Interview

Francis Rossi: Der Befreiungsschlag

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(Bild: James Eckerley)

Über 50 Jahre lang hat Francis Rossi gegen Kritiker, Status-Quo-Bandkollegen, Hardcore-Fans, aber auch spielerische Schwächen gekämpft. Damit ist jetzt Schluss: Ab sofort ist der 76-Jährige nur noch solo unterwegs – und erweist sich ambitionierter, ehrgeiziger und vielseitiger denn je. Nachzuhören auf ‚The Accidental‘ – ein Album, das eine riesige Überraschung darstellt.

INTERVIEW

Francis, in Anlehnung an den Albumtitel: Inwiefern ist dieses Album denn ein Unfall?

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Oh, es ist das Resultat einer ganzen Verkettung von Unfällen. Denn seien wir ehrlich: Ich hatte gar nicht vor, ein Album zu machen – weil ich keine Lust auf ein weiteres Quo-Drama hatte. Und mit Hannah Rickard konnte ich nicht arbeiten, weil sie geheiratet und Kinder bekommen hat. Mein Freund Max Ficarro meinte dann: „Warum probierst du es nicht alleine?“ Und darauf ich: „Aber wofür – und für wen?“

Ein paar Tage später habe ich ein paar Songs mit Hiran Ilangantileke geschrieben. Ein Zungenbrecher – er stammt aus Sri Lanka und ist mit meinem Sohn Nummer drei zur Schule gegangen. Jedenfalls waren diese Songs so gut, dass ich meiner Frau davon erzählt habe. Darauf sie: „Dann mach doch noch mehr mit ihm.“ Das habe ich – und ich hatte einen kreativen Schub. Etwas, was man im Allgemeinen nicht mit Status Quo assoziiert. (kichert)

Und selbst das Label war begeistert von dem Material. Als ich es dann mit Andy Brook produziert habe, haben wir noch viele Kleinigkeiten am Computer hin- und hergeschoben bzw. Sachen hinzugefügt, die das Ganze sogar noch besser haben klingen lassen. Es war also eine Reihe von Un- und Zufällen, die zu diesem Ergebnis geführt haben.

Deshalb meinte ich schließlich: „Ich würde dieses Album gerne ‚The Accidental‘ nennen.“ Worauf es hieß: „Das geht nicht, weil das grammatikalisch nicht korrekt ist.“ Ich solle es besser ‚Accidental Album‘ nennen – was ich aber langweilig fand. ‚The Accidental‘ war viel spannender.

Warum wolltest du kein weiteres Quo-Album machen?

Weil ich gerade in einer Stimmung bin, in der ich es genieße, mich nicht mit anderen Meinungen und Vorstellungen herumschlagen zu müssen. Status Quo gilt ja als demokratische Einheit – auch, wenn das natürlich Quatsch ist. Ich trage schließlich mehr dazu bei als jeder andere. Und wäre es ein Band-Album gewesen, wäre ich wohl nie da angekommen, wo ich jetzt bin – einfach, weil ich wieder zwei Songs von jedem einzelnen hätte berücksichtigen müssen.

Das ist Usus – selbst, wenn wir gerne über Qualitätskontrolle reden; was jedoch nie das Hauptkriterium bei der Songauswahl war. Ich hatte jedes Mal rund 25 Stücke am Start – während andere nur zwei vorzuweisen hatten. Die wurden dann auch berücksichtigt, egal wie gut oder schlecht sie im Verhältnis zu meinen Sachen waren.

Das hat meist dafür gesorgt, dass ich mich später – als ich das fertige Werk gehört habe – fragte: „Warum habe ich mich darauf eingelassen? Wie konnte ich da zustimmen?“ Und deshalb habe ich diesmal lieber alles alleine gemacht – ohne mich über andere ärgern zu müssen.

Ich habe wirklich zum allerersten Mal ein Album gemacht, bei dem ich keine Vorahnung davon hatte, was es werden würde. Und das wollte ich auch gar nicht wissen. Es sollte nur einen guten Gesang aufweisen – besser als auf den Quo-Alben. Ich hoffe, das ist mir gelungen – denn es war ja keiner dabei, der mir hätte dazwischenfunken können.

Was bei deinem Solo-Album auffällt ist die stilistische Vielfalt, die von Blues-Rock über Vaudeville, Orchester-Pop, Boogie Woogie bis zu Balladen reicht. Was willst du uns beweisen – dass du dazu sehr wohl in der Lage bist?

