
Greetings and salutations, my dearest Guitar Friends! Na, was geht ab bei euch? 47 Episoden Blues Bootcamp – wer hätte es je gedacht? Das war auch für mich eine wirklich sehr lehrreiche Zeit. Danke für euer anhaltendes Interesse an diesem Thema.
So … und was kommt jetzt? In den vergangenen fast vier Jahren habe ich mich ja nicht nur ausschließlich um traditionelle Aspekte der Blues-Gitarre gekümmert, sondern auch viele Bereiche anderer Stilistiken berührt: Jazz, Country, Fusion, Rock … Ich mag diese Stile alle sehr, und für mich gibt es ehrlich gesagt diese Trennung zwischen den Genres gar nicht so wirklich. Es gibt für mich nur drei Akkordtypen (Dur, Moll und Dominant), 12 unterschiedliche Töne, und der Rest ist eine Frage der Situation, der Artikulation und vielleicht des Strebens nach historischer Echtheit.
Für die Guitar Files habe ich mir vorgenommen, die Palette an Themen noch viel weiter und vielfältiger zu gestalten als bislang. Was wird es geben? Technik, Improvisations- und Akkordkonzepte, Übungsstrategien, Aktuelles und Gedanken von mir zum Thema Gitarre spielen. Chronologisch nicht geordnet und garantiert auch recht sprunghaft. Leichtes und Anspruchsvolles.
Womit fangen wir an, bei so einem bunten Strauß an möglichen Themen? In vielen meiner Bücher, Guitar Camps und anderen Unterrichtssituationen starte ich eigentlich immer mit demselben Thema: Die Töne auf dem Griffbrett. Ein echter Horror für viele. Vollkommen unnötigerweise. Den meisten ist vielleicht auch die Strategie nicht klar, wie man diese Herausforderung in vergleichsweise kurzer Zeit ein für alle Mal bewältigen kann. Falls dies der Fall sein sollte, könnte sich das zeitnah ändern.
Warum ist es eigentlich so wichtig, die Töne auf dem Griffbrett zu kennen? Wir Gitarrenspielenden leben ja in einem brutal komfortablen Zustand, dass wir Dinge theoretisch sofort, in jeder Tonart spielen können − oder können müssten. Kann man irgendetwas spielen (Lick, Tonleiter, Arpeggio etc.), brauchen wir es ja einfach nur in eine andere Region des Griffbretts zu verschieben, um eine neue, gewünschte Tonart zu erreichen.
Und das funktioniert, ohne jegliches Wissen, welche Töne in der neuen Tonart zu spielen sind. Wir können einfach einen Bewegungsablauf in einen anderen Bereich verschieben, und − fertig. Yay … Was für ein Glück. Warum können müssten? Naja … meiner Erfahrung nach machen das leider viele Player dann doch nicht, sondern bleiben bei den paar typischen Tonarten hängen und bekommen Puls, wenn es mal in unvertraute Tonarten geht. Auf so gut wie jedem anderen Instrument gibt es den oben genannten Komfort nicht.
Egal, ob Bläser oder Tasteninstrumente, die Kollegen müssen halt schon genau wissen, welche Töne sie spielen müssen, und können sich nicht auf das mechanische Verschieben eines Bewegungsablaufs verlassen. Das zieht mit sich, dass sie in den ersten Phasen ihres Spielerlebens bei weitem nicht so tonartsicher sind wie Gitarristen.
Irgendwann dreht sich die Sache allerdings, und während wir immer noch an unseren Bewegungsabläufen und Licks kleben, fängt es an, dass sich die Situation verändert, und das Spiel der Kollegen sehr viel freier und meist auch kreativer wird. Das verursacht berechtigterweise Neid.
Darüber hinaus gehend erklärt sich mit diesem Grundwissen das Griffbrett nochmal einfacher, man hat mehr Zugriff auf Gestaltungsmöglichkeiten und hey − ehrlich? Es gibt keinen vernünftigen Grund DAGEGEN, sich dieses Wissen anzueignen. Außer vielleicht Desinteresse und Faulheit.
OKAY – LET’S DO IT!
Eine meiner Top-5-Übungen, die ich entdeckt und kultiviert habe, ist das, was ich immer NOTE LOCATION nenne. Sie nutzt zuerst die Möglichkeit, sich Dinge grafisch auf der Gitarre zu erschließen, um diese dann doch recht zügig wieder zu verlassen.
Neben dem Effekt, dass man durch sie überraschend schnell zum Ergebnis kommt, ist sie eine hervorragende Aufwärmübung, und sie kultiviert das, was ich gerne Umschaltspiel nenne: den Wechsel von Perspektiven auf der Gitarre. Diese Übung erhöht die Denkgeschwindigkeit und die gedankliche Flexibilität auf der Gitarre enorm.
Wie gesagt − eine meiner besten Übungen überhaupt!
