„Hier spielt niemand mit Click-Tracks, niemand folgt einem bestimmten Muster, keiner macht irgendetwas von diesem Bullshit.“
(Bild: Ross Halfin)
Rock’n’Roll muss dreckig, laut, aber auch sexy sein. Er muss seine Hörer fordern, provozieren und verführen. Er muss wie pures Adrenalin wirken – aber auch wie ein Aphrodisiakum für wilde Fantasien und geheime Gelüste. Eben mehr als nur Musik – eher ein Portal zu einer anderen Wahrnehmung, einem alternativen Lifestyle und unkonventionellem Gedankengut.
Genau diesem Ansatz frönen die Krähen auf ihrem neuen Werk ‚A Pound Of Feathers‘ – und das klingt verdammt gut. Gitarre & Bass hat sich mit einem eingeschneiten Rich Robinson in Upstate New York unterhalten.
INTERVIEW
Rich, angeblich habt ihr diesmal einen etwas anderen Ansatz bei den Aufnahmen verfolgt – inwiefern?
Na ja, wir haben das Studio als Werkzeug zum Schreiben verwendet – mehr als je zuvor. Ich hatte eigentlich nur ein paar Ideen und Riffs, nicht mehr. Trotzdem meinte Chris: „Lass uns schauen, was wir damit anstellen können. Lass uns ein paar Tage daran basteln und dann die Band hinzuziehen.“ Es war mal etwas anderes, und das fand ich cool.
Wir haben zwei Wochen in Nashville angesetzt – nur unterstützt von unserem Drummer, Cully. Doch sobald wir losgelegt hatten, ging alles ganz schnell. Das Material, das da entstand, war sehr aufregend und wir hatten schon nach einer Woche neun fertige Stücke. Also sagten wir uns: „Wir dürfen dieses Momentum nicht dadurch zerstören, indem wir noch mehr Leute an Bord holen und alles neu einspielen.“
Wir haben es alleine durchgezogen – ohne Band. Einfach, weil es so gut lief. Und weil wir die Magie von dem, was wir da hatten, nicht zerstören wollten. Drei Tage später war alles im Kasten; in insgesamt acht Tagen. So schnell waren wir noch nie.
Ein echtes Novum – nach 42 Jahren?
(lacht) In der Tat. Wir haben uns ganz auf unseren Instinkt verlassen: „Das klingt cool – lass uns das so machen, und dann ab zum nächsten Song.“ Chris meinte: „Füg einfach noch einen Bass und ein bisschen Gitarre hinzu – fertig. Es muss ja nicht perfekt sein.“ Und das habe ich getan.
Ehe wir uns versahen, hatten wir ein komplettes Album. Es war wirklich aufregend. Ein bisschen so, als ob man auf einer Welle reitet – ein cooler Flow. Mit der Erkenntnis: „Heilige Scheiße – wir sind fertig bevor wir richtig angefangen haben.“ (kichert)
Womit das Album herumspielt, ist ein jugendlicher, rebellischer Vibe, der sich in dreckigen, kantigen und extrem kraftvollen Songs niederschlägt. Verfolgt ihr damit eine Mission oder worum geht es euch?
Ganz genau. Wie für die meisten Leute in unserem Alter, die mit Rock’n’Roll aufgewachsen sind, hat dieser Sound etwas Leidenschaftliches und Expressives – etwas Aufregendes. Er reißt dich mit. Und er kann immer aus der Spur geraten, weil er nicht fest verankert ist, sondern da ständig etwas Verrücktes passiert. Er kann auch in sich zusammenstürzen oder umfallen. Das ist einfach so: Er ist nichts Sicheres und Vorhersehbares. Er ist fragil, er lebt, atmet und blutet – wie das bei Musik sein sollte.
Außerdem bewegt er sich nicht im immer gleichen Tempo, sondern wird mal ein bisschen schneller oder langsamer. Schließlich spielt hier niemand mit Click-Tracks, niemand folgt einem bestimmten Muster, keiner macht irgendetwas von diesem Bullshit. Sondern: Wir bearbeiten unsere Instrumente und es hat etwas Menschliches. Es sind echte Sounds, die auf Gitarren und Verstärkern beruhen. Auf Holz und Saiten – das ist es, was Rock’n’Roll ist.
Und wenn du ein Album so angehst, wie wir – wo du das Studio als Werkzeug nutzt –, hat das etwas wahnsinnig Aufregendes. Nach dem Motto: „Mann, versuch dies. Wie wäre es damit? Lass uns jemanden anrufen, der Trompete oder Geige spielt.“ Da ist alles möglich und alles verfügbar. Gerade in einer Stadt wie Nashville. Man holt sich die Verstärkung, die man braucht und entwickelt so frische, neue Ideen.
