In der letzten Folge haben wir die Form, die Harmonik und die Comping-Strategien des Großmeisters der Jazz-Gitarre Joe Pass kennengelernt. Und der spielte bei seinem Duo-Konzert mit dem Kontrabassisten Red Mitchell in Stockholm 1992 natürlich auch ein Solo.
Zunächst spielen die beiden das Thema, an das sich Joes Solo direkt anschließt. Wir steigen dann beim zweiten Chorus ein, der in Beispiel 1 akribisch notiert wurde. Wie in der letzten Folge schon angedeutet geben die II-V-I-Verbindungen in C-Moll dem Solisten sehr viel Freiheit.
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In Takt 1-2 spielt Joe ein mit einem Auftakt auf Zählzeit 4 beginnendes Lick in der C-Blues-Scale. Dieses greift er leicht variiert in Takt 3 wieder auf, wechselt aber ab der Mitte von Takt 4 zu C-Äolisch. Deren charakteristische Note Ab hören wir aber erst in Takt 6 auf Zählzeit 2. Und in Takt 7/8 hören wir das Tonmaterial von C-Melodisch-Moll. Songteil A2 startet dann mit C-Dorisch und der charakteristischen Note A. G-Harmonisch-Moll-5 (G-HM5) in Takt 12 über Dm7b5 und G7b9 ist die reine Lehre der Jazz-Harmonik. Der Wechsel von C-Melodisch-Moll zu G-Alteriert und wieder zurück in Takt 13-15 auch.
Wir sehen also schon in den ersten zwei A-Teilen: Strenge Regeln braucht kein Mensch, solange es cool klingt. Die Überleitung zum B-Teil über die II-V-I nach Eb-Dur klingt glasklar, weil Joe hier das Ebmaj7-Arpeggio gleich am Anfang spielt und dann die Akkordtöne nur chromatisch verziert. Ab Takt 18 kommen dann Wes-Montgomery-Oktaven ins Spiel. Die Rhythmik von Takt 16-20 in Verbindung mit der Tonauswahl ist ganz große Kunst, wie auch der Abschluss des Solos mit Akkorden.
In Diskussionsforen wird die Frage, ob Hölzer und Bauform den Klang einer E-Gitarre prägen oder nicht, heiß diskutiert. Aber während viele Jazz-Gitarristen fünfstellige Euro-Beträge investieren, um begehrte Archtops wie etwa eine Gibson L-5 zu erwerben, zeigte schon Joe Pass, dass man auch mit einer schnöden Solidbody wie der Fender Jaguar authentischen Bebop spielen kann. Schließlich spielte er mit dieser Gitarre 1961 sein Debutalbum ‚Sounds Of Synanon’ ein. Später griff er aber dann doch zur Gibson ES 175.
Der kanadische Jazz-Gitarrist Ed Bickert, der als Gitarrist in der Band von Paul Desmond bekannt wurde, etablierte die Fender Telecaster im Jazz. Seine blonde 1965er modifizierte er mit einem Gibson PAF-Humbucker in Halsposition. Am 25. Juni 1989 spielte Bickert im Trio mit dem Tenor-Saxophonisten Doug Watson und dem Kontrabassisten Jack McFadden seine mittlerweile legendäre Version von ‚Softly’ ein. Die Aufnahme wurde nie auf Tonträger veröffentlicht, ist aber auf YouTube leicht zu finden.
Beispiel 2 zeigt, wie die ersten 24 Takte des Solos gespielt werden. Markante Stellen werden in der Transkription harmonisch analysiert. Wer die Aufnahme hört, wird bei dem Gitarrenton niemals eine Telecaster vermuten. Mit Mike Stern und Julian Lage bevorzugen übrigens zwei weitere Jazz-Gitarristen Tele-Style-Gitarren und klingen damit großartig.