Jingle Jangle:

Gibson 12-String von 1967

„Hey! Mr. Tambourine Man play a song for me … “ Was zum Teufel wollte Bob Dylan uns mit dieser Textzeile wieder einmal sagen? Das dominierende Instrument des Titels ist jedenfalls kein Tamburin, sondern in der berühmten Version der Byrds von 1965 eine zwölfsaitige Gitarre. Roger McGuinn, Chef der Band, machte damit seine elektrische Rickenbacker für alle Zeit zu seinem Markenzeichen und definierte den Sound der Byrds und den Klang der Hippie-Generation bis weit in die 1970er-Jahre hinein.

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FOTO: Dieter Stork
Gibson B-45-12 von 1967

Die Beatles waren allerdings schon ein Jahr zuvor mit einer 12-String im Studio. George Harrison hatte auf der ersten USA-Tournee der Fab Four von Rickenbacker eine elektrische Zwölfsaitige geschenkt bekommen. Es war das zweite überhaupt gebaute Exemplar, Rickenbacker wollte mit prominenter Unterstützung einen neuen Markt kreieren. Bei den Aufnahmen zum Album ‚A Hard Day‘s Night‘ von 1964 verwendete Harrison das gute Stück bei einigen Titeln, allerdings nicht mit solch bleibendem Eindruck bei den Gitarristen, wie McGuinn ein Jahr später.

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Und wie hat das alles angefangen?

Gibson begann schon 1961 mit dem Bau von akustischen 12-Strings. Da gab es diese Sorte Gitarre bereits seit gut 60 Jahren. Wer auf die Idee gekommen war, die Saitenanzahl einer Gitarre zu verdoppeln, ist nicht mehr genau zu ermitteln. Es könnte sein, dass mexikanische Saiteninstrumente das Vorbild waren, denn in Mexiko waren diverse Typen von doppelchörig bespannten Rhythmusinstrumenten seit Langem im Einsatz. Als um 1900 der Instrumentengroßhändler Lyon & Healy 12-saitige Gitarren ins Programm nahm, hießen sie im Prospekt „Guitars Mexican Style“.

Etwa zur gleichen Zeit arbeiteten zwei deutschstämmige Gitarrenbauer an der amerikanischen Ostküste an der Entwicklung größerer, lauterer Gitarren zur Verwendung in den damals populären Mandolinenorchestern. Sie nahmen die seiner Zeit ebenfalls sehr gebräuchlichen sog. Harp Guitars zum Vorbild, Instrumente mit frei schwingenden Basssaiten neben dem Griffbrett. Einige der hochwertigen 12-saitigen Gitarren dieser Herren namens Holzapfel und Beitel existieren sogar heute noch. In den 1920er- und 30er-Jahren wurden 12-saitige Gitarren von Firmen wie Harmony oder Regal per Versandhauskatalog angeboten. Diese Instrumente waren bei Bluessängern sehr beliebt, da diese Gitarren trotz einfacher Bauart über große (akustische) Lautstärke und Klangfülle verfügten. Blind Willie McTell benutzte solch ein Instrument, wenn er in Kneipen oder auf der Straße auftrat. Allerdings musste er in den 20er-Jahren einige Zeit aufs Spielen verzichten. Die Schwielen an seinen Fingerspitzen waren so dick geworden, dass er keine Blindenschrift mehr lesen konnte.

Der bekannteste Bluessänger mit einer für damalige Verhältnisse riesigen 12-Saitigen war zweifellos Leadbelly. Er hatte seine „Stella“ bei der Firma Oscar Schmidt in New Jersey geordert und sie wurde sein Markenzeichen. 1949, nach seinem Tod, wäre die 12-Saitige fast in Vergessenheit geraten, hätte nicht Pete Seeger das Repertoire von Leadbellys klassischen amerikanischen Folk- und Bluessongs übernommen und in seine Bühnenprogramme eingefügt. Pete Seeger war eine der wichtigen Figuren und treibenden Kräfte des Folkmusic- Booms, der in den 1950er-Jahren an der US-Ostküste entstand. Mit der wachsenden Popularität der Musik entstand schließlich auch wieder Nachfrage nach 12-saitigen Gitarren, und dann trat 1961 Gibson auf den Plan.

