Kolumne

Parts Lounge: Physik contra Gitarrenbau

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Die Expertenrunde im Workshop rahmt das Supergain-Team (Bild: Supergain TV (YouTube))

Diesen Monat möchte ich über eine Diskussionsrunde schreiben, die kürzlich vom „Supergain TV“-Team in München öffentlich aufgezeichnet und auf YouTube veröffentlicht wurde. Die Intention der beiden Moderatoren Enrico Coromines und Michael Vochezer war sowohl Gitarrenbauer als auch Physiker über die klangentscheidenden Parameter zu Wort kommen zu lassen. Gute Idee!

Auf der Seite der Physiker sehen wir da natürlich den Regensburger Professor Manfred Zollner, der mit seinem Buch „Die Physik der E-Gitarre“ schon vor Jahren auf sich aufmerksam gemacht hatte, sowie Dr. Tilman Zwicker, ein leitendes Mitglied des Gitec e.V., einem Verein, der sich ebenfalls in zahlreichen Seminaren und Workshops mit diesem Thema befasst. Auf der Seite der Gitarrenbauer sehen wir Stefan Zirner von Stevens Guitars und den allseits bekannten Gitarrenbauer André Waldenmaier von Staufer Guitars.

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Beide Seiten wurden aufgefordert, ihre persönlichen Erfahrungen darzulegen, wobei sehr schnell klar wurde, dass sich beide Lager in bestimmten Grundlagen in vielen Punkten widersprechen.

Ich habe mir den Beitrag mehrmals angeschaut, und je öfter ich das tat, desto klarer wurde mir, dass die Widersprüche oft nur in der Terminologie liegen und meist eigentlich gar keine sind.

Was leider gänzlich fehlte, war eine Definition dessen, was man denn „guten Klang“ nennen könnte. Was macht „eine gute Gitarre“ eigentlich aus und was unterscheidet die eine Gitarre von einer vermeintlich besseren. Da ist die Rede vom Sustain, der Energie der Saiten und der Lautstärke. Mehr kommt allerdings nicht zur Sprache. Das ist in einem einstündigen Beitrag mit sechs Teilnehmern auch kaum möglich.

Dieses Thema ist einfach zu komplex. Die Physiker fordern da zu Recht die zunächst stationäre Betrachtung oder Vermessung von vor allem mechanischen Parametern. Was kann eine Gitarre außerhalb der vom Spieler erzeugten Eigenschaften, die sich natürlich immer mit dieser Physik – wenn man so will – überlagern würden? Professor Zollner erwähnt hier zum Beispiel Hermann von Helmholtz, der schon vor etwa 170 Jahren ähnlich an dieses Thema heranging, als er versuchte, „ganz physikalisch“ bestimmte Klangeigenschaften von Klangerzeugern zu untersuchen. Auch er wollte den Einfluss des Spielers von vornherein ausschließen.

Für die Gitarrenbauer blieb dagegen nur der Rückzug auf die persönliche Erfahrung, vor allem geformt durch das Feedback ihrer Kunden.

Insofern punkten die Physiker, weil man ja irgendwo einmal anfangen muss, einen Rahmen für die Untersuchungen zu schaffen. Und diese sind in der Physik nun einmal bestimmte Messverfahren. Lassen diese sich etwa im Versuch beliebig mit gleichen Ergebnissen wiederholen, werden aus Theorien physikalische Gesetze. Und davon hat Manfred Zollner, wie er in seinem Buch erwähnt, eine ganze Menge gefunden.

Unmissverständlich ergibt sich aus seiner Forschung ein Zahlenkanon, der zunächst einmal dasteht und Belege liefert. Zahlen sind immer eindeutig, darüber lässt sich nur schwerlich diskutieren.

