(Bild: Dieter Stork)
Wer kennt dieses Problem nicht? Für das epische Rocksolo braucht man Hall, Hall und noch mehr Hall. Aber für den Rhythmus-Part unmittelbar danach nur einen kleinen Room Reverb. Der damit bisher unvermeidliche Stepptanz auf mehreren Effektpedalen ist nervig – schauen wir mal, ob Crazy Tube Circuits mit dem Mirage eine clevere Lösung anbietet.
Bisher fiel die Athener Boutique-Schmiede mit Rekreationen von „unerschwinglichen“ Pedallegenden auf – passend benannten sie ihr Dumble/Klon-Doppelpedal „Unobtanium“. Doch mit dem „White Whale“ hatten sie bereits vor Jahren auch einen echten Federhall im Bodentreterformat auf den Markt gebracht, der von den Pedalgurus im Internet gefeiert wurde.
Nun kommt mit dem „Mirage“ erneut ein Hall – und zwar als Doppelschlag, der sich an leidgeplagte Live-Musiker richtet, die zwei Reverbs unabhängig voneinander ansteuern wollen, ohne mehrere Pedale auf dem Board haben zu müssen. Aber auch an häusliche Ambient-Connaisseure, die es lieben, mit einer Vielzahl von Hall-Algorithmen zu experimentieren.
KONSTRUKTION
Unter der Haube des „Mirage“ befinden sich zwei identische Hallkanäle, in denen man aus jeweils 16 Algorithmen wählen kann. Das alles steckt in einem recht kompakten Gehäuse, in etwa so groß wie die aktuellen Doppelpedale von MXR. Bis auf den Anschluss für ein Expression-Pedal befinden sich alle Ein- und Ausgänge stirnseitig – dicker Pluspunkt bei der Pedalboard-Freundlichkeit.
Bleiben wir gleich dort, denn da ist es spannend: Neben dem 9-Volt-DC-Strominput finden wir vier Buchsen, von rechts nach links: Master/In 1 – Out 1/Send – In 2/Return – Out 2/Master. Was passiert da? Nun, man kann die beiden Reverbkanäle des Mirage in folgenden Modi benutzen:
- separat (In 1 → Out 1, In 2 → Out 2)
- Dual Mono, in Serie (Master In → Master Out)
- in Dual “Stereo” (Master In → Out 1, Out 2)
- mit zwischengeschalteten Effekten (Send → Return)
Mit den beiden Fußschaltern aktiviert man den jeweiligen Reverb-Kanal. Nun könnten aufmerksame Leserinnen und Leser einwenden: Halt, meintest du nicht, das Pedal löst das Stepptanzproblem, wenn man zwei unterschiedliche Reverbs live schnell schalten muss? Jein! Wer das Mirage ohne ein Switching-System benutzt, muss entweder den einen Hall an- und den anderen ausschalten (zwei Vorgänge). Oder er kann, im Modus „R1 XF“ (schalbar mit einem kleinen Druck-Switch über dem rechten Fußschalter), den rechten Hall mit dem rechten Fußschalter “dazuswellen”. Man muss nur auf dem Schalter bleiben. Direktes Umschalten mit einem Tritt geht aber nicht.
(Bild: Dieter Stork)
Über den Fußschaltern befinden sich zwei Sets von identischen Potis für die beiden Kanäle: Volume kontrolliert die Lautstärke des Kanals, Mix die Effektstärke, Swell die Ausklinglänge der Hallfahne und Excite je nach Hallmodus einen anderen zusätzlichen Effekt. Mit dem Druckschalter „Assign“ kann man sich jeweils entscheiden, ob ein angeschlossenes Expression-Pedal (R2) oder das Gedrückthalten des rechten Fußschalters im kombinierten Modus (R1) auf „Swell“ oder „Excite“ wirkt.
Was gibt es nicht? Richtig, Speicherplätze oder gar MIDI. Das bedeutet: Man stellt die beiden Kanäle so ein, wie man sie braucht, und lässt die Knöppe dann in Ruhe – fertig. Auf Abruf hat man also „nur“ zwei Sounds (mal von der Möglichkeit abgesehen, diese mit den Expression-Funktionen zu modulieren). Da dies dem Konzept des Mirage entspricht, will ich es nicht negativ bewerten.
Das Gerät ist ansonsten tadellos verarbeitet, besteht aus hochwertigen Bauteilen und Buchsen, arbeitet recht geräuscharm, ist im ausgeschalteten Zustand im True Bypass und braucht 210mA Saft von der Stromquelle.
