einem aufgenagelten Metall-Logo im Spaghetti-Stil auf der Kopfplatte verewigt. Kurze Zeit später konzentrierte man sich jedoch darauf, „cheap alternatives“ zu produzieren: günstige und möglichst ähnliche Kopien der großen US-Vorbilder von Gibson, Fender oder Rickenbacker. Die so genannte Pre-Lawsuit-Ära-brach an.

Ibanez Timeline

pre lawsuit

1970 wurden die ersten Kopien in den USA verkauft. Es handelte sich dabei um das Modell 2020 (eine an die Fender Stratocaster angelehnte Gitarre, jedoch mit zwei Singlecoil- Pickups in P-90-Form) und um das Bass- Modell 2030 – inspiriert vom großen kalifornischen Vorbild Fender Jazz Bass. Etwas später kamen die ersten Les-Paul-Kopien mit Schraubhals auf den Markt. Die Ibanez- Version der schwarzen Les Paul Custom avancierte später zum Bestseller und ist bis heute die weltweit am meisten verkaufte Gibson-Kopie. Ebenfalls neu im Programm waren Kopien der Ampeg-Dan-Armstrong- Acryl-Gitarren und -Bässe. Die Nachbauten von Ibanez und anderen japanischen Herstellern überschwemmten von nun an den westlichen Markt und machten den Herstellern in USA und Europa das Leben schwer.

Auch die großen Marken spürten den heißen, gelben Atem im Nacken, denn qualitativ schwächelten die Gitarren von Fender und Gibson Mitte der 70er-Jahre sowieso, währenddessen die wesentlich günstiger angebotenen Ibanez-Kopien nicht nur fast so wie die US-Originale aussahen, sondern sich mittlerweile qualitativ ebenfalls sehen und hören lassen konnten. 1972 besiegelten Hoshino und Elger und dessen Boss Harry Rosenbloom einen Partnerschaftsvertrag.

Ein Entschluss, der für den immensen Erfolg und Aufstieg der Marke Ibanez von ungeheurer Wichtigkeit war. Denn dank der Partner-Firma in den USA, die später sogar in Hoshino USA umbenannt wurde, war man stets am Puls der Zeit – was hieß, dass Hoshino direkt vor Ort war, wenn neue Musik-Trends und neue Musiker bekannt wurden. Ohne den ganz direkten Bezug zu diesen Marketing-Möglichkeiten und neuen Produkt-Ideen, die alleine durch die intensive Zusammenarbeit mit bekannten amerikanischen Musikern entstanden, würde Ibanez heute sicherlich ganz anders da stehen. Man stelle sich nur ein Ibanez- Programm ohne George Benson, Steve Vai und Joe Satriani vor – um nur ein paar wenige zu nennen …

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lawsuit

Der große Erfolg der Kopien amerikanischer Gitarren führte schließlich zum viel zitierten Lawsuit, übersetzt: Rechtsstreit. Mitte der 70er-Jahre drohte der damalige Gibson- Mutterkonzern Norlin Harry Rosenbloom und Elger mit einer Klage. 1977 wurde das Verfahren eröffnet. Norlin wollte damit verhindern, dass Ibanez-Gitarren mit dem Gibson typischen „Open Book Headstock“ auf der NAMM-Musikmesse in Atlanta präsentiert werden konnten; als schützenswertes Markenzeichen mit dem höchsten Erkennungswert galt für Gibson-Gitarren also die Kopfplattenform. Jedoch war man sich bei Elger bereits vorher darüber im Klaren gewesen, dass sich die amerikanischen Hersteller nicht ewig die frechen Kopien aus Fernost würden gefallen lassen würden.

Jeff Hasselberger, seit 1973 maßgeblich für die Produktpolitik bei Elger verantwortlich, hatte daher schon früh mit Arbeiten an Ibanez-eigenen Designs begonnen. Die ersten Gitarren im komplett eigenen Outfit kamen als Vertreter der Artistund Professional-Serie auf dem Markt und sind heute unter Sammlern hoch begehrt. Darunter übrigens auch schon eine Iceman, die zunächst noch unter dem Namen Artist angeboten wurde. Weitere Modelle bekamen angesichts der drohenden Klage für die Messe in Atlanta auf die Schnelle eine neue Kopfplattenform verpasst, sodass eine Standschließung auf der NAMM-Show, das angestrebte Ziel des Gibson-Konzerns, nicht durchgesetzt werden konnte – denn es waren keine 1:1-Gibson-Kopien mehr zu sehen. Anfang 1978 einigten sich die beiden Parteien schließlich außergerichtlich und Ibanez verpflichtete sich, fortan keine Gibson-Kopien mehr herzustellen.

