(Bild: Courtney Mcallister)
Jon Stockman kam vom Klavier zur Gitarre und übernahm in der Schulband den Bass, als deren Bassist seinen Abschluss machte. Bei der führenden australischen Alternative/Progressive-Metal-Band Karnivool blieb er dem Instrument treu, als er ihr 1998 ein Jahr nach ihrer Gründung beitrat, und hat seitdem nicht nur einen markanten eigenen Stil entwickelt, sondern zwischenzeitlich auch ein sehr komplexes Setup, mit dem er im Sound der Gruppe fast so präsent ist wie die beiden Gitarristen Drew Goddard und Mark Hosking.
Im Gespräch zum neuen Album ‚In Verses‘, das nach zwölfjähriger Funkstille erscheint, zeichnet er die Entwicklung seines Sounds im Detail nach.
Jon, mit welchem Bass hast du bei Karnivool begonnen?
Das war ein passiver Yamaha. Als ich zu Karnivool kam, hatten sie ihn als Band-Bass, den sie „Feuerholz“ nannten, weil er ziemlicher Schrott war. Er wurde nach einem Gig gestohlen, woraufhin ich mir einen Ibanez Ergodyne zulegte, meinen ersten selbst gekauften Bass. Den habe ich auf der ‚Persona‘-EP von 2001 verwendet, doch er wurde ebenfalls gestohlen, kurz vor einer Australien-Tour, also musste ich schnell einen Ersatz auftreiben und kaufte einen gebrauchten Squier.
Ich tat mich mit allen drei Bässen schwer, weil es Viersaiter waren, die ich mit Fünfsaiter-Sätzen ohne G-Saite bezog. Ich stimmte sie auf B F# B G, weil viele unserer Songs in B sind, und die Fingersätze waren teilweise umständlich.
Ungefähr 2002, als der Squier wegen der hohen Saitenspannung aussah wie ein Bogen, bekam ich meinen ersten Warwick, einen Sechssaiter. Eigentlich wollte ich einen Fünfsaiter, um eine E-Saite zwischen der B- und G-Saite zu haben, auf der ich das F# auf dem zweiten Bund spielen konnte, doch dort, wo ich ihn kaufte, hatten sie keinen, also nahm ich den Sechssaiter.
Womit hast du diese Bässe seinerzeit verstärkt?
Mit einem 200-Watt-Solid-State-Topteil des Herstellers Rock Force aus Perth und einer 15er-Box. Mich damals auf der Bühne zu hören war schwierig, denn obwohl wir noch keinen zweiten Gitarristen hatten, übertönten Drews Peavey 5150 und 4×12-Marshall-Box alles.
Nach einer Weile kaufte ich einem anderen Bassisten einen Firebass 700 mit einer Black-Widow-15-Zoll-Box von Peavey und einer zusätzlichen 4×12-Box ab. Das Zeug war natürlich so schwer, dass ich es nicht allein transportieren konnte, weshalb wir nach der Veröffentlichung von ‚Themata‘ 2005, als wir zu touren anfingen, dazu übergingen, Equipment zu mieten.
So kam ich zu einem Ampeg SVT-2 mit der klassischen 8×10-Box, was im Studio großartig klang, doch live waren die ganz tiefen Frequenzen schwer zu kontrollieren. Schließlich landete ich bei Ashdown-Amps und -Boxen mit 10-Zoll-Lautsprechern, die hervorragend mit meinem Warwick harmonierten.
Man kennt dich für deinen ausgiebigen Einsatz von Effekten, wie ging das los?
(Bild: Kane Hibberd)
Anfangs hatte ich nur wenige Effekte. Als ich bei Karnivool einstieg, bekam ich ein Multieffektgerät vererbt, das ich aber recht schnell durch einzelne Pedale ersetzte – ein Boss DD-3 Delay, irgendein SansAmp-Teil, einen Boss ODB-3 und irgendwann auch ein EQ-Pedal.
Für die Aufnahmen unseres zweiten Albums ‚Sound Awake‘ wurde es aufwändiger, wir haben mit Pro Tools eine Menge Zeug auf meinen Bass gepackt: Tremolos, unterschiedliche Verzerrungen und Modulationen. Das bedeutete, dass ich viele Pedale kaufen musste, um das Material live umsetzen zu können.
