Fender Custom Shop

Für die einen ist der Fender Custom Shop der Himmel auf Erden, für die anderen ist es nur eine Gitarrenfabrik wie (fast) jede andere auch. Letztere sind allerdings deutlich in der Minderheit, denn die meisten Musiker senken eher ehrfürchtig die Stimme, wenn sie von den Dream Machines aus dem Fender Custom Shop sprechen. Hier geht es jedoch auch um ganz praktisches wie: Wie läuft eigentlich eine Bestellung im Fender Custom Shop ab und welche Modelle werden am häufigsten geordert?

Vor ein paar Jahren trafen wir Gernold Linke vom Fender Custom Shop und sprachen mit ihm über dieses Thema: Zu viele Gerüchte und Halbwahrheiten werden in Gitarristenkreisen über den „Fender Custom Shop“ verbreitet – da bedarf es Aufklärung!

G&B: Was unterscheidet den Custom Shop von einer kleinen Gitarrenfirma?

Linke: Nichts! Außer, dass der Fender Custom Shop ziemlich erfolgreich ist.

G&B: Aber man kann doch nicht alle möglichen Gitarren-Designs ordern – oder doch?

Linke: Nein, denn dies ist ja ein Fender Custom Shop. Das heißt, dass du dir keine Fender Les Paul bestellen könntest. Aber durchaus andere wunderliche Gitarren, so lange die Fender-Identität und natürlich das Design der Fender-Kopfplatte gewahrt bleibt. In Amerika ist z. B. im Moment eine Gitarre angesagt, die aus einem gewölbten StratKorpus, einem Tele-Hals und einem DeArmond-Pickup am Steg besteht.

G&B: Das hört sich ja abenteuerlich an! In Deutschland wäre das sicherlich eine nicht so gut zu verkaufende Gitarre.

Linke: Das kann sein. Aber wir haben jetzt vom Custom Shop eine ähnlich ungewöhnliche Gitarre bauen lassen und wollen mal sehen, wie sie hier ankommt. Das ist die so genannte Strato-Tele, eine Gitarre mit Tele-Korpus, Tele-Hals und einem verkleinerten Strat-Pickguard mit drei Singlecoil-Pickups. Also, wie du siehst, ist praktisch alles möglich, solange man erkennen kann, dass es eine Fender-Gitarre ist.

Auch z. B. Semiakustik-Modelle von allen Solidbody-Designs sind machbar. Wobei Zutaten von Firmen, mit denen Fender sowieso zusammenarbeitet, auch kein Problem darstellen. Siehe Pickups von DeArmond, Seymour Duncan oder anderen, Bigsby-Vibratos, Parsons Stringbender, Hipshot D-Tuner und so weiter.

G&B: Nenn doch mal ein Beispiel für eine Bestellung, die ihr abgelehnt habt!

Linke: Neulich wollte ein Bassist einen Jazz Bass bestellen, aber das Halsprofil, der Saitenabstand und die Brücke sollten von einem Yamaha-Bass genommen werden. Das ging dann leider nicht.

G&B: Ist es auch möglich, alte Fender-Gitarren, die sich nicht mehr im Programm befinden, vom Fender Custom Shop nachbauen zu lassen?

Linke: Kein Problem; es gab z. B. letztes Jahr einen Kunden, der sich die Prodigy-Gitarre hat nachbauen lassen.

G&B: Welche Custom-Shop-Gitarren werden am häufigsten in Deutschland bestellt?

Linke: Ganz klar die Instrumente aus der so genannten Time-Machine-Serie, und da vor allem die Relic-Teile. Aber auch die Custom-Classic-Modelle sind sehr gefragt.

G&B: Dies sind dann Instrumente aus der Custom-Shop-Serienfertigung?

Linke: Richtig! Man muss unterscheiden zwischen der Serien- und der Einzelfertigung. Diese Unterscheidung wirkt sich nicht nur auf den Preis aus, sondern auch auf die Art der Produktion. Jede Serie, und ist sie auch noch so klein, wird vom Custom-Shop-Team gebaut. Da fertigt einer die Bodys, ein anderer die Hälse, ein dritter baut alles zusammen, und so weiter – dies ist also regelrechte Arbeitsteilung, wobei der beste Body-Shaper die Bodys macht, der Hals-Spezi eben die Hälse und so weiter.

Das CustomShop-Team baut auch die Limited Editions, wie z. B. unsere ’68er Telecaster Custom mit Bigsby, oder aber eine ’63er Telecaster in einer Sonderfarbe. Der Custom Shop legt strengen Wert darauf, dass eine einmal limitierte Auflage nicht noch einmal aufgelegt wird. Schade eigentlich, denn von der ’68er Telecaster Custom mit Bigsby hätten wir noch eine Menge mehr verkaufen können.

