Gear-Talk

Interview: Cass & Ace (Skunk Anansie)

Skunk Anansie Gitarrist

Bassist Cass & Gitarrist Ace über ihr Tour-Equipment

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Nicht viele Bands der 90er-Jahre können sich so glücklich schätzen, ihren Erfolg bis ins neue Jahrtausend herübergerettet zu haben. Die britischen Skunk Anansie haben es – trotz mehrjähriger Pause – geschafft und füllen mit ihrem in keinster Weise gealterten Alternative-Rock auch heute noch die Hallen.

Dabei war die öffentliche Wahrnehmung immer eine andere, als der Band gerecht werden würde. Denn Skunk Anansie versuchten von Anfang an einen eigenen, ungewöhnlichen Sound zu etablieren und eine vielseitige Mischung vom wütenden Polit-Kracher bis zur herzerweichenden Ballade unters Volk zu bringen. Doch zu großen Teilen waren es die poppigen Singles, die im kollektiven Bewusstsein hängengeblieben sind. Dass sie jedoch weit mehr sind als ein verstaubtes Some-HitsWonder, zeigte das Quartett um Sängerin Skin auf ihrer vergangenen Deutschland-Tour.

Aber auch wenn Skunk Anansie sich heute nicht auf ihren Hits von vor 20 Jahren ausruhen, sondern seit ihrer Wiedervereinigung im Jahre 2009 ihren Katalog stetig erweitern und in unregelmäßigen Abständen neue, überzeugende Platten herausbringen (zuletzt Anfang 2016 ,Anarchytecture‘), so war bei ihrer Tour doch einiges genau wie in den guten alten Zeiten: Skunk Anansie sind immer noch eine Band, bei der ab dem ersten Song gestagedived wird. Und die Band-Mitglieder geben sich immer noch Namen wie Skin, Ace und Cass, auch wenn das nun wahrlich wie ein Relikt aus ferner Jugend wirkt. Sogar das Equipment, das Gitarrist Martin Kent (aka Ace) und Bassist Richard Lewis (Cass) auf der Tour verwenden, ist zu großen Teilen noch dasselbe wie vor 20 Jahren, wie wir im Gear-Talk-Interview mit den beiden Musiker auf und hinter der Bühne der Kölner Live Music Hall erfuhren.

Von Gitarrist Ace weiß man, dass er ein echter Nerd ist, wenn es um sein Equipment, und vor allem um Effektpedale geht – schließlich sorgte er 2003 für Schlagzeilen, als er sich einen Eintrag im „Guinness-Buch der Rekorde“ sicherte, indem er ,Smoke On The Water‘ durch 100 Pedale gleichzeitig spielte. Und das waren längst nicht alle, die er besitzt … Doch wie steht es eigentlich mit seinem Bass spielenden Kollegen?

Cass, bist du genauso ein Gearhead wie Ace?

Cass: Absolut, aber erst Ace hat mich verdorben. Seine Liebe für Effektpedale hatte unglücklicherweise einen großen
Einfluss auf mein Leben. Doch ich bin zwar ein Gearhead, aber was den Bass-Sound angeht bin ich gleichzeitig Purist. Ich mag einfach den reinen, unverfälschten Sound eines Basses. Das war schon immer so. Aber irgendwann hat mich Ace in die Welt der Effekte eingeführt und mir gezeigt, wie sie mit einem Bass funktionieren. Dabei habe ich gelernt, dass man immer erstmal einen guten Bass-Sound braucht, bevor man ihn mit Effekten verändern kann.

Ace, woher wusstest du, welches Pedal gut mit einem Bass funktioniert?

Ace: Zum einen haben wir zusammen viele verschiedene Pedale ausprobiert, zum anderen benutze ich ja selbst auch Bass-Pedale in meinem Gitarren-Setup. Oft haben die Bass-Versionen von Envelope-Filtern oder Synth-Wahs, aber auch von Distortion-Pedalen mehr Tiefe im Klang. Wenn wir im Studio sind, tauschen wir untereinander immer wieder Sachen aus und probieren die Pedale des anderen.

Cass: Ich spiele meinen Bass auch schon immer gerne über Gitarren-Amps, alleine wegen des Overdrive-Sounds. Deswegen habe ich schon früh in Aces Setup gewildert.

Zum Thema Distortion ist mir aufgefallen: Kann es sein, dass ihr bei der letzten Platte sehr viel weniger Gain benutzt habt, als bei den Alben davor?

Ace: Ja, das stimmt. Auf dem neuen Album habe ich über weite Strecken für die Grund-Sounds nur die Amps ohne Pedale gespielt. Das meiste was du da hörst, habe ich nur mit zwei zusammengemischten, weit aufgedrehten Marshall-Heads erzeugt. Außerdem habe ich mich in Sachen Overdubs sehr zurückgehalten. Die meisten Rhythmus-Gitarren bestehen aus einer einzigen Spur, weil ich einen klaren Röhren-Sound wollte.

Inwiefern unterscheidet sich euer Live-Gear von dem, was ihr im Studio verwendet?

Ace:Es ist ziemlich genau dasselbe.

Cass: Ja. Bei den Aufnahmen experimentieren wir mit verschiedenen Sounds und versuchen dann, diese in den Live-Kontext zu übertragen. Im Studio entscheidet sich also schon, was wir live machen werden und welche Geräte wir dafür brauchen. Das Studio ist der Ort, wo wir uns auf die Sounds festlegen und uns überlegen, was bei welchem Song gut klingen könnte. Dieser Prozess findet meist im Kopf statt, ohne dass wir viele Pedale ausprobieren.