Die eigentlich einzige Voraussetzung für sie ist, dass man die Reihenfolge der Noten, besonders auf der E- und A-Saite, beherrscht, was den meisten durch Powerchords etc. vielleicht schon bekannt sein dürfte. Falls noch nicht: In der Tabulatur zu den Griffbrettdiagrammen, in Beispiel 1 und 2, sind jeweils die Töne auf der tiefen E- und A-Saite notiert. Diese Notenfolge musst du einfach auswendig lernen, denn mit ihr und mit Hilfe der beiden Dreiecke kannst du nun Schritt für Schritt leicht alle Töne auf dem Griffbrett finden!
THIS IS HOW YOU DO IT

Wie geht das genau? Zum Beispiel der Ton F: Man legt einfach nur die beiden Dreiecke, ausgehend jeweils von der E- bzw. der A-Saite, auf dem Ton F an. (Nochmals Beispiel 1 und 2). Jedes der beiden Dreiecke deckt dadurch drei Saiten ab. Sie sind verschiebbar auf andere Töne. Du hast an diesem Punkt alle Fs auf den ersten 12 Bünden gefunden, denn es gibt ja jeden Ton auf jeder Saite nur ein einziges Mal. Ich sage das an dieser Stelle ganz bewusst, weil dies vor allen Dingen Anfängern nicht zwangsläufig klar sein muss.
Nummeriere nun alle Fs durch, löse dich von den Stützrädern der beiden Dreiecke und merke dir sehr genau ihren Ort auf der Gitarre. Es hilft übrigens auch enorm, dies mit der Stimme zu unterstützen („E1, A8, D3, G10, H6, E1″). Lass dir Zeit dabei. (Beispiel 3).
So sieht der nächste Schritt aus: Drum-Computer oder Metronom auf 60 bpm, und dann die Töne der Reihe nach von tief nach hoch und zurück in ganzen Noten spielen. Das bedeutet, dass du für das Finden der nächsten Note ganze vier Sekunden Zeit hast. Das ist recht lang. Diese Zeit solltest du unbedingt so nutzen, dass du, sobald die erste Note gespielt ist, sofort die Note auf der nächsten Saite ins Visier nimmst.
Dadurch lernst du, zu spielen und gleichzeitig weiterzudenken − ein Vorgang, der beim Musikmachen omnipräsent ist. Wenn du ein paar Durchgänge fehlerfrei gespielt hast, erhöhst du die Geschwindigkeit, spielst halbe Noten und hast in diesem Moment nur noch zwei Sekunden Zeit, um die nächste Note zu finden.
Schritt 3: Wenn du wieder ein paar Durchgänge fehlerfrei gespielt hast, erhöhst du die Geschwindigkeit, spielst Viertelnoten und hast in diesem Moment nur noch eine Sekunde Zeit zum Finden der nächsten Note. Da muss man sich schon etwas stärker konzentrieren und schnell denken. Lass dir ruhig ein bisschen Zeit, es geht NICHT darum, dass du dir die Töne schnell merkst, sondern dass sie nachhaltig bei dir bleiben.
Schritt 4: Immer noch Tempo 60 bpm, aber nun das Ganze mal als Achtelnoten. Schnell, oder? In Beispiel 4 findest du den oben genannten Prozess aufnotiert.

Hier sind noch ein paar Gedanken und Spielregeln dazu:
- Es werden keine Töne jenseits des 12. Bundes gespielt, sondern ggf. zwölf Bünde tiefer (z.B. „A” auf der G-Saite nicht im 14. Bund, sondern im 2.).
- Töne, die auf Leersaiten fallen könnten, werden im 12. Bund gespielt.
- Nimm dir bei jeder Übungs-Session nur einen neuen Ton vor. Vergewissere dich, ob die Töne der letzten Session noch an ihrem Ort sind. (Spoiler-Alarm: ja!)
- Es gibt nur zwölf unterschiedliche Töne. Wenn du dir den enormen Luxus leisten würdest und jedem Ton an drei aufeinander folgenden Tagen jeweils fünf Minuten Lebenszeit widmen würdest, hättest du in einem guten Monat einen riesigen Fortschritt gemacht.
- Lass dir Zeit. Niemand hetzt dich. Aber verwechsele das nicht damit, in der Komfortzone zu bleiben und dieses Projekt nur luschig zu verfolgen.
- Starte jede Übungssession, jedes Aufwärmen vorm Gig etc. mit dieser Übung.
- Wenn du alle Töne gefunden hast, übe sie in folgender Reihenfolge, möglichst in Achteln, bei Tempo 60 bpm. Dein Ziel sollte sein, diese drei Durchläufe komplett in unter 5 Minuten spielen zu können:
- E F G A H C D F# G# A# C# D#
- E F F# G G# A A# H C C# D D#
- E D# D C# C H A# A G# G F# F
Wie gesagt − dies ist eine meiner Top-5-Übungen (die anderen kommen bestimmt auch noch!). Mach ich sie selbst noch? Natürlich!
So viel zu ersten Episode von #FischersGuitarFiles. Falls ihr Themenwünsche habt − immer her damit! Viel Erfolg beim Üben und auch sonst so. Haltet durch und bleibt echt. Immer!
(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)