Für die Japaner und ihre amerikanische Partner- Firma sowie andere weltweite Partner wie z. B. die Firma Meinl in Deutschland war das zu diesem Zeitpunkt sowieso nur noch eine formalrechtliche Angelegenheit, denn der Weg hin zur eigenen Identität war bereits eingeschlagen, was sich später als einzig richtige und erfolgreiche Entscheidung erweisen sollte. Konsequenterweise gehörte von nun an auch das Kopieren der Modelle anderer Hersteller neben Gibson ebenfalls der Vergangenheit an.

Interessant ist auch, dass in dieser Dekade, genau 1972, die erste moderne deutsche Fachzeitschrift für Musiker vom ehemaligen Roadie Hans Riebesehl auf den Markt gebracht wurde: Riebes Fachblatt, zuerst kostenlos mit Sparschwein auf der Theke bei Musikfachgeschäften, später dann etwas professioneller mit einem Verkaufspreis von 1 DM, war ein Magazin für Musiker, handgemacht, aber sehr informativ und zukunftsweisend.

 

In dieser Zeitschrift tauchten dann auch die ersten Anzeigen für Ibanez- Gitarren in Deutschland auf, geschaltet von der Vertriebsfirma Roland Meinl aus Neustadt/Aisch, die bis heute den Hersteller betreut. Ganz Deutschland war über diese neue Marke erstaunt – vor allem über die Preise und die dafür gebotene Qualität. Trotzdem dauerte es noch eine ganze Zeit, bis die Gitaristen bei uns diese Instrumente ernstnahmen.

Es waren ja „nur“ japanische Instrumente und nicht vergleichbar mit Gibson oder Fender. Dachte man. Zum Glück für Ibanez waren Fender und Gibson zu dieser Zeit jedoch im Besitz von großen Konzernen und für die war die Qualität nicht so wichtig wie der Umsatz. Die Zeit war also reif für gute Alternativen und innerhalb kürzester Zeit eroberte Ibanez und in deren Sog einige andere japanische Firmen wie Aria, Morris, Tokai, Fernandes u. a. den Markt mit ihren preiswerten, aber handwerklich hochwertig gemachten Gitarren.

 

Ibanez Timeline

die goldenen jahre

Die folgende Dekade der 80er-Jahre ist jedem Fan als „Golden Years of Ibanez“ ein Begriff. Befreit vom Kopierzwang sprudelten die Ibanez-Designer – allen voran der Japaner Fumio „Fritz“ Katoh – förmlich über vor Kreativität. Bereits 1977 erschien der erste Gesamtkatalog der neuen Artist-Serie, in dem keine einzige Kopie mehr enthalten war; im selben Jahr folgten die eigenen Performer-, Musician- und Iceman-Modelle, ebenfalls mit eigenem Prospekt. Viele der dort gezeigten Gitarren stehen heute ganz oben auf den „Most Wanted“-Listen der Sammler. Klugerweise hatte sich Ibanez jedoch nicht völlig von den klassischen Designs gelöst – Gitarristen sind nun mal tendenziell konservativ. Mit wenigen Ausnahmen waren Kreationen, die komplett von den altbekannten Formen wie Stratocaster, Telecaster, Les Paul, SG oder ES abwichen, kommerziell schon immer ein Reinfall.

Viele der neuen Ibanez-Modelle wie Roadster, Artist oder Performer orientierten sich daher doch noch mehr oder weniger an den Originalen von Gibson oder Fender. Und auch die frisch vorgestellte Musician-Serie mit Gitarren aus verschiedenen Edelhölzern mit durchgehendem Hals, Messing-Hardware und aktiver Klangregelung war offensichtlich von den damals erfolgreichen Instrumenten aus dem Hause Alembic und anderen Herstellern beeinflusst, die in den Achtzigern einen neuen Trend hin zu technisch aufwändigen Edel-Instrumenten geschaffen hatten.

