Test: Fender 75th Anniversary American Ultra II Telecaster
von Heinz Rebellius,
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Das Telecaster-Logo – diesmal ohne Anführungszeichen (Bild: Dieter Stork)
ACHTERBAHN
Nimmt man sich die Ultra II zur Brust, kann sie eines nicht leugnen: Dass sie eine wahre Tele ist. Die Bodyform liegt wie angegossen im Arm, die Konturen tun ihr Übriges. Alles sitzt am gewohnten Platz – als langjähriger Tele-Spieler fühlt man sich sofort zu Hause. Der Hals hat ein modernes, schlankes C-Profil, liegt auch dank der verrundeten Kanten sehr gut in der Hand, und die Sattelbreite von knapp über 43 mm fühlt sich angenehm an.
Der etwas grob geformte Sattel mit nicht tief genug gefeilten Rillen hätte durchaus mehr Sorgfalt verdient gehabt, und der Hals brauchte ein paar Umdrehungen am Stahlstab, um eine günstige Saitenlage zu erreichen. Interessant, dass der Halsstab mit einem 1/8“-Innensechskant-Schlüssel (Inbus) eingestellt werden kann, und der Zugang hinter dem Sattel dementsprechend klein gehalten ist. Immerhin zeigt dieses eher unfertige Setup, dass die Gitarre auch für einen Test in einem Fachmagazin nicht aufgehübscht worden ist.
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Akustisch überrascht die Ultra II: ausgewogen, laut, mit gutem Sustain und ohne Einbrüche, Dead Notes oder Überbetonungen. Der Klang wirkt insgesamt etwas glatt und hat wenig mit dem rauen, manchmal plärrigen Primärsound einer vintage-orientierten Telecaster zu tun.
Nicht jeder Klinkenstecker sitzt sicher in dieser Buchse (Bild: Dieter Stork)
Beim Verkabeln mit dem Amp gibt es erste Probleme: Der Topf der Klinkenbuchse – zwar löblicherweise mit zwei Schrauben fixiert – hat eine Form, die dickere Klinkenstecker-Formate nicht akzeptiert. Auch mein Lieblingskabel passt nicht; der Stecker greift nicht tief genug und wird deshalb nicht gehalten. Andere Hersteller verwenden ähnliche Töpfe, und die meisten Klinkenstecker kommen damit wohl zurecht – so auch der meines Ersatzkabels.
Der Noiseless-Halspickup macht vor allem eines: Er brummt nicht. Klanglich wirkt er auf Anhieb geschmeidig und glatt, ohne Ecken und Kanten – was für einen Halspickup durchaus passen kann. Mir fehlen jedoch prägnante obere Mitten und Höhen, die den Anschlag betonen und im Band-Gefüge helfen. Dieser Pickup klingt schlicht „mellow“ – ideal für Jazziges oder Neo-Soul, aber neben einer vintage-orientierten Tele wirkt er matt und konturlos. Im Crunch wird es in den unteren Registern auch muddy. Und verzerrt? Überraschung: Die Mitten und Höhen des Distortion-Sounds helfen dem Noiseless tatsächlich auf die Sprünge. Er klingt zwar hier eher nach Humbucker als nach Telecaster, singt dabei aber ausdrucksstark und gut tönend.
Dem Neuling im Fender-Imperium, dem Fastlane Humbucker, fehlen clean naturgemäß die Höhen eines klassischen Tele-Steg-Pickups, und auch er klingt nicht so offen wie ein guter Low-Wind-Humbucker. Doch hier hilft der S1-Switch im Tonepoti-Kopf, der den Fastlane auf Parallelbetrieb umschaltet – für einen Singlecoil-ähnlichen Sound ohne Lautstärkeabfall und ohne Brummen. Und das wirkt wie eine Frischzellenkur: Die vermissten Höhen sind plötzlich da, und trotzdem spürt man die Muskeln, mit denen der Fastlane ausgestattet ist. Nicht Vintage – aber gut!
