Meine jahrelange Suche nach dem guten Tone hat dazu geführt, dass mich die Neugier oft mit Menschen zusammengebracht hat, die genauso nerdig unterwegs sind wie ich. Und diese Menschen kennen wiederum andere Menschen, deren heilige Soundsuche auch nie endet. Durch meinen Freund Dan von DanDrive-Pedals habe ich vor ein paar Jahren das erste Mal ein paar Nachrichten mit Mick Taylor, einer Hälfte von That Pedal Show (TPS), ausgetauscht.
Ich habe das YouTube-Format mit Mick und seinem Freund Daniel Steinhardt von Anfang an verfolgt, da mir Mick durch mein langjähriges Abonnement des englischen Guitarist Magazins natürlich ein Begriff war. Ein guter Fachjournalist und intelligenter Gesprächspartner mit hervorragenden Gitarren-Skills.
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Nachdem ich Mick letztes Jahr anlässlich des 10. Geburtstags von TPS ein paar schnelle Fragen stellen wollte, wurde aus dem kleinen Gespräch sehr schnell eine sehr tiefgehende, emotionale Konversation über die digitale Plattform YouTube, 50 Shades of Gear, Träume, die Macht des Algorithmus und die unbedingte Notwendigkeit analoger Beziehungen mit Menschen in der Zukunft. Das wollte ich euch auf keinen Fall vorenthalten.
INTERVIEW
Mick, du und Daniel habt „That Pedal Show” vor etwa 11 Jahren gegründet. Warum? Und vor allem: ist alles so augegangen wie ihr es euch damals vorgestellt habt?
That Pedal Show (TPS) begann in erster Linie als Spaß für mich und Dan. Wir sind beide besessen von dem Thema Gear und haben einfach die Gelegenheit genossen, uns zu treffen und mit den besten Amps, Gitarren und Pedalen, die uns zur Verfügung standen, zusammen in einem Raum laut zu spielen. Darüber hinaus endete 2013 meine Karriere als Chefredakteur vom Guitarist Magazin …
Ursprünglich sollte „That Pedal Show” ja auch nur auf dem YouTube-Kanal von Dans Firma TheGigRig zu sehen sein, quasi als Marketingformat fungieren. Wir erkannten jedoch sehr schnell, dass die Show ein Eigenleben entwickelte und – zu unserem großen Erstaunen – sehr schnell an Bedeutung gewann. So gesehen hat die Show alle unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen!
Mick und Dan in ihrem natürlichen Habitat (Bild: That Pedal Show)
Ich hadere manchmal mit YouTube: Für meinen Geschmack gibt es zu viele schön produzierte Werbe-Demos von Leuten, die dafür bezahlt werden. Das ist in Ordnung, aber um es mit Nina Hagen zu sagen: „Es ist alles so schön bunt hier … !” TPS ist eine unabhängige Show – warum? Ich denke mal, ihr bekommt haufenweise Angebote, um Gear für gutes Geld zu präsentieren?
Ich erinnere mich, dass ich schon vor dem ersten Video zu Dan gesagt habe: „Wir werden auf keinen Fall Geld für die Erstellung eines Videos, für die Präsentation von Gear oder sonstiges Product Placement nehmen. Never ever! Darauf meinte Dan nur resigniert: Herzlichen Glückwunsch, toll! Das war’s dann wohl mit Geld verdienen – aus und vorbei! Einerseits kam diese Überzeugung von meinem redaktionellen Hintergrund bei den Gitarren-Printmagazinen … aber auch von meiner Überzeugung, dass wir absolut unabhängig bleiben sollten.
Wir hätten anfangs sowieso niemals garantieren können, dass Auftragsvideos pünktlich und innerhalb einer zeitlich getroffenen Vereinbarung erstellt und veröffentlicht werden, da wir am Anfang ja alles noch in unserer „Freizeit” gemacht haben. Außerdem sind Dan und ich sehr ähnlich: Wir sagen, was wir mögen, und wollen nicht über Gear reden, das uns nicht gefällt.
Okay, aber ohne Werbeeinnahmen – wie finanziert ihr dann die Show, wovon lebt ihr?
