Vintage Guitar Stories: 1966 Gretsch 6120 Chet Atkins Nashville

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(Bild: Franz Holtmann)

Chet Atkins prägte ganze Musikergenerationen und gilt als einer der einflussreichsten Spieler der elektrischen Gitarre überhaupt. Für Gretsch war es ein goldener Griff, Chet als Endorser und auch Mitgestalter für seine ikonischen Gitarren-Designs zu gewinnen.

Die berühmte Gretsch Hollowbody Electric 6120 ist eine von Atkins codesignte Gitarre, die erstmals Mitte der 1950erJahre vorgestellt wurde. Die Zusammenarbeit mit dem virtuosen Fingerstyler, berühmt und einflussreich als Mitbegründer des „Nashville Sound“, katapultierte die New Yorker Firma Gretsch fast über Nacht in die erste Reihe der amerikanischen Hersteller. Rock’n’Roll- und Rockabilly-Stars wie Eddie Cochran und Duane Eddy adoptierten die ab 1954 von Chet Atkins mitgestalteten und unter seinem Namen vorgestellten Modelle schnell, allen voran die 6120 Hollow Body. Vor allem die sollte sich als bleibende Ikone des amerikanischen Gitarrenbaus erweisen.

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Der 1954 entwickelte Prototyp trug noch den Namen Streamliner Special, ein zweiter wurde bereits mit Vibrato-Bridge und einem Sattel aus Metall plus Nullbund ausgestattet. Beide Prototypen verfügten noch über ungebundene Kopfplatten, die 1955 vorgestellten Produktionsmodelle der 6120 kamen dann schon mit Bindings. Mit welchem Selbstbewusstsein Gretsch diese Gitarre mit dem Namen des berühmten Gitarristen an den Markt brachte, zeigt der ursprüngliche Preis von satten $ 385 für die 6120, der deutlich höher ausfiel, als etwa der von Gibsons Les Paul Goldtop, die damals $ 225 kostete, oder Fenders Telecaster, die quasi zum halben Preis für $ 189,50 angeboten wurde.

Im Jahr 1958 wurden die „neo classic“-Bundmarkierungen mit dem seitlichen Daumennagelabdruck eingeführt. Auch verschwanden in diesem Jahr die DeArmond-Tonabnehmer und Gretsch verwendete fortan seine eigenen „FilterTron“-Humbucker.

Die 6120 etablierte sich zwar schnell in den sehr amerikanischen Bereichen Rock’n’Roll, Rockabilly und Surf, aber für die regelrechte Sprengung der Produktionskapazitäten bei Gretsch sorgte dann ein Engländer namens George Harrison. Im Mai 1963 erwarb dieser seine erste Gretsch, eine Country Gentleman (gelistet seinerzeit mit 264 Pfund) bei Sound City in London, später kam dann auch noch eine zweite und die Tennessean dazu (Modelle, die wie die 6120 in Zusammenarbeit mit Harrisons Idol Chet Atkins entwickelt worden waren).

Mit dem sagenhaften Erfolg der Beatles wurde der mit Gretsch assoziierte Harrison zum Vorbild Tausender von Gitarristen, worauf ein Run auf Gretsch-Gitarren einsetzte. Zusammen mit John Lennon und Stuart Sutcliffe hatte George Harrison übrigens im April 1960 Eddie Cochran in Liverpool gesehen. George: „Er stand am Mikrofon und als er zu sprechen begann, fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare und schob sie zurück. Und ein Mädchen, eine einzige Stimme, schrie: ‚Oh, Eddie!‘, und er murmelte kühl ins Mikrofon: ‚Hi Honey.‘ Ich dachte: ‚Yes! That’s it – Rock’n’Roll!‘“.

Einen Tag nach Beendigung der erfolgreichen Tournee durch Great Britain, die er zusammen mit Gene Vincent absolviert hatte, wurde der erst 21-jährige Eddie Cochran auf dem Weg zurück nach London in einen tragischen Autounfall in der Nähe von Bath verwickelt – die 6120 überlebte, Eddie leider nicht. Seine vielfach gecoverten und von der Gretsch-Gitarre geprägten Songs ‚Summertime Blues‘ und ‚C’mon Everybody‘ kennt man noch heute.

ORANGE DREAMS

 

1963 stand auch ein Teenie namens Neil Young mit seinem Kumpel Randy Bachmann vor dem Schaufenster eines Musikladens im kanadischen Winnipeg und bewunderte die dort ausgestellte orangefarbene Gretsch 6120, mit der er schon den verehrten kanadischen Jazz-Virtuosen Lenny Breau gesehen hatte. Im September 1963 konnte er sich seinen Traum in orange mit einer gebrauchten Gretsch erfüllen, und für eine Zeitlang war die Single Cutaway 6120 seine ständige Begleiterin. 1964 stieß er in Fort William dann auf Stephan Stills, einem weiteren Gretsch Fanatic mit dem zusammen er in der Band Buffalo Springfield spielte und später dann mit Crosby Stills Nash & Young Musikgeschichte schreiben sollte. Auch dabei spielten Gretsch-Gitarren eine nicht geringe Rolle.

