Die Signature-Gitarre der Kiss-Legende

Paul Stanley & seine Ibanez Iceman

Anfang bis Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts brachte die japanische Marke Ibanez die renommierten amerikanischen E-Gitarrenhersteller mit erstklassigen Kopien in echte Bredouille. Nach deren Übernahmen durch Konzerne mit eher gezügelten musikalischen Ambitionen hatte die Qualität der Fender- und Gibson-Produkte arg gelitten, sodass Ibanez und sein US-Vertrieb Elger auf dem dortigen Markt relativ leichtes Spiel hatten. Zumal die Instrumente made in Japan auch deutlich preisgünstiger angeboten werden konnten.

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(Bild: IBANEZ, UNIVERSAL, ARCHIV)

Es kam wie es kommen musste. Am 28. Juni 1977 verklagte Gibson Elger und damit auch die Mutterfirma Hoshino Gakki wegen des Kopierens der Kopfplatte (Open Book) und der Truss-Rod-Abdeckung (Glocke). Um einem Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen, modifizierte Ibanez kurzerhand die Designs der beanstandeten corpora delicti. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, änderte Elder auch die Gibson-ähnlichen Modellbezeichnungen in Katalogen und Preislisten. Am 2. Februar 1978 einigte man sich schließlich außergerichtlich. Da Ibanez und Elder auch Klagen von Fender, Rickenbacker, Martin und anderen befürchteten, schien ein Wechsel zu eigenen Designs unumgänglich.

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Bereits im 1973er Katalog waren mit den Double-Cutaway-Solidbody-Modellen 2611, 2612, 2613 und 2614 der ArtistReihe – allesamt mit verschraubten Hälsen – erste Anzeichen von Ibanez-eigenen Designs zu erkennen. 1975 sollten noch zahlreiche andere wie z.B. die Mandolinenkopf-bestückte und aufwendig verzierte 2405 Custom Agent (eine Les-Paul-Variation) oder die Artist 2662 folgen, bis im selben Jahr ein erstes ebenso innovatives wie markantes Design mit der Modellnummer 2663 das Licht der Welt erblickte. Zunächst im Rahmen der Artist Series noch auf den Namen „The Flash“ getauft, wurde aus diesem im Laufe der folgenden Monate die heute geläufige Bezeichnung …

Original PS10 von 1978
Original PS10 von 1978 (Bild: IBANEZ, UNIVERSAL, ARCHIV)

Ibanez Iceman

Jim Donahue, 16 Jahre lang Ibanez-Mitarbeiter, anerkannter Ibanez-Experte und später Leiter des für Design, Qualitätskontrolle und Ersatzteile zuständigen Teams, erinnert sich: „1974 oder 1975 wollte ein Kollege eine Gitarre entwickeln, die ein japanischer Meilenstein werden sollte, etwas worauf man wirklich stolz sein konnte. Sie sollte weltweite Anerkennung wie eine Les Paul oder Strat finden.

Er organisierte ein Treffen der bedeutendsten japanischen Gitarrenhersteller Ibanez, Greco, Diawa und Fuji. Hinter verschlossenen Türen entstand unter Mithilfe von Fumio (Fritz) Katoh, der u.a. auch mit Harry Rosenbloom und Jeff Hasselberger den USA-Vertrieb Elger aufbaute, das Design der Iceman.

Der Body mutete wie eine Mixtur aus Gibson Firebird mit Rickenbacker- ähnlichem unteren CutawayHorn an, und der Hals endete in einer riesigen Entenschnabel-förmigen Kopfplatte, heute in verkleinerter Form das Markenzeichen zahlreicher Ibanez-Gitarren. Zudem vereinbarte man auf dem Meeting, dass jede der vier Firmen Vertriebsrechte für unterschiedliche globale Märkte erhalten sollte, z.B. Ibanez für die USA. Aus diesem Treffen resultierte eines der wohl besten aus dem pazifischen Raum stammenden Original-Designs. Mit ihren dreispuligen Pickups und leichten Mahagoni-Bodies waren die ersten Modelle regelrechte Sound-Giganten und ihrer Zeit weit voraus.“

Die Verkaufszahlen hielten sich jedoch in Grenzen, da die eher konservative amerikanische Gitarrenkultur nur allmählich die Qualitäten und den Wert von Ibanez realisierte. 1975 gingen die ersten drei Gitarrenmodelle in Serie und wurden gleichzeitig auch in Amerika eingeführt. Offiziell noch als Artist-Modelle gelistet, bestand das Trio aus der 2663 (The Flash I; zwei Humbucker), der 2663TC (The Flash II; Triple Coil Bridge Pickup) und der 2663SL (The Flash III; Triple Coil Slider Pickup), jeweils mit unterschiedlichen Schaltungen. Der Pickup der Letzteren ließ sich während des Spielens verschieben, um unterschiedliche Sounds zu erzeugen.

