Ibanez

Die Marke Ibanez kann nicht nur auf eine lange spannende Geschichte zurückblicken, eine extreme Modellvielfalt aufweisen, mit großartigen Endorsern wie Steve Vai, Joe Satriani, Paul Gilbert, George Benson, Pat Metheny oder Andy Timmons werben – Ibanez hat es in den vergangenen 40 Jahren ohne Frage geschafft, sowohl eine Kultmarke als auch ein World-Player des Musik-Business zu werden.

Gitarre & Bass hat diese Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten sehr aufmerksam verfolgt, und die Ibanez-Ausgabe drückt auch unseren Respekt vor einer Menge Innovation und Originalität aus – und vor der Inspiration, die diese Instrumente für viele berühmte und unbekannte Musiker bedeutet haben.

Der Ibanez Custom Shop

Nachdem die E-Gitarrenentwicklung das tiefe Tal durchschritten hatte, das Synthie-Pop und Art-Rock in den 80er-Jahren zu verantworten hatten, stieg Ibanez mit völlig neu konzipierten, schrillen und innovativen Rockgitarren wie der Phönix aus der Asche auf und hievte sich damit an die Spitze der damaligen Rock-Gitarren-Produktion. Heft-Sammlung

Man hatte einfach das Konzept Super-Strat wohl am besten auf den Punkt gebracht, dank des tatkräftigen wie intelligenten Inputs von Steve Vai & Co. Dass die Qualität der Ibanez-Gitarren mit denen der amerikanischen Marken mithalten konnte, war den meisten Musikern da schon klar. Doch jetzt gesellte sich zu dieser besagten Qualität noch die große Innovationsfreudigkeit und das Gespür für das richtige Design, was insgesamt ein verdammt starkes Paket ergab, an dem sich alle anderen Hersteller damals die Zähne ausbissen. Kein anderer war in diesem Genre so erfolgreich wie eben Ibanez mit seinen JEM- und RG-Serien.

Made in USA

Ende der Achtziger begann Ibanez dann auch in den USA Gitarren zu bauen. Hierzu wurden Bodies und Hälse von Japan aus nach Bensalem/Pennsylvania zum Firmensitz von Hoshino USA geschickt, wo unter der Leitung von Mace Bailey und mit einer bescheidenen Ausstattung an Maschinen die ersten Made-in-USA-Gitarren fertig gestellt wurden, die den Namen Ibanez trugen. Die Abteilung, die sich bald sehr aktiv zeigen sollte, wurde Hoshino-intern als H&S Guitars bezeichnet, „the heart & soul of the Ibanez Custom Shop“. Neben Mace Bailey, der z. B. den Prototypen der JEM-Gitarre für Steve Vai baute, arbeitete auch Rich Lasner, der die Maxxas-Serie designed hat, und der sehr lange für Hoshino tätig gewesene findige Fritz Katoh eine Zeit lang bei H&S Guitars.

Natürlich war diese Abteilung von Hoshino dann auch die erste Anlaufstelle für die Musik-Stars, die von Hoshino aquiriert wurden oder die sich von selbst meldeten, weil sie Interesse an dieser neuen, starken Marke bekundeten. Obwohl man anfangs mit den von Hoshino Japan gelieferten und bei Fujigen gefertigten Parts auf existierende Ibanez-Designs festgelegt war, hinderte das die H&S-Mitarbeiter nicht, innerhalb dieser Vorgaben eigene Ideen umzusetzen. Die erste dort entwickelte Gitarre war 1988 die 540 Pro Custom, gefolgt von 540S Saber, 540P Power und der 540R Radius, aus der sich später die Joe-Satriani-Instrumente entwickeln sollten. Die Produktpalette wurde ständig größer, und bald entwickelte sich aus der Pro-Custom- die USA-Custom-Serie, deren Modelle in vielen Spezifikationen individuell zu ordern waren.

Die offiziell als erste komplett von Hand in Amerika gebauten Ibanez-Gitarren waren die der American-Master-Serie, die Mitte 1989 auf den Markt kamen. Diese waren nicht in Bensalem bei H&S Guitars, sondern von dem Gitarrenbauer Roger Gresco in Kalifornien hergestellt worden. Es gab zwei Modelle: die deckend lackierte MA2, sowie die MA3 mit einer Ahorndecke und transparenter Lackierung. Beiden war die innovative Halsbefestigung gemeinsam, bei der Hals regelrecht in den Korpus eingelegt wurde und wie eine Neck-thru-Konstruktion wirkte. Allerdings konnte Gresco in seiner Werkstatt längst nicht so viel produzieren, wie es Nachfragen gab, und außerdem ließ die Qualität der Lackierungen zu wünschen übrig, weil im Gegensatz zu Japan in Kalifornien strenge Umweltbestimmungen bestimmte Lackierarbeiten unmöglich machten oder zumindest erschwerten.

