Hot Rod Mod!

Jürgen Raths Marshall 9004 Mod

Im Oktober 2016 ist Jürgen Rath überraschend verstorben. Ich kannte Jürgen persönlich und war von seinem Tod sehr betroffen. Nicht zuletzt, weil er wesentlichen Anteil daran hatte, dass ich mich auch für die technische Seite von Musikinstrumenten interessiere und somit letztendlich auch für die Hot-Rod-Mod- Kolumne mitverantwortlich ist.

Jürgen Rath: Amp-Techniker und Gitarrist

Ich lernte Jürgen 1990 kennen. Damals arbeitete er im „Musikhaus an der Saar“ in Saarbrücken und beeindruckte mich nicht nur durch sein spielerisches Können, sondern auch durch sein umfangreiches Technikwissen. Er wurde zu einer meiner frühen Informationsquellen in allen Technikfragen und hat mir manch guten Ratschlag mit auf den Weg gegeben. Jürgen entwickelte damals gerade für Hughes & Kettner die Red Box II und modifizierte auch schon mal den ein oder anderen Verstärker. Später sollte er bei Solton seine eigene Verstärkerserie konstruieren und nach dem Konkurs von Solton bei PCL Vintage Amps eine neue Heimat für seine Ideen finden.

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Schaltplan des Marshall 9004

Entgegen aller Trends hatte sich Jürgen der Transistortechnik für Gitarrenverstärker verschrieben. Und wer ihn als Gitarrist auf der Bühne live hören durfte, hatte keine Zweifel mehr, dass ein guter Blues- und Rocksound eigentlich keine Röhren braucht. Im Laufe der Jahre liefen wir uns im Saarland noch ein paar Mal über die musikalischen Füße, denn Jürgen ist im Saarland als Musiker und Amp-Techniker gleichermaßen bekannt. Als ich vor etwa vier Jahren wegen eines Interviews zum Thema Lautsprechersimulationen bei ihm zu Hause war, verbrachten wir nicht nur einen sehr netten Abend mit Gesprächen über Gott und die Welt, sondern ich nahm auch gleich ein paar interessante Geräte von ihm mit. Dabei waren auch zwei Marshall- 9004-Vorstufen, eine original, die andere von ihm modifiziert. Auch in meinen Ohren klingt die von Jürgen modifizierte Marshall-Vorstufe deutlich satter und runder als die Originalschaltung. Und damit seine Ideen nicht verloren gehen, schauen wir uns diese Modifikation mal genauer an.

Marshall 9004

Ende der 80er bis Anfang der 90er elektrisierte das 19″-Fieber die Gitarristenwelt. Kühlschrankgroße Racks mit mehreren Effektgeräten, Vorstufen und Endstufen wurden auf die Bühne geschleppt, um das Publikum mit chorusschwangeren Hi-Gain- Sounds und endlosen Delays zu erfreuen. Jim Marshall sprang mit seiner 9000er- Serie erst recht spät auf den 19″-Zug auf. Die Serie umfasste einige Mosfet-Stereo- Endstufen, eine Stereo-Röhren-Endstufe mit fünf Höheneinheiten (9005), eine dreikanalige Röhrenvorstufe (9001) und die besagte zweikanalige Transistorvorstufe (9004). Die 9004 war nur von 1989 bis 1993 im Programm und kostete anfangs ca. 450 DM. Ein Schnäppchen im Vergleich zur 9001 Röhrenvorstufe, für die man fast 1.600 DM auf den Tisch legen musste. Anfangs noch in unattraktivem Grau, wurde sie im letzten Baujahr mit einer schicken, goldfarbenen Frontplatte ausgeliefert. Nach 1994 setze Marshall bei Rack-Equipment nur noch auf hochpreisige Produkte und überließ es der MIDI-tauglichen und vollprogrammierbaren JMP-1-Vorstufe, das Marshall-Logo in Racks zu repräsentieren. Die günstige 9004 (Test in G&B 08/1990) war damals recht beliebt und auch heute noch findet man auf dem Gebrauchtmarkt immer wieder mal ein Angebot. Die Vorstufe bietet zwei fußschaltbare Kanäle (Clean und Overdrive), je eine Dreibandklangregelung pro Kanal, einen parallelen FX-Loop mit Mixregler und einen Kopfhörerausgang. Im G&B Test gefiel die 9004 damals durch ihre gute Ausstattung, ihren satten und runden Distortion-Sound und die beiden effektiven Klangregelungen.

