Die Perlen des Gebrauchtmarkts

Kleinanzeigen Heroes: Epiphone Wildkat

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Günstige Arbeitstiere, unterschätzte Underdogs, übersehene Youngtimer und vergessene Exoten: In den „Kleinanzeigen Heroes“ stellen wir euch die Geheimtipps des Gebrauchtmarkts vor, die einen maximalen „Bang for the buck“ liefern.

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Epiphone Wildkat

(Bild: Epiphone)

1957 hatte sich CMI, die Muttergesellschaft von Gibson, den Konkurrenten Epiphone eingesackt – und damit eine Erfolgsgeschichte in Gang gebracht, die bis heute anhält. Epiphone konnte sich unter dem Gibson-Dach zu einem der ganz großen Player entwickeln, und als Pendant zu Fenders Marke Squier bereitet man nun schon seit vielen Jahren das eigene und das Erbe von Gibson erfolgreich und engagiert für den Lowbudget-Markt auf.

Günstig produzieren kann natürlich nur der, der mit fernöstlichen Firmen kooperiert. Genau das hatte Gibson bereits ab Anfang der 1970er-Jahre getan – erst waren Matsumoku in Japan, dann ab 1983 Samick in Korea für den Bau der Epiphone-Instrumente verantwortlich. 2004 wurde in Qingdao/China von Gibson das eigene Werk eröffnet, in dem die Epiphones bis heute gebaut werden.

KEINE KOPIE

Die Wildkat befindet sich seit 1999 ununterbrochen im Epiphone-Katalog. Diese Gitarre ist eine der wenigen Epiphones, die weder die eigene noch die Gibson-Historie wiederaufleben lassen will. Vielmehr ist es ein eigenständiges Modell, das irgendwo zwischen Les Paul, Epiphone Emperor Regent und klassischen Gibson- bzw. Epiphone-Semiacoustics verortet werden kann.

Trotz der beiden F-Löcher in der laminierten Ahorndecke ist die Wildkat keine typisch semiakustische, sondern eine halbmassive Gitarre – will heißen, dass aus dem massiven Mahagoni-Body große Kammern herausgefräst sind. Neben einem recht starken Rand von ca. 2 cm sind nur die beiden Blocks zur Aufnahme des Halses und Befestigung von Steg und Bigsby verblieben, der große Rest ist umbaute Luft …

Um das Wildkat-Thema am Köcheln zu halten, erschienen im Laufe der Jahre viele verschiedene Ausführungen in unterschiedlichen Farben. Mir begegnete neulich eine chinesische Wildkatze namens „Red Royale“, die mit einem attraktiven, metallic-dunkelroten Sparkle-Kleid und einem auffälligen Champagne-Sparkle-Binding um Decke und Griffbrett um meine Gunst warb. Da ihr Preis genauso heiß wie ihr Aussehen war, zögerte ich nicht lange und entführte die Wildkat nach Hause. Die Red-Royale-Serie kam 2014 auf den Markt und bestand neben der Wildkat noch aus Les Paul Royale und Riviera P93 Royale.

3,20 METER TONE SUCKER

Doch was nützt es, wenn die Fassade schön ist, aber die inneren Werte zweifelhaft? Schon bald hatten sich mir zwei entscheidende Schwachstellen der Wildkat-Konstruktion erschlossen. Einmal der recht verhaltene, indirekte Ton, zum anderen das B-70-Bigsby, das sich fürchterlich schnell verstimmte. Ein kurzer Schwenk durch einige Foren bestätigte meinen Eindruck – ich war nicht der Einzige, der dem schicken Design dieser Gitarre auf den Leim gegangen war. Doch wo ein Ziel ist, ist auch ein Weg – schauen wir uns die beiden Problemstellen doch mal näher an …

Viele Wildkat-Spieler, die Probleme mit dem matten Sound der Gitarre hatten, wechselten die Pickups aus, um dann festzustellen, dass sie damit keinen Deut weitergekommen waren. Denn der Teufel liegt auch hier im Detail, und zwar in der Kabelage, die Regler, Schalter, Pickups und Buchse miteinander verbindet. Nicht nur, dass die verwendeten Kabel von sehr schlechter Qualität sind, sondern es wurde zudem Kabelmaterial in einer Gesamtlänge von unfassbaren 3,20 m verlegt!