Neben den Gitarren-Designs ersannen die Ibanez-Entwickler auch viele Innovationen im Detail wie z. B. das geschlitzte Gibraltar- Tailpiece für einfachen Saitenwechsel, den im Korpus unter dem Steg eingelassenen Sustain-Block oder die heute hoch gehandelten Sure-Grip-Potiknöpfe, deren griffige Gummiringe der Legende nach von einem Hersteller für Kondome geliefert wurden.

weired

Auch ein weiteres, heutzutage fast schon überstrapaziertes Erfolgsrezept wurde Mitte der 70er-Jahre von den Japanern und insbesondere von Hoshino USA erstmals für Ibanez angewandt: der Endorsement-Deal. Inspiriert durch den Elger-Mitarbeiter Jim Fisher, ein großer Grateful-Dead-Fan, nahmen Jeff Hasselberger und Roy Miyahara von Elger bereits 1974 Kontakt zu Bob Weir auf. Das Ergebnis war die Professional 2681 Bob Weir, das erste Ibanez-Signature-Modell überhaupt.

Der Country-Gitarrist Randy Scruggs bekam ebenfalls sein Professional- Signature-Modell (2671). Auf der Basis der Iceman ließ sich Kiss-Gitarrist Paul Stanley von Fritz Katoh seine extravagante PS 10 auf den Leib schneidern. Und etwas später entstand das langlebigste Ibanez-Signature- Modell in Kooperation mit dem Jazz-Gitarristen George Benson. Ab Oktober 1977 ging die GB10 in Produktion – und ist seitdem ununterbrochen im Ibanez-Programm vertreten.

Der seit den „Golden Years“ ständig sprudelnde Kreativitätsschub im Ibanez-Entwickler- Team hatte jedoch eine bis heute fast sprichwörtlich unübersichtliche Modellpolitik zur Folge (wofür natürlich auch marktpolitische Gründe verantwortlich waren). Von den Modellen des 78er Katalogs sind heute neben der George Benson nur noch die Artist und die Iceman im Ibanez-Programm vertreten, und auch dabei handelt es sich entweder um gründlich überarbeitete Variationen oder aber Reissues der Klassiker, die nach mehr oder weniger langer Abwesenheit wieder in die Produktpalette aufgenommen wurden.

Ganze Modellserien wie etwa die Roadster, Concert, Blazer oder später die Pro Line hielten sich kaum länger als drei Jahre. Und auch etwas beständigere Serien wie etwa die Roadstar II bekamen jährlich ein komplettes Facelifting mit ständig neuen Modellvarianten verpasst. Da war es schwer, den Überblick zu bewahren.

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eighties

Die Popularität der Ibanez-Gitarren war während der frühen 80er-Jahre immer noch ungebrochen. Zu den Endorsern der ersten Stunde gesellten sich viele ebenso namhafte wie unterschiedliche Ibanez-User wie die Iron-Maiden-Gitarristen Dave Murray und Adrian Smith, Allan Holdsworth, Snowy White, John Scofield, Steve Lukather, Gary Moore, Joe Pass, Mike Rutherford, Pat Metheny, Sting, Mickey Moody, Lee Ritenour – einige davon auch mit einem eigenen Signature-Modell bedacht. Viele unter ihnen spielten Ibanez sicher aus Überzeugung, einige wechselten jedoch mitunter auch recht schnell die Marke, wie der verpatzte Endorsement-Deal mit Steve Lukather zeigte. Seine Roadstar II RS1010SL war im Prinzip eine leicht modifizierte Version des Standard-Serienmodells RS1000.

Der Meister war jedoch nicht amüsiert und äußerte sich später in Interviews abfällig über sein Signature-Modell, das nach seinen Aussagen nur sehr wenig mit seinen ursprünglichen Vorgaben gemein hatte. Dies hat der Popularität dieser Gitarre langfristig jedoch nicht geschadet und heute zählt die RS1010SL zu den gesuchtesten Modellen aus der Roadstar II Serie. Nun schlug auch die Stunde der Destroyer- Serie! Ganz im Stil der Gibson Explorer wurden auffällige „Zackenbarsche“ konstruiert, die so manche Hard-‘n‘-Heavy-Bühne bereichern konnten.

