(Bild: Ruhland )
Worüber ich schon lange schreiben wollte, weil es mich beschäftigt, ist die Diskussion in den sozialen Medien über Cover-Bands, Tribute oder Top 40-Acts. Auf Facebook, dem Senioren-Instagram, finden meiner Meinung nach ab und an einige Konversationen mit diffusen Ansichten statt. Zum Beispiel bin ich über folgende These gestoßen.
TRIBUTE-ACTS NEHMEN NORMALEN BANDS DIE AUFTRITTSMÖGLICHKEITEN WEG?!
Diese These wurde unter anderem so begründet: Weil die verantwortlichen Booker von Live-Clubs / Music-Halls / Stadtmarketing oder Kulturinitiativen immer mehr Tribute-Shows verpflichten, haben es Bands oder Solo-Künstler, die mit eigenen Songs unterwegs sind, immer schwerer, an Auftrittsmöglichkeiten zu kommen. Und werden somit daran gehindert, ihre originären Eigenkompositionen einem breiten Publikum vorzustellen.
Ich habe keine empirischen zahlen dazu, aber ich kann nicht verhehlen, dass es wirklich sehr viele Tribute-Acts gibt, die in den letzten Jahren unterwegs sind, meine bescheidenen Projekte wie „The Slowhand All Stars – A Tribute to Dylan & Clapton” oder „Altobellis & Friends Play The Rolling Stones” inbegriffen. Warum ist das so? Ich vermute, dass Tribute-Shows zum einen für viele Musiker eine Möglichkeit ist, Gigs zu bekommen, die sie mit Eigenmaterial vielleicht nicht bekommen hätten oder würden. Oder sie sind zum anderen ein Riesenspaß, die geliebte Musik seiner Idole nachzuspielen.
Egal, ob recht frei interpretiert oder sklavisch exakt, quasi als 1:1-Kopie der Originalaufnahme. Manche Acts gehen sogar so weit, und ahmen den Look der Originale nach. Obacht! Es muss jeder selber wissen, ob er in silbernen Plateaustiefeln wie Björn von Abba in den frühen 70ern rumlaufen will. Das kann schon mal so staksig aussehen wie Chefsalat im Eierspagat, aber wie gesagt … erlaubt ist, was gefällt.
Auch diverse Mick Jagger, Robert Plant, Gilmour oder Mark Knopfler-Klone müssen damit rechnen, dass ihr Look eventuell ungewollt den Coolness-Faktor eines Erdmännchens im Takko-Outfit versprüht. Etwas, was mich immer davor bewahrt hat, mir eine Perücke (mit oder ohne Bandana!) für meine fünf „Keith Jaggermeister-Gedächtnisminuten” bei unseren Stones-Tributes aufzusetzen. Aber Geschmack ist eben Gott sei Dank immer noch Geschmacksache.
MAN BRAUCHT MEHR ALS NUR TALENT!
Zur These zurück: Ja, es kann sein, dass viele Booker Tribute-Acts in der Hoffnung bevorzugen, dass mehr Leute Tickets kaufen, als für Künstler mit Eigenmaterial. Dementsprechend buchen sie vielleicht tatsächlich mehr Coverbands als Musiker, die mit eigenem Zeug unterwegs sind. Nur – wie kann man das verhindern? Wollen wir das per Quote reglementieren oder was? Den Clubs vorschreiben, was sie zu buchen haben? Rechtfertigt das empfundene Unrecht, Sprüche der Selbstkomponisten à la „Die anderen covern ja nur!”? Hmmm … schwierig, oder?
Ich denke, diese Leute machen es sich ein bisschen zu einfach, wenn sie sagen: „Wir dürfen wegen der Tribute-Bands nicht so häufig spielen und deswegen weiß keiner, wie gut wir sind!” Heute sind die Möglichkeiten, seine Kunst zu veröffentlichen, so vielfältig und einfacher umzusetzen als vor 40 Jahren. Und noch was, auch wenn es manchem vielleicht schwer abgeht: Vielleicht ist das Eigenmaterial und der Vortrag auch nicht originell und überzeugend genug, um sich beim Konsumenten und Kartenkäufer durchzusetzen?
Oder genauso schlimm: Er ist gut, die Kritiken stimmen, der ganze Act ist klasse … aber es interessiert leider nicht genug Kartenkäufer? Da machst du nix! Ich habe das so ähnlich am eigenen Leib erfahren. Mit Till & Obel haben wir damals etwas auf die Beine gestellt, was völlig neu, gut und abgefahren war. Wir haben uns drei Jahre durchgetankt, haben oft vor nur vier Leuten (es galt die Regel: „Wenn das Publikum in der Überzahl ist, wird gespielt!”) aufgetreten und überall da, wo eine Steckdose in der Mauer war – bis 1990/91 unser großer, bundesweiter Durchbruch kam.
(Bild: Hoheneder)
Als ich ab dem Jahr 2000 wieder solo unterwegs war und meinen Unique Selling Point verloren hatte, also nur einer von zig Stand-Up-Comedians war … stand ich wieder vor 30 Leuten. Obwohl ich gute Kritiken bekam – es spielte keine Rolle, mich alleine wollte kaum einer sehen. Damit musste ich mich abfinden, auch wenn es weh tat. In unserer Branche braucht man mehr als nur Talent und gute Texte/Songs/Mitspieler.