Im Crunch wird es cremig-sahnig mit ausgeprägtem, vokalem Charakter, der auch im schlankeren Parallel-Sound erhalten bleibt. Bei voller Verzerrung spielt der Fastlane seine Klasse dann gänzlich aus: lebendig, ausgewogen, ausdrucksstark – keine Kraftmeierei, sondern ein sattes Brett mit echten Tele-Genen, vielleicht auch dank der teletypischen Brückenkonstruktion.
Im Parallel-Modus des Fastlane werden Riffs unvergesslich, und Leadlines werden nicht nur fett und schmalzig, sondern bleiben artikuliert. I like!
Dem S1-Switch, der im Volume-Poti sitzt, würde ich persönlich dagegen wenig Einsatzzeiten gönnen: Die serielle Verschaltung beider Pickups färbt den Sound noch dunkler und matter. Im vollverzerrten Betrieb entsteht mit aktiviertem zweitem S1-Schalter hingegen ein Best-of-both-Pickups-Sound allererster Güte.
Ein wilder Ritt durch die Soundwelten der Ultra II – irgendwie genauso liquide wie das spektakuläre Gold dieser Gitarre. Fender zeigt mit diesem Modell, dass es sich auch klanglich bewusst weit vom 75 Jahre alten Urtyp abgrenzen will.
RESÜMEE
Auf alten Telecasters und ihren neuzeitlichen Vintage-Derivaten steht auf deren Kopfplatte der Schriftzug „Telecaster“ stets in Anführungszeichen – so, als wäre es ein Spitzname. Erst als Mitte der 1960er-Jahre ein neues, größeres Logo eingeführt wurde, verschwanden die Anführungszeichen. Die 75th Anniversary American Ultra II Telecaster trägt nun wieder das ursprüngliche Logo – aber ohne Anführungszeichen. Ist das vielleicht ein Symbol für das Selbstbewusstsein, mit dem Fender diese ungewöhnliche Gitarre auf den Markt bringt?
Denn die Ultra II ist weniger eine Jubiläumsgitarre im klassischen Sinne, als vielmehr Fenders Antwort auf die Frage: Wie muss eine Telecaster aussehen, wenn man sie konsequent in die Neuzeit denkt? Dabei sind die Entwickler durchaus der DNA des Ursprungsmodells gefolgt: Body- und Kopfplatten-Design, Stegtyp, Pickguard, Regeleinheit sowie konzeptionelle Grundpfeiler wie Schraubhals, Strings-thru-body und 648-mm-Mensur blieben unangetastet. Bewusst gebrochen haben sie dagegen mit allem, was einer modernen Performance im Wege steht: brummende Singlecoils, kantiger Slab-Body, kräftiges Halsprofil, 7,25″-Griffbrettradius, dünne Bünde, simples Schaltungskonzept und ein traditionell-klobiger Hals-Korpus-Übergang.
Die Ultra II ist vielmehr in jeder Beziehung ultra – sehr eigen, sehr selbstbewusst, sehr kompetent. Nur eines ist sie nicht: Vintage. Sie macht klar, dass ein brummender Singlecoil kein Stilmerkmal, sondern ein Problem ist. Und ein klobiger Halsansatz, mit dem ein Gitarrenbauer seine Gesellenprüfung niemals bestehen würde, keine Tradition, sondern einen Mangel an Spielkomfort darstellt. Kurz: Sie spielt, klingt und wirkt wie eine Gitarre von heute, für MusikerInnen, für die Vintage eben alt bedeutet. Sie spielt sich bequemer als das Vorbild, sie klingt, vor allem verzerrt, richtig gut, sie brummt nicht.
Purismus dagegen hat seinen Preis – und wer ihn zahlen will, findet dafür neben unzähligen anderen, vintage-typischen Fender-Teles im Fender-Jubiläumsprogramm die 75th Anniversary Vintera. Die American Ultra II Telecaster ist dagegen der Beweis dafür, wie viel Moderne ein Klassiker verträgt, ohne sich selbst und seinen Ursprung zu verraten.