Dazu verwendete ich einen Looper von Lehle zur Sicherheit, denn alles war in Reihe geschaltet, und falls ein Gerät nicht funktionierte, aktivierte ich einfach den Lehle und bekam zumindest ein cleanes Signal.
Dann stieg ich auf das Switching-System GigRig Pro 14 um, mit dem sich unterschiedliche Kombinationen meiner Effekte abrufen ließen, und fügte einen Eventide-ModFactor-Multieffekt hinzu, den ich vor allem für das Tremolo im Song ‚The Caudal Lure‘ brauchte.
Auf dem letzten und dem neuen Album habe ich auch recht häufig den Undulator-Effekt des Eventide eingesetzt. Verzerrte Parts wie in ‚Simple Boy‘ spielte ich live über ein Tech 21 XXL und ein Blackstone Mosfet Overdrive. Insgesamt war mein Board mit zehn, elf Pedalen doppelt so umfangreich wie zur Zeit unseres Debütalbums.
Du hast doch irgendwann auch ein Custom-Modell von Warwick bekommen, oder?
Das war 2004, ein Corvette Standard mit dreibandigem Equalizer, was dem heutigen Masterbuilt oder Teambuilt Corvette entspricht, glaube ich.
2007 machten mir Warwick ein gutes Angebot, also verkaufte ich den Corvette und legte mir einen sechssaitigen Thumb NT zu. Darüber hinaus habe ich mehrere Instrumente geschenkt bekommen, darunter ein Mayones und ein Bass von Dave Hollingworth von der Band Dorje.
Weil mein Sound aber sehr speziell ist, kann ich bei Karnivool kaum etwas anderes benutzen als Warwick. Ich müsste mein Setup von Grund auf neu konzipieren, da es genau auf meine eigenen Bässe abgestimmt ist.
Wie ging es weiter, als ihr an eurem dritten Album ‚Asymmetry‘ gearbeitet habt, das 2013 erschien?
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch ein Uglyface Fuzz von Anarchy Audio aus Perth bekommen, das im zweiten Song ‚Nachash‘ zu hören und mit einem Fuzz Factory vergleichbar ist. Mitte 2016 fiel dann mein Pedalboard auseinander, woraufhin ich mir ein Temple Audio Design Trio 43 kaufte – das größte, das ich je hatte.
Ich fügte zwei Eventide H9 Harmonizer hinzu, die sich im Pre/Post-Modus an unterschiedlichen Positionen im Signalweg platzieren lassen. Input/Output 1 der beiden H9 gingen auf die ersten beiden Slots meines GigRig, Input/Output 2 auf die Slots 9 und 10. So hatte ich faktisch je zwei H9 am Anfang und Ende der Kette.
Mittlerweile hatte ich das Boss ODB-3 ausrangiert und benutzte ein Keeley Phat Mod Full Range, das sehr ähnlich ist, aber nicht so stark rauscht. Zusätzlich nutzte ich ein programmierbares Source-Audio-EQ-Pedal, das per MIDI gesteuert werden kann, zusammen mit einem Selah Quartz Timer.
Wenn ein Song gestartet wurde, schickte der Quartz Timer automatisch mehrere MIDI-Befehle an meine Geräte, damit alle Effekte sofort auf die richtigen Presets für den Anfang des Songs eingestellt waren. Gleichzeitig wechselte er beim EQ-Pedal zwischen zwei gespeicherten Klang-Einstellungen für den Thumb beziehungsweise den Corvette.
Die letzte Komponente auf dem großen Board waren alle Darkglass-Effekte, die ich seit 2013 gesammelt hatte. Ich bekam das Microtubes B7K kurz vor Beginn der Aufnahmen zu ‚Asymmetry‘ und benutzte es oft auf dem Album; obwohl es nicht dafür vorgesehen ist, erzeugt es bei niedrigen Drive-Einstellungen einen tollen Clean-Ton.
Microtubes X7 und Ultra habe ich ebenfalls für verschiedene Sachen verwendet. Nachdem ich an der Entwicklung des Alpha Omega mitgearbeitet hatte, rangierte ich das Tech-21- und das Blackstone-Pedal aus.
