Kolumne

Till & Tone: Die Gitarre, die nicht sein sollte!

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Gibt’s doch gar nicht: Micawber-Clone aus dem Custom Shop (Bild: Hoheneder)

Wer Idole in der Gitarrenwelt hat, der weiß: Es gibt nicht nur ikonische Rockstars, es gibt auch ikonische Instrumente. Ich denke an Muddy Waters’ rote Telecaster, Lennons gestrippte Casino, Gilmours Black Strat, Brian Mays Red Special oder Jimmy Pages No. 1 Les Paul. Manche haben aber auch richtige Namen bekommen: Lucille (B.B. King), Blacky (Clapton), Old Black (Neil Young), Trigger (Willie Nelson), Greeny (z. Zt. Kirk Hammett) oder Pearly Gates (Billy F. Gibbons). Für mich war allerdings eine Gitarre immer die wichtigste im großen Kosmos der Rockgitarren. Mein heiliger Gral, das mythische Riffmonster: Micawber, Keith Richards verwitterte und modifizierte 54er Blackguard-Telecaster.

Eine Gitarre wie eine stolze, alte Kriegerin, die zigtausend wüste Rock’n’Roll – Schlachten mit seinem Meister, dem „Human Riff“ Keith Richards geschlagen hat. Micawber – ungezählte Narben und Verletzungen und Modifikationen hat diese 72 Jahre alte Telecaster überlebt. Und garantiert treu zu Diensten, wenn der Rolling-Stones-Tross 2026 wieder auf Tour geht. Sie ist des Meisters liebste Wahl, wenn es um Klassiker aus dem Repertoire der „Greatest Rock’n’Roll Band Of The World“ geht: ‚Start me up‘, ‚Tumbling dice‘, ‚Brown Sugar‘, ‚Honky Tonk Women‘, ‚Happy‘ … um nur einige zu nennen.

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Die Tele war ein Geschenk von Eric Clapton zu Keiths 27. Geburtstag am 18. Dezember 1970. Nach der 72er-Tour bekam Micawber von Ted Newman Jones, Richards damaligen Guitar-Tech einen T-Top-Humbucker am Hals spendiert, Ende der 70er oder Anfang der 80er modifizierte der legendäre Alan Rogan (Guitar-Tech u.a. von Pete Townshend und George Harrison) die Tele mit einer massiven Messing-Bridge. Im Verlauf der 80er kamen dann die Sperzel-Locking-Tuner hinzu, aber wann der Fender Lap Steel Bridgepickup eingebaut wurde und der weiße Strat-Switch-Tip dem traditionellen Daka-Ware-Switch-Tip weichen musste … das weiß wahrscheinlich noch nicht mal der Herr Richards selber. Vielleicht weiß es Pierre de Beauport, Hüter sämtlicher Stones-Instrumente. Aber er wird es wohl nicht sagen, denn der Mythos Micawber wird gepflegt und „Talk is cheap“, wie wir Richards-Aficionados wissen.


UNKAPPUTBAR: KEITH & MICAWBER

Was zu der Frage führt: In Zeiten, in denen die Custom Shops von Fender und Gibson mit äußerst peniblen Kopien ikonischer Gitarren gutbetuchten Sammlern oder Fans die Penunzen aus der Tasche zocken – wie kommt es da, dass es bisher noch keine offizielle Replica von Micawber gibt? Die letzte Neuauflage von Greeny hat sich kürzlich problemlos für über 20K verhökern lassen. Ich kenne genug Stones-Fans mit Geldproblemen (sie wissen nicht, wohin damit), die mehr für eine Micawber-Kopie bezahlen würden. Warum? Weil die Aura von Mr. Rock’n’Roll einfach alles überstrahlt: Selbst wenn man nichts mit Rockmusik am Hut hat – jeder Normalsterbliche hat mal was von Keith Richards gehört. Und Micawber ist die personifizierte Keith-Tele.

Warum lässt sich Fender also ein fettes Geschäft entgehen? Ganz einfach: Keith Richards ist nicht interessiert. Der eigenwillige Künstler, um den sich viele legendäre Stories vom kompletten Blutaustausch bis zum Sniff der Asche seines Vaters ranken, braucht offensichtlich nicht noch mehr Geld und Ruhm. Und hat wahrscheinlich Besseres zu tun, als mit einem Edding 100 Zertifikate und Kopfplatten zu bekritzeln. Schließlich muss der Hund noch raus und die Enkelkinder wollen mit Werthers Echten beworfen werden. Natürlich kann man Custom-Shop-Teles mit Humbucker am Hals kaufen, aber das hat soviel Ähnlichkeit mit Micawber Wie ‘ne Pulle Keller Geister mit einer Flasche Dom Perignon. Aber Fender vermeidet aus gutem Grund allzu große Ähnlichkeiten – denn vor ca. 25 Jahren hätte man sich beinahe ordentlich die Finger verbrannt. Was war da los?