Optisch eine graue Maus, aber klanglich …

Besonders interessant ist, dass der Solid- State-Preamp m. E. im Vergleich zu seinem Röhrenbruder die deutlich aggressivere Verzerrung liefert und damit klanglich eher den typisch rotzigen Marshall-Sound repräsentiert als die 9001. Für Modifikationen ist die 9004 im wahrsten Sinne des Wortes schnell offen. Denn durch Lösen der oberen und unteren Gehäuseabdeckung kommt man an alle Bauteile des Gerätes problemlos heran. Ein mühsames Lösen der Potis und Ausbauen der Platine bleibt einem erspart. Aber nicht vergessen: Vor dem Öffnen und bei allen Arbeiten an der Elektrik den Netzstecker ziehen!

RathMod

Die Originalwerte der Bauteile sind auf dem Schaltplan zu erkennen. Lediglich der Kondensator C8, der den Höhenverlust beim Herunterregeln der Lautstärke- Potis kompensiert, fehlt auf dem Plan. Leider muss man etwas suchen, da die Nummerierung ziemlich durcheinander ist.

Aber in der praktischen Arbeit macht das nichts. Auf der beschrifteten Platine findet man sich gut zurecht. Folgende Bauteileänderungen hatte Jürgen Rath vorgenommen:

  • R2 von 5K6 auf 1K5
  • R3 von 10K auf 4K7
  • R6 von 47K auf 100K
  • R29 von 47K auf 10K
  • R39 von 100K auf 68K
  • C1 22 pF ausgelötet
  • C8 auf 470 pF
  • C9 von 470 pF auf 250 pF (100 pF + 150 pF)
  • C14 von 100 nF auf 68 nF (22 nF + 47 nF)
  • C23 von 33 nF auf 47 nF
  • C25 von 220 pF auf 470 pF
  • C33 von 470 pF auf 220 pF
  • Statt C1 wurden zwei gegensätzlich seriell geschaltete 6,2 Volt Zener-Dioden direkt an die Widerstände R2 und R3 gelötet.
  • Von C28 geht ein Kabel vom Pluspol nach Masse und dann an das Gehäuse.
  • An R13 (220K) wurde ein R-C-Glied von 100K + 6n8 + 100 pF gelötet
  • An R14 (220K) wurde ein R-C-Glied an 100K + 6n8 gelötet.

Bei der Untersuchung der Änderungen war gut zu sehen, dass Jürgen an der Vorstufe noch einiges mehr ausprobiert hatte, was aber wieder zurückgebaut wurde. Interessant ist v. a. die Änderung um C1 mit den beiden Zener-Dioden. Diese Schaltung findet man übrigens auch bei den Rath-Amps. Die Änderungen von C9 verändern den Frequenzbereich des Höhenreglers des Normalkanals.

Den 9004 gab es in seinem letzten Baujahr auch mit gebürsteter, goldfarbener Front.

Die beiden zusätzlichen R-C-Glieder an R13 und R14 reduzieren die Höhen und den Gesamt-Output. Die Änderung von C33 und R39 dagegen ist nicht klangrelevant, da der IC4 für das Umschalten zwischen Normal- und Boost-Kanal zuständig ist.

Insgesamt klingt der 9004 nach der Rath-Modifikation satter und runder, v. a. der Cleansound profitiert von der Mod, da er flexibler wird und in den Crunch-Bereich getrieben werden kann. Ich werde den 9004 auch zukünftig nicht nur in Ehren halten, weil Jürgen Rath daran geschraubt hat, sondern auch, weil diese Vorstufe richtig gut klingt.


Aus Gitarre & Bass 03/2017

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