Analog unbezahlbar, digital für jeden

Neural DSP Archetype: John Mayer X – Die ganze Serie im Test

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Emulationen von Mayers meistgenutzten Effekten: Keeley Katana Boost, Electro-Harmonix Q-Tron Plus, Klon Centaur, Ibanez TS10 / Marshall Bluesbreaker und Way Huge Aqua-Puss (Bild: Neural DSP)

PRAXIS

Zunächst mit einer Strat am Mann scrolle ich durch die John-Mayer-Presets, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Dafür habe ich die Studiomonitore in der Lautstärke mal etwas angehoben, um etwas „Feel” im Raum meines Studios zu bekommen. Wow! Das klingt sehr vielversprechend.

Die cleanen und leicht angezerrten Sounds, die John Mayer hier selbst autorisiert hat, klingen wahrlich authentisch und haben einen sehr edlen Touch. Im Signalweg ist dabei allerhand inkludiert, sodass es im Grunde wie die zugrunde liegende Studioaufnahme daherkommt.

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Nach dem Check vieler weiterer Presets der anderen Beitragenden fällt schon mal auf, dass sie vielfach komplexe Signalketten emuliert haben, um hier eine gewisse Note zu implementieren. Das ist einerseits sehr aufschlussreich in Bezug auf die Leistungsfähigkeit des Plug-ins, aber für meinen Geschmack auch häufig etwas überladen.

Also zurück auf „Los”: Ich gehe die Amps ganz von vorne durch und addiere mal dezent. Da kann man auch am besten hören, wie ein Amp-Modell reagiert und wie sich Ton, Anschlag und Dynamik verhalten. Da ich über den lieben Kollegen und Freund Udo Pipper in letzter Zeit Gelegenheit hatte, zwei Dumbles zu spielen und diese auch bei mir im Studio hatte, war ich besonders neugierig auf John Mayers digitale Version des Steel String Singers alias „Headroom Hero”. Also habe ich diesen als Ersten solo aktiviert.

Was da ganz pur aus den Monitoren kommt, liefert schon die tonale Essenz dieser Einhörner. Dieser „Sag” und die Tiefe sind wirklich beeindruckend eingefangen. Achtung, hier kommt der Beipackzettel: Es handelt sich um ein Plug-in, welches über Studiomonitore oder im Mix bei Aufnahmen verwendet wird. Mit einem aufgedrehten 50- oder 100-Watt-Amp im Raum ist das nicht zu vergleichen.

Gleichwohl: Man stelle sich ein Studio vor, in dem man im Kontrollraum sitzt und das abmikrofonierte Rig im Aufnahmeraum steht – so kann man sich die Abhörsituation vorstellen. Und mit diesem Mindset ist das Klangerlebnis absolut überzeugend. Der „Headroom Hero” hat „den” Sound. Dabei sind mit seinen variablen Einstellungen und auf Wunsch mit „Justa Boost” oder den beiden anderen Drive-Pedalen auch exzellente Overdrive-Sounds machbar, die nicht nur mit Single-Coils sondern gerade auch mit Les Paul oder Semiakustik ganz ausgezeichnet daherkommen.

Die verwendete Box mit 1×12″-EVM-12L-Bestückung passt da wie die Faust aufs Auge und bringt dann diesen süßen und schmatzenden, großen Sound souverän rüber. Jetzt macht es Sinn, ein bisschen Reverb und oder Delay hinzuzufügen. Für meinen Geschmack klingen eher subtil eingesetzte Effekte hier wesentlich authentischer als so manches überladen wirkende Preset.

Genauso hochwertig tönt das Capture des Two-Rock „Signature 83″. Er reagiert ein wenig anders und hat allein schon wegen des Celestion G12M in seiner zugehörigen Box eine andere Färbung. In puncto Dynamik, Spielgefühl und Ton befinden sich die beiden Edel-Abbilder jedoch in einer Liga.

Der dritte im Bunde ist der „Smooth Operator”. Mit seinem 15-Zoll-Speaker wirkt er voluminös und tonal fokussiert er auf den „Texas Blues”. Druckvolle Clean-Sounds sind sein Metier. Dreht man das Volume hier höher, lassen sich auch die typischen angezerrten Sounds herauskitzeln.

Das Interessante an allen drei Kollegen ist nicht nur, dass die zugrunde liegenden Originale klanglich höchst authentisch eingefangen wurden und sich auch in ihren digitalen Einstellungsmöglichkeiten wie ihre analogen Vorbilder verhalten. Interaktion und Spielgefühl sind zudem bei allen dreien leicht unterschiedlich, was die Akkuratesse der Capturing-Technologie von Neural DSP unterstreicht. Kurzum: Das fühlt sich unter den Fingern einfach gut an!

John Mayers Live-Setup besteht nun aus allen drei Amps im parallelen Modus. Auch das kann eine spannende Nutzung sein, wenn man die Gain-Einstellungen und die Lautstärken der jeweiligen Boliden individuell anpasst. Prima ist, dass man hier nicht mit Phasenproblemen zu kämpfen hat, sondern sich hier seine Sound-Wand ganz einfach bauen kann.