Ich kämpfe jetzt seit über 50 Jahren gegen Leute an, die sagen: „Du bist dies und das – du bist Status Quo.“ Und noch viel schlimmer: „Das ist nicht Status Quo.“ Da denke ich mir immer: „Komisch, dabei habe ich das geschrieben – und ich singe da. Ich spiele sogar Gitarre. Was soll das denn sonst sein, wenn nicht Quo?“

Und ich liebe unsere Fans, aber die meisten von ihnen sind nicht in der Lage, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Sie betonen immer, wie sehr sie Pop hassen. Dabei liebe ich Pop – genau wie Country, Blues und alle möglichen Sachen. Es ist alles gute Musik.

Und deshalb habe ich auf diesem Album den Ansatz verfolgt: „Ich mag dies, ich mag das – deshalb versuche ich mich daran.“ Es ging nur darum, was mit gefällt. Und es ist mir egal, was andere denken. Ich liebe diese Songs. Und ich bin verdammt stolz, dass ich das in meinem Alter noch hinbekommen habe.

Denn ich kann nicht oft genug betonen: Ich bin alt. Trotzdem klingt meine Stimme besser als die von McCartney, der zuletzt mächtig nachgelassen hat. Auch die Stones sehen verdammt alt aus, wenn ihr mich fragt. Der arme Keith – ich bin mir nicht sicher, ob er noch weiß, auf welcher Bühne er gerade steht. Mick weiß das bestimmt – er ist in Topform. Und was Ronnie betrifft, so halten die meisten von uns ihn nicht mal für einen echten Stone. Er ist kein Vergleich zu Brian Jones.

Spielst du noch deine Fender Telecaster oder was benutzt du auf dem Album?

Ich verwende die Fender Acoustic Telecasters – die Acoustasonics. Das sind wirklich wunderbare Gitarren. Und ganz ehrlich: Ich wäre nicht in der Lage, diese Solo-Konzerte zu spielen, wenn es sie nicht gäbe. Denn die meisten Akustikgitarren heulen los wie ein gottverdammter Jumbo und sind schwierig zu spielen.

Für die Solokonzerte verwendet Rossi die Fender Acoustasonic Telecaster. (Bild: James Eckerley)

Sie haben auch einen kürzeren Hals, aber die Acoustasonic ist eine Telecaster – und klingt auch so. Eben old school. Ich habe etliche Telecaster. Und auf dem Album spiele ich meine Status-Gitarren. Eine, die genauso designt ist, wie meine alte Telecaster. Dazu kommt diese komplett schwarze mit den Humbuckern.

Wobei mir bewusst geworden ist, dass ich damit wieder ganz am Anfang meiner Karriere angekommen bin: Als ich damals ‚Matchstick Men‘ aufgenommen habe, hatte die Gibson, die ich verwendet habe, ebenfalls Humbucker. Ich habe sie dann gegen die Telecaster von einem Typen der Band Badfinger eingetauscht. So bin ich zu diesen Gitarren gekommen. Aber letztlich mag ich sie vor allem wegen ihrer Form. Außerdem haben sie einen Ahorn-Hals, das ich sehr mag.

Also geht es dir gar nicht so sehr um den Sound?

Nein. Aus dem einfachen Grund, weil ich nie ein sonderlich guter Spieler war – und immer noch nicht bin. Ich habe mal ein Interview mit Steve Howell gelesen, in dem er gesagt hat, er möchte mit seiner Gibson beerdigt werden. So weit würde ich nie gehen. Meine Lieblingsgitarre ist immer die, die ich gerade spiele, egal welche das ist.

Francis’ schwarze Graphit-Gitarre von Status Graphite mit zwei Humbuckern (Bild: James Eckerley)

Und für dieses Album war es die schwarze Status-Graphite-Gitarre, die ich vor ein paar Jahren noch als absoluten Scheiß tituliert hätte – also moderne Scheiße. Letztlich ist es aber so, dass man auch für neue Sachen offen sein muss: KI, Computer, etc. Wenn man immer nur mit Analog-Equipment arbeitet, hat man nicht die Flexibilität, die einem die Technik bietet.

(Bild: James Eckerley)

Und man kann auch nicht immer nur von wunderbaren, alten Gitarren schwärmen, ohne je eine neue auszuprobieren. Dann würde man merken, dass die gar nicht so schlecht sind. Denn: Auch eine tolle, alte Gitarre war mal eine neue – und für ihre Zeit eine wer-weiß-wie-große technische Innovation. Von daher sage ich immer: Ich mag, was ich spiele und ich spiele, was ich mag – aber ich bin kein Virtuose.

Deine legendäre 1957 Fender, auf der die meisten deiner Hits entstanden sind, hast du vor ein paar Jahren verkauft. Darf man fragen, warum du sie nicht behalten hast?