PRAXIS
Die sechzehn Algorithmen zähle ich hier mal auf, um einen Überblick zu geben.
Äußerer Ring: Plate, Cathedral, Hall, Room, Spring, Studio Spring, Inchindown Oil Tanks und Gate. Laut Crazy Tube Circuits handelt es sich hierbei also um „natürlich vorkommende“ Hallformen.
Schaltet man mit dem kleinen Druckschalter um, gelangt man in den inneren Ring des Rotary-Schalters: Up Shimmer, Down Shimmer, Dual Shimmer, Pitch Shimmer, Repeater, Moduverb, Frozen Hall und Infinite. Diese Sammlung umfasst also „Fantasie-Reverbs“, und spricht eher die Ambient-Frickler an.
Zunächst überrascht der Volume-Regler, den man an Reverbs eher selten sieht. Hier kann man die Ausgangslautstärke des Kanals einstellen, was in der Kombination der beiden Kanäle neue Möglichkeiten eröffnet: Eingestellt auf zwölf Uhr befindet sich der Kanal in „Unity Gain“, ist also genauso laut wie das reingespielte Signal.
Nach links könnte man diesen Kanal runterdrehen und damit eine leisere Rhythmus-Ebene schaffen. Oder man dreht ihn lauter und nutzt ihn quasi nicht nur als Hall, sondern auch als Boost, um das erwähnte epische Rocksolo noch mehr hervorzuheben.
Gehen wir die Reverbs mal durch, aus Platzgründen beschränke ich mich auf eine eher kurze Beschreibung: „Plate“ evoziert mit einem silbrigen Abklang den typischen Sound von 1970er Recordings, „Cathedral“ klingt genauso sakral, wie man es sich vorstellt – übrigens in diesem Gerät mein persönlicher Favorit.
„Hall“ dagegen überrascht mit einem eher kurzen Abklang, es muss sich um eine recht kleine Halle handeln. „Room“ klingt nicht viel anders, erst ein Aufdrehen des Excite-Reglers zeigt Unterschiede in der „Bewegung“, die man im Hall wahrnehmen kann. „Spring“ und „Studio Spring“ unterscheiden sich meiner Meinung nach auch eher in der maximalen Ausklinglänge der Hallfahne.
(Bild: Dieter Stork)
Diese beiden Algorithmen klingen schön metallisch nach Federhall. Die „Inchindown Oil Tanks“ – modelliert nach den echten Öltanks in Inchindown, Schottland – sind ein Effekt, den man bereits im Poly Effects Verbs (Test G&B 6/24) antraf. Sie sind jedoch eher ein Spezialeffekt: Hinter dem Signal ertönt eine Hallfahne, die man getrost als „Synth-Pad“ bezeichnen könnte, mit sehr viel hin- und herhüpfenden Echos.
Meiner Meinung nach eher etwas für Ambient-Freunde. „Gated“ dagegen ist genau andersrum: Der Hall klingt nur sehr, sehr kurz nach, fast wie ein Slap-Back-Delay, jedoch ohne den harten Attack dieses Effekts. Für mich gut geeignet für interessante Schrammel-Rhythmusgitarren à la The Kills, oder als „Doppler“-Effekt für einen spannenden Solosound, der dann – und hier kommen wir zur Spezialität des Mirage zurück – nochmal in einen längeren Hall eingebettet wird.
Lasst uns noch die anderen acht Reverbs auschecken. Bei „Up Shimmer“ wird in der Hallfahne eine hohe Oktave hinzugefügt, bei „Down Shimmer“ entsprechend eine tiefe und bei „Dual Shimer“.
Plus
- toller Klang
- Verarbeitung
- Routing- und Einstellmöglichkeiten
- Konzept
- Anschlüsse sind stirnseitig
Minus
- Reverb-Kanäle nicht in einem Vorgang umschaltbar
- einige Sounds klingen recht ähnlich
Übersicht
| Fabrikat |
Crazy Tube Circuits |
| Modell |
Mirage |
| Typ |
Halleffektgerät |
| Herkunftsland |
Griechenland |
| Anschlüsse |
4x In/Out, 9V DC |
| Regler |
jeweils 2x Volume, Mix, Swell, Excite |
| Schalter |
2x Fußschalter (True Bypass, Ramp), IND SW/R1XF, 2x Assign, 2x Shift |
| Maße (BxTxH) |
117 x 52 x 97 mm |
| Gewicht |
ca. 450 Gramm |
| Stromverbrauch |
210 mA (empfohlen) |
| Preis (Street) |
€ 329 |
(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)