Hat sich nicht exorzieren lassen: Magnatone Varsity Reverb (Bild: Till Hoheneder)
Nachdem ich ein paar Gigs mit dem Vox AC10 Handwired gespielt habe, ist mir mal wieder drastisch klar geworden, was der Unterschied zwischen einem „kleinen“ Amp und einem „großen Amp“ ist: Das Geräusch im Bandgefüge. Kleine Amps bis 15 Watt verschwinden gerne mal im Bandmix. Was man hauptsächlich von ihnen hört, sind die oberen Frequenzen, die hohen Drehzahlen.
Amps ab 25 Watt aufwärts haben in der Regel mehr Autorität, Hubraum und Klangfülle. In einem kleinen Club wie dem Beat Club Greven reicht mir der Vox völlig, aber für die Zeche Bochum neulich habe ich dann doch zum Magnatone Varsity gegriffen.
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Ja, ich weiß: Ich habe vollmundig letztes Jahr behauptet, dass ich meine Gelüste auf einen Magnatone Amp erfolgreich exorziert hätte. Das stimmt ja auch – es hat nur nicht gehalten! Die Argumente waren schnell gefunden: Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht… warum nicht zeigen, wenn es einem gut geht… man lebt nur einmal… wenn es dich glücklich macht!
Der Magnatone Varsity hat zwar nur 15 Watt, aber das sind die autoritärsten 15 Watt, die ich bis jetzt in dieser Amp-Klasse gehört habe. Der Lümmel drückt den Sound so breit wie ein Schneepflug ab, der Sound steht stramm wie Häuptling Volle Buxe auf der Bühne.
Ich habe mich erschrocken, wie viel ich wieder vom ganzen Akkord gehört habe. Der Amp zwang mich, ordentlich zu spielen, denn ich habe wieder deutlicher gehört, was sonst im Gemisch aus Bass/Keyboard/Akkordeon/zweiter Gitarre nicht differenziert genug zu hören war.
Ich weiß nicht, ob es an dem Trafo liegt, am Gehäuse, den elektronischen Bauteilen, dem sehr effizienten Speaker, der Abschmeckung oder an allem – aber der Varsity ist echt stabil laut.
Natürlich kann man sich auch mit einem Princeton oder AC10 auf der Bühne besser hörbar machen, aber dann müsste ich mir meine Gitarre auf den Monitor geben lassen oder den Amp halbhoch oder angekippt gezielt in meine Ohr-Einflugschneise platzieren… aber das will ich alles nicht.
Und: Kleine Amps klingen auf der Bühne trotzdem boxy. Ein kleiner Motor mit hohen Drehzahlen kann genauso schnell fahren wie ein V8 mit viel Hubraum…aber er klingt im Vergleich zum satt brummelnden V8 etwas plärrig, und die Kraftentfaltung ist ohne dieses gewaltige, satte Drehmoment.
Zurück zu kleinen Amps: Dem Mikrofon ist das egal, über die P.A., Side-Fills oder im Studio lässt sich das alles regeln, sowie groß darstellen. Und da sind wir wieder bei den YouTube-Videos aus der Abteilung „Shootout“…ich habe einige dieser Videos mit dem Magnatone gesehen und fand sie nach meinen Live-Erlebnissen unvollständig, denn wie „groß“ der Amp im Vergleich zu einem 57er Tweed Deluxe (den ich auch einige Zeit gespielt habe) im Raum klingt, das verrät das Video auf keinen Fall.
Nur, damit das klar ist: Ich liebe Princetons, den Vox AC10, Pro Juniors oder den Tweed Deluxe – mit allen Amps habe ich tolle Gigs gespielt. Aber im Augenblick liebe ich mal wieder das Geräusch, wenn ein Amp groß klingt. Weil es mich glücklich macht.
APROPOS GLÜCKLICH…
Vor ein paar Wochen telefonierte ich mit einem Bekannten, natürlich ging es, wie so oft, um Gear-Talk. Mein Kumpel konfrontierte mich, als bekennenden User von Kloppmann-Pickups, mit der Tatsache, dass er nun zu folgender Überzeugung gekommen wäre: Seymour-Duncan-Pickups würden in der Mittelstellung seiner Telecaster viel besser klingen als „meine“ Kloppmänner.
Und andere würden das auch sagen. Was ich denn dazu sagen würde? Im ersten Moment hab ich gedacht: Ja, und? Who cares! Aber dann dachte und sagte ich nur: Schön für dich! Und so habe ich es auch gemeint.
Mein funky, freaky Echolette Junior (Bild: Till Hoheneder)
Es ist doch schön, wenn man als Gitarrist nach langem Ausprobieren weiß, was man gut findet. Was einen glücklich macht. Wenn es, wie in diesem Fall, Seymour-Duncan-Pickups sind: Gratuliere, Hauptsache, du bist happy, es geht ja nicht um mich.
Ich persönlich brauche den Halspickup und die Mittelstellung einer Telecaster so dringend wie einen rostigen Nagel im Knie. Da hilft auch das Solo von ‚Stairway to Heaven‘ nix, im Gegenteil…auch wenn es angeblich mit der besagten Mittelstellung eingespielt wurde. Deswegen finde ich es nicht weniger langweilig.
Mich macht der Bridgepickup einer guten Tele richtig glücklich. Weil er ein echtes Statement ist, es ist ein Sound mit Ausrufezeichen. Interessant ist höchstens die Frage, ob das besagte Jimmy-Page-Solo mit einer Les Paul oder Stratocaster wahnsinnig anders geklungen hätte?
Vielleicht wäre die Spur vom Engineer im Studio klangtechnisch so bearbeitet bzw. gemixt worden, dass man eventuell gar keinen großen, wesentlichen Unterschied zur Tele-Mittelstellung hören würde?