Ace: Es ist ja auch nicht so, dass wir Massen an Gear mit ins Studio nehmen würden. Natürlich haben wir ein paar Alternativen dabei, aber im Grunde genommen bauen wir unsere Rigs so auf, wie wir sie auch hier live auf der Bühne haben. Hier und da kommen dann für verschiedene Nuancen andere Pedale zum Einsatz, aber die können wir, wenn wir auf Tour gehen, gut einbinden oder emulieren.

Ist das der Grund, warum eure Pedalboards so verhältnismäßig groß sind?

Ace: Ja. Schließlich müssen wir 20 Jahre Band-Historie mit jeweils einem Pedalboard abdecken können.
Versucht ihr denn den Sound der alten Platten zu kopieren oder eher den alten Songs einen moderneren Klang zu verleihen?

Ace: Ich versuche tatsächlich, den Sound der alten Aufnahmen genau nachzubauen. Ich verwende dieselbe Art von Overdrive, dieselben Gitarren und sogar die Amps haben ungefähr den Klang von denen, die ich damals hatte. Ich versuche also, alles so genau wie möglich nachzuempfinden, auch was die digitalen Effekte im Rack angeht. Früher hatte ich Electro-Harmonix-Pedale, jetzt verwende ich jeweils das digitale Äquivalent dazu. Ich höre mir also die alten Aufnahmen an und programmiere mir dann einen Sound, der möglichst genauso klingt.

Cass: Bei mir ist das etwas anders. In Sachen Verzerrung habe ich zwei Pedale gefunden, die mir gefallen und die ich ausschließlich verwende. Ich habe also ein Fuzz, ein Overdrive und außerdem ein Synth-, ein Whammy- und ein ChorusPedal. Bevor ich bei Skunk Anansie spielte, hatte ich ein großes Effekt-Rack, weil ich versuchen wollte, meine Rolle als Bassist zu erweitern. Ich wollte die Klangeigenschaften von Keyboard-Bässen in mein Setup und meine Spielweise übertragen, um vielseitiger zu sein. Dass ich dann auf einzelne Pedale umgestiegen bin, ist Aces Verdienst.

Ace: Es geht uns ja auch nicht darum, als Jäger & Sammler rüberzukommen. Aber auf unseren ersten Tourneen hatten wir Spaß daran, in jeder Stadt in die einschlägigen Musikgeschäfte zu gehen und neue Sachen auszuprobieren. Und Pedale sind ja bezahlbar, da nimmt man dann schnell mal eins mit, probiert es zu Hause und behält es, falls man meint, es irgendwann mal gebrauchen zu können. So haben wir uns jede Menge Sachen zugelegt, nicht einmal unbedingt immer, um sie auch einzusetzen, sondern einfach, um sich an einem Day-Off mit etwas beschäftigen zu können. Ich hatte nie das Ziel, viele Pedale zu besitzen, aber sie haben sich einfach so angehäuft. Hin und wieder verkaufe ich ein paar, die ich gar nicht verwende und hole mir dafür neue. Und es ist einfach schön, zu Aufnahmen für eine neue Platte zu kommen und eine Kiste mit 40 Pedalen mitbringen zu können.

Cass: Das ist aber auch ein natürlicher Prozess. Über die Jahre hat sich unser beider Sound verändert und ist immer mehr zusammengewachsen. Ich besetze mein Frequenzspektrum und fülle es aus – und Ace seins. Dann fügt sich das Schlagzeug einfach ein. Es ging uns immer darum, dass sich unsere Sounds gut mischen und daran arbeiten wir heute noch. Ich habe festgestellt, dass, wenn ich einen anderen Bass benutze, unser ganzes Sound-Konstrukt zusammenfällt. Wir haben eben irgendwann einen Weg eingeschlagen, der uns zu unserem Sound geführt hat, und den dürfen wir jetzt nicht mehr einfach so verlassen.

Ace:Und aus genau dem Grund sind auch alle meine Gitarren mit Vintage-StylePickups bestückt. Sogar in den PRSGitarren habe ich Pickups, die mit den original 57er-Drähten hergestellt wurden. Und die spiele ich seit Langem schon für cleane Sounds in meinen Koch-Amp mit dem Digitech GSP1101 davor. Wenn ich verzerrt spiele, wird das Signal in zwei Mono-Signale gesplittet, von denen das eine in den 800er und das andere in den 900er geschickt wird. Die beiden Amps klingen leicht unterschiedlich, dadurch wirkt es ein wenig so, als hätte man zwei Gitarristen.

Ihr beide verwendet Instrumente von Alusonic. Was hat es damit auf sich?

Ace: Die wurden vom italienischen Gitarrenbauer Andrea Pollice aus Aluminium gefertigt. Die Geschichte zu meiner Gitarre ist die, dass mir der Typ angeboten hat, mir eine zu bauen. Ich meinte allerdings: Damit ich sie auch spiele, muss sie nicht nur gut sein, sondern besser als meine alte Fender. Und das ist sie tatsächlich. Für Clean-Sounds verwende ich nur noch sie. Sie klingt mehr nach Strat als eine echte. Cass: Bei mir war es ähnlich. Mir hat Andrea einfach so einen Bass gebaut, ohne dass wir vorher überhaupt Kontakt gehabt hätten. Aber er wusste, nur auf Basis von Live-Videos, die er von mir gesehen hatte, was meine Präferenzen sind und wie ich klinge und hat mir daraufhin den perfekten Bass konstruiert. Er ist ein echter Magier.

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