(Bild: Jeff Daly)
Diven, Dauerbrenner, Kultband, Totalverweigerer und Komödianten: Cheap Trick sind alles auf einmal – aber schwer zu fassen und noch schwerer zu erreichen. Gitarre & Bass ist es gelungen, Bassist Tom Petersson „an die Strippe” zu bekommen. Ein ziemlicher Kraftakt.
Für eine Band, die seit 53 Jahren, 21 Alben und 5000 Gigs im Geschäft ist, mutet Cheap Trick geradezu herrlich chaotisch an: Interviews mit dem verbliebenen Original-Trio aus Rockford, Illinois, sind schwer bis unmöglich zu koordinieren. Bis es tatsächlich zu einem Gespräch kommt, vergehen Wochen. Erst dann erbarmt sich Bassist Tom – bereits stolze 75 –, die Anfrage aus Germany wahrzunehmen.
Das ist dann allerdings ein echtes Erlebnis: Ein Rock’n’Roller alter Schule, mit der geballten Lebenserfahrung eines Weltenbummlers, einem eigenwilligen Ansatz in Sachen Equipment sowie dem Humor eines waschechten Comedians. Ladies & Gentlemen: Der einzige Bassist der Welt, der auf zwölf Saiten schwört und alles nur aus Spaß macht – weil sich mit Musik ohnehin kein Geld mehr verdienen lässt. Punkt.
Rick und du macht jetzt seit 1967 zusammen Musik – wie kommt’s? Habt ihr so eine besondere Chemie?
In der Tat. Wir waren zusammen in der Highschool. Also nicht, dass wir beste Freunde gewesen wären, aber wir kannten und schätzten uns. Alle Musiker in der Stadt kannten sich – es war eine sehr übersichtliche Szene. Als ich meinen Abschluss hatte, fingen wir an, eine Band zusammenzustellen. Sie hieß Fuse und wir haben sogar einen Plattenvertrag bei einer großen Firma unterschrieben – bei Epic Records.
Wir dachten: „Dieses Geschäft ist ein Traum und es ist alles so easy.” Geschissen – es ist das genaue Gegenteil. Wir wurden schon nach einem Album vor die Tür gesetzt. Die Ironie ist, dass sie uns Jahre später – als wir Cheap Trick waren – wieder unter Vertrag genommen haben. Das waren dann allerdings neue Leute, die nichts mit dem alten Stab zu tun hatten.
Die musikalischen Grundlagen dieser Band sind Hardrock, die Beatles aber auch Punkrock. Darf man fragen, wie ihr zu letzterem gekommen seid bzw. was euch daran fasziniert?
Oh, wir lieben Punk. Als das erste Album der Sex Pistols erschienen ist, waren wir gerade bei unserem zweiten. Das war Anfang 1977 – und wir hielten die Pistols für großartig. Wir fanden sie lustig, überdreht und haben alles daran geliebt – für uns waren das tolle Songs, und das sind sie bis heute. Außerdem war es irre, wie viel Hass sie bei einigen Leuten ausgelöst haben – wie angepisst sie von der Musik waren. Das hielten wir für fantastisch.
Wir mögen ganz allgemein Bands, die Grenzen ausloten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich Alice Cooper auf seiner allerersten Tour gesehen habe – in einer winzigen Bar, irgendwo im Nirgendwo. Das war wie: „Wow, diese Typen haben Nerven. Wie kann man nur so rumlaufen – und so einen Krach machen?” Das muss 1969 gewesen sein. Dasselbe galt für die New York Dolls, die wir ebenfalls geliebt haben.
Wir fühlten uns davon großartig unterhalten – besonders von dem Visuellen daran. Es war mehr als nur Musik. Nämlich ein Lifestyle, eine Attitüde. Das fanden wir unglaublich cool. Und aus irgendeinem Grund hat das die breite Öffentlichkeit richtig wütend gemacht. Für uns war es das Größte.
Genau wie die Beatles?
Ja, und Prog-Rock. Wir fanden die Musik der 60er und 70er wahnsinnig aufregend – weil sie so innovativ und spannend war. Und weil da so viel passiert ist. Damals hat jeder Künstler noch zwei Alben pro Jahr aufgenommen. Was bedeutet, dass ständig Neues kam. Das war fantastisch – allein wegen der Vielfalt.
Wir mochten einige der King-Crimson-Sachen und fast alles von T.Rex oder dem Mahavishnu Orchestra. Aber eine unserer absoluten Lieblingsbands war The Nazz – die erste Gruppe von Todd Rundgren. Es waren also viele verschiedene Dinge, die uns begeistert und geprägt haben. Angefangen hat es aber mit der British Invasion. Ich war 13, als ich die Beatles in der Sullivan Show sah. Ich dachte: „Das ist es!” Es war ein Moment, der mein Leben verändert hat.
Klingt, als wäre das die perfekte Zeit gewesen, um jung und musikbegeistert zu sein?
