David „Dave“ Jordan und Florian „Fünte“ Füntmann im Interview
Long Distance Calling: Meister der langen Instrumentalbögen – jetzt mit etwas mehr ADHS?
von Franz Holtmann, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: André Stephan / Earmusic)
„Long Distel who?“ mag so manch einer immer noch fragen. Dabei ist die Band aus Münster doch schon seit 20 Jahren unterwegs und hat sich in ihrer Post-Rock-Nische mit Konzerten in ganz Europa ein treues Publikum erworben. Nach der letzten Veröffentlichung im Dezember − Konzertmitschnitt CD/BluRay ‚Live at Lichtburg‘ Essen − kommt im März nun mit ‚The Phantom Void‘ bereits das 10. Album der westfälischen Instrumental-Rocker raus. Anlass genug für uns, mit den Gitarristen der Band David „Dave“ Jordan und Florian „Fünte“ Füntmann über den Stand der Dinge zu sprechen.
INTERVIEW
Mit ‚The Phantom Void‘ bringt ihr ja bereits euer zehntes Album raus. Gab es konzeptionelle Überlegungen, wohin es mit dem neuen Album gehen könnte?
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Dave: Bevor wir anfangen, gibt es immer die Überlegung: Was wollen wir thematisch machen? Bei der letzten Platte ging es um Umweltschutz, davor war es KI und hier war klar, dass wir was mit Psycho machen wollen.
Definiert doch mal, was aus eurer Sicht die neuen Aspekte bei der aktuellen Produktion im Verhältnis zu den Vorgängern sind.
Dave: Da kann ich meine Ex-Freundin zitieren, die meinte, der ADHS-Faktor wäre bei der neuen Platte viel, viel größer als gewohnt (lacht). Fand ich total nachvollziehbar. Nichts gegen Parts die man ausspielt, das ist cool, aber es muss sich was bewegen in den Parts. Du brauchst eine Begründung, warum du die 12 Runden spielst und nicht nur zwei. Und wenn du diesen Grund nicht hast, dann spielst du eben nur zwei Runden.
Fünte: Ja, das ist jetzt alles viel gestauchter, ein bisschen schmissiger könnt man auch sagen.
Das Stereobild der Aufnahmen entspricht ja tatsächlich auch eurer Live-Positionierung, Fünte links – Dave rechts.
Dave: Ja, das stimmt, wie aus Publikumssicht.
Fünte: Wir hatten sonst oft eine Rhythmusgitarre links und noch eine rechts und die Melodie dann mittig. Jetzt haben wir eine Spur rechts und eine Spur links, auch wenn ich ein Riff spiele und er dazu eine Melodie. So ultra-stereo wie jetzt hatten wir es eigentlich noch nie.
Fünte und Dave im Studio (Bild: Franz Holtmann)
Manchmal gebt ihr auch richtig Kante, wie bei dem Song ‚Nocturnal‘. Die schmissigen Unisono-Linien sind ja gestochen scharf auf den Punkt gezogen.
Dave: Das hab ich alles eingezockt, inklusive Bass.
Fünte: Wenn da solche schnellen Riffs einzuspielen sind und das soll nicht mit Absicht unterschiedlich klingen, ey, dann soll das doch bitte einer spielen. Das wird einfach viel präziser und geht schneller. Da sind Ego-Geschichten völlig fehl am Platz.
Dave: An anderer Stelle auf der Platte spielen wir beide das Riff und das ist beides tight, aber schon mit anderem Feeling. Fünte spielt immer ein bisschen mehr laid back als ich, aber da passt es, weil es ein langsamer Song ist.
Wird ja sonst auch schnell irgendwie antiseptisch, aber ihr seid mit diesen Aufnahmen schon näher an den Live-Eindruck rangerückt.
Dave: Finden wir auch. Wir hören seit Jahren: Live ist das ja alles noch ein bisschen geiler und ich frag mich: Warum zur Hölle? Klar, dieses: Ich bin dabei, die Stimmung ist geil, der Sound ist cool – wir haben ja einen richtig geilen Mischer vorne – die Lautstärke, der Raum, das Gemeinschaftserlebnis, das alles macht ja was.
Bei früheren Alben hörte man schon, dass es eine Produktion ist, aber für dieses Album habt ihr viel geprobt und euch das Material richtig erspielt, nicht?