Only a Gibson is strong enough?

Die Gitarrenbauer in Kalamazoo hatten vor 1961 noch nie 12-saitige Gitarren gebaut. Die Firma hatte zwar in den Jahren nach der Jahrhundertwende enorme Mengen Mandolinen für die Mandolinenorchester gebaut, auch mit Harp Guitars war man Marktführer, aber doppelchörige, 12-saitige Gitarren sind nie ein Thema gewesen. Nicht einmal in den 1930ern, als Gibson seine Steelstring Acoustics zur Perfektion entwickelt hatte und Country Blues populär war. Allerdings hätten sich die afroamerikanischen Bluessänger (weiße gab es damals noch nicht) eine sündhaft teure Gibson auch niemals leisten können.

Ende der 50er-Jahre jedoch, als der Folkboom um sich griff, merkten die Marketingexperten von Gibson, dass eine solvente weiße Käuferschicht Interesse an hochwertigen 12-saitigen Flattops haben könnte. Für $ 190 kam 1961 das Modell B-45-12 in einer Auflage von 77 Exemplaren auf den Markt. Rein optisch orientierte sich das neue Modell an der überaus populären sechssaitigen J-45: Fichtendecke, Mahagoniboden, -zargen und -hals. Lediglich der Hals war deutlich breiter und die Kopfplatte erheblich größer, um zwölf Mechaniken in zwei Sechserreihen Platz zu bieten. Um Gewicht zu sparen und Kopflastigkeit vorzubeugen, bekamen die Mechaniken Plastikknöpfe. Aber warum heißt das Modell dann nicht konsequenterweise J-45-12? Der Grund dürfte bei den Zargen zu suchen sein. Diese sind aus laminiertem Mahagoni, wie bei der B-25-12 und nicht massiv, wie etwa bei der J-45. Die „B“-Baureihe war bei Gibson immer die preiswertere Variante zu den Vollmassiv-Modellen. Bei den erheblichen mechanischen Belastungen durch zwölf Saiten macht laminiertes Mahagoni Sinn. Es bekommt nicht so schnell Risse und ist wesentlich stabiler.

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FOTO: Dieter Stork
Wunderschönes Fichtenholz mit „Bearclaw”-Maserung

Der Korpus der ersten B-45-12 hatte abgerundete Schultern, genau wie bei der J-45. Es war eine sog. Round Shouldered Dreadnought. Allerdings verursachte der breitere Halsfuß konstruktive wie statische Probleme, und so machte Gibson schon im Jahr darauf aus der Gitarre eine Square Shouldered Dreadnought, eine Korpusform, die es ab 1960 bereits beim Modell Hummingbird gab. Der Korpus der 45-12 wirkte nun kantiger, wuchtiger, die Probleme mit der Stabilität waren aber nur zum Teil gelöst.

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FOTO: Dieter Stork
Der groß dimensionierte Steg und der Trapezsaitenhalter

Die beiden großen US-Mitbewerber brachten ihre ersten akustischen 12-Strings erst 1964 auf dem Markt, C.F. Martin eine D12- 10 und eine D12-35, Guild eine F-212. In Europa stellte Framus Anfang der 60er die Framus-Hootenanny- 12 vor, John Lennon verwendete 1964 solch eine Gitarre für die Aufnahmen zum Album ,Help‘. Diese Gitarre ist der Gibson B-45 sehr ähnlich.

Es zieht!