Viel zu viel Kabelsalat verdirbt den Ton (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Will man das Potential ausschöpfen, das Gitarre und Pickups bieten, muss nicht nur neues Kabelmaterial her, sondern auch ein neues Konzept für die großflächige Verkabelung aufgesetzt werden. Also hin mit der Wildkat zu einem Fachmann wie z. B. Ralf Schlüwe von Go4Music in Osnabrück. Er hat die Gitarre ausgeweidet und eine neues Verkabelungssystem entwickelt. Was die Potis und der Schalter, die von JS Electronics aus Korea stammen, angeht, sahen wir nicht die Notwendigkeit eines Austauschs, da sie grundsätzlich eine ordentliche Qualität darstellen.

Vergleich der beiden Kabelbäume: Links das neue System mit 1,60 m Länge, rechts das Original mit seinen 3,20 m. (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Ralf Schlüwes neues Verdrahtungskonzept kommt tatsächlich mit der Hälfte (!) des ursprünglichen Kabelmaterials aus, benötigt also nur 1,60 m des guten Allparts Braided Wire, für das wir uns entschieden hatten. Schwachstelle Nummer Eins war somit eindrucksvoll beseitigt, und die Wildkat klingt nun deutlich lebendiger, schmatziger, tiefer und lässt sich wesentlich dynamischer spielen. Wer seiner Wildkat also ähnlich Gutes gönnen will, kann sich vertrauensvoll an Ralf von Go4Music (www.go4music.de) wenden.

BOINGSBY

Vibratosysteme, die nicht halbwegs stimmstabil funktionieren, sind auch auf der schönsten Gitarre einfach ein Elend! Vor allem, wenn das Versagen schon ab Werk mitgeliefert wird.

Fehler Nr. 1: Der Halswinkel ist zu steil.

Fehler Nr. 2: Der Abstand zwischen Brücke und Vibratosystem ist zu kurz und damit der Winkel der Saiten viel zu steil.

Fehler Nr. 3: Die Bigsby-Feder ist zu steif.

Der erste Fehler lässt sich nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand in Form eines Neck Resets beseitigen. Der dritte Fehler hingegen erfordert lediglich den Kauf einer weicheren Bigsby-Feder. (Tipp: Reverend Smooth Spring).

Konzentrieren wir uns also auf Fehler Nr. 2: Das einfachste Upgrade ist die Verwendung einer Roller- anstelle der originalen TOM-Brücke. Die Roller-Bridges, die ich gut finde, stehen allerdings auf 4 mm starken Bolzen, während die Wildkat 8 mm starke Bolzen montiert hat. Wie gut, dass es bei göldo music einen 8-4-mm-Adapter gibt. Diese werden einfach in die vorhanden Einschlaghülsen geschraubt und bieten nun die 4 mm Bolzen, die die Rollenbrücke braucht. Und diese 4-mm-Bolzen haben noch andere Vorteile – dazu später mehr.

Links ein originaler Brückenbolzen, rechts der geniale göldo M8-M4 Adapter (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Erste Wobble-Versuche zeigen, dass die Performance des Bigsby nun besser, aber noch nicht gut geworden ist, denn der steile Saitenwinkel ist immer noch vorhanden.

Abstand zu kurz, Saitenwinkel zu steil: Selbst mit Rollenbrücke funktioniert das Bigsby nicht zufriedenstellend. (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Um die Wirkungsweise und die Stimmstabilität weiter zu verbessern, müsste also zwingend der Winkel, den die Saiten hin zu den Saitenreitern beschreiben, deutlich flacher sein. Ein Vergleich: Bei einer PRS Starla, deren Bigsby hervorragend funktioniert, beträgt der Saiten-Winkel ca. 10°, die Wildkat jedoch liefert mit mehr als 30° eindeutig die Hauptursache für die Stimmprobleme dieser Gitarre.

Rosetten aus dem Baumarkt in verschiedenen Größen – zur Unterfütterung des Bigsby (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Um den Saitenwinkel flacher zu gestalten, habe ich das Bigsby unterfüttert, und zwar mit sogenannten Schrauben-Rosetten, die es in verschiedenen Größen und Stärken z. B. im Baumarkt oder auch online gibt. Unter dem Bigsby an seinen beiden Schraubpunkten installiert, wird das Bigsby angehoben und damit der Saitenwinkel verringert! Die Unterfütterung in Verbindung mit einer Rollen-Brücke war ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung.

