Produkt: Gitarre & Bass 07/2020
Gitarre & Bass 07/2020
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Einfach, aber gut

Vintage Guitar Stories: 1954 Gibson LG-1

(Bild: Franz Holtmann)

Gibson kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem vollen Sortiment von Flat Tops an den Markt, darunter mit den schlichten LG- Modellen (LG = Little Guitar) eine Reihe von Budget Guitars, die sich wie ihre Vorgänger aus der L-Serie (L-1, L-0 und L-00) als enorm erfolgreich erweisen sollten.

Schon vor dem Krieg hatte die Gibson-Company mit ihren Student Models mehr als die Hälfte ihres Umsatzes bei Flat Tops gemacht und das sollte sich auch in der nachfolgenden Zeit nicht ändern. Während der Kriegsjahre war Fichte in größerem Durchmesser für die Decken nur schwer zu beschaffen. Auch das verlangte nach Gitarren mit kleinerem Korpus. Bereits 1942 wurde das Modell LG-2 eingeführt, dem schnell die Versionen LG-0, LG-1 und LG-3 folgten.

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Der Korpus der Little Guitar entspricht etwa der Größe einer Konzertgitarre, ist also deutlich kleiner als der einer Southern Jumbo oder J-45 und sogar noch etwas kleiner als bei der L-00. Alle LG-Modelle kamen mit einem 14.-Bund-Halsansatz, der klassischen 628 mm Gibson-Mensur und Hälsen aus Mahagoni mit Griffbrettern aus Rio-Palisander von zunächst 19 Bünden heraus. Während das Modell LG-0 komplett aus Mahagoni gebaut wurde, sind alle anderen Versionen mit Boden und Zargen aus Mahagoni, aber Decken aus Fichte ausgestattet, die bei der LG-1 und LG-2 in Sunburst lackiert wurden. Die LG-3 ist abgesehen vom Natural Finish der Decke und einer bevorzugten Holzauswahl so gut wie identisch mit der LG-2. Die Decken von LG-2 und LG-3 sind mit X-Bracings unterbaut, die LG-1 dagegen verfügt über ein Ladder Bracing, eine Parallelbebalkung, wie man sie auch bei Konzertgitarren findet.

(Bild: Franz Holtmann)

Auf dem Kopf früher „Banner“-Modelle ist der Spruch ‚ONLY A GIBSON IS GOOD ENOUGH’ zu finden, ab 1947 beließ man es bei einem einfachen ‚Gibson‘-Gold-Decal. Etwa Mitte der 50er-Jahre wurde ein 20. Bund zugefügt und 1955 ersetzte ein längeres Gibson-Style-Guard das kleine Teardrop Pickguard. 1961 bekam die alte schmale Pin Bridge eine justierbare Einlage, die bald darauf gegen die größere „Adjustable Belly Bridge“ getauscht wurde. War das schon eine wenig beliebte Änderung, so führte spätestens die kurz darauf folgende „Special Bridge“ aus Plastik zu zahllosen Umbauten, da eine Bridge aus Palisander rundum stabiler war, vor allem aber bessere Klangergebnisse brachte. Diese Modifikation führt übrigens auch nicht zur Wertminderung des Instruments in der ansonsten immer auf absoluten Originalzustand fixierten Sammlergemeinde. Bei Gibson blieb das alles nicht unbemerkt und so wechselte man 1966 zurück zur Rosewood-Bridge.

(Bild: Franz Holtmann)

EINFACH, ABER GUT

Wer nun spielte die LG-Gitarren? Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Nachfrage nach Flat Top-Gitarren rasant, da sie nicht nur von Bluegrass- und Hillbilly-Musikern gerne eingesetzt wurden, sondern auch im aufkommenden Rock’n’Roll und in der Folk-Bewegung eine bedeutende Rolle spielten.