Dave: Ja, die Parts haben wir vorher alle gut durchgenudelt. In der Regel haben wir uns über das letzte Jahr hinweg zweimal in der Woche im Proberaum getroffen. Zwischendurch dann immer noch zuhause an den Parts weitergearbeitet. Es war anstrengend, aber es war auch Feuer dabei.
Wie kam das dann im Einzelnen zustande, wie habt ihr die Stücke erarbeitet?
Fünte: Ganz unterschiedlich, aber nicht mehr so wie bei den frühen Platten, die komplett spontan durch Jams im Proberaum entstanden sind. Jetzt laden wir einzelne Ideen hoch, schicken die rum und entscheiden dann, ob das was ist.
Dave: Wir haben eine Dropbox, da schieben alle ihre Einfälle und Parts rein. Dann wird eine Vorauswahl getroffen.
Ihr tragt also alle kleine Skizzen bei, aus denen ihr dann die Songs baut?
Dave: Bei dem Song ‚The Spiral‘ hatte ich zum Beispiel im Proberaum die Idee für diese relativ schnellen Legatomotive passend zur Basslinie, konnte die aber eigentlich noch garnicht spielen. Die anderen mussten es dann ertragen, bis ich das einigermaßen daddeln konnte.
Fünte: Wir sind ja mittlerweile so gut aufeinander eingestellt, dass man auch bei einem schlecht gespielten Lick schon hört, wie es gut gespielt klingen wird. Der Rohdiamant muss dann nur noch geschliffen werden.
Habt ihr die fertig montierten Nummern vor den Aufnahmen dann immer komplett durchgespielt?
Dave: So grob, ja! Der Weg war ja, dass immer jemand was eingebracht hat, ein Riff oder einen Groove und dann haben wir dazu zusammen was gespielt. Am Anfang haben wir das dann aufgenommen und zuhause dran weitergearbeitet, die eigenen Parts verbessert oder auch mal ausgetauscht und das so Ping-Pong-mäßig hin- und hergeschickt. Später war es dann wichtiger, uns die Songs so mit Dramakurven zu erspielen.
Was bei Aufnahmen ja nicht immer ganz leicht zu realisieren ist.
Fünte: Man steht zusammen im Proberaum, fühlt das total, es ist genauso, wie es sein soll und dann bist du im Studio, es klingt scheiße und funktioniert aus irgendwelchen Gründen nicht.
Dave: Oft entsteht daraus aber auch wieder was noch Geileres.
Fünte: Ich hab auf der Platte einige Parts mit ziemlich eigenartigen Stimmungen eingespielt, weil ich das nicht so hinbekommen habe, wie gedacht. Ich hab dann einfach eine Saite einen Halbton höher gestimmt, um die entsprechenden Licks entspannter spielen zu können. Für Live-Shows muss ich das jetzt nochmal neu lernen.
Manches kommt einem auch irgendwie bekannt vor. Erinnert das nicht an Led Zep? Am Schluss der Spiral-Nummer klingt es ja fast schon nach Bonanza!
Dave: Ich hab zu der Zeit viel Fleetwood Mac gehört, da gibt es sogar Anlehnungen an ‚Tango in the Night‘ (lacht). Ist mir auch erst nachher aufgefallen.
Fünte: Der Schlusspart ist von mir. Ich dachte, auf dieses Hoppeln da muss ich irgendwas Ennio-Morricone-haftes draufsatteln. (lachen)
Habt ihr im Prinzip daran gedacht, dass das alles auch live funktionieren muss?
Dave: Ja, das ist immer im Hinterkopf.
Fünte: Wenn die Sachen mit uns vier Spielern und den elektronischen Einspielern im Proberaum funktionieren, dann sind wir auf dem richtigen Weg.
Da ist ja jetzt deutlich mehr Bewegung in den Songs. Es gibt mitunter krasse Wechsel, etwa vom Lyrischen ins Metallische, das war doch vorher nicht so der Fall, oder?
Fünte: In den längeren Bögen war aber immer auch schon Bewegung drin, das waren auch nicht nur stumpfe Wiederholungen, die Motive haben sich stetig verändert.