Aus persönlichen Erfahrungen ergibt sich aber durchaus eine Qualifikation, die aber immer an die Persönlichkeit des Gitarrenbauers gebunden ist. Zollner fordert daher auch, dass es nicht schaden könne, wenn auch E-Gitarrenbauer die grundlegende Physik der E-Gitarre einmal genauer studieren. Was passiert da eigentlich, wenn man eine Saite anschlägt?

Zollner verbindet seine Forschungsergebnisse natürlich auch immer mit einer Kritik an „Erfahrungstätern“, Leuten wie mir, die für Gitarrenmagazine schreiben, oder allen möglichen YouTube-Testern, die angeblich von Dingen reden, die sie gar nicht wirklich durchdrungen haben.

Und auch da ist etwas dran. Ästhetik-Professor Bazon Brock schreibt etwa von der „normativen Kraft des Kontrafaktischen“. Solche Aussagen finde ich immer sehr spannend, weil sie sehr gut beschreiben, auf welch wagemutigen Feldern wir uns manchmal bewegen. Da heißt es so schön: „dicker Gitarrenhals ist ein Garant für dicken Sound“, „dicke Saiten ebenso“, „eine leichte Gitarre sei immer besser als eine schwere“ oder ein bestimmtes Magnetmaterial in Pickups einem anderen überlegen. Und oft sind das eben normative Erscheinungen, die aus physikalischer Sicht keineswegs in Fakten münden. So kann jedenfalls keine Wissenschaft gelingen.

MESSWERTE, MYTHEN UND SPIELGEFÜHL

Man weiß manchmal auch gar nicht, ob die heute meist im Hobbyismus angesiedelte Gitarren-Fan-Gemeinde das überhaupt will. Ich erinnere mich etwa, dass ich im Laufe meines Journalistendaseins auch etliche Profi-Musiker interviewt habe, denen solche angebliche Fakten völlig wurscht waren. Sie suchten nach der „coolen“ Gitarre oder einfach nach einer, die sich gut spielen lässt. Allzu oft hatten sie für ihre persönlichen Vorlieben gar keine Begründung oder eben nur: „Weil Chuck Berry genau so eine gespielt hat“.

Jeder von uns weiß, dass man auch aus der schlechtesten E-Gitarre heraus am aufgedrehten Amp und mit Unterstützung von ein paar Pedalen noch ein paar brauchbare Powerchords erzeugen kann. Und manche Musiker sind genremäßig überhaupt erst zufrieden, wenn die Gitarre so richtig schön sch… klingt. Die Kunst soll schließlich frei sein.

Das macht es letztlich auch für einen Physiker wie Manfred Zollner schwer, genaue Anfangsbedingungen zu formulieren, denn wer will schon sagen, was eine gute E-Gitarre ist? Sustain? Schwingungsfreudigkeit? Abgerundete Höhen? Konturierter Bass? Ausgewogenheit? Ansprache? Vintage-Ton? Gegenüber der physikalischen Zahlenwelt klingt das alles wie Larifari. Daher habe ich 2017 auf dem Guitar Summit in Mannheim auch einen Workshop zum Thema „Die andere Physik der E-Gitarre“ gehalten. Nicht, weil ich irgendeinen fleißigen Physiker widerlegen, sondern aufzeigen wollte, dass es jenseits der Mechanik und Akustik noch etliche andere Aspekte gibt, die für uns Musiker einfach dazugehören, die aber messtechnisch nur sehr schwer greifbar sind.

Sind doch alle gleich? Und wenn es Unterschiede gibt, worin liegen die eigentlich? (Bild: Udo Pipper)

Ein Beispiel: Am besten lässt sich unser Scheitern bei solchen Fragen beschreiben, wenn es darum geht, ein Instrument, das einen aus welchen Gründen auch immer absolut antörnt, nachzubauen. „Bau mir eine Les Paul, die klingt wie die 59er Standard von dem und dem …“ Oder Gibson verspricht mit einer Neuauflage eines historisch bedeutenden Modells die absolute Näherung an die damaligen Klangqualitäten. Und auch aus physikalischen Gründen geht das immer schief. Man nimmt „das gleiche“ Holz, kopiert die Form bis ins Detail, sucht nach exakt gleichen Materialien für die Hardware, den Lack und stellt die Elektronik ganz authentisch nach. Und doch kommt meist ein ganz anderes Instrument dabei heraus, als das Vorbild vorgibt.