Mitte der 80er-Jahre standen die Zeichen auf Veränderung – sowohl für Ibanez als auch für alle anderen Gitarrenhersteller. Dem Thema Headless widmete man sich mit der AXSerie, die in der Tat etwas kopflos daher kam und kein großes Aufsehen erregen konnte. Interessanterweise nimmt Hoshino diese Serie 1999 wieder ins Programm auf, nachdem sie in den 80ern nur zwei Jahre Bestand hatte. MIDI war mittlerweile zum Zauberwort erklärt worden und Ibanez sprang mit der Entwicklung der X-ING MIDI Guitar auch auf diesen Zug auf, konnte damit jedoch nicht die Akzeptanz des japanischen Konkurrenten Roland erreichen, der das Guitarto-MIDI-Konzept wohl am musikalischsten und erfolgreichsten umsetzte. Doch inmitten dieser für die Gitarristenzunft eher dunklen Periode zeichnete sich ab Mitte der 80er langsam ein Silberstreif am Horizont ab …

Gerade noch hatte steriler Synth- Pop die Gitarre aus den vorderen Rängen der Hitparade verdrängt, da schlug der Stunde der Fön-Frisuren und Spandex- Höschen, die der Gitarre zum Glück wieder mehr Gehör verleihen konnten. Die „Hair Metal“-Ära war geboren und Metal- und Hardrock- Bands wie Winger, Poison, Mötley Crue u. v. a. standen am Zenit ihres Erfolges. Klassische Gitarren- Designs waren allerdings völlig out, alle Welt schrie nach stromlinienförmigen Superstrats mit Floyd-Rose-Vibrato und HSS-Pickup- Konfiguration – möglichst in knallbunten Effektlackierungen.

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Dominierend war damals der Hersteller Kramer, der den „Godfather of Shred“, Eddie van Halen, selbst unter Vertrag hatte, aber auch Firmen wie Charvel und Jackson stiegen wie Phönix aus der Asche auf. Wer in diesem Haifischbecken überleben wollte, musste zwangsläufig ebenfalls mit einer Heavy-Strat(r) aufwarten können, was bei den traditionellen Anbietern wie Gibson oder Fender teils recht kuriose Blüten trieb. Ibanez reagierte zunächst mit verschlankten Versionen der Roadstar II und der 1985 vorgestellten Pro-Line-Serie. Doch den Coup schlechthin landeten die Japaner kurze Zeit später, als es ihnen gelang, den von allen Herstellern heiß umworbenen Steve Vai unter Vertrag zu nehmen. 1986 veröffentlichte der bei Van Halen rausgeworfene Sänger David Lee Roth mit dem ehemaligen Frank-Zappa-Gitarristen an seiner Seite sein erstes Solo Album ‚Eat ‘Em and Smile‘ – und katapultierte Steve Vai mit seinem atemberaubenden Können auf den Shredder- Olymp.

Auf der NAMM-Show im Sommer 1987 in Chicago präsentierte Vai selbst dann einem sprachlosen Publikum das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Ibanez: die JEM-E-Gitarre. Das Konzept der JEM war nicht völlig neu, trieb das Superstrat-Prinzip jedoch auf die Spitze mit ihren weit ausladenden Cutaways, dem extrem schlanken Hals, einem unterfrästen Floyd-Rose-Licensed-Vibratosystem und einer HSH-Pickup-Bestückung. Weitere optische Gimmicks wie „Monkey Grip“ und „Lions Claw“ machten die JEM zu einem fast bizarr anmutendem Gesamtkunstwerk – eigentlich viel zu extravagant, um die ständig wechselnden Modeströmungen auf dem Gitarrenmarkt zu überleben.

Doch der Mut, den Vai und Hoshino USA mit dieser Produkt- Philosophie bewiesen, hat sich gelohnt, denn die JEM ist seitdem mit stetigem Erfolg im Ibanez-Programm vertreten – ebenso wie die auf der JEM basierende RGSerie. Diese Gitarren sorgten Ende der Achtziger- Jahre dafür, dass Ibanez im Bereich der Superstrats eine dominierende Vormachtstellung einnehmen konnte, eine Pole- Position, die die Firma bis heute innehat. Diese Gitarren läuteten gleichzeitig die zweite große Zäsur nach dem Lawsuit in der langen Ibanez-Geschichte ein, denn seitdem bedient der Hersteller vor allem die Musikern aus der „Hard and Heavy“-Fraktion mit schnellen Shred-Werkzeugen.

