Produkt: Marshall Sonderausgabe
Marshall Sonderausgabe
Das GITARRE & BASS MARSHALL SPECIAL mit Amp-Tests, Vintage-Guide und einem Interview mit dem legendären Father of Loud, Jim Marshall.
Workshop

Hot Rod Mod: Marshall DSL 15 – Änderung der Gainstruktur

Ich habe in der letzten Folge bereits begeistert von meinem neuen Spielzeug, einem Marshall DSL 15H berichtet. Der Kraftzwerg hat sich mittlerweile seine ersten Sporen verdient und schon ein paar Einsätze im Proberaum mit Bravour bestanden. Der Einbau des schmerzlich vermissten FX-Loops hat den kleinen DSL mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für meinen JCM 2000 DSL 100 gemacht.

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Und angesichts der kompakten Maße und des rückenfreundlichen Gewichts wird wohl das nächste Mal der Mini-Marshall mit auf die Bühne dürfen. Zumal der Klinikaufenthalt beim Amp-Techniker meines Vertrauens auch gleich die klangliche Einschränkung beseitigt hat, über die ich das letzte Mal noch geklagt habe.

Der Rotstift der Marshall-Designer hatte nämlich an einer Stelle angesetzt, die ich für ziemlich unglücklich erachte: Für den kleinen DSL15 wurden die Umschaltmöglichkeiten der beiden Kanäle wegrationalisiert. Soweit OK – irgendwo muss ja angesichts des geringeren Preises auch eingespart werden. Insbesondere, wenn man noch einen Abstand zu den beiden größeren Brüdern, dem DSL 40 und dem DSL 100, darstellen will.

Die bieten nämlich für jeden Kanal noch zwei verschiedene Soundpresets: Der Classic-Gain-Kanal kann als Clean oder als Crunch eingestellt werden; der Ultra-Gain-Kanal bietet die Wahl zwischen einem luftigeren Gain 1 und einem stärker verzerrten Gain 2. Der DSL 15 begnügt sich mit je einem Sound pro Kanal. Während ich mit dem Clean-Sound des Classic-Gain-Kanals ganz gut leben kann, ist die Entscheidung für die Gain-2-Variante im Ultra-Gain-Kanal für mich leider die falsche Wahl. Die komprimierte und viel zu heftige Verzerrung gefällt mir nicht so gut. Das hat mir zu wenig mit dem zu tun, was ich unter einem Marshall-Sound verstehe.

Der bekannte und begehrte Crunch-Sound kam beim DSL 15 völlig unter die Räder, weil weder der Classic-Gain-Kanal die Crunch-Option anbietet, noch der Gain-2-Sound des Ultra-Gain-Kanals weit genug gebändigt werden kann. Also, zumindest ich bin eindeutig ein Gain-1-Typ und hätte lieber den weniger verzerrten offeneren Sound.

Zudem ist die Abstimmung der beiden Kanäle beim DSL 15 meines Erachtens nicht optimal gelungen. Der Ultra-Gain-Kanal ist mir im Vergleich zum Classic-Gain-Kanal zu dumpf. Mit der gemeinsamen Klangregelung finde ich hier keinen vernünftigen Kompromiss. Daraus ergeben sich für mich zwei Arbeitsaufträge, die ich meinem Amp-Techniker neben dem Einbau des FX-Loops noch mitgegeben habe: Einmal hätte ich gerne den aus meinem DSL 100 bekannten luftigeren Gain-1-Sound und zweitens soll der Ultra-Gain-Kanal auch bitte etwas höhenreicher abgestimmt werden.

Der vom Rotstift betroffene Mini-Marshall jetzt auch mit FX-Loop

Noch kurz zur Klärung der Frage, warum ich das nicht selbst mache, sondern damit zum Amp-Techniker gehe. Ganz einfach: weil das Arbeiten an Röhrenverstärkern deutlich gefährlicher ist, als das Basteln an Effektgeräten. Röhrenverstärker arbeiten mit Spannungen bis zu 400 Volt Gleichstrom (!). Das sind ernstzunehmende, weil lebensgefährliche Spannungen. Wer nicht 100% genau weiß, was er tut oder ggf. nicht über die notwendigen Geräte verfügt, ist gut beraten, sich bei Arbeiten an Röhrenverstärkern an einen Profi zu wenden.

