Test: Fender LTD Vintera II Road Worn 60s Stratocaster
von Franz Holtmann,
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(Bild: Dieter Stork)
Maßgabe für die Entwicklung der Fender Vintera II Road Worn Serie war neben möglichst authentischem Sound und Look der 50er- und 60er-Jahre, dass die Gitarren sich anfühlen sollen wie jahrzehntelang gespielte Klassiker, aber mit der Zuverlässigkeit aktueller Fertigung. Na, dann wollen wir diesen jungen, auf alt gemachten Kumpel mal unter die Lupe nehmen.
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Gut 1,5 Stunden Autofahrt von der mexikanischen Grenze bei Tijuana nach Süden und schon ist man in Ensenada, wo Fender Gitarren der günstigeren Kategorie bauen lässt.
Zum alten Werk in Fullerton (oder zum aktuellen in Corona) sind es von der Grenze aus aber auch nur etwa 2 Stunden in Richtung Norden und dort wurden damals doch ebenfalls schon Mexikaner als billige Arbeitskräfte beschäftigt. So viel hat sich in der Gegend und von der Workforce her also gar nicht geändert – etwas Rochade halt und der CNC-Fräse ist es doch eh sowas von egal, wo sie steht.
STRATOLOGIA PERPETUO
Immerwährende stratologische Forschung in murmeltierhafter Zeitschleife. Das ist die Anmutung, die einen langjährigen Gitarrentester, was Fender angeht, schon gelegentlich anfliegt. Was denn? Erlen-Body mit Konturen, geschraubter Ahornhals, Vintage Tremolo und drei Single Coil Pickups? Schau an, da haben wir’s ja schon!
(Bild: Dieter Stork)
Dann mal gleich weiter zum Eingemachten? Gemach: so ein klein wenig wird im gesetzten Design ja doch immer noch mal was hierhin und mal was dahin geschoben. Das verlangt doch schon das Marketing.
Also: Die vorgelegte 60s Stratocaster aus der limitierten Vintera II Road Worn Series will ein authentisches Aussehen bieten und das gelingt ihr auch anstandslos. Der Korpus aus Alder (Erle) üblichen Zuschnitts ist tatsächlich auf gute alte Art mit Nitrozellulose lackiert, dünn aufgetragen und mit leichten Alterungsspuren inklusive dezenter Dings und Dongs versehen. Fraglos gut gemacht, dieses unaufdringliche Road Worn Aging.
Der klassisch über eine Halsplatte ohne Seriennummer aufgeschraubte Hals aus Ahorn mit aufgeleimten Ahorngriffbrett erhielt ein 60s-C-Profil und kann ebenfalls mit zurückhaltend angebrachter und damit recht authentisch erscheinender künstlicher Alterung punkten (High Gloss Aged).
Ins Griffbrett von 7,25″ Radius sind 21 (Vintage halt) sauber verarbeitete „Vintage Tall“-Neusilberbünde und Black Dots zur Lagenkennung eingearbeitet. Die wie immer parallel nach hinten versetzte Kopfplatte ist mit Vintage-Style-Mechaniken bestückt.
Zwischen dem Kunststoffsattel und der 6-Saddle Vintage-Style Tremolo Bridge, schwingen die Saiten mit der erwarteten Mensur von 648 mm. Apropos Vintage: Diese immer noch mit scharfen Enden aus den Saitenreitern vorlugenden Madenschrauben braucht wirklich niemand.
Elektrik: Auf ein 3-Ply Mint Green Pickguard finden wir drei Fender Vintage-Style ’60s Single-Coil Strat Pickups mit staggered Pole Pieces montiert. In üblicher Anordnung sind dort neben dem 5-Wege Pickup-Wahlschalter auch noch der generelle Summenregler (Volume) mit den nachfolgenden zwei Tone-Reglern platziert.
Alles in allem ist die rundum gute Verarbeitung, nicht zuletzt auch die dezent ausgeführte Relic-Optik, dieser Road Worn Strat nur zu loben, und sauber spielbereit eingestellt kam sie dann auch noch zum Test.
WENN‘S PASST, DANN PASST’S!