Die USA-Custom- und American-Master Modelle waren bislang nur für amerikanische Kunden erhältlich gewesen, aber schon bald war der Custom Shop auch für weltweit eingehende Bestellungen bereit. Weiterhin wurden die einzelnen Parts aus Japan geliefert und die Gitarre in USA fertig gebaut. Allerdings waren die Holzteile in einem eher halbfertigen Zustand, nicht lackiert und der Body hatte nur eine Humbucker-Fräsung für den Steg-Tonabnehmer – alle anderen Fräsungen, die Bestückung mit Hardware und Elektronik und nicht zuletzt die Lackierungen wurden dann von H&S Guitars in Bensalem nach Kundenwunsch erledigt. Außerdem konnte aus vielen Optionen für den Hals die passenden ausgewählt werden: Griffbrettmaterial, Einlagen, Einfassung und normale oder reversed Kopfplatte.

Aufsehen erregte die USA Custom-Graphic-Serie (UCGR), die mehrere Künstler und Künstlerinnen gestaltet hatten, darunter die Malerin und Tattoo-Artistin Pamelina, die später noch unzählige Gitarren des Fender-Custom-Shops verschönern sollte. Die Prototypen und angeblich der erste Teil der Serie waren handbemalt, die Serien-Gitarren mit einer entsprechend aussehenden Folie beklebt und überlackiert. Mehr als 40 verschiedene, abgefahrene Designs wurden angeboten. Im Jahr 1991 wurde dann die spektakuläre UCMD-Metal-Design-Gitarren vorgestellt, deren Bodies mit einem dünnen Textil bezogen und dann überlackiert worden waren.

Kalifornien

Zu diesem Zeitpunkt wirkte H&S Guitars schon nicht mehr von Bensalem, sondern war bereits mit Sack und Pack an die Westküste gezogen. Gleichzeitig wurde H&S in zwei Bereiche aufgeteilt, die auch räumlich getrennt arbeiteten. Einer war nur für die Betreuung der stündlich zahlreicher werdenden Ibanez-Endorser da und siedelte sich in der Case Avenue in North Hollywood an, der andere fertigte mit insgesamt 12 bis 15 Mitarbeitern weiterhin die USA-Custom-Gitarren für die Normalsterblichen an – 10 Blocks weiter nördlich. Hier entstand mit der Exotic-Wood-Reihe (UCEW) eine weitere spektakuläre Ibanez-Gitarren-Serie, made in USA, für die man zumindest teilweise Hölzer aus Kalifornien bezog – von Tak Hosono, eine der Gründerfirmen von ESP.

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Oliver Pfänder, Archiv
1991: UCGR10 Ice World Dan Lawrence 1

1990 kamen nur Bodies und 1992 auch die Hälse zu den UCEW-Serien von dort. Zwischen der ersten (1990/91) und der zweiten Exotic-Serie (1992) gibt es einige Unterschiede: Bei der ersten Serie konnte man unter verschiedenen Deckenhölzern und TonabnehmerBestückungen auswählen sowie einen Hals seiner Wahl bestellen. Die Decke war dabei fast so dick wie der Korpus. Ab 1992 gab es nur noch zwei Optionen: wahlweise geflammtes oder gewölktes Ahorn für die nun deutlich dünnere Decke sowie eine Auswahl aus vier vorgegebenen Farben. Alles weitere war festgelegt, inklusive des Halstyps (Vogelaugenahorn mit Palisandergriffbrett), der Tonabnehmer-Bestückung (DiMarzio HSH) und der Vibrato-Einheit (Lo-Pro Edge in cosmo black).

Eine weitere neue Serie wurde American Master genannt; sie brachte erstmals Ibanez-USA-Gitarren und -Bässe mit durchgehendem Hals, deren Holz-Parts von der kalifornischen Firma Wildwood stammten. Und dann – man schrieb das Jahr 1992 – rief Hoshino das neue Label Starfield ins Leben, um dessen Umsetzung sich ebenfalls H&S kümmerte. (Mehr dazu in der entsprechenden Vintage-Kolumne in dieser Ausgabe.) Im Ibanez-Endorser-Custom-Shop in der Case Avenue arbeiten hauptsächlich zwei Gitarrenbauer, Michael Lipe und Mace Bailey, sowie der für die Artist Relations zuständige Chris Kelly. Hier wurden nur Instrumente für die Ibanez-Spieler gebaut, keins davon ging in den normalen Handel oder an gewöhnliche Musiker. In diesem Custom Shop bauten die Gitarrenbauer die Instrumente komplett aus dem Rohholz, verwendeten also keine vorgefertigten Teile.