EIN BLICK AUF DEN GROSSEN BRUDER

Es ist ja kein Geheimnis, dass heute eine Vielzahl von verschiedenen Produkten aus Kostengründen oft mit gemeinsamen Baugruppen ausgestattet werden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die beiden Marshall-Produkte DSL 15 und DSL 40 ziemlich ähnlich aufgebaut sind. Da der DSL 40 über den von mir vermissten Gain-1-Sound im Ultra-Gain-Kanal verfügt, hilft ein Blick in die Schaltpläne der beiden Verstärker, um zu prüfen, wie der klangliche Unterschiede der beiden Sounds technisch realisiert wird.

Der Platz für den Widerstand R82 ist herstellerseitig nicht verbaut. Hier kommt ein 150-k-Widerstand hin.

Es scheint überraschend einfach: Es sind gerade mal drei Bauteile, die den Lead-1- vom Lead-2-Sound unterscheiden. Im Lead-2-Preset verzichtet der Marshall auf den Widerstand R82, im Lead-1-Preset gehört hier ein 150 k-Widerstand hin. Zudem sind dann noch die Widerstände R 22 (10 k) und R34 (10 M) im Lead-1-Kanal aktiv, die im Lead-2- Kanal fehlen. Das Ergänzen der drei Widerstände genügt also, um aus dem ungeliebten Lead-2- den vermissten Lead-1-Sound zu machen.

Der Elko C34 bekommt einen 10-k-Widerstand in Reihe.

Der Platz von R82 ist auf der Platine vorhanden, aber leer, also nicht bestückt. Hier könnte man den fehlenden Widerstand einfach einlöten. Für R22 ist aber kein Platz auf der Platine vorgesehen. Stattdessen ist der Kondensator C34 (1 uF) direkt auf der Platine platziert. Der muss also raus, damit man R22 noch in Serie dazuschalten kann. Gleiches gilt für R34. Auch hier sitzt der Kondensator C75 (470 pF) direkt auf der Platine und muss raus, wenn man R34 in Reihe dazuschalten will.

Die Kondensatoren C75 und C76 sitzen am Gain-Poti

Blöd ist halt nur, dass das Arbeiten an der durchkontaktierten Platine ziemlich aufwändig ist. Ein Auslöten der Bauteile bei eingebauter Platine, also nur von oben, wird kaum erfolgreich sein. Daher muss alles demontiert werden, bis man auch an die Unterseite der Platine kommt. Das kann dann schon etwas dauern, bis alle Potis, Buchsen, Kabel und Hilfsplatinen raus sind.

Gut beraten ist, wer mit Ruhe und Bedacht vorgeht und die demontierten Teile eindeutig markiert, damit später auch wieder alles an die richtige Stelle kommt. Und selbst nach diesem Aufwand hat man noch zu kämpfen, weil die durchkontaktierte Platine die verlöteten Bauteile von oben und von unten festhält. Wer keinen Entlötkolben zur Verfügung hat, muss halt mit Entlötlitze und Entlötpumpe versuchen, dass die Platine die zwei Kondensatoren freigibt, damit die beiden Widerstände in Reihe zu den Kondensatoren geschaltet werden können.

Theoretisch könnte man die Änderung auch schaltbar machen, so dass man beide Sounds zur Verfügung hat. Angesichts der Tatsache, dass ich den Gain-2-Sound meines DSL 100 aber noch nie benutzt habe, verzichte ich gerne auf den zusätzlichen Aufwand.

Der dicke rechteckige braune Klotz ist ein 10-M-Widerstand.

GO TREBLE GO!