Alle drei Modelle bot man in Brown-Sunburst-Lackierungen an. Wann genau die Produktion dieser Gitarren begann, lässt sich nur schwer bestimmen, da Ibanez zu dieser Zeit noch kein Seriennummernsystem besaß, welches parallel zur Einführung von Garantiekarten ab Ende 1975 nach dem bis 1986 gültigen Schema verwendet wurde: Buchstabe (AL, Januar bis Dezember) gefolgt von den letzten beiden Ziffern des Baujahrs (75 = 1975), die restlichen vier sind Produktionsnummern. Da sich das Slider-Modell als Flop entpuppte, erweiterte Ibanez 1978 die Iceman-Serie auf sechs standardisierte Gitarren mit Pickup-Schaltern und je zwei Volume- und Tone-Reglern, die meisten mit Ibanez-Super-80-Humbuckern.

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(Bild: IBANEZ, UNIVERSAL, ARCHIV)

Die Reihe umfasste u.a. die IC100 mit verschraubtem Hals und Chrom-Hardware, die IC300 mit Esche-Body und Korina-Lackierung und die top-of-the-line IC400 mit eingeleimtem Hals und GoldHardware. Auch das Triple-Coil-Modell 2663TC mit je einem Volume- und Tone-Poti sowie 4-fach-Drehschalter für diverse Coil-Splits überlebte, wurde jedoch in IC210 umgetauft. Dieses Modell verwendete Ibanez-Endorser Steve Miller übrigens auf seinen Alben ,Fly Like An Eagle‘ und ,Book Of Dreams‘.

In den späten Siebzigern boten gleich mehrere japanische Hersteller, darunter natürlich auch (die Alleskopierer) Greco, Iceman-Gitarren mit teilweise leicht modifizierten Designs an. Bei Greco, die ausschließlich den japanischen Markt bedienten, liefen sie unter den Bezeichnungen Mirage M600, M1000 sowie M1000GY, einem Signature-Modell der japanischen Trash-Metal-Band Gargoyle, das mit HSHPickups und Floyd-Rose-Vibrato bestückt war.

1996 fügte man noch die Modelle M90 und M110FR sowie die um 15-20% verkleinerten MS600 und MS700 hinzu (das S steht für „Small Type“). Ein Großteil der Ibanez- und Greco-Gitarren wurden übrigens im selben Werk gefertigt. Weitere mehr oder weniger gelungene Kopien gab es auch von Antares, Hondo-II und Odessa. 1983 nahm Ibanez die Iceman-Reihe aus seinem Programm, um sie 1994 mit der IC500 wieder ins Rennen zu schicken. 1995 erschienen die Modelle IC300 und IC350 und mit dem ICB500 sogar ein Bass.

Wegen ihrer grünen Lackierung mit weißen Sternen machte 1996 auch die ICJ100WZ von White Zombie auf sich aufmerksam. Mit der ICHRG2 präsentierte Ibanez 2005 eine vom vielfach ausgezeichneten Schweizer Designer, Maler und Bildhauer H.R. Giger entworfene und damit aufgewertete IC400 aus koreanischer Produktion.

Paul Stanley

Während der ersten Kiss-Japan-Tour 1976 hatte Ibanez Kontakt zu deren Gitarrist Paul Stanley aufgenommen, der vom Entgegenkommen und Lerneifer der Jungs sehr beeindruckt war. Da er bereits Ibanez-Gitarren gespielt hatte, bot man ihm an, ein Instrument nach seinen Vorstellungen und Wünschen zu bauen. Er entschied sich für das Iceman-Design, und so stellte ihm Ibanez im April 1977 eine 2663 zur Verfügung.

Paul kam jedoch mit der Balance und der Hals-Korpus-Verbindung am 16. Bund nicht zurecht. Bereits im Juli 1977 fertigte man ihm ein Modell mit Übergang am 17. Bund und weiteren Modifikationen nach Pauls Vorgaben. Nach einigen Prototypen erschien die erste PS10 Paul Stanley Signature im 1978er Ibanez-Katalog, obwohl sie bereits vorher erhältlich war.