Das würde ich so unterschreiben. Was das betrifft, habe ich verdammtes Glück gehabt. Meine Helden waren die Beatles, die Stones, die Kinks, die Dave Clarke Five, Jimi Hendrix, die Bonzo Dog Doo Dah-Band und Kraftwerk. Als die auftauchten, dachte ich: „Mann, dieser Scheiß ist wirklich cool.” Und das habe ich nicht zuletzt deshalb gedacht, weil es so viele Leute gehasst haben. Denn: Sie waren merkwürdig, aber auch irgendwie clever, und sie hatten ein paar wahnsinnig coole Songs.
Wobei wir uns in erster Linie als 60s Act verstanden haben, denn das ist die Zeit, in der wir unsere ersten Gehversuche unternommen haben. Gleichzeitig waren wir damals aber noch sehr jung, was bedeutete, dass es eine Weile gedauert hat, um einen eigenen Sound zu finden. Mittlerweile sind wir bei unserem 21. Studio-Album angelangt und die Leute fragen, warum wir das immer noch tun. Die Antwort ist: Um Platten machen zu können.
Das war der Grund, warum wir mit der Musik angefangen haben. Wir wollten einen Plattenvertrag, wir wollten eigene Songs schreiben und so viel wie möglich live spielen. Deswegen machen wir das immer noch – egal, wie gut oder schlecht sich Tonträger heute verkaufen. Sie sind uns einfach wichtig – und wir könnten uns nichts Besseres vorstellen, als immer weiter zu machen.
(Bild: Mc Clister)
Verrate uns bitte mal, wie du darauf gekommen bist, einen 12-saitigen Bass zu entwickeln – und zu deinem Markenzeichen zu machen?
Wir waren eine kleine, vierköpfige Band, die einen großen Sound wollte. Insofern hielt ich das für eine gute Idee. Ein paar Freunde von mir eröffneten eine Gitarren-Firma in Chicago und ich überredete sie dazu, mir einen 12-saitigen Bass zu bauen. Das haben sie getan.
Du meinst Hamer Guitars?
Ganz genau, Paul Hamer und Joel Danzig. Zuerst hatten sie einen Gitarrenladen, dann fingen sie an, eigene Modelle zu bauen.
Wie fielen die Reaktionen auf deinen Bass aus? Wurde er eher bestaunt oder belächelt?
Wen interessiert’s? Sie sollten ja nur für mich sein. Insofern war es mir egal, was andere Leute darüber dachten. Ich habe das nicht gemacht, um damit Geld zu verdienen. Ich bin ja kein Gitarrenbauer. Ich hatte nur diese Idee und habe die Teile dann auch gespielt. Das ist alles. Ich verdiene damit kein Geld.
Aber sind deine frühen Modelle nicht längst echte Sammlerstücke, die für horrende Summen gehandelt werden?
Stimmt. Die Original-Hammers von damals sind es definitiv. Aber wie heißt es so schön: Der einzige Grund, warum etwas zu einem gefragten Sammlerstück wird, ist der, dass niemand damit gerechnet hätte, dass es je dazu hätte kommen können. Ich meine: Warum haben all die dummen Leute damals die Verpackungen ihrer Barbie-Puppen weggeworfen und sie somit völlig entwertet? Weil es Geschenke für Kinder waren – und sie nie Sammlerstücke werden sollten.
Wirft man Sachen nur auf den Markt, um Sammler anzusprechen, wie es etwa Kiss getan haben, dann haben sie so gar keinen Wert. Und wenn ich damals gewusst hätte, dass eine Gibson, die 200 Dollar gekostet hat, irgendwann 500.000 Dollar wert sein könnte, würde ich heute in Geld schwimmen. Tue ich aber nicht… Und ich habe auch keinen meiner alten Bässe je verkauft. Wenn sie sich noch spielen lassen, dann habe ich sie auch noch irgendwo.
Mal abgesehen von der Anzahl der Saiten: Worin besteht der Unterschied zu einem handelsüblichen Bass?
Es ist, als ob da zwei Gitarristen neben mir stünden – und genau dasselbe spielen, wie ich. Also, als ob ich mich Verdreifachen würde – auch vom Sound her, der viel dicker und größer ausfällt. Oder als würden all meine Bass-Parts gleichzeitig von einer 12-saitigen Gitarre gespielt. Und ich benutze ja auch unterschiedliche Amps – einen Bass- und einen Gitarren-Amp –, aus denen verschiedene Sounds kommen.
Es ist quasi mehr als nur ein Bass – auf jede Bass-Saite kommen zwei zusätzliche Oktavsaiten. Ich glaube, den einzigen regulären Bass, den ich je bei Cheap Trick verwendet habe, war ein 64er Gibson Thunderbird aus den Anfangstagen. Aber das Rig, das ich bis heute benutze, würde ich auch für jeden 4-saitigen Bass verwenden. Es ist nur so, dass ich da halt ein etwas anderes Instrument einstöpsele.