Das sorgt für eine frenetische Energie, die sich auf alle Beteiligten überträgt und sie immer weiter anspornt. Wir lieben es immer noch, Songs zu schreiben und Alben zu machen. Wir pushen uns gegenseitig, um das besser hinzukriegen und verschiedene Sachen zu erkunden. In diesem Fall hat es wunderbar funktioniert.
Und? Macht euch das zu Gralshütern eines aussterbenden Genres?
Ich hoffe! Es geht schließlich darum, diese Musik zu bewahren und einer neuen Generation zugänglich zu machen. Einfach, indem man etwas Gutes macht – und die Kids anfixt.
Was spielst du auf dem Album – was verwendest du an Verstärkern und Effekten?
Für das Solo in ‚Do The Parasite‘ hatte ich mir einen MXR-Phaser gekauft. Der wurde dann in der Endproduktion noch ein bisschen nachbehandelt, was toll klingt. Also nur ein wenig Justierung hier und da – aber mit voll aufgedrehtem Amp. Dafür habe ich einen Bluesbreaker benutzt – meinen Muswell, den Nachbau eines 68er Marshalls. Außerdem hatte ich noch meinen Vox AC30 und meinen Harry Joyce am Start.
Letzterer ist ein Schätzchen, das Harry selbst gebaut hat – nachdem er jahrelang Hiwatts für Leute wie Pete Townshend und Dave Gilmour produziert hat. Alle Modelle, für die er verantwortlich war – und das sind die besten – haben ein HJ in der Seriennummer. In den 90ern fing er dann an, Amps unter eigenem Namen herzustellen, und davon habe ich einige, die ich ebenfalls verwendet habe. Genau wie einen Marshall Silver Jubilee, den ich schon ewig besitze, aber bislang kaum berücksichtigt habe.
Warum das?
Ich bin einfach nicht dazu gekommen. Wenn ich ins Studio oder auf Tour gehe, schaue ich mir im Vorfeld alles an, was ich habe, probiere dies und das aus und überlege, was für den jeweiligen Anlass am besten wäre. In etwa so, wie man ein Sportteam für ein bestimmtes Spiel zusammenstellt – so, dass es in dem Moment am effektivsten und erfolgreichsten ist.
Ist es ein Gegner mit starker Offensive, braucht man halt etwas anderes, als wenn es ein defensivstarker Gegner ist. Danach richtet sich die Aufstellung, und der eine oder andere Spieler muss halt auf der Bank platznehmen, weil er nicht ins taktische System passt. Deshalb ist er nicht besser oder schlechter als andere, aber in dem Moment ist er halt nicht besonders nützlich. Genau so ist es bei Gitarren und Gear: Man nimmt nicht alles mit, sondern das, was sich am besten eignet – was am sinnvollsten ist.
… was das ist verrät Robinson auf Seite 2 …
(Bild: Ross Halfin)
Wie steht es mit Gitarren?
Oh, ich habe mir eine neue Fender Jaguar für das Album zugelegt. So eine hatte ich noch nie, ohne dass ich weiß, warum. Denn: Das ist ein ziemlich cooles Teil, das direkt von Fender kam – vom Custom Shop. Ich habe sie ausgepackt, eingestöpselt und war begeistert: „Was für ein geiler Sound.“ Also habe ich sie auf etlichen Songs des neuen Albums eingesetzt, weil sie so gut klingt.
Aber sie steht doch eher für atmosphärische Sounds und wird selten für straighten Rock’n’Roll verwendet, oder?
Stimmt schon, aber ich habe da trotzdem ein paar starke Rock’n’Roll-Nummern herausgekitzelt. Außerdem habe ich mir eine ’64er Rickenbacker zugelegt – eine Rose Morris. Das war der Typ, der sie nach England exportiert und dort F-Löcher reingeschnitten hat. Von Townshend gibt es ein berühmtes Foto mit seiner Rose Morris, das auch für ein Albumcover verwendet wurde. Jetzt habe ich ebenfalls eine davon. Die Teile sind ziemlich selten und haben einen umwerfenden Klang.
Und für die akustischen Stücke?
Da habe ich zu meiner J-200 gegriffen. Ich habe insgesamt drei. Für gewöhnlich benutze ich eigentlich die Martins. Ich besitze einige davon – darunter eine Quad O, ein paar D-28s und etliche Dreadnoughts. Bei diesem Album habe ich zum allerersten Mal eine J-200 verwendet, und die Teile klingen super.
Demnach bist du immer noch ein leidenschaftlicher Sammler?