Außerdem waren sie für die Wartung und eventuelle Modifikation der Künstler-Gitarren zuständig. Nebenbei sollten sie auch noch R&D, also die Entwicklung neuer Design-Ideen, leisten. So entwickelten und bauten sie etliche Prototypen für neue Ibanez-Serien, auch für die junge Marke Starfield. Es wurde von jedem Gitarrenbauer erwartet, dass er mindestens fünf Custom-Gitarren pro Monat baute, was bei all den zusätzlichen Aufgaben schnell in Stress ausarten konnte. Beide Ibanez-Custom-Shops in Kalifornien waren selbstständige, unabhängige Betriebe. H&S-Guitars wurde von Hoshino USA bezahlt, während der Endorser-Shop bei Hoshino Japan in Lohn stand. Es wird auch berichtet, dass H&S einmal die Räumlichkeiten des Endorser-Shops in der Case Ave. für spezielle Lackierarbeiten mietete, weil die Gitarrenbauer dort mehr Erfahrung im Lackieren hatten.

Chris Kelly, der Artist-Relation-Mann, stellte den Kontakt zu den Musikern her und versuchte sie an Ibanez zu binden. Die Endorser wurden in drei Kategorien eingeteilt: Die AEndorser bekamen drei bis vier Gitarren jährlich in jeder beliebigen Form und Ausstattung, solange die Ibanez-Kopfplattenform gewahrt blieb. Die B-Endorser konnten sich über zwei Gitarren pro Jahr freuen und hatten ebenfalls bis auf die Kopfplatte die freie Wahl. Die C-Endorser bekamen pro Jahr eine bereits fertige Gitarre aus dem Lager, bei der lediglich Wünsche bezüglich der Pickup-Bestückung geäußert werden durften.

The End

Doch sowohl Starfield als auch die Superstrats made in USA gerieten mit dem Aufkommen von Grunge und dem Retro-orientierten Gitarrengeschmack in eine Krise, die dazu führte, dass H&S Guitars um 1994 herum geschlossen wurde. Lediglich der für die Ibanez-Endorser zuständige Shop blieb am Leben und existiert heute noch, allerdings in einer kleineren Werkstatt in North Hollywood. Doch zur gleichen Zeit vermeldete Hoshino USA in Bensalem eine erneute Zusammenarbeit mit einem amerikanischen Hersteller – Dave Bunker mit seiner Firma PBC, in Coopersburg/Pennsylvania ansässig, baute für Hoshino nun die USRG-Serie, deren Instrumente mit einem innovativen, sogenannten Tension-free-Halssystem ausgestattet waren, bei dem die Saitenspannung komplett vom Stahlstab übernommen wird, damit der Hals frei resonieren kann. (www.bunker-guitars.com).

PBC baute die Gitarren von Grund auf selbst, nur die Pickups und die Hardware wurde angeliefert. Etwa drei Jahre lang, von 1993 bis 1996, dauerte die Zusammenarbeit. Die USRG-Serie erschien in drei verschiedenen Ausstattungsvarianten und mehrere tausend Gitarren (!) sind so entstanden – sowie auch die ersten Bässe der ATK-Serie, die ebenfalls mit diesem speziellen Hals ausgestattet waren. Die Gitarren der USRG-Serie sind denn auch die letzten der in USA gebauten IbanezGitarren gewesen. Genau wie ihre Vorläufer genießen auch sie in der Ibanez-Szene einen ausgezeichneten Ruf.

Big in Japan

Ab 1997 trat dann der japanische J.-Custom-Shop auf den Plan und stellte seine Serien vor – ebenfalls hochklassige Gitarren in limitierten Stückzahlen und besonderen Ausführungen, die vor allem auf die Kundschaft in Japan ausgerichtet waren. Kaum mehr als eine Handvoll Modelle des J-Custom-Shop kamen bisher in den westlichen Handel, sehr zum Bedauern vieler Ibanez-Fans. Im Internet kursiert sogar seit Mitte 2008 eine öffentliche Petition, mit der man Hoshino Gakki überzeugen möchte, wieder einen Ibanez Custom Shop USA zu installieren, der auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wer der gleichen Meinung ist, der gehe zu dieser Seite: www.gopetition.co.uk/petitions/ ibanez-custom-shop.html. Die Petition kann durchaus noch Unterstützung gebrauchen, ich war erst der Hundertzwölfte, der sie unterschrieben hat … Solange Hoshino dieser Petition noch kein Gehör schenkt, muss sich der geneigte Ibanez-Fan weiterhin auf dem Second-HandMarkt nach einer USA-Custom-Gitarre umschauen.