Paul Stanleys private Verkaufsanzeige 1997
Paul Stanleys private Verkaufsanzeige 1997 (Bild: IBANEZ, UNIVERSAL, ARCHIV)

Die erste SerienPS10 – schwarz lackiert, mit offenen V2- Humbuckern und schimmernden Perlmutt- und Perloid-Inlays und -Bindings – wurde für $695 angeboten. By the way: Ein sehr früher PS10-Prototyp, möglicherweise sogar der erste, wechselte im Januar 2002 via eBay für $5878 den Besitzer. Die original PS10 zählte unverändert bis 1981 zum Ibanez-Programm. Paul Stanleys sicherlich bemerkenswerteste Gitarre ist die 1979er mit dem Crashed-Mirror-Top, deren Entstehung Elgers Chef-Designer Jeff Hasselberger vor Jahren im Vintage Guitar Magazine beschrieb: „Die Kiss-Jungs waren stets für die eine oder andere Herausforderung gut.

Paul Stanley beispielsweise interessierte weniger das Profil von Bundkronen, die Regelcharakteristik von Potis oder andere Details. Für ihn war wichtiger, ob ein verchromtes Pickguard oder eines aus poliertem Edelstahl die bessere Wirkung erzielte.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man nach Pauls Verständnis die Gitarrentechnologie nach vorne bringen könnte, war seine Cracked-Mirror-Idee. Es begann mit seinem Anruf und der Frage, ob man die Decke seiner Gitarre mit einem zerschmetterten Spiegel überziehen könne. Es sollte so aussehen, als habe man die verspiegelte Decke mit Hammerschlägen auf die Pickups zerstört. Für mich klang das zunächst relativ einfach. Also besorgte ich mir einen 3 mm dicken Spiegel, schnitt die Korpussilhouette der Iceman aus und zerschlug diese im Bereich der Pickups mit einem Hammer.

Das Resultat waren drei größere Stücke und etwa 10000 Splitter. Offensichtlich war das nicht der richtige Weg. Vielleicht müsste ich jedes Stück einzeln ausschneiden? Ich kaufte jede Menge 3mm-Spiegel, eine Handvoll Glasschneider, schnitt erneut die Korpusform aus und übertrug eine vorher angefertigte Zeichnung auf den Spiegel … Am Ende entschied ich mich zu improvisieren und begann einzelne Stücke zuzuschneiden, die für mich cool genug aussahen.

Nach mehreren Tagen hatte ich den Bogen raus. Als das Werk vollbracht war, hatte ich glücklicherweise noch alle fünf Finger an jeder Hand. Das Zurechtschneiden der Spiegelstücke entpuppte sich also als geeignetste Methode. Während ich am Spiegel arbeitete, fräste unser Elektronik-Spezi Jim Heffner ca. 6 mm aus der Ahorndecke von Pauls Gitarre ohne das Binding zu beschädigen – 6 Millimeter deshalb, um die Spiegel mit unterschiedlichen Winkeln einsetzen zu können. Wir füllten Epoxy-Kleber in die Vertiefung und setzten die Spiegelstücke hinein. Pauls Idee war, die Gitarre während der Show mit einem eng gebündelten Spot anzustrahlen, damit das Licht wie bei einer Disco-Kugel in unzähligen Strahlen reflektiert würde. Wir fanden heraus, dass Winkel zwischen 5 und 15 Grad die beste Wirkung erzielten.

Da die Iceman-Decke leicht gewölbt war, musste ich einige Spiegelstücke nachschneiden, um sie der Wölbung angleichen zu können. Zwar lief der Epoxy-Kleber oft auf die Spiegel, die passten jedoch immerhin ziemlich gut zusammen. In der Nacht machten wir einen Test mithilfe der Suchscheinwerfer meines Firmenwagens. Es funktionierte tatsächlich, das Licht reflektierte in alle möglichen Richtungen! Problematisch waren allein die rasierklingenscharfen stufigen Übergänge der Spiegelstücke. Mit dieser ,Veg-O-Caster‘ hätte man Berge von Krautsalat schneiden können! Um die Kanten sanft und sicher zu machen, überzog ich die gesamte Decke mit klarem Polyurethanlack. Als ich nach ein paar Stunden in die Werkstatt zurückkam, stockte mir fast der Atem. Die nach dem Trocknen glanzlos und wolkig gewordene Oberfläche hatte den Spiegeleffekt völlig ruiniert! Shit, und nun?!