Randy Bachman, mit The Guess Who und Bachman Turner Overdrive ebenfalls sehr erfolgreich, war als passionierter Gretsch-Sammler bekannt. Er besaß am Ende 385 Exemplare, die er 2008 an die Gretsch Company verkaufte, wo sie Teil des Gretsch Museums wurden. „Ich habe Fred Gretsch die gesamte Sammlung verkauft. Wie viele Leute können ihre Midlife-Crisis verkaufen? Ich habe meine verkauft und dabei Geld verdient. Bis dahin hatte ich so viel Ärger mit meiner Frau, dass ich diese Sammlung, die ich nie benutzt habe, einfach verkaufen musste! Ich hatte sie alle in sorgfältig beschrifteten Cases, es war wie eine Bibliothek mit schönen Büchern, die man nie liest. Man ist zu sehr damit beschäftigt, den Rolling Stone oder das neueste Gitarrenmagazin zu lesen (Anm. d. Red.: guter Mann!). Jetzt war es also an der Zeit, sie zu verkaufen.“

Fred Gretsch zog sich 1967 aus dem Geschäft zurück, aber da es ihm nicht gelang, einen Nachfolger für die Geschäftsleitung zu finden, wurde Gretsch in den späten 1960er-Jahren an die Baldwin Piano Company verkauft, was zu Verschlechterung der Qualität durch Sparmaßnahmen führte. In den frühen 70er-Jahren sorgten auch Brände in der Fabrik für schwere Probleme. Die Fertigung des Modells 6120 wurde in den späten 1970er-Jahren eingestellt; 1981 beendete Baldwin endgültig seinen Ausflug in die Gitarrenwelt. Der Wert alter Instrumente stieg allerdings wieder sprunghaft an, als der Rockabilly-Star Brian Setzer mit den Stray Cats in seinen Musikvideos Anfang der 1980er-Jahre mit einer alten 6120 zu sehen war. 1985 stieg Gretsch unter Leitung von Fred Gretsch III, dem Urenkel des Gründers, wieder ins Gitarrengeschäft ein.

Seit 2003 werden Gretsch-Gitarren in Kooperation mit Fender gefertigt. Das vorliegende Exemplar kann als musterhaft für seine Zeit angesehen werden. Es ist im originalen Zustand und hat nicht die oft bei Gretsch auftretenden Probleme mit bröselnden Bindings. Lediglich das Pickguard wurde irgendwann erneuert. Der Hals hat ein gutes Format mit 42 mm Sattelbreite und guter Schulterrundung. Allerdings setzt die einteilige Bridge-Auflage ohne Saitenkompensation eine gewisse Kompromissbereitschaft voraus, sagen wir so: Man muss damit arbeiten.

Die Gitarre wurde viel gespielt, versprüht diesen besonderen Charme eines treuen Arbeitstiers, aber die originalen Bünde wurden inzwischen fast auf Griffbrettniveau abgerichtet. Damit hat man zu kämpfen, um Akkorde immer vollstimmig zu erzielen oder den Ton im Solospiel generell, aber speziell bei Bendings, aufrechtzuerhalten. Eine Neubundierung würde den Spielkomfort deutlich verbessern. Die alten Pickups klingen gut, sehr schön transparent und höhenreich, haben natürlich – verglichen etwa mit Gibson-Humbuckern – einen eher geringen Output mit Widerständen von 5,3 kOhm (Hals) und 4,1 kOhm (Steg). Auf jeden Fall haben wir ein sehr charaktervolles Instrument in Händen.

Am Vintage-Markt werden gut erhaltene Exemplare der 50er- und Früh-60er-Jahre nicht selten für € 10.000 und mehr angeboten, für Mitt-60er Ausführungen wird man ab € 4.000 aufwärts fündig.

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022
Gitarre & Bass 5/2022
IM TEST: Zoom B6 +++ Framus Wolf Hoffmann WH-1+++ Valco FX KGB Fuzz, Bloodbuzz und Five-O +++ Sandberg California Central +++ Origin Effects Bassrig +++ Lava ME 2 Freeboost & ME 3 +++ One Control Strawberry Red +++ Fender Player Plus Meteora HH & Active Meteora Bass +++ Marshall 2525H & JVMC212 Black Snakeskin LTD

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Naja, die aufgemalten F-Löcher hätte man sich sparen können. Sieht aus wie gewollt aber nicht gekonnt!

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