Der größte Teil des TPS-Umsatzes stammt aus dem Verkauf unserer eigenen Merchandise-Artikel. Schon ziemlich früh haben Leute angefangen, unsere T-Shirts zu kaufen … wir versenden fast täglich in die ganze Welt. Dann gibt es noch ein paar wichtige Pedal-Collabs (z.B. Keeley D&M Drive) im Store, und die zweitgrößte Einnahmequelle sind die Patreon-Einnahmen … ein dickes Danke an unsere vielen Patreons!
Aber jetzt kommt’s: Der kleinste Beitrag sind die YouTube-Werbeeinnahmen. Für viele Leute mag das eine Überraschung sein, aber so ist es nun einmal: Mit YouTube ordentlich Geld zu verdienen ist sehr schwierig – es sei denn, man produziert regelmäßig Videos mit weit mehr als einer Million Aufrufen. Außerdem generieren wir noch ein bisschen Geld mit unseren exklusiven Vorzugshändlern. Alles zusammen ergibt eine solide Einnahmequelle für mich und Katherine, unsere Geschäftsführerin bei TPS. Dans Haupteinnahmequelle ist TheGigRig.
That Pedal Show finanziert sich zu einem großen Teil über Merch (Bild: That Pedal Show)
Seid ihr immer noch mit Leib und Seele dabei, oder ist TPS „just a job” geworden?
Ha! Wenn es „nur” ein Job wäre, würde ich sofort kündigen und etwas anderes machen … denn für einen anständigen Beruf bringt es nicht genug Geld. Du machst so was wie TPS nicht, um reich zu werden. Weißt du, was mir am wichtigsten ist? Seit ich ungefähr 20 bin, habe ich das große Glück, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, was ich am meisten liebe. Dies nicht zu tun, ist und war für mich bis hierhin alternativlos.
Was die Begeisterung angeht: Das kennst du doch auch nur zu gut … jeder kreative Mensch hat diese Tage, an denen man mit allem zweifelt und hadert … ob es das Gitarrespielen, ein geschriebener Text oder was-sonst-auch-immer ist. Aber was deine Frage ja auch impliziert: Wenn du deine Arbeit liebst, wirst du immer dein Bestes geben, um sie gut zu erledigen. Und das gilt für jede Arbeit – nicht nur für kreative Arbeit.
Als Podcaster, der wöchentlich relevante Inhalte liefern muss, weiß ich, wie anstrengend das sein kann. Wie geht ihr damit um, gibt es eine Rollenverteilung zwischen dir und Dan?
Nein, eigentlich haben wir keine Probleme, genug Themen und Ideen zu finden, meistens ergeben sie sich von selbst, weil wir uns für etwas interessieren, was uns schwer beschäftigt, z.B. die Frage: Wie finden wir Transistor Amps? Oder wir verbeißen uns in völlig nerdige Details über sechs neue Boutique-Tubescreamer-Pedale, deren Unterschiede wirklich kaum zu hören sind und trotzdem relevant für uns sind. Was wieder neue Fragen und Erkenntnisse aufwirft.
Das Schwierige ist nur, das dem großen Teil der Zuschauer zu vermitteln … und ich glaube, was das angeht, haben wir die meisten Gitarristen schon verloren – die interessiert nicht das, was uns wichtig ist. Großartig, oder? Egal, wir lieben das eben, so sind wir, das ist unsere Show. Was die Rollenverteilung angeht, bin ich eher der lineare, straighte Typ, der das große Ganze vernünftig rüberbringen will … und Dan eher jemand, der über ein kleines Detail stolpert und von da an alles ins Rollen bringt.
Nach all den Jahren – habt ihr immer noch Freude an der Show?
Absolut! Trotz Stress, die Sendung „nebenbei” zu produzieren, den manchmal grenzwertigen Kommentaren auf Social Media, ist es sehr bemerkenswert, dass wir uns noch nie gestritten haben.
Lernst du immer noch dazu, gibt es immer noch diese „Ah, jetzt versteh’ ich es!”-Momente? Fällt dir so ein Moment aus der letzten Zeit ein?
Es gibt wahrlich immer was Neues zu lernen, es hört nie auf. Tatsache ist doch: Was man nicht weiß, ist fast alles. Als junger Mensch hält man sich für schlau und vertritt seine Erkenntnisse entsprechend selbstbewusst, manchmal dogmatisch. Mit dem Alter und neuen Erkenntnissen ändert sich auch hoffentlich die Sichtweise … Ein Beispiel, bitte nicht in den falschen Hals bekommen: Je öfter ich digitale Gitarrenverstärker/Modeler höre, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass sie absoluter Müll sind. Seit meiner ganzen Ton-Reise der letzten Jahrzehnte habe ich vor allem gelernt, dass nichts besser ist als analoger Klang in guter Qualität.
