Toshiki Soejima gehört zu den spannendsten Musikern der modernen Neo-Soul-Gitarre. Mit seinem entspannten, groove-orientierten Stil, Millionen-Views im Netz und einer stetig wachsenden internationalen Hörerschaft hat sich der japanische Gitarrist weit über die Social-Media-Szene hinaus einen Namen gemacht.
Im Interview mit Gitarre&Bass spricht er über Einflüsse wie Larry Carlton und Tak Matsumoto, über die Rolle von Beat und Groove im Neo-Soul – und darüber, warum für ihn nicht Technik, sondern Gefühl und Klang den Ausschlag geben.
Für jemanden, der dich noch nie gehört hat: Mit welchen drei Worten würdest du deine Musik beschreiben?
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Die drei Worte wären für mich: „chill, guitar & beat”. Genau diese Elemente definieren meinen Neo-Soul-Gitarrenstil. Gerade bei meiner Musik fassen diese drei Begriffe das Gesamtgefühl ziemlich gut zusammen.
Du wirst oft als „Neo-Soul-Gitarrist” angekündigt. Was bedeutet dieses Label für dich – und was passt daran vielleicht auch nicht?
Für mich fühlt sich diese Bezeichnung ziemlich natürlich an. Ich habe vor allem auf Instagram und YouTube Videos gepostet, zusammen mit vielen anderen Gitarristinnen und Gitarristen, die um 2020 oder 2021 Ähnliches gemacht haben. Die meisten von uns wurden irgendwann als Neo-Soul-Gitarristen bezeichnet. Insofern ergibt das Label für mich schon Sinn.
Deine Kompositionen wirken oft wie Filmszenen ohne Worte. Was steht bei einem neuen Stück am Anfang?
Das freut mich sehr, weil ich tatsächlich immer darüber nachdenke, welche Bilder oder Szenen meine Musik im Kopf der Hörer auslösen könnte. In den meisten Fällen beginne ich mit einer kleinen Akkordfolge und ergänze dann Beats und Melodien.
Was ist dir wichtiger: Komposition oder Vibe?
Für mich ist der Vibe eines der wichtigsten Elemente überhaupt. Meine Musik ist instrumental und kann deshalb vieles ausdrücken – Emotionen, Landschaften oder eben Filmszenen. Genau diese emotionale Verbindung ist der Grund, warum der Vibe für mich so wichtig ist.
Wann weißt du, dass ein Song fertig ist?
Meistens merke ich das in ganz alltäglichen Situationen: Wenn ich zu Hause mit meiner Frau unterwegs bin oder einen Song im Auto höre. Wenn sich die Musik in solchen normalen Momenten ganz natürlich anfühlt, dann weiß ich, dass das Stück fertig ist.
Eric Clapton hat dich einmal als einen seiner liebsten zeitgenössischen Gitarristen bezeichnet. Wie war deine Reaktion darauf?
Das war ein unglaublicher Moment für mich. Danach haben viel mehr Menschen angefangen, meine Musik und mein Gitarrenspiel wahrzunehmen. Für mich war das definitiv ein Wendepunkt in meiner Karriere.
Was hast du von Eric Clapton, Larry Carlton und Tak Matsumoto mitgenommen?
Ganz besonders Larry Carlton ist einer meiner absoluten Lieblingsgitarristen. Ich höre seine Musik schon sehr lange und habe ihn in Tokio mehrere Male live gesehen. Ich liebe sein Phrasing und dieses Gefühl von Raum zwischen den einzelnen Linien.
Tak Matsumoto ist ebenfalls einer meiner Lieblingsgitarristen in Japan. Ich bin ein großer Fan von B’z und habe ihre Musik schon in meiner Highschool-Zeit intensiv gehört. Er hat definitiv einen Einfluss auf mein musikalisches Schaffen.
(Bild: Christian Petersen-Clausen)
Was ist für dich das am meisten unterschätzte Element der Neo-Soul-Gitarre?
Ich verstehe, warum viele bei Neo-Soul zuerst an bestimmte Tricks und Licks denken – gerade weil so viele Social-Media-Videos sehr kurz sind. Für mich ist das wichtigste und zugleich am meisten unterschätzte Element aber der Beat. Wenn man den Beat aus Neo-Soul-Gitarre herausnimmt, bleibt fast nichts mehr übrig. Groove ist alles.