G&B: Und dann gibt es noch die Einzelbestellungen …

Linke: Ja, die so genannten Master-Built-Gitarren. Ein Beispiel von neulich: Ein Kunde bestellte über einen Händler eine ’56er Relic-Stratocaster, aber mit folgenden Besonderheiten: 12″-Griffbrettradius, Jumbo-Bünde, Zugang zum Halsstab an der Kopfplatte. Diese individuelle Gitarre wird von einem einzigen Master Builder von Anfang bis zu Ende gebaut. Der Prozess dauert länger, die Gitarre ist ein Einzelstück – und hat natürlich auch einen höheren Preis.

G&B: Wieviel solcher Einzelstücke werden denn jährlich in Deutschland bestellt?

Linke: Wir haben ca. 50 Anfragen im Jahr, von denen dann um die 20 tatsächlich realisiert werden.

G&B: Wie erklärt sich diese hohe Differenz?

Linke: Hauptsächlich durch den Preis. Viele Leute haben gute Ideen, doch wenn wir uns mit ihnen unterhalten und ermitteln, was die Umsetzung der Ideen kosten würde, verzichten sie dann doch auf ihre Traumgitarre.

G&B: Wie läuft überhaupt eine Custom-Shop-Bestellung ab?

Linke: Der Kunde setzt sich mit seinem Fender-Händler in Verbindung. Seine Vorstellungen werden erfasst und an uns zwecks Preisermittlung weiter gegeben. Da meist detaillierte Angaben fehlen, setzen wir uns mit dem Kunden direkt in Kontakt und beraten ihn ausführlich. Steht dann die konkrete Bestellung, wird in Amerika der Preis ermittelt. Wobei wir aufgrund unserer Erfahrung meistens schon recht genau im Voraus sagen können, in welchem Bereich sich der Endpreis bewegen wird. Und dann entscheidet der Kunde, ob er diese seine Custom-Shop-Gitarre haben will oder eben nicht.

G&B: Die Preise sind natürlich nichts für kleine Kinder. Was würde denn z. B. meine Lieblingsgitarre, die Telecaster „G“-Brand, aus einem älteren Fender-Katalog kosten?

Linke: Das war doch die Tele Thinline in Orange? Mit den CowboyMotiven à la Gretsch? Da haben schon einige nach gefragt (lacht). Wir haben einen Preis von ca. DM 14.500,– ausgerechnet …

G&B: 🙁 Aha. Kann man eigentlich auch Custom-Shop-Parts kaufen, also Bodys oder Hälse?

Linke: Nein, absolut nicht. Damit würde nur Unfug gemacht werden.

G&B: Du spielst auf Fälschungen an?

Linke: Ja klar. Mir ist neulich mal eine Gitarre gezeigt worden, die als ’63er Stratocaster in Lake Placid Blue für viel Geld verkauft wurde, in Wirklichkeit aber nur eine sehr gut gemachte Fälschung auf der Basis einer US-Reissue war. Mit Original-Custom-Shop-Teilen hätten es diese Herren noch einfacher.

G&B: Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Unterscheidungskriterien zwischen einem Custom-Shop-Instrument und anderen Fender-Gitarren?

Linke: Zum einen das Holz. Das ist nach strengen Gesichtspunkten selektiert, da wird nur das beste genommen, das man bekommen kann. Dann natürlich die Master-Builder, allesamt hoch qualifizierte Gitarrenbauer. Dann die Möglichkeit, auf jedes Detail Gewicht legen zu können. Da werden z. B. in der Time-Machine-Strat-Serie nicht einfach die serienmäßigen Custom-Shop- 54-Pickups genommen. Diese stellen zwar die Basis dar, werden aber für die jeweiligen Relic-, Closet- und NOS-Gitarren unterschiedlich behandelt. Das heißt, die Pickups einer Relic-Strat klingen anders – eingespielter – als die einer NOS-Strat. Und für die Tele und die Bässe der Time-Machine-Serie gilt das gleiche.

Die gesamte Produktion ist sehr detailverliebt und spiegelt den Enthusiasmus wieder, mit dem dort in dieser großen Firma immer noch Gitarren gebaut werden. Und: Soweit wir das von hier aus beurteilen können, sind das Arbeitsklima und der Team-Geist gerade im Custom Shop sehr gut. Sieh mal, da ist z. B. Abigail Ybarra. Sie arbeitet seit 1956 für Fender, hat alle Höhen und Tiefen miterlebt und wickelt nun im Custom Shop immer noch mit großer Freude ihre Tonabnehmer. Sie hat zusammen mit Jay Black die Fat- 50s-Strat-Pickups entwickelt. Fast 50 Jahre in einer Gitarrenfirma arbeiten – wer kann das schon von sich behaupten?

Autor: Heinz Rebellius

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