Der enorme Saitenzug der 12 Saiten war nur sehr schwer in den Griff zu bekommen. Die alten Bluesmusiker hatten ihre Gitarren eine Terz oder Quart tiefer gestimmt, wohl um die Gitarre, aber auch ihre Finger zu schonen. Und sogar Gibson gab seinen Kunden anfangs den Rat, die Gitarre einen Ganzton tiefer zu stimmen, um den Saitenzug zu reduzieren. Leider konnte man die tiefere Stimmung schwerlich durch einen Kapo kompensieren, wenn man in den gängigen Gitarrentonarten spielen wollte. Kaum ein Kapo schafft es, alle Saiten gleichmäßig zu kompensieren. Die Intonation ist mit großer Sicherheit zu Teufel. Es werden sich folglich nur die wenigsten Musiker an Gibsons wohlgemeinten Rat gehalten haben. Wen wundert es, dass von den ersten B-45-12 kaum noch welche erhalten sind. Sie waren so fragil gebaut, dass der Saitenzug sie mit der Zeit gehimmelt haben dürfte.

Sehr zum Ärger von Leo Kottke. Der große Virtuose auf der akustischen 12-Saitigen hat einmal gesagt, die frühen B-45-12 seien die besten 12-Strings, die je gebaut wurden. Später hat er dann einmal gesagt, Gibson 12-Saitige, gebaut nach 1963, würde er nicht anfassen. Auch er hat seine 12-Strings immer einen Ganzton tiefer gestimmt.

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FOTO: Dieter Stork
Zweiteiliger Boden aus massivem Mahagoni

Die Tonqualität ist in der Tat je nach Baujahr deutlich anders, denn Gibson hat das Modell so gut wie jedes Jahr modifiziert. Es gibt kaum eine Steg/Saitenhalter- Kombination, die nicht probiert wurde – ob klassischer Steg mit Saitenhalterung per Bridgepin oder Steg mit durchgefädelten Saiten oder separater Trapezsaitenhalter. Immer mit der Zielsetzung, die Decke gegen den enormen Saitenzug immun zu machen. Selbstredend wurde auch mit der Verbalkung der Decke experimentiert. Und stets ging es um den schwierigen Kompromiss zwischen Stabilität und ausgewogenem Klang. Unser Exemplar von 1967 hat das halbe Jahrhundert seiner Existenz offenbar gut überstanden. Abgesehen von einigen kleinen Spannungsrissen auf der Decke hat diese B-45-12 dem Zahn der Zeit und dem Zug der Saiten gut widerstanden. Boden und Zargen sind rissfrei, der Hals aus einem Stück Mahagoni mit Palisandergriffbrett ist nach wie vor kerzengerade, und der Stahlstab im Hals wurde noch nie nachgezogen! Folglich ist die Bespielbarkeit immer noch exzellent. Gibson hat sehr sorgfältig gebaut und nur das beste Holz verwendet, insgesamt 1368 Mal, denn so oft wurde das Modell allein im Jahr 1967 gebaut, in Sunburst oder blond.

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FOTO: Dieter Stork
Die große Kopfplatte mit Platz für zwölf Mechaniken

Klanglich hingegen lässt die Gitarre Wünsche offen. In mittleren und hohen Lagen klingt sie ausgewogen, präsent und elegant. Es fehlen allerdings die Bässe im Spektrum. (Anm. der Red: Was viele Musiker, die das Instrument nicht als Solo- sondern als Begleitinstrument benutzten, gut fanden, denn so fügte sich der Sound gut in ein Bandgefüge ein.) Das liegt natürlich am Trapezsaitenhalter, der zwar den Saitenzug auf den Endblock ableitet und vom Steg fernhält, aber die Saiten laufen in viel zu flachem Winkel über den Steg. Es fehlt ausreichend Druck auf den Steg, um die erforderliche Schwingungsübertragung zu gewährleisten. Und natürlich spielt auch eine Rolle, was Gibson-Enthusiasten für eine Todsünde halten: In den 1960er-Jahren waren die Flattops mit einer höhenverstellbaren Stegeinlage ausgerüstet.

Es war ja gut gemeint, der Musiker sollte sich die Saitenlage nach seinen Vorstellungen einrichten können, aber der Klang litt unter dieser Konstruktion, egal ob Gibson Plastik, Metall oder Porzellan als Einlage verwendete. Die Schrauben der Höhenverstellung sind in massiven Gewindehülsen in der Platte unterm Steg verankert, somit erfolgt die Übertragung der Saitenschwingung nur über die Schrauben und die Hülsen. Ein Erfolg wurde Gibsons B-45-12 dennoch. In den Jahren zwischen 1961 und 1970 wurden über 7.000 Stück gebaut. Die Folkies und später die Hippies hatten ihren Spaß damit: „…in the jingle jangle morning I‘ll come following you.“

Ein Dank an Dominik Grau, der uns das Instrument zur Verfügung stellte.