Kleidsam, diese „Tillcawber“ (Bild: Ruhland)

EINE CLEVERE IDEE?

Es begab sich zu einer Zeit, vermutlich irgendwann vor 1998, dass Micawber für einige Reparaturarbeiten im Fender Custom Shop verweilte. So weit, so gut. Doch als man die ikonische Tele bestaunte, kam den cleveren Managern des Custom Shops eine clevere Idee in den Sinn: Wir vermessen Micawber und bringen eine Kleinserie von lediglich 20 detailgetreuen Repliken heraus. Genial!

(Bild: Hoheneder)

Die glorreiche Idee hatte nur einen kleinen Haken: Natürlich haben sie Keith & Co. nicht um Erlaubnis gefragt. Als das Stones-Camp von dem Plan erfuhr, stoppte es sofort die Produktion und untersagte den frevelhaften Plan. Dumm nur, dass die 20 Teles schon fertig waren. Auf der ersten Gitarre von den 20 stand auf dem Zertifikat noch „Custom Keith Richards Tele“. Woher ich das weiß? Ganz einfach: No. 1 ist vor ein paar Monaten bei Ten Guitars verkauft worden, das Foto des Zertifikats war lesbar … auch ohne meine verdammte, ewig verlegte Lesebrille. Und No. 3 dieser sagenumwobenen Richards-Teles gehört mir! Deswegen versichere ich euch: bei No. 3 of 20 stand bereits „Custom Relic Telecaster“ auf dem CS-Zertifikat. Denn Fender fürchtete die scharfen Anwälte des Stones-Camp wie der Teufel den Weichspüler!


BRING DEN JOB ZU ENDE!

Hier könnte die Story zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Ich hatte die Gitarre ca. 2007 auf der Webseite des New Yorker Shops ‚The Music Zoo‘ entdeckt. Dort wurde sie von einem wohlmeinenden Mäzen stiekum erworben und mir überraschender Weise zum Geschenk gemacht. Kaum war die Gitarre in meinem Besitz, begann ich Nachforschungen anzustellen: In der Hals-Tonabnehmer-Fräsung ist der Stempel „KR Relic“ (heißt bestimmt nicht Kaiser Roland) zu sehen.

Lässt tief blicken: Das „KR“ in der Halspickupfräsung. (Bild: Hoheneder)

Ein genauerer Blick unter die massive Messingbrücke begeisterte mich noch mehr – die eingeprägten Buchstaben „JCQA“ belegen, dass die Gitarre unter der Ägide der späteren Custom-Shop-Master-Builder-Ikone John Cruz entstanden ist (bevor der gute Mann seinen Job bei Fender durch unmenschliche Kommentare verloren hat). Mir gefiel der Klang des Bridgepickups – ein nachträglich eingebauter Fred Stuart Blackguard-Pickup, so stand es in der Beschreibung des Music Zoos.

(Bild: Hoheneder)

Also schrieb ich nach Internet-Recherche einem Jason Allen von Virtual Vintage Guitars, der Gear von Fred Stuart in seinem Shop anbot. Natürlich fragte ich ihn auch, ob er was über die Gitarre wüsste … und in der Tat, er schrieb mir eine Mail. Dort las ich folgende Story: Meine Tele wurde von einem Kunden gekauft, der den Micawber-Job inoffiziell vollendet haben wollte. Also brachte er die Gitarre über Jason Allen zum ehemaligen Fender Custom Shop Senior-Master-Builder Fred Stuart, der Fender 2001 verlassen hatte, um seine eigenen Gitarren zu fertigen. Außerdem hatte Fred ja die Reparaturarbeiten am Original durchgeführt, als Micawber im Custom Shop war. Er kannte sie am besten und hatte u.a. die Vermessung (Specs, Spielspuren, Lack etc.) am Original durchgeführt. Noch ein Grund: Stuart wurde von seinen Custom-Shop-Kollegen „Mr. Telecaster“ genannt, wegen seines Fachwissens über diese Gitarren. Aus meiner No. 3 of 20 fertigte Herr Stuart also eine detailgetreue Relic-Version an, die Micawbers kosmetischen Zustand in den frühen 2000er-Jahren exakt widerspiegelte. Seine Unterschrift findet man auf der Rückseite des Zertifikats: Custom Relicing by Fred Stuart!

Fred Stuarts Signatur auf der Rückseite des Echtheitszertifikats (Bild: Hoheneder)

EINER GEHT NOCH!