Nicht nur die Amps reagieren wie die Vorbilder, auch das komplette Pedalboard kann punkten. Die intuitive Bedienung macht es außerordentlich einfach, Sound und Spielgefühl einmal mehr als hervorragend zu bezeichnen – what you see is what you get.

Ein Highlight ist sicher der „Gravity Tank” mit Tremolo und Spring Reverb, die dem Sound noch eine schöne Vintage-Nuance beisteuern können. Mit dem parametrischen EQ und dem Compressor am Ende der Signalkette kann man den Sound noch feinregeln (muss man aber nicht), Frequenzen korrigieren und dichter machen. Beide funktionieren in tadelloser Studio-Qualität.

Nun ist die Software ja nicht nur im Standalone-Betrieb zu nutzen. Als Plug-in in einer DAW hat man all diese Features für Aufnahmen und im Mix zur Verfügung. Dazu habe ich im Standalone-Modus für das Monitoring ein paar Gitarren-DI-Spuren in meine DAW gespielt und schließlich das Plug-in auf die Gitarrenspuren geroutet. Das funktioniert tadellos und im Kontext mit Schlagzeug, Bass und Gesang auf meinem Demo zaubert das John Mayer X Plug-in ein Lächeln auf mein Gesicht.

Für Blues, Jazz, Fusion oder Classic Rock hat man damit ein extrem starkes Arsenal an Gitarrensounds am Start, das im Gesamtsound für den Hörer im Grunde nicht von den analogen Amps zu unterscheiden ist. Und damit sind wir genau an der Stelle, an der sich die Diskussionen entfachen können: Analog vs. Digital. Ich gehe undogmatisch heran.

Kann ein so hochwertiges Plug-in wie das „Archetype: John Mayer X” in einem guten Raum mit solider Lautstärke das Spielgefühl eines erstklassigen Röhren-Amps mit dem Spieler davor erreichen? Nein, aber das soll es auch gar nicht.

Kann es Sounds von einem höchst exquisiten Rig, das im Original unerreichbar ist, authentisch nutzbar machen? Und zwar so, dass man Freude und praktischen Nutzen hat? Ja, absolut. Und das ist der Punkt. Im richtigen Setting im Heimstudio bzw. auf guten Monitoren kann man ungeheuren Spaß an den Sounds dieses Plug-ins haben. Man kann sich inspirieren lassen, besser zu spielen, einen Song schreiben oder sich einfach im Spiel verlieren, beispielsweise mit dem „Headroom Hero”. Und wer mit einer DAW kreativ unterwegs ist, hat im Handumdrehen einen Sound am Start, der in der analogen Welt mal locker im höheren sechsteiligen Bereich liegen würde – das zugehörige Studio noch gar nicht eingerechnet.

RESÜMEE

Mit dem „Archetype: John Mayer X” hat Neural DSP eine echte High-End-Plug-in-Suite an den Start gebracht. Clean-, Breakup- und süße Overdrive-Sounds sind hier in Top-Qualität zu haben. John Mayers Dumble, Two Rock und Vintage Fender Vibroverb plus Pedalboard, Post-Amp-FX und Studio Outboard Gear bilden die Signalkette in Johns Studio- und Live-Rig. Und genau diese ist hier digital in Johns Studio in Los Angeles von Neural DSP gecaptured und von John Mayer autorisiert worden.

Dabei ist eine Detailtiefe vorzufinden, die in jeder Hinsicht beeindruckend ist: Die Bedienung gelingt einfach und intuitiv, Sound und Spielgefühl sind schlicht umwerfend. Als Standalone-Werkzeug über Monitore oder als Plug-in in der DAW läuft das John Mayer X stabil und bei entsprechender Audio-Interface-Einstellung ist die Latenz vernachlässigbar. Bald soll es auch mit den Modeling-Pedalen Quad Cortex und Quad Cortex Mini kompatibel sein.

Mit Blick auf den Preis bewegt sich Neural DSP hier mit 199 Euro (UVP) schon im Premium-Segment in Bezug auf ein Software-Produkt. Alternativen gibt es beispielsweise von Universal Audio oder IK Multimedia. Letztlich bleibt aber festzuhalten: Der Exklusivität von John Mayers Rig und seinem von vielen verehrten Sound kommt man hiermit so nah wie mit keinem anderen.

Plus

  • Einfache Installation
  • Intuitive Bedienung
  • Ausstattung
  • Umwerfende und authentische Sounds

Übersicht

Fabrikat Neural DSP
Modell Archetype: John Mayer X
Typ Plug-in
Herkunftsland Finnland
Formate 64-bit VST2, VST3, AU, AAX, Standalone für aktuelle Windows und maxOS Versionen
Internet neuraldsp.com
Preis (UVP/Street) € 199 / ca. € 139

 

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2026)

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