Ansonsten ist es klanglich gar nicht so weit von einem 4-saitigen Bass entfernt. Nur live wirkt es halt größer – und darauf kommt es an. Außerdem bin ich der einzige, der das so macht. Ich habe keine Konkurrenz. Und das ist toll – ein gutes Gefühl.
Mittlerweile werden deine 12-saitigen Bässe von Gretsch gebaut – macht dich das stolz?
Und wie! Es zeigt mir, das ich nicht der einzige bin, der daran glaubt. (lacht) Und unsere Partnerschaft hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel – was ein gutes Zeichen ist. Aber: Es ist nicht so, als wären sie in Massenproduktion, sondern sie werden vom Gretsch Custom Shop gebaut. Sprich: Man muss sie bestellen und sie werden speziell für dich gebaut – was länger dauern kann.
Aber sie stehen nicht in irgendwelchen Läden herum und können folgerichtig auch nicht ausprobiert werden. Es ist eine Spezialanfertigungsgeschichte. Und ich liebe Gretsch, was wieder mit den Beatles zusammenhängt. Denn was war mit das erste Instrument, das sie verwendet haben? Die Gretsch Country Gentleman. Von daher mag ich Gretsch, Rickenbacker und Höfner, aber auch Vox Amps – das ist der 13-jährige Junge in mir, der diese Sachen bei seinen Idolen gesehen hat.
Dein Bass erinnert ja auch an eine Country Gentleman.
Stimmt. Und die hat George Harrison gespielt. Deshalb war ich auch so stolz, als Gretsch sich da angeboten hat – das war verdammt cool. „Hey, wir würden gerne deinen 12-String-Signature-Bass bauen – hättest du etwas dagegen?” „Nicht im geringsten, das wäre fantastisch.” (lacht)
Ist dir bewusst, dass dein Bass bei rund 13.000 Dollar liegt?
So teuer? Ich hatte ja keine Ahnung. Tja, dann wird er wohl auch kein Bestseller sein. Wie gesagt: Man kann ihn ja nicht einmal ausprobieren. Aber mir geht es eh nur darum, dass Gretsch die Dinger für mich baut. Ich schätze, ich bin mein eigener bester Kunde – aber ich habe keine Kontrolle darüber.
Was verwendest du denn auf dem neuen Album – was Bass, Amps und Effekte betrifft?
Hauptsächlich meine Orange-Amps. Was Bässe betrifft, sind es diverse alte Precisions, noch ältere Thunderbirds und natürlich die 12-Saitigen, zumindest bei bestimmten Songs. Ich habe darauf geachtet, dass es bei jedem Stück ein bisschen anders ist, also nie dasselbe – wenn auch mit demselben Rig. Das ist die einzige Konstante, der Rest war ein einziges Herumspielen und Rumtüfteln. Einfach, weil das Spaß macht und den Aufnahmeprozess spannend hält.
So handhabe ich das im Grunde schon immer – mit allen Alben, die wir je gemacht haben. Denn: Aufnahmen sind für die Ewigkeit – Live-Performances nicht. Und wenn du dir das vor Augen führst, eben dass du etwas Permanentes kreierst, gehst du das auch anders an. Dann legst du viel mehr Gewicht aufs Detail und versuchst, alles absolut perfekt zu machen.
Von daher stecke ich da alles rein, was ich habe, kann und weiß. Ich versuche bei jedem einzelnen Song, das zu spielen, was für ihn am besten ist – mit dem richtigen Sound und der richtigen Anmutung. Es muss so gut, wie eben möglich sein.
Übst du noch täglich oder spielst du nur, wenn die Band zusammenkommt?
Wir arbeiten ohne Pause – entweder sind wir auf der Bühne oder im Studio. Und wenn ich mal zu Hause bin, greife ich zur Gitarre. Ich setze mich hin und spiele. Wobei ich nicht übe, ich mache das nur zum Spaß. Das ist alles, worum es mir geht. Und wenn dabei ein paar nette, kleine Songideen abfallen, umso besser. Deshalb lasse ich immer ein Aufnahmegerät mitlaufen – für den Fall der Fälle.
Aber darauf lege ich es nicht an. Genauso wenig, wie ich die Musik von anderen Leuten nachspiele. Es geht ums Abschalten und Entspannen – und das tue ich mit der Gitarre. Ich liebe es, sie zu spielen und mache das nur zum Vergnügen – und um nebenbei noch mit ein paar Ideen fürs nächste Album aufzuwarten. Das ist alles, was ich seit über 50 Jahren tue – und mir geht es verdammt gut damit. Warum also aufhören?
Vielen Dank für das Gespräch.
Auf Wiedersehen – und vielleicht schaffen wir es demnächst mal wieder zu euch. Es wird ja höchste Zeit!
(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)