(Bild: Dieter Stork)
Mit dem 2015 vorgestellten Helix hat Line 6 sowohl in der Firmengeschichte als auch in der Welt der Gitarren (und Bässe) einen Meilenstein gesetzt. Hervorragende Sounds, gepaart mit einem bis dato nicht dagewesenen, intuitiven Bedienkonzept. Nun folgt die nächste Generation und die zeigt sich in meinen Augen als ebenso richtungsweisend.
Was muss denn am Helix überhaupt geupdatet werden, könnte man sich berechtigterweise fragen. Sicher, spezielle Wünsche gibt es immer und bei jedem Gerät. Die Hardware und das Konzept des ursprünglichen Helix waren jedoch bereits so durchdacht, dass die Form, das Layout und die grafische Oberfläche der Modellreihe nicht nur zum gigantischen Erfolg verhalfen, sondern auch als Vorlage für nachfolgende Produkte anderer Hersteller dienten.
Fast jedes aktuell erhältliche Modeling-Gerät zeigt deutlich die DNA des Helix. Noch mehr Rechenleistung? Ja gut, die haben wir auch. Das eigentlich Interessante am Helix Stadium ist aber einmal mehr der Innovationsgeist des US-amerikanischen Unternehmens, der aus dem Gerät so viel mehr als „nur“ einen Effektprozessor macht.
HARDWARE 2.0
Kommen wir zunächst zu den Unterschieden in der Hardware. Ich versuche, es kurz zu machen, um mich mehr den interessanten Funktionen widmen zu können.
Anstelle von einem Gitarren-Eingang finden wir nun zwei, die sich per Software auch in der Impedanz anpassen lassen. Praktisch, um sich entweder ein Gerät live zu teilen oder zwischen Instrumenten wechseln zu können, ohne Kabel stecken zu müssen. Geblieben sind die vier Effektwege, vier Eingänge für Expression-Pedale und Schalter sowie die symmetrischen Ausgänge für das Signal. Auch MIDI und SPDIF sind geblieben.
(Bild: Dieter Stork)
Hinzugekommen ist eine USB-A-Buchse, an die sich bei Bedarf ein USB-auf-Ethernet-Adapter anschließen lässt, sollte man das verbaute WiFi-Modul nicht nutzen wollen oder können. Der alte USB-B-Anschluss („Druckerkabel“) für die Verbindung mit dem Computer ist einer modernen USB-C-Buchse gewichen. Über einen verriegelbaren microSD-Slot können Audiodateien und Backups gespeichert und geladen werden.
Anders als beim alten Helix dient die Ethercon-Buchse nicht der direkten Verbindung mit einer Variax, sondern mit der hauseigenen Schnittstelle namens Nexus. Über das (noch nicht erhältliche) „Expand 10“-Modul lassen sich dann Variax verbinden und die digitalen Signalwege um AES und mehrere optische Verbindungen erweitern. Zukünftig soll wohl auch DMX (Lichtsteuerung) möglich sein.
Auf der Oberseite des Geräts und im Layout ist man sich grundsätzlich treu geblieben, hat das Design aber aktualisiert und erweitert. Das Expression-Pedal ist nun nicht mehr mit rauem Grip-Tape überzogen und frisst damit im Heimbetrieb die Socken nicht mehr auf.
Die größte Änderung betrifft aber das 8“ große Touch-Display. Eingaben können entweder „oldschool“ per Joysticks und Encoder oder eben einfach mit dem Finger auf dem Display ausgeführt werden. Von allen mir bekannten Modelern mit Touch-Display empfinde ich das vom Helix als das responsivste. Die Eingaben fühlen sich flüssig an wie am Handy und nichts hakt oder ruckelt.
Wie schon bei der Vorgängergeneration wirkt die Hardware des Helix Stadium sehr hochwertig und robust. Auch im Sonnenlicht hatte ich keine Probleme beim Ablesen der Displays. Um den neuen Funktionen gerecht zu werden, ist die Front des Geräts um einige Taster erweitert worden.
Oben links vom Display finden wir etwa die Taster zur Auswahl und Bedienung der verschiedenen Ausgänge, darunter finden sich Transport-Funktionen zur Steuerung des internen Playback. Rechts vom Display sind Shortcuts, um jederzeit zu den Ansichten für Signalfluss, Playback und XY-Pad zu gelangen.
EINRICHTUNG
Beim ersten Anschalten begrüßt mich der Einrichtungsassistent mit der Frage nach dem WiFi-Passwort. Kaum ist das Gerät verbunden, findet es auch direkt ein Firmware-Update und fragt, ob es dies herunterladen soll. Etwas nervig ist dabei, dass das Update nur funktioniert, wenn ich mit meinem Line-6-Account auf dem Gerät eingeloggt bin.
Anderenfalls bleibt der Download bei 0% hängen, ohne dabei eine Fehlermeldung auszugeben. Insbesondere, wenn das Gerät den Account dann und wann vergisst und man sich neu anmelden muss, stört das ein wenig. Updates brauchen immer ein paar Minuten, sowohl zum Herunterladen als auch zum Installieren. Während des gesamten Testzeitraums habe ich drei Updates erhalten, das letzte hat dabei die Versionsnummer 1.2.1.