Die LG-Modelle waren nicht nur preiswert (1962er Katalogpreise: LG-0 $ 85, LG-1 $ 105, LG-2 $ 115 und LG-3 $ 127) allesamt gut. Die Verkäufe, vor allem die der LG-0, übertrafen Gibsons kühnste Erwartungen. Einsteiger und Studenten konnten Spaß mit der kleinen Gitarre haben, aber auch bei Blues-Musikern stand sie hoch im Kurs. Prominente Blues-Shouter wie Johnny Shisie spielten sich auch mit ihren rundlichen, nicht zu starken Hälsen nes oder Memphis Blues Star Furry Lewis waren mit LGs zu sehen, aber die profanen Instrumente machten ihren Weg auch hinauf bis in höchste Kreise.

Elvis Presley etwa, dessen exaltierte Bühnen­show gerne vergessen macht, das sein spezielles rhythmisches Spiel mit gedämpften Basssaiten für die Entwicklung seines per­sönlichen Stils durchaus essenziell war, benutzte in den 50er-Jah­ren zwar ausschließlich Martin-Gitarren: eine D-18 von 1942 oder die berühmte D-28 im Lederdress. In seinen Filmen ist er dagegen häufig mit einer LG-1 zu sehen.

Auch spätere Gitarristen wie Marc Ribot oder John Hiatt gehören zu den Liebhabern der LG-Modelle. Hiatt: „Ich kaufte 1985 eine LG-2 von 1947 bei George Gruhn in Nashville und das ist meine Lieblingsgitarre – die beste Akustikgi­tarre die ich jemals besessen habe. Nichts schlägt diese kleine LG-2. Sie klingt nach Holz, sie klingt wie ein Baum. Danach musste ich dann auch eine LG-0, eine LG-1 und eine LG-3 haben, die ganze Familie.“­

Das abgebildete, bestens erhaltene Instrument, eine LG-1 von 1954 mit prächtigem Griffbrett aus Rio-Palisander, ist mit 1,5 kg nicht nur federleicht, sondern spielt sich dank des maßvoll rund­lich profilierten Halses bei gut 43 mm Sattelbreite auch vorzüglich. Die Gitarre offenbart sich ihrem Spieler mit luftig offenem Klang, der vollkommen perfekt und ausgewogen erscheint. Ein Ambiente, das zwar nicht auf üppige Bässe gründet, uns dafür aber mit wun­derbar stimmig runden Akkorden und einem sehr schönen Ober­tonverhalten förmlich umarmt. Vor allem mit leichtem Anschlag sind hier ganz zauberhafte Klänge zu holen, Klänge von enormem Charakter, die in dieser Qualität bei neuen Gitarren nicht zu hören sind. Einschränkungen durch das Ladder-Bracing, dem eine etwas härtere Tonwiedergabe im Vergleich zum X-Bracing nachgesagt wird, fallen bei dieser Korpusgröße eher marginal ins Gewicht und beim vorliegenden Exemplar kann von Klangeinbußen kaum die Rede sein.

Gegen Ende der 60er-Jahre wurde die Produktion der LG-1 einge­stellt. 1968 kamen nur noch verhältnismäßig wenige Exemplare zur Auslieferung. Die LG-1 gehörte neben der LG-0 zwar zu den erfolgreichsten Flat Tops im Gibson-Programm überhaupt, den­noch ist ihre Verbreitung, bzw. Verfügbarkeit am Vintage-Markt, zumindest bei uns, durchaus überschaubar. Die in der Regel moderaten Preise beginnen für gut erhaltene Modelle bei etwa € 1500 können aber für ältere 50er-Jahre-Exemplare auch schon einmal € 3000 erreichen. Bei den wegen ihres X-Bracings begehrteren Modellen LG-2 und LG-3 reicht die Spanne von € 2500 bis zu etwa € 5000, für 40er-Jahre ‚Banner Guitars‘ auch noch darüber hinaus. Zu beachten ist, dass für die meis­ten Exemplare wegen des Griffbretts aus Rio-Palisander bei Erwerb oder Verkauf ein CITES-Dokument erforderlich ist.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2020)

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