Man muss außerdem noch viel Glück haben, die richtigen Leute treffen, die richtigen Strippenzieher kennenlernen, zur rechten Zeit am rechten Ort sein, einen Zeitgeist treffen … und all diese Räder müssen irgendwann ineinandergreifen und „Klick” machen. Dann könnte es klappen.
EIGENE SONGS SIND BESSER ALS COVER SPIELEN?
Ja – grundsätzlich finde ich, eigene Songs zu schreiben und zu performen, wunderbar und wichtig. Respekt, wer das durchzieht. Es gehört Mut dazu, mit eigenen Songs aufzutreten und sich dem Urteil des Publikums zu stellen. Also tut das! Es ist auch nicht weniger mutig, sich mit Coversongs auf eine Bühne zu stellen und ikonische Songs zu spielen. Blamieren kann man sich so oder so.
Dazu gibt es Genres wie Blues, wo man ketzerisch anmerken könnte, ob ein langsamer Zwölftakter in A/D/E wirklich eine Eigenkomposition oder nur eine weitere Willie-Dixon-Kopie ist? Aber ist das die Lösung, wenn man sagt: „Lieber gut gecovert als selber schlecht geschrieben?” Nein, liebe Leute! Ich verstehe dieses Gezanke letztendlich nicht. Berühmte Künstler covern gerne oder veröffentlichen ganze Tribute-Alben neben ihrem eigenen Material.
Ich mag Cover, vor allem, wenn der Künstler seine Persönlichkeit in die Songs einfließen lässt, sie so gut es geht zu seinem eigenen Material macht. Was „Note for Note”-Tributes angeht: Ich habe großen Respekt vor der musikalischen Umsetzung des Beatles-Katalogs durch ‚The Analogues’ … Aber obwohl ich die Beatles für die größte Band des Universums halte, hinterlässt diese bewundernswerte sowie makellose Kopie keine richtige Satisfaction bei mir. Ich verstehe den Erfolg, applaudiere, staune ehrfürchtig, aber ich würde mir kein Ticket kaufen: In dem Fall höre ich mir das dann doch lieber vom Original an.
KÜNSTLER ODER DIENSTLEISTER?
Egal, was man spielt – Cover oder Eigenkompositionen –, der wichtigste Aspekt ist für mich: Bin ich Künstler oder Dienstleister? Der Dienstleister spielt in erster Linie für das Publikum, der Künstler in erster Linie für sich. Bei legendären Acts vermischt sich das gerne, weil nur wenige den Mut haben, dem Publikum für 200 Euro (und mehr!) neue Songs oder Raritäten zu präsentieren.
(Bild: Hoheneder)
Oder wie Dave Gahan von Depeche Mode mal auf die Frage „Was für Songs spielen Sie auf der neuen Tour?” antwortete: „Wenn wir fies sind, spielen wir das komplette neue Album!”. Was ist mit Bob Dylan, der viele seiner Fans damit quält, dass er seine Klassiker so interpretiert, dass selbst Dylanologen Mühe haben, diese wiederzuerkennen. Ich bewundere diese künstlerische Integrität, aber adaptiere sie nur halb.
Ich versuche eine Mischung als Dienstkünstler: Ein paar Songs spielen, die das zahlende Publikum zurecht erwartet, und die ich auch mag … und der Rest ist eben das, was mir gefällt. Fakt ist: Einen Song, den ich nicht mag, der mich nicht berührt, werde ich nicht singen – egal, ob es ein Riesenhit oder nicht. Nur, wenn ein Lied mich berührt, schaffe ich es, ihn zu „meinem” Song zu machen.
Dafür bin ich auch bereit, zu akzeptieren, dass viele Zuschauer nicht kommen und mir unter die Nase reiben: „Du spielst zu viele Stücke, die wir nicht kennen.” Das ist der Preis, den ich für diese Haltung zahlen muss.
TU DAS, WAS DU LIEBST!
Warum ich überhaupt Cover spiele? In meinem Fall ist es so: Ich habe als junger Mensch mit Till & Obel sehr viel meiner eigenen künstlerischen Identität umsetzen können, mein eigenes Ding gemacht. Wir haben uns gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt, an unsere „Kunst” geglaubt. Ich habe sehr viele Texte und eigene Songs geschrieben. Als ich vor 25 Jahren eine Band gegründet habe, wollte ich einmal in der Woche im Proberaum stehen und meine Lieblingssongs spielen. Ein Hobby haben – andere kegeln, ich dresche mit den Jungs ein paar Stones-Nummern runter. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich habe meinem Sohn gesagt, als er zur Gitarre griff: „Überlass das Nachspielen mir, du musst deine eigene Musik machen.” Und ich bin sehr stolz, dass er das getan hat: Seine eigenen Lieder und Texte zu schaffen. Was Ihr macht, werte Leser, ist allein eure Sache. Es wäre nur schön, wenn sich alle mit dem gleichen Respekt behandeln würden. Sich nicht für was Besseres halten, egal, ob Cover, Tribute oder eigene Songs.
Der Erfolg oder Misserfolg hängt meiner Meinung nach nicht davon ab, ob es zu viele Tribute-Shows gibt oder nicht. Da macht man es sich zu einfach. Erfolg kommt, wenn du tust, was du selber liebst … vielleicht! Klingt nicht aufmunternd, oder? Deswegen schnell noch eine Weisheit, die mir unser Roadmanager Manny immer gesagt hat: „Du hast keine Chance, also nutze sie!”
(erschienen in Gitarre & Bass 05/2026)