Die Vintera II Road Worn Stratocaster fühlt sich mit ihrem mittleren Gewicht von 3,5 kg und der leicht matten, recht unempfindlichen Lackierung einfach sofort richtig an. Das liegt aber vor allem auch am Hals mit dem hervorragend getroffenen 60s-Halsprofil, das perfekt in die Hand passt. Okay ist eine individuelle Sache, musst du natürlich selbst ausprobieren! Aber Ausrichtung, Bundierung, Setup, Haptik, das alles ist jedenfalls perfekt auf den Punkt gebracht, wobei zu berücksichtigen ist, dass auf einem rundlichen Griffbrett alten Zuschnitts mit 7,25“ Radius die Saitenlage nicht unbedingt auf Briefmarkenstärke eingestellt wird. Aber keine Sorge, diese Strat spielt sich auch damit noch richtig gut.
Vintage-Style Tremolo mit natürlich immer noch scharf vorlugenden Madenschrauben. (Bild: Dieter Stork)
Akustisch offenbart die Vintera II dann sofort ebenbürtige Qualitäten: straff und kernig im Ausdruck, mit klarer Saitentrennung und offensivem Schwingverhalten, kommen Akkorde in Stellung. Der Ton löst sich leicht, steht gut vorn und lässt sich dynamisch gestalten – das fängt doch schon mal gut an.
Damit natürlich nicht genug, denn am Amp, im Clean-Channel, lassen sich genau diese Eigenschaften wieder beobachten, natürlich klangfarblich differenziert, in den verschiedenen Schaltstellungen der Pickups, und doch annähernd vergleichbar im Aufbau. Bemerkenswert klar und knochentrocken zeichnen die Bässe.
Die wohlproportioniert darauf bauenden Mitten erscheinen transparent und kompakt zugleich, schließen auf zu den substanziellen Höhen, bilden gemeinsam harmonisch stimmige Akkorde. Das Klangambiente ist vital und markig, zugleich aber auch luftig und offen, durch eine spritzig schnelle Obertonentfaltung. Vor allem aber ist das markante und anschlagsgerechte Attack-Verhalten dieser Gitarre zu loben.
Was clean schon so essentiell daherkommt, lässt sich dann mit Röhrenzerre oder Overdrive-Pedalen natürlich entsprechend kraftvoll aufblasen. Als Herzstück präsentiert sich dabei der Hals-Pickup mit schnalzendem Aufriss und kehlig röchelndem Timbre. Saftig in der Tonfarbe, und wenn man so will, klassisch authentisch im schönsten Sinne. Eigenschaften, die in etwas hellerer Tonfarbe ganz ähnlich auch dem Mittel-Pickup abzugewinnen sind.
Geradezu aufgekratzt gibt sich diese Road Worn Strat dann über ihren Steg-Pickup. Impulsiv und angriffslustig, dabei schon auch bissig und scharfzüngig. Muss so! Aber Moment mal, da gibt es jetzt doch noch einen Ausfallschritt in Richtung Moderne: Anders als beim ursprünglichen elektrischen Layout steht hier der untere Tone-Regler für die Bedämpfung des Steg-Pickups bereit, der andere ist für Hals- und Mittel-Pickup zuständig.
Damit lassen sich allzu große Schärfen auch, und vor allem, da macht es Sinn, beim Steg-Pickup abgleichen. Gut so!
In den Zwischenpositionen liegen dann noch die gewohnt ausgekämmten „In Between Sounds“ an, mit ihrem leicht gespaltenen Timbre ebenfalls von bestem Gebrauchswert.
Das Tremolo tut seinen Dienst wie gewohnt, nur die schon erwähnten Madenschrauben (Vintage eben!) sind für den aufgelegten Handballen immer noch unangenehm.
RESÜMEE
Donnerwetter, so viel Lob? War das jetzt die Beschreibung einer Fender Custom Shop Strat? Keineswegs, aber die vorgelegte LTD Vintera II Road Worn Stratocaster aus mexikanischer Produktion erweist sich einfach als richtig gutes Instrument alter Bauart, das im Grunde alle Vorzüge dieser Konstruktion in sich vereint.
Sicher bleibt da noch Spielraum nach oben, zur Königsklasse hin, was Elektrik und zeitgemäße Ausrichtung im Detail angeht. Auch will der moderne Spieler vielleicht lieber den 22. Bund und einen etwas flacheren Griffbrettradius.
Aber dieses Vintera II-Modell huldigt ja erklärtermaßen dem nicht ohne Grund so erfolgreichen Vintage-Design, und das allgemeine Fertigungsniveau, vor allem aber die guten Schwingeigenschaften, die markante Ansprache, überzeugend authentische Sounds und nicht zuletzt die auch mit 7,25“ Griffbrettradius famosen Spieleigenschaften dieses fein profilierten Halses lassen nichts anderes zu, als zu sagen: Diese Vintera II ist eine richtig gute Strat – Check!