Der anhaltende Erfolg des Herstellers fußt bis heute weitgehend auf dem Design der JEM, das sich in zahlreichen Varianten wiederfindet: Signature-Serien wie die für Paul Gilbert (PGM) oder John Petrucci (JPM), die Edelgitarren aus dem USA Custom Shop und der J.Custom-Serie sowie die später für den NuMetal stilprägenden Siebensaiter wie die UV777 oder die K-7 Korn-Signature- Modelle. Doch nicht nur die vielen Weiterentwicklungen der Zugpferde JEM und RG zeigen, dass sich die Japaner keineswegs auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. 1988 konnte sich Ibanez mit Joe Satriani einen weiteren dicken Fisch aus dem Pool der Supergitarristen angeln. Auf Basis des Radius-Modells entstand nach zweijähriger Entwicklungsarbeit die JS, die seitdem ebenfalls in verschiedenen Varianten ständig in den Katalogen vertreten ist und – auch dank ihres immer kreativen und fleißigen Endorsers – zu den Verkaufsrennern zählt.

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die neunziger

Zu Beginn der 90er-Jahre wurden kostengünstigere Produktionsstandorte in Korea unter Vertrag genommen. 1991 erschien die dort produzierte EX-Serie, die ebenfalls auf dem RG-Design beruhte. Die Namensgebung (EX stand für „Experimental“) war zunächst eine Vorsichtsmaßnahme, um den ausgezeichneten Ruf der RG-Serie nicht zu beschädigen. Nachdem die Qualität der koreanischen Gitarren wenig später auf überzeugendem Niveau angelangt war, wurden seit 1994 auch dort RG und weitere Serien produziert. Mit Reb Beach und vor allem Paul Gilbert, dessen PGM300 1992 erschient, wurden zwei weitere wichtige Gitarristen zu bekennenden Ibanez-Playern. Die Verbindung mit Paul Gilbert erwies sich als besonders fruchtbar, hat sie doch bis heute eine ganze Reihe interessanter Signature- Modelle herausgebracht. Gilbert hat darüber hinaus als echter Ibanez-Fan immer wieder auf ältere Modelle des Herstellers aufmerksam gemacht, auch aus der Kopier- Phase, und so dazu beigetragen, dass diese Marke ein Sammlerthema wurde.

Und auch Steve Vai hatte nachgelegt. Nachdem von 1987 bis 1990 nicht weniger als sieben verschiedene JEM-Modelle geschaffen worden waren, sollte es nun eine Saite mehr sein – fertig war die Universe-Serie mit bisher insgesamt fünf verschiedenen siebensaiten Modellen auf JEM- bzw. RG-Basis. Aufgrund des großen Erfolgs der Ibanez Superstrats im Heavy-Rock-Genre sorgten sich die Hoshino-Verantwortlichen, die wie immer nahe am Puls des Geschehens waren, um das Image der Marke bei den eher traditionell eingestellten Country-, Rock- und Blues-Gitarristen, die weiterhin die großen amerikanischen Marken favorisierten.

Ergebnis der Diskussionen war die unter einem eigenen Namen 1991 auf den Markt geworfenen Starfield-Serien, deutlich in Richtung Fender orientierte Gitarren, die zum großen Teil in den USA gebaut und mit hochwertigen Komponenten wie Seymour-Duncan- Pickups und Wilkinson-Hardware bestückt waren. Doch der Markt akzeptierte diese interessante Richtung, in die Hoshino sich wagte, leider nicht besonders gut. So erschien 1992 der erste und einzige Starfield- Katalog und bereits 1994 verkündete Hoshino das Ende dieser jungen Marke und konzentrierte sich nun vollends und ohne Umwege auf den Namen Ibanez.

Die Talman-Serie, die im Anschluss an die Starfield-Periode vorgestellt wurde, kann als legitime Nachfolgerin von Starfield angesehen werden, wenn sie auch nicht so facettenreich war. Sie war aber weniger bei den Traditionalisten, dafür aufgrund ihres „schrägen“ Äußeren um so mehr bei den Neuen Wilden der Rock- und Popmusik angesagt – bis hin zum Signature-Modell für Noodles, dem Offspring-Gitarristen (2003). Interessanterweise gab es aber im Lager der Traditionalisten, die Gibson-typische Gitarren bevorzugten, kaum Ablehnung gegenüber Ibanez.

