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Rolling Stones: Das Live-Equipment zu Zeiten von Voodoo Lounge

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Je oller, je doller! Das trifft auch auf die Rolling Stones anno 1994/95 zu. Mit ihrer Voodoo-Lounge-Tour brechen sie damals alle Rekorde. Das Kölner Konzert im Juni ’95 war schon das 105te der Tour, und obwohl das Mammut-Projekt im August zu Ende gehen sollte, standen ab Januar ’96 schon wieder weitere sechs Monate lang Termine in den USA, Südamerika und Asien an.

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Die Stones zeigen sich auf ihrer Voodoo-Lounge-Tour Mitte der 90er in allerbester Spiellaune, aber sie verstehen es auch, sich das Leben angenehm zu gestalten. Dafür sorgt u. a. die sorgfältig ausgewählte Roadcrew, die das Stage-Equipment in bester Verfassung hält. Neben den für die Shows benötigten Saiteninstrumenten (ca. 40 an der Zahl) gibt es für fast alles noch mal ein Backup, außerdem sogar eigene Gitarren und Bässe für den Garderoben-Bereich. Da auch das Programm immer wieder variiert wird, sind verschiedene Instrumente im Gepäck, die nur selten benutzt werden, wie Pedal Steels und Lap Steels.

Da während der Tour zwischen den großen Stadion-Shows auch einige spezielle Clubgigs gespielt werden, ist zusätzlich noch ein komplettes Acoustic-Setup mit diversen akustischen Gitarren jeder Art im Gepäck. Da die Bühne nur direkt über dem Drum-Set und den Amps überdacht ist, und die Stones „den Regen irgendwie anziehen“, hat die Roadcrew auch noch einen kompletten Satz an Ovation-Acoustics dabei – falls es mal richtig schüttet. „Das Risiko, dass Keith mit seiner 20.000 Dollar teuren alten Martin im Regen ausrutscht und die Kopfplatte abbricht, ist mir zu groß; daher kriegt er bei schlechtem Wetter die Ovation, die ich im Gegensatz zur Martin wieder ersetzen könnte“, erzählt Keith Richards Gitarrenroadie. Und für den Fall aller Fälle ist auch noch eine komplette kleine Reparatur-Werkstatt mit allen erdenklichen Ersatzteilen im Gepäck.

Keith Richards’ Setup

Das gleiche gilt auch für Amps und Boxen; fast alles ist in doppelter Ausführung vorhanden. Außerdem werden diverse Verstärker und Effekte zum Antesten mitgenommen, die bei entsprechenden Gelegenheiten zum Einsatz kommen. Auch wenn die Backline auf den ersten Blick recht einfach wirkt, so steckt doch eine Menge Interessantes dahinter. So verwendet Keith Richards zwei alte Fender „Tolex“ Twin Amps, der linke ist clean, der rechte verzerrt eingestellt, ein dritter dient als Reserve. Der „verzerrte“ Twin wird mit einem THD-Hot-Plate in der Leistung reduziert, um die eingebauten Lautsprecher etwas zu schonen. Beide Fender-Amps werden mit Mikrofonen abgenommen, ein Line-Signal der Endstufen wird zum Rack hinter den Amps geleitet, dort über einen TC-Equalizer bearbeitet, mit einer H/H-V-800-Endstufe verstärkt und über die unter den Twins stehenden Mesa/Boogie-Boxen hörbar gemacht. Auch diese Boxen werden wiederum abgenommen. Will Keith seine Gitarre lauter hören, wird nur die H/H-Endstufe aufgedreht. Im Rack befinden sich zwei Schaltkisten, an denen der Roadie manuell den jeweils gewünschten Amp anwählt und die vorgeschalteten Effekte per Tastendruck aktiviert. Es handelt sich dabei um ein Loop-System, in dem nur die angewählten Effekte durchlaufen werden.

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Außerdem im Rack: Ein TC 2290, das nur für Tremolo-Effekte verwendet wird, ein 19″-Einschub, in den ein Maestro-Verzerrer und ein MXR Phase 90 eingebaut sind, ein weiterer 19″-Verzerrer (The Rat), ein Super Tremolo von Custom Audio Electronics, der erwähnte TC-Stereo-Equalizer und die H/H-Endstufe (Endstufe und EQ sind ebenfalls jeweils als Reserve vorhanden) sowie zwei Sunrise-Röhrenpreamps (einer dient als Ersatz), mit denen die Sunrise-Pickups der Akustik-Gitarren verstärkt werden.

Alle Acoustics sind mit einem Fishman-Piezo-Pickup im Steg und einem Sunrise-Schallloch-Pickup bestückt. Die Signale der Tonabnehmer gehen direkt zum Mischpult. Die integrierten Preamps der Gitarren müssen per Hand eingeschaltet werden (ein kleiner Schalter befindet sich jeweils unter dem Schallloch), weil die Stereo-Anschlussbuchse beide Ausgangssignale führt und der Schaltkontakt zum Einschalten der Stromversorgung nicht benutzt werden kann.

Versteckt im Innern des Racks liegt außerdem noch ein Ibanez Tubescreamer. Außerdem werden zwei Juice Goose Power Conditioner verwendet, die für eine stabile Stromversorgung sorgen. Die Gitarren werden über zwei Sony-Sender und -Empfänger mit der Anlage verbunden, zwei Gitarrengurte mit den beiden Transmittern liegen dafür bereit und werden an die gerade benötigte Gitarre montiert.

Setups von Ron Wood & Mick Jagger

Auf der anderen Seite der Bühne ist eine ähnliche Anlage zu finden: Ron Wood verwendet einen neuen Fender VibroKing und einen Vox AC30, Mick Jaggers Gitarrenkünste werden über ein Mesa/Boogie-MKIII-Top mit entsprechender Box verstärkt. Bei beiden Amps von Ron Wood wird das Signal ebenfalls mit Hilfe von TC-Equalizern und H/H-Endstufen auf zwei weitere Boogie-Boxen übertragen. Mick spielt den Amp pur über eine Boogie-4×12″-Box. Ron kommt mit wenigen Effekten aus, man findet bei ihm ein TC 2290 und ein Zoom 9120 sowie ebenfalls Sony-Sendeanlagen.

Stones-Gitarren

Neben den diversen alten Gibson-, Fender- und Martin-Modellen finden sich nur wenige neue Gitarren im Rolling-Stones-Equipment. So spielt Ron Wood seine ESP-Teles mit String Bender und eine neue Fender Strat aus dem Custom Shop. Eine interessante Anekdote: Weil Ron immer eine Zemaitis mit aufgeschraubtem Hals wollte, der englische Gitarrenbauer so etwas aber nicht fertigt, jagte dieser kurzerhand vier Schrauben durch den eingeleimten Hals. Ron glaubt nun, er hätte ein seltenes Zemaitis-Exemplar mit Bolt-on-Neck.

Keith hat nur zwei neue Gitarren im Repertoire: Eine Tom-Anderson-Tele und eine Gibson Les Paul Standard aus dem Gibson-Custom-Shop.

Mick Jagger spielt eine Fender-Kingman-Elektro-Akustik-Gitarre mit Piezo-Pickup im Steg und Tele-Pickup am Hals. Ansonsten greift er zu einer Tom-Anderson-Telecaster oder auch zu einer fünfsaitigen Tele.

 

Dieser Artikel ist in Gitarre & Bass, Ausgabe 09/1995 erschienen.

 

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