J-Custom
Oliver Pfänder, Archiv
Born in Japan: J. Custom ART-1 von 1997

Dank Internet ist der klare Standortnachteil, den in diesem Fall wir Europäer haben, nicht mehr so groß wie vor ein paar Jahren – aber es ist schon so, dass mit Abstand die meisten US-Customs natürlich in USA angeboten werden. Wobei die Preise hier bei uns, wenn denn mal eine der Amerikanerinnen hier auftaucht, tendenziell günstiger sind als in den Staaten. Je nach Modell und Zustand wird man zwischen € 600 und € 1000 inkl. Originalkoffer zahlen müssen. In den USA wird man nur selten eine unter $ 800 (Plus Zoll und Fracht) bekommen. Die günstigsten sind wohl die UCMD Metal-Design-Modelle, die UCGR Graphics liegen bereits im Bereich von $ 800 bis $ 1100, wobei man hier sehr große Unterschiede je nach verwendetem GraphikMotiv und Konstruktion (Einlagen, Pickups, Hardware etc.) vorfindet.

Es gibt einige sehr gefragte Grafiken wie z. B. „Cosmic Swirl“, aber auch reichlich eher normale Finishes, die keinen Fan mehr in Wallung versetzen. Beliebter sind da die USRG-Modelle mit ihrem „tension free neck“. Sie bringen locker vierstellige Summen von $ 1100 bis $ 1400, während die seltenen American Masters sogar höher als $ 1500 gehandelt werden. Auf die Frage, welche der US-Custom-Serien am besten sind, antwortete mir Oliver Pfänder, ein Ibanez-Sammler, der mir dankenswerterweise mehr als eine Handvoll Infos zu den US-Custom-Modellen zusteckte: „Man muss ganz klar sagen, dass die UCGR Graphic- und die frühen 1990/1991er UCEW Exotic-Wood-Serien in Sachen Verarbeitung nicht auf einem Niveau mit den hochwertigen Ibanez-Serienmodellen jener Zeit à la RG770 oder JEM lagen.

Insbesondere die Holz-Parts, die aus Japan gekommen waren, passten oftmals nicht perfekt zueinander. Z. B. waren die Halstaschen recht großzügig gefräst. Ganz anders sieht’s bei den späteren UCEW Exotic Woods von 1992 aus. Das waren komplett in USA handgemachte Kleinseriengitarren von Hosono Guitarworks und kommen daher wie aus einem Guss, die – um beim obigen Beispiel zu bleiben – keinerlei Spiel in der Halstasche aufweisen, sanft und händisch verrundete Halsübergänge haben und durch eine exquisite Holzauswahl überzeugen. Eine ähnlich hohe Qualität erreichten auch die USRGs aus dem Hause Bunker Guitars mit ihrem tension free neck – nur hat Dave Bunker bei einigen Lackierungen etwas Pech gehabt, deren Pigmente sich im Lauf der Zeit stark verfärben, z. B. transparent purple, das im Lauf der Jahre gern in Richtung capuccino brown abdriftet.

Den heiligen Gral in Sachen Verarbeitung und Exklusivität sollen jedoch die allerersten American-Master-Modelle aus der Werkstatt von Roger Gresco darstellen, allerdings fehlt mir da die Erfahrung und ich bin bei solchen Grals-Mythen von Natur auch immer etwas skeptisch. Nur weil es davon wenige Exemplare gibt, heißt das noch lange nicht, dass die auch automatisch sehr gut sind.“

Übersicht

Alle USA-Custom-Gitarren hatten die lange Mensur (648 mm) und die Bundanzahl (24) gemeinsam, ebenso die Tatsache, dass kein Schlagbrett verwendet wurde. Die Pickups saßen meist direkt im Holz und die Elektronik wurde in rückwärtige Fräsungen installiert. Bis auf die USRG-Serie konnten alle Instrumente nach Wunsch konfiguriert werden, was Holzauszahl, Hardware- und Pickup-Ausstattung sowie verschiedene HalsOptionen wie Griffbrettmaterial, Einlagen, Einfassung und „reversed“ Kopfplatte. Die hier in der Tabelle aufgeführten Beispiele stellen die Standard-Modelle der jeweiligen Serien dar – so wie sie z. B. in die Läden ausgeliefert worden sind, wenn diese keine individuellen Kundenbestellungen vorliegen hatten.

Übersicht

Autor: Heinz Rebellius

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