So, nun noch der zweite Wunsch: Die Anpassung der Treble-Abstimmung der beiden Kanäle. Verantwortlich für die Höhenanteile im Grundsound sind die Kondensatoren, die man auf der Platine direkt an den Gain- und Volume-Potis der beiden Kanäle findet. Der „Bright-Cap“ für den Ultra-Gain-Kanal hat die Bezeichnung C76 und den Wert 470 pF. Wenn man den Wert reduziert, wird der Klang höhenreicher. Mein Techniker hat den Bright Cap auf 220 pF geändert. Das genügt mir auch, da ich im Zerrsound eh lieber weniger Höhen habe. Ansonsten wären aber auch Werte bis zu 120 pF möglich, um den Ultra-Gain-Kanal zu „entmumpfen“.

Ganz schön viele Bauteile – da kann bereits das Identifizieren der relevanten vier Kondensatoren etwas länger dauern.

Last but not least checkt der Techniker gewohnheitsmäßig auch noch die Röhren durch, was sich auch diesmal wieder als eine gute Idee erweist. Denn der Bias war mit lediglich 18 mA werksseitig am unteren Ende der Empfehlung eingestellt. Bei einer Anodenspannung von 400 Volt werden für 6V6- Endröhren 18-24 mA Ruhestrom empfohlen. Durch die Anhebung auf 22 mA legt der DSL klanglich nochmal einen Tick zu. Und so ganz nebenbei bekommt der Powerzwerg auch noch ein beifälliges Nicken des Technikers, der sich daran erfreut, dass der DSL für jede Röhre einen eigenen Messpunkt und ein eigenes Poti hat. Daran hat Marshall zumindest nicht gespart. Gut so!

Fertig: FX-Loop und Gain-Mod machen den DSL 15 zu meinem neuen Favoriten.

 

Schaltplanausschnitt des DSL 15: An den Kondensatoren C34 (1 uF) und C75 (470 pF) fehlen die in Reihe geschalteten Widerstände. R82 ist als „not fitted“ markiert.

 

Schaltplanausschnitt des DSL 40: Hier heißen die relevanten Bauteile anders. C75 ist hier C20 und liegt mit R34 (10 M) in Reihe. C34 heißt hier C13 und liegt mit R22 (10 k) in Reihe. R82 ist hier R32 (150 k)

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2021)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Die Lötstellen an R40 und R82 im Bild sehen nicht gerade vertrauenerweckend aus, und man sollte wenigstens die vom nachträglichen Löten noch vorhandenen Flußmittelreste von der Leiterplatte entfernen, bevor man ein Foto veröffentlicht. Das läßt auf unsorgfältige Arbeit unter Zeitdruck schließen und sollte bei jedweder Technik für einen Bühneneinsatz unbedingt vermieden werden. Nichts ist schlimmer als Pannen bei Liveeinsätzen , die durch kalte Lötstellen verursacht werden und den Musiker wegen sporadisch auftretender Macken schier zur Verzweiflung bringen.

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  2. Irgendwie ist das schon seltsam, wenn man den Verstärker einerseits wegen seines geringen Preises lobt und anschließend aufwändige Umbauarbeiten vom Fachmenschen vornehmen lässt, die sicher sehr teuer sind. Musiker sind halt komische Nerds, denen der “Sound” den sie suchen wichtiger ist, als alles andere. Trotzdem oder gerade deswegen sehr sympathisch!

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  3. Ich habe mich auch gerade gefragt, ob man nicht gleich einen passenderen Verstärker kaufen sollte. Was wären mögliche Alternativen in ähnlichem Preissegment? (Kosten Verstärker + Umbau). Ich hatte den teureren Vorgänger DSL20. Mir wurde gesagt, dass er bessere und höherwertige Bauteile hat als der 15er. Ob er den Klang vom Lead 1 oder 2 hatte, kann ich nicht beurteilen. Ich konnte ihn jedenfalls gut verkaufen. (Umstieg auf Fender Hot Rod)

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