Dave: Bei ‚A Secret Place‘ z.B. haben wir es geschafft, ein Riff auf 50 verschiedene Arten zu spielen, offen, dann halb geschlossen, dann als Achtel-Ding …
Das sind auch hier wieder sehr tight gespielte Linien, mit synchronen Mutes. Du hast wohl wieder beide Linien eingespielt? Das live zu realisieren wäre natürlich sensationell.
Dave: Das stimmt, da steht uns noch Arbeit bevor. Dieses Wechselspiel Hand ist frei, Hand ist gebunden und das über verschiedene Saiten, das braucht Training. Macht aber Bock!
Fünte: Ich hab den Song schon geübt und das auch sofort als schwer identifizieren können und dachte: Och nö (lacht)!
Bei euch spielen Delays eine entscheidende Rolle. Geht ihr das unterschiedlich an?
Fünte: Oh ja! Ich hab da einen ganz anderen Style als Dave, ich mach das alles immer etwas schmutziger. Während Dave die Effekte vorher immer stundenlang perfektioniert, gehe ich in den Input rein, mach irgendwas und passe den Beat, wie live auch, Tap-Tempo-mäßig an. Ich hab schon auch vorbereitete Programme, aber für mich ist das ein bisschen so ein Rock’n’Roll-Faktor, dass das jeden Abend etwas anders ist.
Dave: Ich spiele im Studio ja erstmal alles trocken ein, also ohne Effekte, da weiß ich auch schneller, wenn ich Quatsch mache und kann dann natürlich auch mit Stereo-Effekten um die Ecke kommen. Da fängt für mich der Spaß an, so faden von links nach rechts, Tiefe erzeugen und sowas.
Habt ihr für die Aufnahmen über euer Standard-Equipment gespielt?
Dave: Wir haben erstmal alle Amps und Boxen in den Raum gestellt und die Amps durch alle Boxen gejagt. Es stellte sich heraus, dass meine alte 1x12er Engl-Box mit einem Celestion G12K-100 zusammen mit seinem Soldano mit Abstand am besten klingt. Zu unseren eigenen Amps haben wir dann immer alles 1:1 mit einem Blackhole-Wretch-Amp plus Blackhole-Cab mit Alnico-Gold-Speaker gedoppelt.
Fünte: Ich hab mir diese Engl-Box dann auch direkt geholt mit dem gleichen Speaker. Früher haben wir alle Rhythmusgitarren aus Symmetriegründen mit Daves Diezel gemacht. Das war diesmal komplett anders. Alle Gitarren, die ich spiele, sind mit meinem Amp und der Engl-Box eingespielt und alle Gitarren die Dave spielt wurden mit seinem Diezel Hagen und dem „Kaninchenstall“-Selbstbau mit Vintage-30-Speaker aufgenommen. Wir haben also recht unterschiedliche Gitarren-Sounds und so wird es dann in Zukunft auch live sein.
Blackhole Wretch, Soldano Hot Rod 50 Plus, Peavey 5150, Diezel Hagen, Fractal Axe-FX Ultra und Daves Board: VoodooLab Ground Control Pro, Ernie Ball Volume, Cry Baby 535Q, Lehle Sunday Driver (Bild: Franz Holtmann)
An Gitarren spielt ihr beide ja nach wie vor verschiedene Modelle von Helliver.
Dave: Davon habe ich ja so einige, hier kam hauptsächliche die Momentum zum Einsatz. Mittlerweile weiß ich: Wenn ich dieses spiele, brauche ich jene Gitarre. Diesen cleanen Fingerpicking-Part bei ‚Nocturnal‘ etwa spiele auf der Baron. Slides spiele ich immer auf der F, weil die den richtigen Druckpunkt hat. Auf dieser Gitarre klingt das immer geiler.
Fünte: Ich hab hauptsächlich die beiden Helliver Firebugs gespielt, bei ein paar Sachen auch mal eine Squier HSS Strat oder meine Les Paul Special.
Bekommen wir auf der Release-Show am 8. April in der Essener Lichtburg dann schon das komplette neue Album zu hören?
Fünte: Ja klar! Vermutlich spielen wir dort in der ersten Hälfte das ganze ‚The Phantom Void‘-Album von vorne bis hinten mit einem Video zum ersten Song.
Danke für die Auskünfte in einer vollkommen ADHS-freien Sitzung! ●