3 Kommentare zu “Gibson 12-String von 1967”
  1. Pearlygates

    Ach,ja,das Thema Zwölfsaitige Akustikgitarren ist schon recht interessant.Ich war selbst einmal Besitzer einer alten Hopf 12-String ohne Preamp,die der listige Verkäufer eines kleinen Musikhauses in Berlin-Tegel mit Gitarrenkoffer und etlichen,jedoch zunächst kaum sichtbaren Spuren des schleichenden Verfalls besagter Hopf Gitarre verkaufte,wohlwissend,daß eben diese Gitarre enorme Mängel aufwies,die schließlich früher oder später aufgrund diverser Mängel absolut nicht mehr bespielbar gewesen wäre.Beispielhaft dafür,war die bereits aufgeworfene massive Sitka-Fichtendecke,die falsche Saitenbestückung,die unfachmännische Halsstabeinstellung,und letztendlich kaum sichtbare,jedoch feinste Haarrisse im Bereich des Halsfußes und der Bridge.Dies alles wegen unsachgemäßer Lagerung aufgrund teils zu feuchter,dann zu trockener,und schlußendlich zu kalter Aufbewahrung in den Geschäftsräumen.Dies hält auf Dauer auch keine Zwölfsaitige Akustikgitarre unbeschadet aus! Zunächst renitent und völlig starrsinnig,wollte der hinterlistige Verkäufer diese Hopf nicht zurücknehmen,das Geld nicht erstatten,aber der Hinweis,daß er laut geltendem Verbraucherrecht dazu verpflichtet ist,gab er nach meiner ernsten Androhung in dieser Angelegenheit einen Rechtsanwalt zu beauftragen,gab er dann doch nach,nahm die Hopf zurück und zahlte die Summe in bar aus.Bei aller Liebe hinsichtlich des choral wuchtigen Klangbildes einer rein akustischen Gitarre mit einem Dutzend Saiten,mein Bedarf an 12-String Gitarren jedweder Art ist vorläufig gedeckt.Die Erfahrungswerte waren diesbezüglich wohl doch zu negativ,als das ich mir zukünftig noch einmal solch eine gebrauchte Dreadnought mit zwölf Saiten zulegen würde! Mein Rat: Augen und Ohren auf beim Kauf einer gebrauchten Zwölfsaitigen vor Ort! Und ein Kauf via Internet-Bucht unbesehen und ungeprüft,birgt ohnehin ein viel zu hohes Risiko! Also,Vorsicht!

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  2. Deshalb habe ich eine 12-saitige Strat 🙂 Nicht gaaaanz das Selbe vom Sound her, aber der Spielspaß (und der ist da!) bei einer 12er bleibt mir so 😉

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  3. Man sollte schon fair gegenüber dem Instrument sein und es danach bewerten, wie es seine eigentliche Funktion erfüllt. Und es ist nun mal so, daß eine 12-saitige nicht dazu da ist, den Gitarristen in den Vordergrund zu stellen und durch Virtuosität glänzen zu lassen, sondern sie ist ein Instrument für Team-Player, sie besorgt den Background, sie ist für den Klangteppich da, wie auch schon im Artikel angedeutet (“Was viele Musiker, die das Instrument nicht als Solo- sondern als Begleitinstrument benutzten, gut fanden, denn so fügte sich der Sound gut in ein Bandgefüge ein.”).

    Meine 67er sunburst aus Kalamazoo macht seit 50 Jahren genau das: Sie jingled und jangled unterhalb des Radars, für die Bässe und die Wucht ist sie nicht zuständig, das Scheinwerferlicht überlässt sie gerne den anderen. Aber ohne sie würde dem Gesamtsound etwas fehlen, das würde man merken …

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