VOM IDEAL ZUR REALITÄT

Einmal beschreibt Manfred Zollner hier recht anschaulich, dass zu oft von Herstellern bestimmte mechanische Details außer Acht gelassen werden, etwa die Genauigkeit bei der Herstellung von Brückenreitern, bei einer Gibson ABR-1, oder dass Gitarrenbauer bestimmte Fugendämpfungen einfach übergehen. Im Grunde gibt er hier einen Grundriss der Anfangsbedingungen für eine „gute E-Gitarre“. Wie Paul Reed Smith in einem Interview formulierte, sind E-Gitarren subtraktive Instrumente. Es gäbe also immer nur Näherungen an einen mechanischen Idealzustand, der eine Gitarrensaite wirklich frei schwingen ließe. Vor diesem Hintergrund – und nur vor diesem – stellt sich natürlich auch die Frage, ob Holz wirklich das geeignete Material für eine E-Gitarre ist. Dieses Material ist einfach viel zu spezifisch und variabel, als dass man bestimmte Anfangszustände wirklich einfangen kann. Jedes Brett schwingt anders.

Und da, wo der Korpus die nahezu gesamte Schwingung der Saite aufsaugt, ist dann Schluss mit lustig. Da ist der sogenannte Deadspot. Also wieder so ein kontrafaktisches Phänomen. Dies deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Die besonders guten Vintage Les Pauls, die ich probieren durfte, waren allesamt recht stumpf, und von Korpusschwingung war da auch nicht viel zu vernehmen. Akustisch waren sie eher recht leise, aber offen, und nicht, wie so oft beschrieben, vom „warmen Mahagoni in komplette Schönheit verfärbt“. Oft wird der als besonders gut empfundene Klang einfach von bestimmten Vorbildern geprägt oder eben einfach falsch interpretiert.

Ich bin weder Gitarrenbauer noch Physiker und muss daher auch aus meiner Erfahrung schöpfen. Diese Erkenntnisse sind aber auch oft theoretischer Natur und stammen aus meinem Studium der Musikwissenschaften vor vielen Jahren in Göttingen und Frankfurt. Und hierzu gibt es reichlich Literatur, die die mechanischen Grundpfeiler etwa, ein perfektes Setup einer Gitarre mit möglichst wenig Fugenwiderständen, mit deren Klangfarben verbinden.

Letzteres ist ein scheinbar wenig messbares Feld, das auch oder nur in unserer semantischen Empfindungskraft ruht. Oft finde ich einen Gitarrensound zu hell, während ein anderer Zuhörer denselben Sound als zu dunkel interpretiert. Hier bleibt es leider unglaublich unscharf. Noch dazu ist unsere Terminologie offenbar untauglich, Klänge genau zu beschreiben. Was ist beispielsweise ein „offener Sound“ oder eine typische „Mahagoni-Klangfarbe“?

Da müssten wir in Zukunft ansetzen, um auch qualitativ zu Ergebnissen zu gelangen. André Waldenmeier bringt es auf den Punkt, als er von den Physikern fordert: „Eigentlich müsstet ihr für uns erforschen, wie man bessere Gitarren baut, und nicht nur das Subtraktive im Thema behandeln. Wenn Klanghölzer angeblich keine Rolle spielen, die Pickup-Magneten überbewertet sind, das Reitermaterial an einer ABR-1 und die Bundstäbe, was zum Teufel spielt dann überhaupt eine Rolle? Die Unterschiede von E-Gitarren sind doch mitunter groß und deutlich hörbar.“ ●


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)

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