„Ich mag die Ruhe, diese zähe Langsamkeit, die die Musik hat, das Atmen, den Raum, und dass auch mal nichts passiert.“
(Bild: Nathalie Chanal)
Mit ‚all that litter is gold‘ hat der Kölner Gitarrist und Komponist von Bands wie Voltaire, Alpentines und seit zehn Jahren Mitglied der 80er-Jahre Kultband Fischer-Z sein erstes Solo-Album veröffentlicht. Das großartige Werk ist auch als wertige Vinyl-Platte erschienen und von der Konzeption und Klangästhetik so anders als herkömmliche Gitarristen-Platten, dass wir neugierig auf die Geschichte seiner Entstehung wurden.
INTERVIEW
Wann ist denn die Idee geboren worden, eine Gitarren-Platte zu machen?
Ach, so ist sie gar nicht entstanden, im Sinne von: „Ich mache jetzt eine Platte.“ Ich habe über die Jahre einfach immer wieder Ideen gesammelt, aufgenommen, liegen lassen und dann wieder angepackt. Oft dachte ich: „Ach nee, das ist ja nichts.“ Aber manchmal habe ich doch wieder etwas darin entdeckt. So sind Schnipsel entstanden, die zum Teil jahrelang auf meinem Computer lagen, aber auch neuere Ideen waren dabei. Und dann habe ich irgendwann gedacht: So, jetzt habe ich genug Material, um mal eine Platte draus zu machen.
Dein Konzept, auf die sonst üblichen Zutaten eines typischen Gitarrenalbums, eine Rhythmusgruppe, Riffs, exzessives Solieren mit sportlichen Ambitionen, komplett zu verzichten, ist schon radikal.
Ein Grund ist sicher, dass ich alles komplett alleine eingespielt habe. Und ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Würde ich offensichtlich Blues oder Jazz oder Rock machen, würde jeder merken, dass ich das nicht richtig kann. Dadurch dass ich etwas so schwer Einzuordnendes mache, mache ich mich auch weniger angreifbar: Man kann es mögen oder nicht, aber es zu vergleichen ist schwierig.
Und parallel dazu habe ich immer schon an der Gitarre vermisst, dass der Ton stehen bleibt. Ich beneide Saxophonisten, die einen Ton halten können, der mittendrin leiser wird und dann wieder lauter. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich dieses Manko der Gitarre umgehen kann. In diesem Prozess haben sich Texturen entwickelt, Gitarrensounds, die durch den Einsatz von Effektgeräten lang klingen. So ist eine Klangsprache entstanden, die für mich keine Rhythmusgruppe braucht. Und ich mag die Ruhe, diese zähe Langsamkeit, die die Musik hat, das Atmen, den Raum, und dass auch mal nichts passiert. All das konnte ich alleine so umsetzen, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin.
Deine Frustration über die Natur des Gitarrentons, der ja mit dem Anschlag einen Peak hat und dann schnell im Nirvana verschwindet, verbindet dich mit Allan Holdsworth. Der wollte ja eigentlich Saxophon spielen, aber das Geld reichte nur für eine Gitarre. Eine interessante Parallele.
Ich komme ursprünglich von der Klarinette und vom Saxophon, die Klarinette war mein erstes Instrument. Vielleicht vermisse ich an der Gitarre die Möglichkeit, einen Ton zu halten und zu modulieren, weil ich weiß, dass das auch anders geht.
(Bild: Stephan Kwiecinski)
Wenn du Ideen aufnimmst ohne Rhythmusgruppe, brauchst du doch ein Zeitlineal. Hast du einen Click benutzt oder spielst du komplett frei ein?
Beides ist passiert. So basieren zwei der ‚movements‘ auf Loops, die frei eingespielt wurden. Die Zahlen hinter den ‚movements‘, 9, 5 und 7 stehen für die Taktarten. Ich habe die Loops durchgehört und dann entdeckt, dass die sich so zählen lassen, und so hatte ich eine Time-Referenz. Das erste Stück ‚what would begin has just begun‘ ist komplett frei eingespielt, genauso wie das letzte, ‚professional empathy‘. Bei anderen Stücken brauchte ich aber diesen durchgehenden Puls, den man beim Hören wegen der sehr langsamen Tempi aber gar nicht so wahrnimmt. Der Puls erleichtert aber das Aufnehmen.
Mit welchem Computer und welcher DAW nimmst du auf?
Mac, Logic und ein kleines Audio-Interface. Teilweise gehe ich auch mit der Gitarre direkt in den Rechner. Bei den Flächen bin ich zum Teil direkt in den Computer und habe die Effekte erst später in Logic hinzugefügt. Hier habe ich oft die Plug-in-Version des Helix benutzt.
Kannst du uns etwas über deine Instrumente und Effekte erzählen, mit denen das Album entstanden ist? Du spielst ja live bei Fischer-Z das Helix. Kam das zum Einsatz?
Beim Einspielen selbst so gut wie gar nicht. Ich habe alles mit einem umfangreichen, sich aber ständig wandelnden Pedalboard aufgenommen. Das Board habe ich für die Sounds, die ich haben wollte, immer wieder umgebaut.
Welche Pedale waren besonders wichtig?