Welche technische Übung hat dein Spiel am stärksten verbessert?
Während meiner College-Zeit habe ich sehr viel mit Chord-Tone-Übungen gearbeitet. Ich habe mich intensiv mit diatonischen Arpeggios in C-Dur beschäftigt – von Cmaj7 bis Bm7b5. Das ist eigentlich eine einfache Übung, hat aber mein Verständnis von Harmonie und meinen Zugang zur Improvisation stark geprägt.
Was war der entscheidende Wendepunkt in deiner Karriere?
Der größte Wendepunkt war unser Cover von ‚Feel Like Makin’ Love’. Als junge Musiker in Tokio haben wir solche Songs oft einfach zum Spaß gespielt. In dem Video haben wir eine leicht veränderte Akkordfolge im Vergleich zum Original verwendet, und wir hätten nie erwartet, dass das so viele Menschen erreicht. Das Video hat inzwischen über sechs Millionen Aufrufe und hat mein Leben komplett verändert.
Es war aber auch ein mentaler Wendepunkt. Viele Musiker warten mit Uploads, bis sie bereits ein Publikum haben. Wir haben zuerst hochgeladen – obwohl wir damals in kleinen Clubs oft nur vor etwa zwanzig Leuten gespielt haben.
Was hat dich die Covid-Zeit über den Aufbau einer Hörerschaft gelehrt?
Während Covid hatte ich nur sehr wenige Hörerinnen und Hörer. Videos hochzuladen fühlte sich wie die einzige Richtung an, die ich einschlagen konnte – und genau das wurde zur Grundlage für alles, was danach kam.
Was war am schwierigsten, als es plötzlich schnell bergauf ging?
Am Anfang gab es eigentlich nicht viele schwierige Seiten. Meine Karriere ist sehr organisch gewachsen – ich habe einfach mit Freunden gespielt und die Musik gemacht, die ich liebe. Heute besteht die größte Herausforderung eher darin, das Privatleben und das Leben als Musiker in Balance zu halten. Das kennen wahrscheinlich viele.
Was kann ein Live-Set transportieren, was eine Studioproduktion nicht leisten kann?
Diese unerwarteten Momente. Im Studio konzentriere ich mich auf ruhige, entspannte Musik. Auf der Bühne versuche ich dagegen immer, im Moment etwas Neues entstehen zu lassen. Genau diese Spontanität ist etwas, das nur eine Live-Performance liefern kann.
Wie hältst du ein Publikum ohne Gesang bei der Stange?
Instrumentalmusik hat sehr viel Potenzial. Weil meine Musik nicht von Texten abhängt, kann sie Menschen unabhängig von Sprache erreichen. Man muss keine Worte verstehen – man kann die Musik einfach fühlen.
Toshiki plus Band bei seiner Asien-Tour 2025 (Bild: Christian Petersen-Clausen)
Warum funktioniert deine Musik gerade in Deutschland so gut?
Den genauen Grund kenne ich nicht, aber es fühlt sich sehr natürlich an. Ich habe mit deutschen Musikern wie FloFilz und Saib zusammengearbeitet, und ich arbeite außerdem mit Stereofox, die in Deutschland sitzen. Diese Verbindungen haben sicherlich geholfen, meine Musik dort bekannter zu machen.
Was hat es für dich bedeutet, im BBC Radio gespielt zu werden?
Ich konnte es kaum glauben. BBC Radio ist für viele Musiker ein Traum. Danach habe ich gemerkt, dass meine Musik Menschen auf der ganzen Welt erreicht – nicht nur in Großbritannien und Deutschland, sondern auch in Australien, Asien und den USA.
Unterscheidet sich das Publikum je nach Land?
Ja, sogar innerhalb Asiens gibt es Unterschiede. Das japanische Publikum ist oft eher zurückhaltend, hört aber sehr aufmerksam zu. In China reagieren die Leute meist offener und energiegeladener. Aber überall habe ich das Gefühl, dass die Menschen die Musik wirklich genießen – und das weiß ich sehr zu schätzen.