BROWN SUGAR!
Dieses Verknüpfen von ikonischen Songs mit bestimmten Gitarren ist meiner Ansicht nach sowieso oft eine eher ungewisse Angelegenheit. Bei so vielen Recherchen zu legendären Songs trifft man immer wieder auf unterschiedliche Aussagen, was, wie und womit benutzt wurde.
‚Layla‘: Tweed Champ, Vibro Champ oder Champ plus Princeton? Es gibt widersprüchliche Aussagen, und die von harten Drogen vernebelten oder komplett gelöschten Erinnerungsfestplatten in den Hirnen einiger älterer Rockstars bringen da oft nur noch mehr Konfusion statt Aufklärung.
Mittelstellung – nein danke! (Bild: Till Hoheneder)
Ich sollte neulich einen Tipp geben, mit welchen Tele-Pickups man am besten den ‚Brown Sugar‘-Sound von Keith Richards hinbekommen würde. Leicht irritiert fragte ich nach: Den Sound der Originalaufnahme von der LP ‚Sticky Fingers‘ oder den Live-Sound der letzten 25 Jahre? Der Fragende war nun auch etwas verwirrt: „Warum fragst Du?“
Warum ich frage? Weil der Originalaufnahme 1969 wohl kaum mit einer Tele eingespielt wurde, darum. Die besagten drei Tage Aufnahme-Sessions fanden vom 2. bis 4. Dezember 1969 in den Muscle Shoals Studios statt.
Zwei Tage später, am 6. Dezember, fand das berüchtigte Altamont Free Concert statt. Bis zum 30. November 1969 waren die Stones auf der US-Tour unterwegs…also wurde der Studio-Aufenthalt eingeschoben und man kann getrost davon ausgehen, dass ‚Brown Sugar‘ mit Richards Tour-Gitarren, einer 59er Gibson Les Paul, einer 69er Gibson ES-355 oder der Dan Armstrong Plexi-Prototyp-Gitarre, eingespielt wurde.
Da Keith bei den Shows vorher eine Les Paul in Open-G benutzt hat, verdichtet sich die Annahme: Eine Tele war bei der Aufnahme von ‚Brown Sugar‘ jedenfalls nicht im Spiel. Da kann ich also nur empfehlen: Nimm Tele-Pickups, die dich glücklich machen. Glück inspiriert beim Spielen!
WAS MACHT GLÜCKLICH?
Was letztendlich glücklich macht? Keine Ahnung, was euch glücklich macht. Mich macht Vielfalt und Suchen glücklich, ich bin keineswegs auf „edel und teuer“ abonniert. Ich bin und bleibe neugierig, ich will stets neue Erfahrungen machen.
Ich habe mir neulich von einem netten, Gitarre spielenden Richter, der den guten Ton zu schätzen weiß, einen Echolette Junior von 1972 gekauft. Ein deutscher Röhren-Amp mit Tremolo, baugleich mit dem Dynacord Twen. Viele schreiben was vom „deutschen Princeton“, aber das ist meiner Meinung nach Quark mit Soße.
Der Echolette hat sein ganz eigenes Ding am Start, da mag es vielleicht in der Schaltung Ähnlichkeiten geben…aber seien wir mal ehrlich: Das Rad wird eben auch nicht dauernd neu erfunden, wir sind alle nur Zitierende!
Der Junior holt 17 Watt aus zwei 6V6-Röhren, und das Tremolo ist ganz nett. Der damals serienmäßig verbaute 8 Ohm Isophon-Speaker scheint Recherchen nach sogar ein Alnico zu sein. Er klingt auf keinen Fall nicht schlecht, aber mir zu hell und vor allem viel zu schwach auf der Brust. Es würde mich wundern, wenn der über 92dB hinauskommen würde.
Natürlich war das gute Stück vergleichsweise billig, im Vergleich zum Handwired Vox, erst recht zum Magnatone. Aber er klingt nicht billo, denn mit ein paar guten Zutaten wurde es interessant: Ich hatte noch ein altes, gematchtes NOS 6V6 Röhrenpaar und einen alten, ausgelatschten Celestion G12H, Made in England.
Das klang schon mal kräftig, laut und sehr nach Till. Das Gehäuse des Amps ist Spanplatte, mit Tolex bezogen.
Nicht besonders viel Tiefe…und hinten sehr offen. Also habe ich mir im Baumarkt eine doppelt so hohe Spanplatte sägen lassen und mit schwarzem Amp-Tolex bezogen. Das brachte noch mal eine konkret bösere Tiefenwiedergabe.
Und so wurde aus dem funkyweirdo-deutschfreaky Mauerblümchen ein klasse Amp mit eigenem Charakter. Das Sahnehäubchen: In der Vorstufe steckten noch zwei originale Telefunken ECC83 Röhren, deren Wert…aber lassen wir das.
Hat ‚Brown Sugar‘ NICHT mit Tele eingespielt: Keef Riffhard (Bild: Till Hoheneder)
Glück braucht der Mensch – und das kann, aber muss nicht, teuer sein. Man braucht nur eine eigene Meinung sowie eigene Ohren. Denn man muss wissen, was man hören will. Es ist gut, sich Ratschläge oder Anregungen zu holen, aber das entbindet einen nicht davon, eigene Wege zu gehen und Entscheidungen zu treffen.
Auch wenn diese manchmal konträr zu den weit verbreiteten Meinungen sind. Wichtig ist nur, dass man selbst glücklich ist. Dann singt zum guten Abschluss Sheryl Crow: „If it makes you happy, it can’t be that bad!“