Ibanez Artcore AGR73T im Test

Hollowbody-Gitarre von Ibanez, weiß, stehend
(Bild: Dieter Stork)

 

Weiße Gitarren sind immer etwas Besonderes. Diese Farbe polarisiert wie kaum eine andere. Nicht mal eine Handvoll klassischer E-Gitarren gibt es in Weiß.

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Die E-Gitarrenklassiker in Weiß sind schnell aufgezählt: Gretsch White Falcon, Gibson SG Custom und vielleicht noch eine in Olympic White lackierte Fender Stratocaster. Und wer spielt nun diese auffällige Farbe? Sicherlich viele Gala- und Show-Orchester-Musiker. Aber im Vergleich zu den Armeen, die sich mit Sunburst- und schwarzen Gitarren bewaffnen, muss man die, die in Weiß spielen, mit der Lupe suchen. Billy Duffy von The Cult führte die White Falcon in den Punkrock ein, Jimi Hendrix spielte seine vielleicht wichtigsten Konzerte mit einer weißen Fender Strat; beide sind die einzigen Identifikationsfiguren für weiße Gitarren, denn alle anderen, die mir jetzt einfallen, haben nur temporär weiße Gitarren benutzt wie z. B. Neil Young und Stephen Stills (White Falcon) oder Carlos Santana (SG Custom). Und Nicole!

Ibanez galt schon immer als eine der mutigsten Firmen der Branche. Und sie schreckt auch nicht davor zurück, ein blütenweißes, neues Modell zu präsentieren, die AGR73T, dessen Farbe mit Glittereffekt sogar noch extremer gestaltet ist.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Konstruktion der Ibanez Artcore AGR73T

Der Korpus der weißen Ibanez hat ein sogenanntes Thinline-Format und ist innen vollkommen hohl. Decke und Boden des Ahorn-Laminats, das den Korpus bildet, sind leicht gewölbt, ebenso der gesamte Korpus in seiner Längsrichtung. Mit 53 mm ist er auf der Höhe des Steg-Pickups am stärksten. Am 14. Bund geht der eingeleimte Mahagonihals in den Korpus über, der Hals/Korpusübergang ist schön fließend gestaltet, sodass man – auch dank des Cutaways – bis etwa zum 18. der 22. Bünde unbeschwert aufspielen kann. Optisch macht die AGR73T einiges her – und das nicht nur durch ihre weiße Glitter-Lackierung, sondern auch durch die mehrstreifige schwarze Einfassung rund um Decke, Boden, F-Löcher und Kopfplatte. Auch die vergoldete Hardware rückt sich mit reichlich Masse ins Blickfeld des Betrachters, auch dank des VBF-70-Vibratosystems, eine reinrassige Bigsby-Kopie. Die Tonabnehmer, hauseigene ACH-Humbucker mit Keramikmagneten, haben zudem schicke schwarz-goldene Kappen erhalten, sodass mit voller Absicht das Klientel angesprochen werden soll, das z. B. auf eine Gretsch White Falcon fliegen würde, aber das notwendige Kleingeld für den teuren Falken nicht parat hat. Die AGR73T will dennoch zeigen, dass sie mehr auf dem Kasten hat als der Spatz in der Hand – z. B. mit dem VBF-70-Vibratosystem, das Gretsch-typisch ohne Andruckrolle auskommt und in Verbindung mit der ART-2-Rollenbrücke für ein möglichst stimmstabiles Schimmern sorgen will. Auch auf Kleinigkeiten wurde traditionell Wert gelegt: Die großen Gurtknöpfe, die Sure-Grip-Potiknöpfe und die leicht mit einer Münze zu öffnende Trussrod-Abdeckung sieht man nicht bei vielen Gitarren dieser Preisgruppe.

 

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(Bild: Dieter Stork)

 