Die finale Lösung: Unterfütterung plus „floating“ Tune-o-matic-Brücke auf M8-M4-Adapter (Bild: Schlüwe, Rebellius)

Wer jedoch – wie ich – Rollenbrücken nicht besonders mag, geht noch einen Schritt weiter und verwendet eine übliche Tune-o-matic-Brücke in Verbindung mit den 4-mm-Bolzen. Wer nun diese Bolzen soweit nach unten schraubt, dass sie nur etwa bis zur Hälfte in die Aufnahmelöcher der Brücke hineinragen, erhält eine Art „floating“-Bridge, die sich analog zu den Tremolo-Aktionen leicht vor und zurück bewegt. Auf diese Art und Weise wird eine gute Stimmstabilität erreicht, natürlich immer in Verbindung mit einer Unterfütterung des Bigsby-Systems.

Nach der Beseitigung der beiden Schwachstellen funktioniert die Wildkat prima, sie sieht außerdem attraktiv aus, ist vielseitig und klingt viel lebendiger als im Originalzustand. Ein Unterschied wie Tag und Nacht!

PREISE

Der Neupreis der Wildkat beträgt zurzeit knapp 500 Euro, Sonderfarben oder -hölzer können auch mal teurer kommen. In freier Wildbahn tauchen die Wildkatzen bereits ab 300 Euro auf, auch in Sonderfarben wie z. B. dieses Red Royale. Mit ein wenig Glück kann man sogar eine in Korea gebaute bekommen, die zwar ebenfalls die genannten Schwachstellen aufweisen, aber einen insgesamt „richtigeren“ Eindruck machen, ohne dass ich das jetzt mit Fakten begründen könnte.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 12/2022
Gitarre & Bass 12/2022
Im Test: J. Rockett Uni-Verb +++ G&L Fullerton Deluxe LB-100 +++ Dowina Albalonga GACE HiVibe +++ Nik Huber Bernie Marsden Signature +++ Fender Acoustasonic Player Telecaster +++ Gibson Dave Mustaine Signature Flying V +++ Börjes JB-Custom 5 DLX-Multiscale +++ EarthQuaker Devices Ghost Echo by Brain Dead +++ Blackstar St. James 50/EL34 112 Combo +++ Harley Benton Double Pedal Series

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Danke für die guten Tipps – ich besitze seit Jahren eine Wildkat Royale in weiß, laut logo Limited edtion, Custom Shop.
    Den beschriebenen Problemen kann ich leider nur zustimmen. Ein Austausch des Wirings von einem US Anbieter war nicht günstig und brachte auch nicht ganz den erwarteten Erfolg – weil zwar kapazitätsärmeres Kabel verwendet wurde, die Länge jedoch blieb.

    Auch die Stimmstabilität ist nicht optimal, aber schon besser als beschrieben, allerdings wurden schon ab Werk hier Roller Bridge und Unterlegmaterial verwendet. Trotzdem noch verbesserungbedürftig.

    Vielleicht könntet ihr mir bei Dating und Herkunft helfen, wohin kann ich entsprechende Fotos senden ?

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  2. Ob man so etwas als “Bang For The Buck” bezeichnen kann, bezweifle ich. Die vorgeschlagenen Verbesserungen verursachen bei Leuten, die diese Arbeiten nicht selbst ausführen können, noch mal ca. € 300,- on top. Geht man von einem realistischen Gebrauchtpreis von € 350,- aus, haben wir damit schon € 650,- erreicht. Dafür bekommt man dann eine Gitarre, die nach wie vor suboptimal ist, weil sie keinerlei Charakter entwickelt. Die verbauten P90-Kopien sind einfach schlecht, billigste Hölzer tun ihr übriges. Alte Gretsch aus den 60ern haben vergleichbare Kabellängen und klingen traumhaft, weil alle Komponenten von hoher Qualität sind. Bei einem Gesamtpreis von € 650,- lassen sich auf dem Gebrauchtmarkt weitaus bessere Gitarren finden, die out of the box gut klingen. Für dasselbe Geld findet man z.B. mit etwas Geduld eine Epiphone Sorrento aus der 50th Anniversary 1962 Reissue Serie von 2012, die dank besserer Hölzer und US-Hardware ganz ohne Basteleien hervorragend klingt, sich besser anfühlt und Charakter hat.

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  3. “Wer seiner Wildkat also ähnlich Gutes gönnen will, kann sich vertrauensvoll an Ralf von Go4Music (www.go4music.de) wenden.”

    falscher Link, hiermit geht es:
    https://www.go4-music.de/

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