Das ist ein Prozess, der nie endet. Wenn man Gitarren liebt, will man immer mehr davon. Das ist einfach so. Mein bester Freund, Charlie von der Band Blackberry Smoke, tickt genau wie ich. Deshalb haben wir beschlossen, die Welt allein dadurch zu retten, indem wir immer mehr Gitarren erwerben. (lacht) Das ist unsere Mission: Die Umsatzzahlen von Gitarren anzukurbeln und die Musik am Leben zu halten. (lacht)
Er schickt mir jedes Mal ein Foto, wenn er sich etwas Neues gekauft hat. Und ich antworte dann: „Mann, wir können uns glücklich schätzen, dass wir all diese tollen Gitarren erwerben – wer würde das sonst tun?“ Und er: „Ich weiß. Für dieses Teil habe ich richtig geblutet, aber ich musste es haben.“ Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Wir haben da lediglich ein bisschen Spaß – aber es geht um Gitarren und nichts anderes.
Ihr spielt in diesem Sommer nur eine Show in Deutschland am 5. Juli in Rastatt. Warum macht ihr euch so rar oder kommt da noch mehr?
Es ist so, dass wir eine komplette Tour gebucht haben, die dann in Auftritten im Vorprogramm von Guns N’ Roses in den USA gipfelt – also quasi zum Finale. Und weil das nur einen gewissen Rahmen für Asien, Australien und Europa zulässt, müssen wir uns mehr einschränken als uns lieb ist. Wir treten ja nicht einmal in London, Amsterdam oder Paris auf, sondern schlagen kurz irgendwo auf und reisen gleich weiter. Aber ich denke, dass wir bald zurückkommen. Vielleicht sogar noch vor Jahresende.
Da die Crowes gerade so aktiv sind: Was bedeutet das für deine Solo-Aktivitäten? Hast du aktuell irgendetwas in der Pipeline?
Ja, ich habe vor ein paar Jahren ein Album mit Peter Buck von R.E.M. gemacht. Und das ist auf Spotify zu hören. Es firmiert unter dem Projektnamen Silverlites. Und ich hätte da auch gerne eine Tournee unternommen. Leider hat sich Peter mit dem Sänger zerstritten und deshalb lassen wir das Material ruhen, was schade ist. Ich hoffe, dass es noch auf Vinyl erscheint.
Übrigens haben Peter und ich noch ein weiteres Album gemacht – mit Barrett Martin von den Screaming Trees und Erika Wennerstrom von einer Band namens The Heartless Bastards. Da sind wir gerade fertig geworden – ich weiß aber noch nicht, wann es erscheint. Wahrscheinlich später im Jahr.
Angeblich hast du auch Songs mit Izzy Stradlin geschrieben – was ist daraus geworden?
Stimmt, wir haben ein paar Sachen aufgenommen. Und er schreibt wirklich viel – ständig und überall. Die Geschichte, wie wir da zusammengekommen sind, ist ziemlich abenteuerlich: Chris hat ihn zufällig in Chicago getroffen – während ich schon länger versucht hatte, ihn irgendwie zu erreichen und mal wieder ins Gespräch zu kommen. Das haben wir schon länger nicht mehr getan, aber ich hatte eine falsche Nummer, die nicht funktioniert hat. Deshalb habe ich sogar Duff angerufen, doch auch er hatte nur diese eine, unter der niemand zu erreichen ist.
Doch dann sind sich Izzy und Chris in einem Restaurant in Chicago begegnet – weil wir an dem Abend dort gespielt haben. Da saß Izzy plötzlich direkt neben ihm, was schon irre ist. Sie haben geredet und Izzy hat ihm seine Nummer gegeben, damit Chris sie an mich weiterleitet. Also habe ich mich bei ihm gemeldet und wir haben uns im Topanga Canyon in LA getroffen, wo ich ein Haus und er eine neue Freundin hat. (lacht) Das klingt alles unglaublich, oder? Jedenfalls ist er vorbeigekommen und wir haben ein bisschen gejammt und geschrieben. Es war cool. Ein großer Spaß.
Das heißt?
Gute Frage – auf die ich keine Antwort habe. Ich fürchte, wir müssten noch etwas mehr Arbeit und Zeit investieren, damit dabei etwas Gutes entsteht. Aber hey: Warum nicht? Irgendwann werde ich wieder Luft dafür haben.
Du bist jetzt 42 Jahre in dieser Band, ihr habt euch mehrfach getrennt und doch immer wieder zusammengefunden. Verstehen dein Bruder und du mittlerweile, was ihr an den Crowes habt?
Ich hoffe es. Ich meine, wir haben aufgehört, uns wegen jeder Kleinigkeit zu streiten und dem jeweils anderen irgendwelche Vorschriften machen zu wollen. Das ist gut, weil es uns beide glücklicher macht – sehr sogar. Wir kommen heute besser miteinander klar als je zuvor. Wir sind zufrieden mit dem, was wir tun und haben immer noch das Gefühl, uns weiterzuentwickeln und ein neues, größeres Publikum zu erreichen. Das ist alles, was zählt – und was uns wichtig ist. ●
(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)