Als Homescreen nach dem Hochfahren dient die Signalfluss-Ansicht, wie man sie auch vom alten Helix schon kennt. Grundlegende Unterschiede gibt es hier eigentlich nicht. Auch das Konzept von Snapshots und dem Command Center ist beibehalten worden. Letzteres ist jedoch um zusätzliche Funktionen erweitert worden.
Als relevanter Unterschied im Routing sei vor allem zu nennen, dass pro Signalpfad, von denen es zwei gibt, nun nicht nur eine sondern zwei Abzweigungen bzw. Splits möglich sind. Damit dürfte das am meiste geforderte Feature der alten Generation abgedeckt sein.
Durch den zweiten Split ist es nun möglich, einen aus mehreren Kanälen gemischten Sound einzustellen und trotzdem vor der Cab-Sim abzuzweigen, um dem Verstärker auf der Bühne ein Signal ohne eben diese Cab-Sim zu liefern. Das war beim alten Helix nur eingeschränkt möglich. Insbesondere für die Basswelt ist dies ein Update mit großer Auswirkung auf die Spielpraxis.
Wer das alte Helix kennt, wird sich sofort zuhause fühlen. Dank der Eingabe per Touch sind Änderungen nun noch schneller eingegeben. Neuerungen betreffen vor allem zusätzliche Ansichten, die sowohl Informationen als auch Einstell- und Performance-Möglichkeiten bieten.
KONTROLLIERTES CHAOS
Eine dieser neuen Ansichten ist der Focus View. Dieser bietet für jeden Block und jedes Model eine gesonderte Detailansicht mitsamt zusätzlicher Möglichkeiten zur Soundeinstellung. Geöffnet wird diese Ansicht über das Objektivblenden-Icon in der unteren linken Ecke des Displays. Je nach Effekttyp wird zentral nun ein „realistisches“ Bild des Effekts oder Amps angezeigt, wobei die gesamte Oberfläche als XY-Pad dient.
In den Ecken des Bildschirms stehen dann die Klangrichtungen, in die sich der Sound beim Verschieben des Cursors verändert. Im Falle des Brit 2204 Amps sind das etwa „Cut“, „Saturated“, „Overdriven“ und „Breakup“. Fährt man mit dem Finger über das Display, kann man dabei zusehen (und hören), wie sich die Parameter des Models verändern.
Links und rechts davon befinden sich jeweils Pegelmeter für In- und Output. Bei Dynamik-Effekten, wie Kompressoren und Gates wird anstelle eines Input-Meters eine Anzeige zur Gain-Reduction eingeblendet.
Equalizer werden je nach Modell als grafischer oder parametrischer EQ mit Kurve angezeigt und wird der Focus View für einen Cab-Block geöffnet, kann das virtuelle Mikrofon mit dem Finger vor der Box hin- und hergeschoben werden. Beim Laden von externen Impulsantworten (IR) wird stattdessen deren Frequenzgang angezeigt.
Ziel dieses Focus Views ist es, die teilweise sehr zahlreichen Parameter greifbarer zu machen und schnellere Soundfindung zu ermöglichen. Ist ein Sound gefunden worden, der gefällt, kann diese Einstellung entweder als neuer Default-Wert oder als Favorit gespeichert werden.
Favoriten sind quasi Presets, die nur dieses konkrete Model betreffen. Dadurch ist es deutlich leichter, neue Presets zu erstellen bzw. sie in Sekundenschnelle mit bereits gespeicherten Sounds zu modifizieren. Sehr cool dabei: Beim Speichern als Favorit werden nicht nur Einstellungen zum Sound, sondern auch zur Belegung von Schaltern, Expression-Pedalen, MIDI usw. gespeichert.
Möchte ich etwa in jedem Setup auf Knopfdruck die Mitten und den Gain am Amp-Block etwas anheben, kann ich den so programmierten Fußschalter einfach als Teil des Favoriten-Settings mit abspeichern.
Ganz ähnlich zum Focus View gestaltet sich das neue XY-Pad, das über den mit dem Coda-Symbol gekennzeichneten Taster abgerufen werden kann. Diese Ansicht entspricht in ihrer Funktionalität im Prinzip einem Kaoss-Pad, also einem Touch-Controller für Parameter.
Anders als im Focus View können hier beliebige Parameter hinterlegt werden, über das Command Center sind auch MIDI-Nachrichten hinterlegbar, um externe Geräte anzusteuern. Gerade für Performances ist die Rubber-Band-Funktion praktisch. Wird die Schaltfläche aktiviert, kehrt das Fadenkreuz nach dem Heben
des Fingers wieder in seine Ausgangsposition zurück. So kann ich beispielsweise die Parameter einer Fuzz-Factory auf das XY-Pad mappen und Oszillations-Eskapaden durchführen, ohne mir Sorgen machen zu müssen, im Anschluss wieder die richtigen Reglerstellungen wiederfinden oder einen Schalter drücken zu müssen.
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