Beeinflussen Streaming-Plattformen die Art, wie du Songs schreibst?
Darüber denke ich beim Schreiben nicht besonders nach. Meine Songs sind meistens zwei bis drei Minuten lang, live werden sie oft aber deutlich länger. Solche angeblichen Best Practices ignoriere ich weitgehend – mit einer Ausnahme: Konstanz. Ich lade jede Woche ein YouTube-Video hoch.
Was ist im Moment deine Definition von Erfolg?
Ich glaube nicht, dass ich schon erfolgreich bin. Mein Traum ist es, meinen Namen in der Musikgeschichte zu hinterlassen. Ich bin noch auf dem Weg dorthin. Aber wenn ich im Ausland spiele und sehe, wie die Menschen meine Musik genießen, dann fühlt sich dieser Traum zum ersten Mal wirklich greifbar an.
Nach welcher Regel beurteilst du Equipment?
Mir ist sehr wichtig, mit Firmen zusammenzuarbeiten, die Musik wirklich lieben. Es geht nicht nur um den Sound, sondern auch um die Philosophie hinter den Instrumenten und um die Leidenschaft der Menschen, die sie bauen.
Was ist ein typisches Missverständnis beim Thema Neo-Soul-Gitarrensound?
Reverb ist zwar wichtig, aber der eigentliche Kern liegt für mich in der Soulmusik der 1970er-Jahre – bei Künstlern wie Donny Hathaway oder Marvin Gaye. Es geht um Feel, Groove und emotionale Tiefe, nicht bloß um Effekte.
Wenn du nur eine Gitarre und einen Amp hättest – was müssten die mitbringen?
Balance. Nicht zu brillant, nicht zu empfindlich und nicht zu stark auf High Gain ausgelegt. Ich möchte den Ton mit meinen Händen formen.
Was macht deine Signature-Gitarre aus?
Meine Signature-Gitarre ist die Enya Inspire Pro. Für mich ist sie die perfekte All-in-One-Gitarre. Sie hat eine hochwertige Hardware für die Bühne, bringt aber gleichzeitig smarte Features und einen eingebauten Speaker mit. Genau das macht sie für mich besonders.
Am Ende ist der entscheidende Test aber ganz einfach: Habe ich zu Hause ganz selbstverständlich Lust, sie in die Hand zu nehmen und zu spielen? Wenn ich einfach losspielen kann, ohne groß nachzudenken, dann weiß ich, dass es passt. Egal ob im Auto oder backstage – ich muss mir keine Gedanken mehr über Amps oder große Rigs machen. Es geht darum, Hürden zu entfernen, damit man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann.
Wie beeinflusst das Unterrichten deine Musik?
Meine Laufbahn hat tatsächlich als Gitarrenlehrer begonnen. Unterrichten fühlt sich für mich sehr natürlich an und hilft mir, geerdet zu bleiben. Heute vermittle ich nicht nur Technik, sondern auch meine Erfahrungen als Künstler.
Was üben viele Gitarristinnen und Gitarristen zu viel – oder zu wenig?
Viele wiederholen Routinen ohne klares Ziel. Mit Absicht zu üben, macht einen riesigen Unterschied: Also mit Metronom arbeiten, sich selbst aufnehmen und bewusst reflektieren, was das eigene Spiel eigentlich braucht.
Was ist die Grundidee hinter ‚Scene’ und ‚Kimama Beats’?
Beide Alben sind sehr persönlich und gemeinsam mit meiner Frau Nahokimama bei uns zu Hause entstanden. ‚Scene’ war im Wesentlichen ein Projekt von uns beiden. An ‚Kimama Beats’ waren zusätzlich Produzentinnen und Produzenten aus Japan und anderen Ländern beteiligt, wodurch das Album insgesamt offener klingt.
Was wird man 2026 von dir hören?
Ein neues Album, das die Geschichte von ‚Kimama Beats’ weitererzählt. Das Artwork knüpft visuell daran an, und auch musikalisch gibt es diese Verbindung. Die ersten neuen Veröffentlichungen starteten bereits im Januar. Außerdem werde ich mehr Live-Videos teilen und hoffe, in vielen Ländern auftreten zu können.