Heute spielst du über den Neural DSP Quad Cortex – eine logische Konsequenz nach all dem Aufwand?
Als man nach der Corona-Pandemie wieder Konzerte geben konnte, war alles auf einen Schlag viel teurer, weshalb es finanziell unmöglich wurde mit meinem Pedalboard um die Welt zu fliegen. Auf unserer Tour 2023 nahm ich es noch mit, das war das letzte Mal.
Als ich mich nach Alternativen umschaute, suchte ich nach etwas, das die Sounds der Analogpedale angemessen nachbildet, und stieß auf den Quad Cortex. Ich beschäftigte mich ein paar Tage lang damit und kam zu dem Schluss, dass er genau richtig für mich ist.
(Bild: Kane Hibberd)
Live hört man keinen Unterschied, ich bin wirklich sehr zufrieden damit. Mir gefallen die Bedienung und die Möglichkeit, Szenen zu definieren, bei deren Wechsel sich die einzelnen Parameter automatisch ändern.
Auf der Bühne habe ich nun ein kleines Board mit dem Quad Cortex, einem Expression-Pedal von Source Audio, einem Peterson-StroboStomp-Mini-Stimmgerät und einem H9 für den Undulator-Effekt.
Welche Bassisten haben dich überhaupt zu alldem inspiriert?
Zu meinen frühen Einflüssen gehören die Grunge-Bands der 1990er, genauer gesagt die Bassisten von Stone Temple Pilots und Soundgarden. Als ich bei Karnivool anfing, mochte ich auch Ryan Martinie von Mudvayne sehr gern; einen so präsenten Bass hatte ich zuvor selten gehört, ähnlich wie bei der britischen Band One Minute Silence oder bei Rage Against the Machine – Tim Commerfords Sound ist massiv.
Auf die ganzen Effekte bin ich größtenteils selbst gekommen, wobei die Ratschläge von Mitgliedern unserer Crew sehr wichtig waren. Sie empfahlen mir beispielsweise das GigRig oder eine passive Split-Box von Radial und halfen so dabei, mein Setup zu optimieren.
Im Grunde macht der technische Aufwand einen Teil der Band aus. Unsere Musik ist komplex, ohne dass man es beim oberflächlichen Hören bemerken würde, und wir sind auch als Menschen nicht einfach gestrickt.
Wie eignest du dir unkonventionelle Rhythmen und Taktarten an?
Manchmal sind unsere Jams so ausufernd, dass sich solche vertrackten Parts ganz natürlich ergeben. Das halte ich auch für sehr wichtig, denn wir legen es nicht bewusst darauf an, sonst würde es kalkuliert klingen.
Die anderen Bandmitglieder haben teils mehr, teils weniger Erfahrung damit und inspirieren mich nach wie vor, noch mehr in dieser Richtung zu lernen. Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas rhythmisch zu betonen, und unser typischer Stil ergibt sich aus all unseren Einflüssen.
Kannst du schon absehen, wohin sich die Band und du langfristig entwickeln werden?
Wir sind jetzt erst mal froh darüber, dass das neue Album nach so langer Zeit endlich fertig ist und erscheint. Ich hoffe, dass wir nun wieder auf Kurs sind und regelmäßig neue Musik als kreativen Schnappschuss einer bestimmten Phase in unserem Leben veröffentlichen, denn im Grund ging es uns immer nur darum, wir setzen uns nie konkrete Ziele.
Unser Anspruch dabei besteht darin, dass es einzigartig klingt und für sich selbst steht. Wenn wir etwas herausbringen, müssen wir hundertprozentig zufrieden damit sein, wobei ‚In Verses‘ aber nicht nur wegen unseres Qualitätsbewusstseins so lange auf sich hat warten lassen, da kamen weitere Faktoren hinzu.
Was mein Spiel angeht, will ich noch offener gegenüber neuen Einflüssen sein und mich eingehender mit Synthesizern beschäftigen. Ich bezweifle allerdings, dass das im Rahmen von Karnivool geschehen wird, denn es würde nicht richtig passen.
Davon abgesehen würde ich mich gerne weiterhin so in die Band einbringen, dass es unsere Musik bereichert.
(erschienen in Gitarre & Bass 06/2026)