Tja, dann hätte ich hier noch einen weiteren Staubfänger rumstehen. Denn sie hat sich ständig verstimmt. Tatsächlich bereue ich es ab und zu, dass ich mich deshalb gleich von ihr getrennt habe. Sie hatte einen großartigen Sound, den ich danach mit vielen anderen Gitarren zu imitieren versucht habe, in dem ich das exakt selbe Holz verwendet habe und solche Sachen. Aber dem bin ich nie nahegekommen – selbst mit den unterschiedlichsten Pickups.

Nur: Was soll man machen? Deswegen gebe ich mir nicht die Kugel. Und ich mag es nicht, wenn Leute da zu pedantisch sind. Schließlich ist es so: Nur, weil sich jemand dieselben Gitarren kauft, die auch Clapton oder Jimmy Page spielen, wird er doch niemals wie die beiden klingen. Ich selbst klinge auch immer nur wie ich – egal, welche verfluchte Gitarre ich benutze. Es geht nur darum, wie man spielt, nicht welches Instrument.

Und was meine 1957 Fender betrifft: Die war irgendwann so abgenutzt, dass sie sich ständig verstimmt hat – also nur durch die Bewegung auf der Bühne und durch ein bisschen Dehnen. Es hat mir echt weh getan, aber ich musste mich davon trennen.

Seine andere Status-Gitarre im T-Style (Bild: James Eckerley)

Ein weiteres Markenzeichen von dir ist die Kombination eines Marshalls mit einem AC30. Wie bist du darauf gekommen?

Der AC30 war Standard, als ich jung war. Und ich weiß noch, wie ich meinen ersten gekauft habe – in einem Laden an der Charing Cross Road in London, wo mir The Searchers entgegenkamen. Ich dachte: „Wow, hier bin ich richtig.“ Und wie sie, habe auch ich einen AC30 gekauft.

Dann ist jeder zu Marshall gewechselt, weil die Teile eine ganz andere Art von Lautstärke ermöglichten. Das war der Anfang von etwas, aber zugleich auch das Ende von etwas anderem. Für mich liefert der AC30 einfach den besten Sound, den ich mir vorstellen kann. Und ich bin nicht der einzige, der so denkt.

Ein Nachbar von mir bekommt regelmäßig Besuch von Bryan Adams und Jimmy Page – weil er um die 100 AC30s auf dem Dachboden rumstehen hat. Er repariert und wartet sie. Deshalb liefern viele ihre Amps bei ihm ab. Und wenn ihr mich fragt, haben die Teile einfach etwas. Also ähnlich wie ein Fender Twin oder Fender Champ.

Je kleiner der Amp, desto besser der Sound. Und der Fehler, den wir als Band begangen haben, war all diese riesigen Kisten zu kaufen, die nur dann gut geklungen haben, wenn man sie bis zum Anschlag aufgedreht hat. Richtig gut wurden sie erst, als da das Master Volume eingeführt wurde. Da hat man dann das Gain aufgedreht und die Lautstärke am Master reduziert, bis es regelrecht aus dem Kasten hervorgesprudelt ist. Das klang wie eine kleine Wespe in einem Einmachglas. Nimmt man diesen Sound dann auf, wirkt er riesig.

Aber: So viel Lautstärke brauchten wir im Studio gar nicht. Da sind Rick und ich prima mit unserem AC30 klargekommen. Die Marshalls waren nur für die Bühne – denn man konnte sie noch im hintersten Winkel der Konzerthallen hören.

(Bild: James Eckerley)

Also ging es da nur um ohrenbetäubenden Krach?

Ja, und ich weiß noch, wie stolz Jim Marshall darauf war. Er hielt seine Amps für die größte Erfindung der Menschheit – für das Non plus ultra. Dabei wäre es viel wichtiger gewesen, zunächst mal ein PA-System zu entwickeln, das es zu dieser Zeit noch nicht so richtig gab.

Damit wurde der Sound in den Konzerthallen dann auch größer und größer – und man brauchte gar keine Marshalls mehr. Die Lautstärke ließ sich auch über die PA herbeiführen; und der AC30 reichte wieder vollkommen aus.

Ich denke, es war vielleicht unser größter Fehler, dass wir zu sehr auf große Amps gesetzt haben. Sie haben Ricks Gehör ruiniert. Was dann dafür sorgte, dass sein Sound sich immer weiter von dem tollen Klang entfernte, den er in den frühen 70ern hatte – weil er das gar nicht mehr wahrgenommen hat. Er hat immer mehr Höhen verwendet, und dadurch wurde alles dünner und krachiger.

Das ging so weit, dass wir Ricks Amp mitunter zum Schneiden von Käse verwendet haben, weil er so scharf war. (lacht) Ich liebe meine eigenen kleinen Witze… ●


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)

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