Als ich las, dass Micawber einen alten 50s Fender Lap Steel Pickup in der Stegposition hat, wusste ich natürlich was zu tun ist! Nachdem ich ein gutes Exemplar von 1950 erstanden hatte, fuhr ich mit der Gitarre zu Andreas Kloppmann. Andreas restaurierte und wickelte den alten Lap Steel Tonabnehmer neu, wobei er fast 99,9% des originalen Vintage-Drahts verwendete. Einige Jahre später fand Kloppi durch das Studium der Bilder von Micawber in Andy Babiuks Buch „Rolling Stones Gear“ heraus, dass es sich bei dem Humbucker am Hals offensichtlich um einen T-Top Gibson-PAF-Humbucker aus den frühen 70er-Jahren handelt. Was nicht nur aufgrund der spezifischen Optik der Humbucker-Kappe Sinn ergibt, denn Richards modifizierte Micawber schließlich Ende 1972 mit einem solchen Gibson-Humbucker. Na klar, einer geht noch rein … ich kaufte also einen Gibson-T-Top-PAF aus der Zeit 1969-1971 von Andreas, damit No. 3 of 20 noch authentischer klingt. Um den Humbucker beim Zurückdrehen des Volume-Poti besser nutzbar zu machen, wurde zusätzlich ein Treble-Bleed sowie ein Vintage Aerovox-50NF-Kondensator eingelötet. All diese Modifikationen – das inoffizielle Custom-Relicing von Fred Stuart, die Vintage-Pickups, der Vintage-Kondensator und 26 Jahre Spielen machen meine No. 3 of 20 zu einer einzigartigen, authentisch klingenden Kopie von Richards Original-Miwcaber. Sie ist voller Keef-Vibes, jedes Lick, jeder Akkord über einen dicken Fender Tweed-Amp erinnert mich an legendäre Rolling-Stones-Songs. Gegen Kloppis Original 54er Tele stinkt sie auch nicht ab – besser geht’s nicht. Außer natürlich im Original. Ich bin froh, dass Richards keine offiziellen Replicas duldet. Und dass ich mit ein paar Zufällen und anderen Tone-Maniacs eine Gitarre vollenden konnte, die eigentlich nicht sein sollte. ●


Ergänzung zur Kolumne „Die Gitarre, die nicht sein sollte!“

Als ich Anfang Dezember den Text über Keith Richards’ ikonische Telecaster „Micawber“ geschrieben habe, konnte ich noch nicht ahnen, dass schon einen Monat später ein paar meiner Zeilen obsolet sein werden. Ich versuchte die Abwesenheit einer Fender Custom Shop Replica von Micawber so zu erklären: „Der eigenwillige Künstler…braucht offensichtlich nicht noch mehr Geld und Ruhm. Und hat wahrscheinlich Besseres zu tun, als mit einem Edding 100 Zertifikate und Kopfplatten zu bekritzeln.“

Tja, da habe ich wohl auf Kies gefurzt, wie man im Pott so schön sagt. Denn im Januar 2026 gibt es zwar immer noch keine schweineteure Kopie von Keiths 5-String Tele, dafür aber eine schwarze Keith Richards 1960 Gibson ES 355 Collector‘s Edition. Und wer sitzt da im Video und bekritzelt lachend mit einem Edding Gibson-Kopfplatten? Der Meister selbst, Keith Richards.

Ich war „schockiert“ und hochgradig amüsiert. Schockiert, weil es eine Gibson ist und amüsiert, eben weil es eine Gibson ist und Uncle Keef genau das macht, was meine naive Helden-Projektion zusätzlich als romantische Verklärung entlarvt. Denn natürlich haben die Stones schon immer Werbung gemacht: Für VW, Gear (Music Man, Gibson u.v.a.) Microsoft, TDK, Kellogg‘s, Tommy Hilfiger etc. – und Richards hat sogar für Louis Vuittons Edel-Köfferchen posiert.

Also runter vom Baum! Es war, ist und bleibt Business as usual. Der Rock’n’Roll ist seit den 70ern tief verwurzelt im Kapitalismus. Ich hänge doch auch mit drin. Ganz klein, aber mit drin! Einige Zeitgenossen haben meine eher selbstironisch gemeinte Empörung süffisant kommentiert: Du machst ja auch Werbung für deine Kloppmann Tillcaster-Pickups! Das stimmt, aber ich schwöre, dass ich sie nicht mit einem Edding bemale!

Fazit: Jeder, der Werbung macht, sollte sich kritisch betrachten und abwägen, für welche Produkte er stehen will. Keith Richards kann selbstverständlich machen, was er will und Werbung machen für wen er will. Moralische Empörung bzw. Wertung ist da völlig fehl am Platz. Denn jeder sollte sich fragen, ob er den Scheck vor seiner Nase mit derselben Entrüstung ausschlagen würde. Persönlich möchte ich noch sagen: Keith Richards wird immer mein musikalischer Held bleiben.

– Hamm, 14. Januar 2026


(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)

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