Völlig verzweifelt versuchte ich mit einem scharfen Stechbeitel den Lack von den Spiegeln zu kratzen. Glücklicherweise hält Lack auf Glas nicht sonderlich gut, und gegen Abend hatte ich fast die gesamte Oberfläche sauber. Leider wurden dadurch die Spiegelkanten nicht sonderlich entschärft, und so rundete und glättete ich sie mit einen Dremel-Schleifer und füllte wo erforderlich die Schlitze mit Polyurethan auf. Es dauerte ewig, aber das war’s! Mithilfe einiger Glasbohrer montierte ich schließlich die Pickups und Hardware. Auch wenn Paul anfänglich um die Haut seiner rechten Hand besorgt war, der Anblick der Gitarre auf der Bühne war wirklich beeindruckend.“

Paul Stanley spielte seine Ibanez Signature-Gitarren bis Ende 1981 und schloss 1999 einen Endorsement-Vertrag mit Washburn ab. 1995 brachte Ibanez die PS10 erneut als Reissue mit der Bezeichnung PS10- II auf den Markt. Im selben Jahr folgte mit der PS10- LTD Limited ein Luxusmodell mit goldener Hardware. Da sich diese Gitarren unerwartet gut verkauften, legte Ibanez 1996 die PS10-CL Classic nach. Der eigentliche Unterschied zwischen diesen Modellen war, dass die PS10-II in Korea, die PS10LTD und PS10CL in Japan gefertigt wurden.

Ansonsten entsprachen sie hinsichtlich Features und Hardware (Gibraltar Bridge und Quik Change Tailpiece) der original PS10. Während die PS10-II im Katalog noch mit einem PaulStanley-Inlay im 21. Bund zu sehen war, wurde dieses aufgrund von Fertigungsproblemen bei den Serienmodellen weggelassen. 1997, nach der erfolgreichen Kiss-Reunion-Tour, bei der bei einigen Songs auch die originale Crashed-Mirror-Gitarre zum Einsatz kam, startete Paul Stanley eine etwas merkwürdige Kampagne: Mit einem Geschäftspartner hatte er von Ibanez die gesamten Restbestände der PS10LTD und PS10CL aufgekauft und bot sie per Annonce zum direkten Kauf an, und zwar für $2000 bzw. $1800 inklusive handsignierten Zertifikaten.

Ibanez PS10 von 1979: nur echt im Spezial-Case
Ibanez PS10 von 1979: nur echt im Spezial-Case (Bild: IBANEZ, UNIVERSAL, ARCHIV)

Zum aktuellen Ibanez-Programm 2015 zählen die Paul-Stanley-Modelle PS40, PS120, die original PS10 Reissue und die Crashed Mirror PS1CM, die letzteren drei jeweils mit Seymour-Duncan-59- und – Custom-5-Pickups. Von den Eismännern gibt es lediglich die safirblaue STM2 Sam Totman Signature. Paul Gilberts spiegelverkehrte FRM150 zählt indes nicht zum Iceman-Lineup.

Iceman Produktionszahlen

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich finde die Iceman Gitarre ist der Oberknaller und sie ist auch optisch total gelungen.Ein wirklich sehr schönes Stück.Klasse oder Extraklasse voll mein Geschmack.

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  2. Ich habe so eine PS10 hier seid vielen Jahren an der Wand hängen. Sie ist von Oktober 1979 und in einem tadellosem Zustand. Schade das man hier keine Bilder hochladen kann.

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  3. Kompliment,eine sehr interessante Story mit guten Hintergrund Informationen zum Thema der Ibanez Iceman Historie,die aber leider nicht ganz vollständig ist,denn was heute kaum jemand weiß,ist,daß es mittlerweile sogar eine geschrumpfte Ibanez Iceman Short Scale Gitarre gibt,die unter der Bezeichnung PSM 10-BK seit kurzem von Ibanez zum Preis von etwa 270,-€uro angeboten wird! Diese Mini-Version einer Iceman besitzt u.a. derzeit einen ultra leichten Pappelkorpus in schwarzer Hochglanzlackierung,zwei Infinity Humbucker und einen geschraubten Hals mit aufgeleimtem New Zealand Pine Griffbrett.Diese kleine Iceman Modelltype klingt wirklich top,und wird höchstwahrscheinlich in Windeseile zu einem beliebten Sammlerstück avancieren! Wie hoch die Stückzahl dieser niedlichen Iceman Gitarre momentan ist,bleibt derweil wohl noch ein gut gehütetes Geheimnis des Herstellers Ibanez.Erstaunlich auch,daß die Limited Iceman Version IC-520 in normaler Standard Größe seit zwei Jahren bereits restlos ausverkauft ist! Diese Iceman in schöner Sunburst Lackierung,ist mittlerweile so begehrt,daß es bereits unzählige Kaufgesuche im Internet gibt! Eben auch bereits eine echte Rarität der Neuzeit,die mit ihrer besonderen Pickup Bestückung ( Air Norton Humbucker) sehr gefragt ist.

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