Viele der Flächensounds sind mit dem Gamechanger-Audio-Plus-Pedal entstanden. Das Teil sieht aus wie das Pedal eines Klaviers, und wenn man das herunterdrückt, verlängert sich der gespielte Ton. Und im Effektweg kann man dann verschiedene Delays und Modulations-Pedale einschleifen. Und bei den Solo-Sounds schalte ich eigentlich immer ein Reverb vor den Verzerrer.
Üblich ist doch sonst eigentlich die umgekehrte Reihenfolge, also das Reverb nach dem Verzerrer.
Richtig, aber ich stehe auf diese Reihenfolge, weil so der Ton verlängert wird, und ich mag es, wenn der Ton nur schwer oder gar nicht kontrollierbar ist. Wenn das Reverb in den Verzerrer reinsuppt, wird der Ton dreckig, unkontrollierbar …
Anarchisch …
… ja genau! Und je nach Intensität des Reverbs kann man sehr viele unterschiedliche Facetten erzeugen. Deswegen habe ich auf meinem Board ein Reverb und ein Delay vor dem Verzerrer und ein Reverb und Delay dahinter, je nachdem, was ich gerade brauche.
Auf dem Album hört man viele Sounds, die wabern und nicht wirklich fassbar sind, sie haben etwas Unwirkliches.
Ich bin ein großer Fan von guten Gitarren-Sounds, etwa dem typischen Ton einer Stratocaster, aber all diese klassischen Sounds gibt es ja schon. Deshalb probiere ich viel rum, um etwas zu finden, wo ich mich selbst überrascht fühle. Ich habe schon so viel hervorragende Gitarrenmusik gehört, die ich aber nicht kopieren könnte und auch nicht will. Deswegen versuche ich, meinen eigenen Weg zu finden.
(Bild: Stephan Kwiecinski)
Bei einigen Passagen hört man deinen Jazz-Background. Mir ist dein ziemlich bewusster Umgang mit Modes aufgefallen. ‚detern desert‘ z.B. wechselt die Tonart von C-Dur nach Bb-Dur und Eb-Dur, verzichtet aber komplett auf Chromatik. Hast du dich im Jazz-Studium intensiver mit Modes beschäftigt? Der Klassiker ist ja, dass man z.B. mit ‚So What‘ Dorisch lernt.
Ich kenne die Modes natürlich, verwende sie aber nicht bewusst. Ich wechsle gerne zwischen Dorisch und Harmonisch Moll hin und her, wo ja ganz viele Töne nicht übereinstimmen. Ich denke aber nicht bewusst in Modes, eher in einzelnen Intervallen, deren Wirkung ich kenne und intuitiv einsetze.
Bei ‚cards & tables‘ hören wir eine wahrscheinlich auch mit dem Gamechanger Audio Plus erzeugte E-Moll-Maj7-Fläche, auch kein Akkord, den man an jeder Straßenecke hört.
Dieser Akkord gehört auch zu meinen absoluten Favoriten. Der hat eine bestimmte Tonalität, die mich kriegt. Melancholie, mit düsterer Grundierung, die aber auch eine helle Komponente hat. Kein reines Dur und kein reines Moll und ein reizvoller Wechsel von Stimmungen.
Eine Platte zu mischen, die nur aus Gitarren-Tracks besteht, ist ja auch eine ziemliche Herausforderung. Hast du das selbst gemacht?
Nein! Ein Freund von mir, Boris Rogowski, hat ein Studio hier in Köln. Schon viele Jahre war ich mit meinen Bands bei ihm und ich habe auch mit ihm in einer Band gespielt. Er hat das Album gemischt, und wir haben zusammen in einer Session die letzte Abstimmung gemacht. Manche Songs haben bis zu zwanzig Spuren, nur Gitarren, und die liegen frequenzmäßig ja nahe beieinander. Da brauchte ich einfach jemand, der das Know-How hat, um das Ganze zu sortieren.
Und ich brauchte, nachdem ich so lange in meinem Kämmerlein gesessen habe, ein zweites Paar Ohren. Die Musik hat auf jeden Fall ordentlich gewonnen dadurch. Boris hat so eine Grund-Radikalität. Er hört sofort, was ein Stück ausmacht und schmeißt erstmal alles raus, was das stört. Wenn eine Gitarre oder eine Fläche als Fundament dienen soll, hat er kein Problem damit, das Ganze zwei Oktaven herunter zu pitchen, oder ganz viel noch einzugreifen, um eine Sortierung von der Frequenz und von der Relevanz her aufzubauen.
Welche Gitarren hattest du denn am Start?
Für die Solos habe ich zwei Gitarren gespielt. Einmal eine Ibanez AM 200, eine ziemlich seltene dünne Hollowbody. Dann eine Fender Stratocaster, die allerdings aus verschiedenen preisgünstigen Teilen zusammengesetzt ist, die ich vor einigen Jahren gebraucht für 250€ gekauft habe. Mit der Gitarre war ich beim Tonehunter, einem Kölner Gitarren-Amp-Gear-Guru, der leider schon vor einiger Zeit gestorben ist. Der meinte, das Instrument sei eine der besten zehn Strats, die er je in Händen gehabt hätte.
(Bild: Marian Menge)
Dann habe ich noch eine Duesenberg-Fairytale-Lapsteel gespielt, außerdem eine Duesenberg Starplayer Special, die schon zwanzig Jahre in meinem Besitz ist. Die spiele ich quasi als Bariton-Gitarre, heruntergestimmt auf C. Mit der habe ich ‚professional empathy‘ und ‚detern desert‘ eingespielt. ●
(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)