In der Electromatic Collection stellt Gretsch eine ganze Reihe von erschwinglichen Versionen auf Grundlage seines klassischen Jet-Modells vor. Wir haben mit der EMTC Jet nach oben ins Regal der aktuell überarbeiteten Modelle gegriffen.
Von den vier neu vorgestellten Modellversionen kommen zwei mit gekammertem Mahagoni-Body – Jet Club mit zwei Pickups und Jet Club mit einem Pickup – und die zwei höherwertigeren Jet und Premier Jet zusätzlich noch mit gewölbten Decken aus Ahorn. Grundlage für alle ist das historische Single-Cut-Format und ein identisches Bauprinzip, differenziert lediglich durch Ausstattung und Farben.
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LOOK DER 50ER-JAHRE
Zum Test liegt uns mit der Jet ein Instrument mit vertrauter Anmutung vor. Im Vergleich zu seinem altehrwürdigen Vorgänger zielt es mit verbindlicheren Sounds und spielpraktischen Angleichungen mehr auf moderne Anwendungen.
Details: Dem Korpus aus Mahagoni in 44 mm Stärke am Halsansatz wurde vor Aufsetzen der leicht gewölbten Decke aus Ahorn ein sogenanntes „max core chambering” für, wie es heißt, die akustische Balance, aber natürlich auch zur Gewichtsreduzierung, verpasst.
Ein schwarz unterlegtes Top-Binding aus cremefarbenem Kunststoff sorgt für optische Eleganz. Die leichte Anlagebucht am Boden oben und der weich ins Cutaway hineingeführte Bereich am Halsansatz optimieren die Handhabung. Ein tropfenförmiges Pickguard aus 3-Ply-Tortoiseshell schützt die Decke.
Der in Höhe des 16. Bundes in den Korpus geleimte Hals aus Mahagoni mit „C”-Profil ist mit einem Griffbrett aus Palisander, ebenfalls mit Binding, kombiniert. Seitlich gesetzte Pearloid Neo-Classic Thumbnail Inlays markieren die Lagen.
Dem im Winkel herausgeführten Split-V-Headstock wurde lediglich der obere Teil unterhalb der Mechaniken angesetzt. Auf schwarzer Front glänzt das Firmenlogo. Von den gekapselten Die-Cast Mechaniken aus werden die Saiten mit gutem Andruck über den Sattel aus Kunststoff (Graph Tech NuBone) mit einer Mensur von 632 mm zur einteiligen Lockdown Locking Adjustable Wraparound Bridge mit justierbaren Einzelreitern am Body geführt.
Bild: Dieter Stork
Bild: Dieter Stork
Elektrik: Zwei in schwarze Rähmchen montierte PureVolt Twin Six Humbucker zeigen die für Gretsch typischen zwölf einstellbaren Polepieces in vernickelten Metallkappen – eine eher optische und weniger inhaltlich relevante Annäherung. Der Hals-Pickup verfügt über AlNiCo-IV-Magnete, der Humbucker in Stegposition über AlNiCo-V-Magnete.
Beide Tonabnehmer sind per Wachsvergusstechnik gegen Feedbacks und Interferenzen vakuumiert. Zur Kontrolle der Elektrik steht ein Master Volume mit Treble-Bleed und Tone 1 für den Neck Pickup und Tone 2 für den Bridge Pickup zur Verfügung. Beide Tone-Regler verfügen über eine Push-Pull-Funktion für ein Coil Split der Humbucker. Angewählt werden die Tonabnehmer per 3-Position Toggle Switch.
Die in China in hohem Industriestandard gefertigte Jet ist einschließlich der Decke in Vintage Weiß rundum hochglänzend lackiert.
AKTUELLE AUSSTATTUNG
Selbst im hart umkämpften Bereich preiswerter Electrics kann sich ein Hersteller heute einfach keine schlechte Qualität mehr leisten, denn genau hier ist die Konkurrenz groß. So wartet auch die vorliegende Jet wieder mit klaglos guter Einstellung und perfekter Spielbereitschaft auf.