Was ich zuletzt begriffen habe: Dieses Marshall-Phänomen, also worum es bei einem 100-Watt-Marshall eigentlich geht. Mit 16 Jahren, als ich meinen JCM800 hatte, dachte ich, es geht darum, Menschen mit Lautstärke zu betäuben. Ha! Bullshit. Es geht um Größe, Autorität und Tiefe. Beeindruckend.
Was mir an TPS gefällt, ist die Positivität. Ihr vermeidet beide negative Kommentare. Gibt es zwischen dir und Dan Codewörter für „Was ein Mist” oder spielt ihr nur Pedale, die euch gefallen?
Nein, es gibt keine Codes – wir merken sofort, wenn etwas dem anderen nicht gefällt, wir spielen dann schnell uninspiriert. Klar – Sound ist völlig subjektiv … was für uns Mist ist, finden andere großartig. Wir versuchen, offen zu bleiben – bis zu einem gewissen Punkt. Und das ist eben der Punkt, warum wir unabhängig sind: Weil wir beide kein Gear spielen wollen, das uns nicht gefällt.
Das Leben ist zu kurz für Dinge, die man nicht mag. Was Kritik angeht – immer her damit, solange sie fair und sachlich ist. Aber mit dem Hass und den persönlichen Beleidigungen umzugehen, war wirklich schwer. Durch viele psychologische und philosophische Studien habe ich gelernt, damit umzugehen. Der Ausweg besteht darin, nicht zu eskalieren, sondern Mitgefühl für den Hasser zu empfinden.
Es hat Zeit gebraucht, das zu lernen. Am Anfang habe ich manchen Köder geschluckt und habe dafür mit dem Zustand meiner Psyche bezahlt. Aber: Wir leben und lernen!
Das TPS-Studio (Bild: That Pedal Show)
In all den Jahren hast du jede Menge Gitarren, Pedale und Verstärker gespielt – von billig bis mega teuer. Wie ist es für dich, einen Dumble oder eine Vintage-Strat zu spielen und dann zum normalen Zeug zurückzukehren? Für mich – und ich habe auch Dumble und 59er Les Pauls gespielt – ist es nach all den Jahren immer noch dasselbe: Entweder klingt es gut, oder ich mag es nicht. Wenn es mir gefällt und ich es mir leisten kann, spiele ich es – egal, ob es ein teurer Two Rock-Amp oder ein alter, billiger Dynacord Twen ist. Wie denkst du darüber?
Das ist eine tolle Frage. Ich schätze, das Grundlevel steigt, je mehr Sachen du spielst. Anfang 20 habe ich meine ersten Vintage Fender und Gibsons gespielt und wusste, dass die besten davon wirklich außerirdisch klangen. Bis heute ist eine gute Gibson der Ära ’55-’59 für mich das Maß der Dinge. Leider kann ich mir keine leisten, also versuche ich, so nah wie möglich ranzukommen.
Nimm mal meine Blue Strat – irgendwann war alles ausgeschöpft … ich musste mir einfach eine Vintage Strat besorgen, für das nächste Level. Aber auch wahr: Wenn man in einem Studio sitzt, sind die kleinen bzw. großen Unterschiede offensichtlich und inspirierend. Vor allem für das eigene Denken, denn andere hören das eventuell alles ganz anders. Und um die Antwort noch komplizierter zu machen: Wenn man während des Spielens nachdenkt, spielt man scheiße!
Ein exzellentes Instrument − und meiner Erfahrung nach waren diese außergewöhnlichen Instrumente immer Vintage-Teile − führt dich schneller zum Punkt des Nichtnachdenkens, was dich wiederum kreativer spielen lässt. Für mich ist das eine 50er Gibson, für andere eine brandneue Ibanez. Nur am Rande bemerkt: Der beste Amp, den ich je gespielt habe, war Robben Fords Dumble. Dieser Amp … da kommt nichts drüber. Ich liebe meine Two Rocks, die besser klingen als einige der Dumbles, die ich ausprobieren durfte … aber der von Robben ist überragend!