Hier hatte Hoshino neben den Dauerbrennern der Artist- und AS-Serie in den Neunzigern auch weitere schlagende Instrumente in den Ring geworfen wie z. B. die AF-Jazz-Gitarren. 1997 erschien mit der J.Custom-Serie eine limitierte Anzahl teurer, in Japan hergestellter Gitarren, die individuell von verschiedenen Künstlern gestaltet worden waren. Analog dazu gab es aus der amerikanischen Ibanez-Produktion die USA-Custom- Graphics-Serie – exklusive, bemalte Einzelstücke auf RG-Basis.

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das neue jahrtausend

Produktionsstätten in China ermöglichten neue Serien, die hervorragende Preis/ Leistungsverhältnisse boten. Insbesondere die 2002 vorgestellte Artcore-Instrumente brachten frischen Wind die angestaubte Semiakustik- und Vollresonanz-Szene. Ein Jahr später nahm die Retro-orientierte Jet- King-Serie Fahrt auf, die auch immer noch Bestandteil des heutigen Ibanez-Katalogs ist. Viele Neu- und Weiterentwicklungen waren auch in den folgenden Jahren charakteristisch für die ständig wechselnde Ibanez-Angebotspalette. Komplette Serien wie die Talman oder auch diverse Reissues von Klassikern wie der Blazer kamen und gingen. Innovationen wie das Zero-Point-Trem oder die jüngst vorgestellte Montage-Hybrid-Gitarre zeugen nach wie vor vom Ideenreichtum der Hoshino-Entwickler. Auch heute noch hat Hoshino Gakki wie vor 100 Jahren seinen Firmensitz in Nagoya; dort in der Zentrale laufen die Fäden zusammen, Research & Development, Vertrieb, Export und Import werden von dort aus koordiniert.

In Nagoya befindet sich auch die eigene Tama-Drum-Fabrik, Hoshino Gakki Manufacturing. Seit 50 Jahren ist die Gitarrenbau-Firma Fujigen Partner von Hoshino und in den Fabriken dieses Herstellers werden auch heute noch die japanischen Ibanez E-Gitarren gefertigt. Hoshino Gakki setzt auf allen Ebenen auf Kontinuität und Verlässlichkeit, was sicherlich etwas damit zu tun hat, dass man immer noch ein Familienbetrieb ist. Präsident der Firma ist der heute 70jährige Yoshihiro Hoshino, ein Enkel des Firmengründers. Irgendwie hat Ibanez – oder sagen wir besser: Hoshino – im Verlaufe seiner eigenen langen Geschichte stets den Puls der Zeit getroffen, ist dem Geschmack der Musiker gefolgt und hat ihn geprägt.

Von den ersten erfolgreichen Kopien über die eigenen Modelle der 70er und 80er-Jahre bis heute, wo Ibanez bei neuen Musikrichtungen wie NuRock die Nase weit vorne hat, über die unzähligen Endorser Modelle und die vielen Entwicklungen, die gemacht wurden, muss gesagt werden, dass Ibanez heute eine feste, nicht mehr weg zu denkende Größe der internationalen Musikszene geworden ist. Vom Anfänger bis zum professionellen Musiker mit den allerhöchsten Ansprüchen, vom Death-Metaller bis zum Jazz-Musiker, HighTech-Jünger oder Vintage-Liebhaber – Ibanez bietet für jede Kragenweite das passende Instrument auf einem hohen Qualitätsniveau. Und darauf wird man sich auch in Zukunft verlassen können.

 

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Aus Gitarre & Bass – Das Ibanez Sonderheft (2009)

3 Kommentare zu “Ibanez Guitars: Vom Buchhändler zum Instrumentenhersteller”
  1. Stefan Boss

    Ich habe zwar “Noch Keine ” Ibanez Gitarre dafür einen Ibanez AMP den TBR 30R der ist super und als Zuwachs einen Kleinen Marschall AMP der mit einer 9 Volt Baterie betrieben wird

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  2. Rainer Neumann

    Den kleinen MS 7 oder wie der Hosentaschen Marshall heisst (?) Den haben manche schon als Preamp vor Ihrer M Box gehängt . Rauscht zwar aber zerrt heftig …. Ibanez? Hab eine 1981 Blazer Strat die wirklich ordentlich klingt .clean wie verzerrt … mit 2 Di Marzio Humbuckern

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  3. Volker Lohweg

    Ja, Ibanez hat immer tolle Sachen gemacht. Ich habe auch noch immer eine alte Artist 2617 von 1976 im Keller. Nicht umsonst wurden die ‘Les Paul Killer’ genannt.

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