Mit einem netten Gewicht von 3,3 kg ist die Gitarre gut tragbar, richtet sich aber auch auf dem Knie gespielt lässig und mit guter Griffbrettaufsicht aus. Der angenehm griffig gestaltete Hals verfügt über gut verrundete Schultern.
Dank sauber abgefaster Medium-Jumbo-Bünde im Griffbrett von 12″-Radius geht jede Aktion locker von der Hand, selbst auf die hohen Lagen haben wir noch leichten Zugriff. Wichtig zu wissen ist allerdings, dass er mit annähernd 44 mm Sattelbreite nicht zur Kategorie der schlanken Hälse gehört.
Erste Akkorde vermitteln, akustisch angeschlagen, ein offenes, perkussiv umrissenes Klangbild, das die Bauweise mit Hohlkammern spiegelt. Die Ansprache ist schnell, der Ton löst sich leicht, und Akkorde rollen mit guter Durchsicht und harmonischem Ausdruck ab.
Die PureVolt Twin Six Humbucker tendieren deutlich mehr in Richtung Mainstream als die höhenreichen Gretsch-Pickups früher Jahre. Sie sind unterschiedlich ausgerichtet und bieten über den in den Tone-Reglern angelegten Coil Split dann noch erweiterte Möglichkeiten.
PureVolt Twin Six Humbucker mit Coil Split-Option (Bild: Dieter Stork)
Der Humbucker in der Halsposition ist mit seinem Widerstandswert von 7,2 kOhm zwar scheinbar auf Klarheit und differenzierte Darstellung hin gewickelt, serviert aber überraschend laut und voluminös. Er übersetzt die vorgenannten akustischen Eigenschaften in kraftvolle elektrische Bilder mit stark ausgebauten Bässen und üppigen Mitten, was etwas Kontur raubt.
Die satten Höhen ergänzen das Bild durchaus stimmig, auch wenn ihnen der letzte Glanz wohl fehlt. Nun: Da kann man durchaus Fan von sein, die Assoziation mit jazzy Sounds und triefenden Blueslinien liegt nahe. Entsprechend saftig kommt bei höheren Betriebstemperaturen des Amps auch Solospiel mit substanzreichem Ton in Stellung. Erfreuliche Aspekte finden wir ebenfalls in schnalzender Ansprache und standfestem Sustain.
Der Steg-Pickup verfügt mit 11,5 kOhm über den höheren Widerstandswert, fällt beim Umschalten vom Hals-Humbucker aber leicht ab. Natürlich erscheint sein Sound, schon positionsbedingt, schlanker und kompakter, aber die erhebliche Reduktion von Bässen und Tiefmitten lässt das Gefälle zwischen den Pickups deutlich zutage treten.
Für die perfekte Angleichung könnte man hier einmal den zweiten Volume-Regler vermissen … Ach, komm, schraub den Pickup doch einfach etwas runter. Gesagt, getan! Nun gut, muss man sich nicht jedes Instrument erst einmal unterwerfen, oder unterwerfen wir uns etwa ihm?
Wie dem auch sei: Keineswegs kann diese Diskussion aber von der erfreulich hohen Tonkompetenz dieses AlNiCo5-Humbuckers ablenken. Der nämlich ist nicht nur in der Lage, rhythmische Arbeit bei klar eingestelltem Verstärker mit dynamischer Wendigkeit und markantem Schmiss in Szene zu setzen, sondern bewährt sich vor allem im Overdrive mit perkussiv aufreißendem Ton und präziser Umsetzung jeder Aktion.
Der Anschlag wird nach Stärke und Position plastisch umgesetzt, Linienspiel zeigt griffige Kontur und gehaltenen Noten fliegen harmonische Obertöne quasi anschiebend bei. Keine Frage: Der stark auftrumpfende Steg-Pickup setzt mit richtig Schmackes um und ist mein Favorit in dieser Gitarre!