Die Ibanez Artcore AGR73T in der Praxis

Mit einer hohlen, weiß lackierten Gitarre, die mit einem Bigsby-ähnlichen Vibratosystem und zwei Pickups, die an Toaster erinnern, ausgestattet ist, wird man sicherlich keinen Hardrock, keinen urtypischen Blues und auch keine Country-Musik spielen wollen. Zumindest nicht, wenn man auf die üblichen Sounds dieser Genres steht. Hier werden vielmehr die Fans traditioneller Rock’n’Roll- und Rockabilly-Sounds angesprochen – und da macht die AGR73T auch eine prima Figur. Und das nicht nur optisch, sondern vor allem klanglich. Schon akustisch kommt ein hölzerner, transparenter Klang rüber, der durch den großen Hohlraum und den Holzsteg geprägt ist. Dass er nicht ins Jazzig-Matte abdriftet, besorgen die ART-2-Brücke und das Vibratosystem, die dem puren Holz-Sound einen Schuss Metall beimischen, das denn auch gleich ein anderes Klientel hinter dem Ofen hervorlockt. Der Verstärker-Betrieb bestätigt diesen Eindruck – hier kommen schöne Brillanzen ins Spiel, die die passend zum angestrebten Sound-Ideal ausgerichteten Humbucker fein übertragen. Die beiden Pickups sind nicht nur was die Lautstärke angeht perfekt abgestimmt, sondern auch klanglich. Der vordere hat mehr Bauch, mehr Fülle und einen schönen Snap im höheren Frequenzbereich, der hintere klingt kerniger, durchsetzungskräftiger mit einem leichten Mitten-Nöck, der genau in dem Bereich liegt, der für schnelle Rockabilly- und Rock’n’Roll-Sounds nötig ist. Schließlich will man ja nicht im Bandsound untergehen und jede Note soll bitteschön einzeln herauszuhören sein. Und diese Pickups klingen nicht nur hell und prägnant, sondern entwickeln auch einen sehr guten Unterbau, der einen vollen, tiefen Klang bewirkt. Dabei sind sie nur moderat laut, was mein Fender-Combo mit wirklich cleanen Sounds dankt. Vom glockigen, warmen Hals-Pickup- bis zum knackigen, eher schmalbandigen Steg-Pickup-Sound bestreichen die beiden Aggregate eine stets wohl klingende Bandbreite, egal ob alleine oder in Kombination gespielt. Immer lässt sich der Grundcharakter dieser Gitarre heraushören, der sich durch einen akustischen Holz-Sound (Hohlbauweise, Holzsteg), vermischt mit den Anteilen der Metallbauteile (Brücke, Vibratosystem, RoundWound-Saiten) auszeichnet. Und diese Sound-Mixtur zielt nicht so eindeutig in Richtung Gretsch, wie dies der Hersteller vielleicht einmal geplant hatte. Mich erinnert der Grund-Sound dieser Gitarre nur teilweise an Gretsch, er ist eigentlich dunkler und bringt Klang-Anteile mit, die ich von dünneren Gibson Hollowbodies (z. B. ES-225) kenne. Dies zeigt sich vor allem im cleanen Bereich, wo diese Pickups einmal mehr zeigen, dass Keramikmagnete durchaus etwas taugen können. Und wer den Hang zu etwas sperrigeren Klängen pflegt, der wird – wie ich – vom verzerrten Sound dieser Gitarre sehr begeistert sein. Denn hier bekommen wir viel Charakterstärke mit einer hohen Transparenz und nicht zuviel Sustain geboten, ein Klang, der nicht vergleichbar mit Zerr-Sounds von Solidbody- oder Semiakustik- Gitarren mit Sustainblock ist. Die Spielbarkeit der AGR73T ist ohne Tadel, ebenso die Verarbeitung. Das Vibratosystem ist ideal, wenn man hier und da ein wenig Schimmern verbreiten will, aber heftiges Vibrieren ist nicht sein Ding. Genauso wie die Verwendung der Gitarre aufgrund ihres hohlen Korpus bei höheren Lautstärken limitiert ist. Aber das ist ja eh klar, oder?

 

Resümee

Mit der AGR73T bringt Ibanez eine interessante Gitarre für all jene auf den Markt, die sich klanglich zwischen Gretsch oder Gibson Hollowbodies bewegen wollen. Mit einer perfekten Verarbeitung und exzellenten Komponenten wie den ACH-Pickups und dem Bigsby-ähnlichen Vibratosystem samt Rollen-Brücke hat Ibanez ein starkes Paket geschnürt, bei dem aber auch die Details wie die Sure-Grip-Potiknöpfe, die großen Gurtknöpfe und anderes nicht vergessen wurden. Antesten!

 

Übersicht

Fabrikat: Ibanez

Modell: Artcore AGR73T

Typ: Hollowbody-E-Gitarre

Herkunftsland: China

Mechaniken: NoName Schaller-Kopien

Hals: Mahagoni

Sattel: Kunststoff

Griffbrett: Palisander, Blockeinlagen, eingefasst

Radius: 12″

Halsform: C-Profil

Halsbreite: Sattel 43,12 mm; XII. 52,84 mm

Halsdicke: I. 20,70 mm; XII. 25,90 mm

Bünde: 22, Medium-Jumbo-Format

Mensur: 628 mm

Korpus: Ahorn-Laminat, mit gebogenen Zargen

Oberflächen: Twinkle Snow, Hochglanz-Klarlack, inkl. Hals-Rückseite

Schlagbrett: durchsichtig

Tonabnehmer: Ibanez ACH3-M (Hals, 8,35 kOhm) und ACH4 (Steg, 8,35 kOhm )

Bedienfeld: 2x Volume, 2x Tone, 1x Dreiweg-Schalter

Steg: Ibanez VBF70 Vibratosystem mit Ibanez-ART-2 Rollenbrücke und Ebenholz-Aufsatzsteg

Hardware: vergoldet

Saitenabstand Steg: E-1st – E-6th 51,90 mm

Gewicht: 2,75 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: Roland Meinl

91468 Gutenstetten

www.meinldistribution.eu

Zubehör: Gigbag und Gurt

Preis: ca. 608

 

Plus

  • Sounds
  • Pickups
  • Verarbeitung
  • Spielbarkeit

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