Welche Rolle spielt YouTube für TPS in den nächsten zehn Jahren?
YouTube als digitale Plattform hat es uns ermöglicht, uns so darzustellen und uns zu etablieren. Aber: Noch größeren Erfolg haben wir mit unseren Experience Days bei TPS im persönlichen Kontakt mit echten Menschen erzielt.
Ich meine das absolut ernst. Ob jetzt, in 10 oder 100 Jahren, wir müssen Dinge tun, die analog, real und gemeinschaftlich sind. Der Übergang zum Digitalen, Virtuellen und Individuellen ist das Ende der Menschheit.
Insbesondere das Scrollen in sozialen Medien – das von einem aus dem Massendaten-Mining abgeleiteten Algorithmus gesteuert wird und nicht von deiner bewusst getroffenen Entscheidung, etwas anzusehen – ich glaube, diese Art von sozialen Medien ist eine lebensraubende Katastrophe für die Menschheit.
Irgendwann habe ich festgestellt, dass mich hauptsächlich britische Gitarristen geprägt haben: Keith Richards, George Harrison, John Lennon, Pete Townshend, Rick Parfitt, Dave Davies, Ron Wood, Steve Marriott … ich habe mir nie so richtig was aus amerikanischen Gitarrengrößen wie Steve Lukather, Van Halen, SRV, Steve Vai etc. gemacht! Wie verlief deine Gitarrensozialisation?
Ich bin das Gegenteil, weil … ich glaube, es geht da viel um Kultur und Geographie. Die Stones, The Who und Quo – so sehr ich sie auch liebe – repräsentierten ein England, das mir bestens bekannt ist. Neblig, regnerisch und größtenteils „pissed”. Das hat mich nicht gekickt. Der Sound von SRV, Hendrix und vielen anderen Blues-Boom-Spielern der Post-60er-Jahre hingegen war für mich etwas völlig Außerirdisches … und wahrscheinlich deswegen auch verlockender. So war es in meinen Teenagerjahren.
Ich glaube auch, dass man mit der Zeit mehr zuhört, mehr lernt und Dinge, die man nie geschätzt hat, mehr in den Fokus rückt. Es gibt zwei Welten für mich – manchmal mag ich gitarrenlastige Musik, von sagen wir Andy Timmons, Guthrie Govan oder Tom Bukovac. Unfassbar musikalisch mit extraordinären Skills – und dann wiederum stehe ich auf Leute wie Joni Mitchell … eine Gitarre plus Stimme. Songs, traurige, wütende, egal, Hauptsache emotional. Und solange es gut klingt und in mir resoniert, bin ich dabei.
Zu guter Letzt … drei Gitarren-Heroes und dein absolutes Lieblingssolo?
Drei Gitarrenhelden … unmöglich! Ich werde hier jetzt nicht über Jimi, SRV oder Albert King referieren. Das haben wir alle schon gehört, „They are untouchable!” Aber es gibt ja auch ein paar frische Namen: Joey Landreth. Er ist total einzigartig und harmonisch umwerfend.
Da bin ich dabei, Joey ist out of sight!
Yep. Dann wäre da noch Michael Landau. Der Gitarrist, der mehr als jeder andere Technik, Ton und Musikalität auf eine Weise vereint, die ich für perfekt halte. Ein absoluter Meister der Gitarre. Okay, Nr. 3 ist Tom Bukovac. Ich habe ihn noch nie zweimal das Gleiche spielen hören. Wie alle, die ich erwähnt habe, besteht Bukovac nur aus Musik.
Und das beste Solo … früher habe ich immer ‚Hotel California’ gesagt, Joe Walsh und Don Felder. Jetzt war es Zeit für was Neues: „Ladies Nite In Buffalo” von David Lee Roth – Steve Vai at his best – was er da abliefert, ist absolut brillant! Was ist dein Lieblingssolo?
‚Something’ von George Harrison – was er spielt ist so zart, gefühlvoll, so melodisch und schön – ich liebe es!
Aaaah, ‚Something’ … absolute Spitzenklasse! Danke Till, das waren wirklich intelligente Fragen, es hat Spaß gemacht darüber nachzudenken!
Danke, Mick! Wir sehen uns auf dem Guitar Summit 2026!