Über die Push-Pull-Funktion in den Tone-Reglern lässt sich per Coil Split dann auch noch eine zweite Klangebene aufrufen. Die nun anliegenden Single Coil-Sounds bieten ein stark ausgedünntes Klangbild, erweisen sich aber mit ihren deutlich helleren Tonfarben und drahtigem Ausdruck als nützlich für allerlei Nischeneinsätze. Je nach Amp-Einstellung und Effekteinsatz geht damit zwischen glasig vereister Fläche und Trommelfellpiercing mit gezücktem Twang-Skalpell noch so einiges.
Bonus: Dank der Treble-Bleed-Schaltung bleibt der Ton auch beim Zurückrollen des Volume-Reglers vital und verliert nicht an Höhenglanz. Als etwas irritierend empfinde ich die Zuordnung der Tone-Regler entgegen der Schaltposition: Steg-Pickup, Schaltposition unten – Tone-Regler dafür oben positioniert; Hals-Pickup, Schaltposition oben – zuständiger Tone-Regler unten. Macht das nicht eher anders herum Sinn?
Breiter eingeleimter Hals mit sauberer Medium-Jumbo-Bundierung (Bild: Dieter Stork)
RESÜMEE
Mit dem Jet-Modell aus der Electromatic Collection hat Gretsch ein historisches Design mit einer ganzen Reihe von Updates für moderne Anwendungen im Programm. Die sauber verarbeitete Gitarre bietet über ihren gekammerten Mahagoni-Body mit aufgesetzter Ahorndecke ein durchaus Gretsch-typisches akustisches Klangbild, das aber mit den eingesetzten PureVolt Twin Six Humbuckern abseits der Jingle-Jangle-Brillanz früher Jahre in moderne Gefilde übertragen wird.
Natürlich hält Gretsch die höhenreiche FilterTron-Charakteristik mit traditionell ausgerichteten Modellen bei, aber die Jets sollen ja ganz gezielt heutigen Ansprüchen genügen. Das gelingt ihnen auch locker, denn neben attraktiven Clean-Sounds werden auch Ansprüche auf kernige Rock-Sounds erfüllt.
Die Twin-Six-Humbucker bieten mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen allein schon eine gute Auswahl, mit dem Steg-Pickup als Speerspitze, dazu noch per Push/Pull aufrufbare alternative Coil-Split-Sounds. Tolle Handhabungs- und Spieleigenschaften runden das Ganze gelungen ab, nur für kleinere Hände ist der recht breite Hals vielleicht nicht erste Wahl. Alles in allem: viel Gitarre für den verlangten Preis – zum persönlichen Test empfohlen!
Plus
traditionelles Design modern ausgelegt
Hals, sauber bundiert
Pickups
moderne Sounds
Klangvielfalt, Coil Split
gute Handhabung
tadellose Verarbeitung
Minus
etwas fragwürdige Zuordnung der Tone-Regler
Übersicht
Fabrikat
Gretsch Guitars
Modell
Electromatic Jet
Typ
Semi-Solidbody
Herkunftsland
China
Mechaniken
DieCast
Hals
Mahagoni, geleimt
Sattel
Graph Tech NuBone
Griffbrett
Palisander, gebunden
Radius
12″
Halsform
Performance C
Halsbreite
Sattel 43,8 mm; XII. 53,1 mm
Halsdicke
I. 21,2 mm; V. 22,5 mm; XII. 23,3 mm
Bünde
22, Medium Jumbo
Mensur
632 mm
Korpus
Mahagoni, chambered, gebundene Ahorndecke
Oberflächen
Vintage White, Gloss Polyester
Schlagbrett
3-ply, Tortoise
Tonabnehmer
PureVolt Twin Six Humbucker (Hals 7,2 kOhm; Steg 11,5 kOhm)
Bedienfeld
1x Volume, 2x Tone (Push/Pull Coil Split), 3-Weg-Schalter