Rare Bird!

Amp-Station: 1980 Marshall JMP100 MV Lead

Marshall Amp
FOTO: Udo Pipper
Marshall JMP100 2203 MV Lead

Wie bitte? So ein „seltener Vogel“ scheint dieser Marshall doch gar nicht zu sein… Dachte ich auch. Als ein guter Freund von mir Ende letzten Jahres aber ein Exemplar auf dem Gebrauchtmarkt finden wollte, war einfach keiner aufzutreiben. Eher noch fand man einen alten Plexi mit kleinem Logo oder einen späteren JCM 800. Der abgebildete Amp kam schließlich aus England und ist für sein Alter (38 Jahre) in einem außerordentlich guten Zustand. Grund genug, dieser Amp-Legende hier ein Feature zu gewähren.

Ich kann mich noch gut an einen Gig mit meiner Schüler-Band 1978 erinnern. Wir sollten in der großen Stadthalle vor 1000 Kids abräumen. Das war natürlich schon eine richtig große Sache. Ich besaß zu dieser Zeit nicht mal einen eigenen Amp. Daher musste ich mir für dieses Ereignis einen Verstärker bei einem Schulfreund ausleihen. Er hatte zu Weihnachten ein Marshall JMP100 2203 Halfstack geschenkt bekommen. Und großzügig wie er war, durfte ich es für den Gig verwenden. Mit einer ebenfalls geliehenen schwarzen Les Paul Custom erlebte ich einen unvergesslichen Abend. Noch nie hatte meine Gitarre so laut und fett geklungen. Es war übrigens der erste Marshall, den ich in diesem neuen Design überhaupt zu Gesicht bekam.

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Marshall Amp innen
FOTO: Udo Pipper
Rückansicht

Kurze Zeit später sah man diese Amps mit großem Marshall-Logo, Master-Volume und Kunststoff-Ecken auf fast jeder Bühne. Sie scheinen den Beginn einer ganz neuen Ära bei Marshall zu markieren. Die Firma hatte sich vom Rose-Morris- Vertrieb getrennt und den genialen Amp- Designer Steve Grindrod engagiert, der das High-Gain-Zeitalter bei Marshall einläutete. Das ursprüngliche Marshall-Design mit vier Eingängen für zwei getrennte, parallel geschaltete Kanäle (High und Low) schien überholt, da diese Amps, um den typischen Marshall-Sound hinzubekommen, wahnsinnig weit aufgedreht werden mussten. Natürlich waren davon etliche auf dem Markt. Und Van Halen, die Allman Brothers, Jimmy Page, Richie Blackmore und viele andere hatten damit fantastische Sounds gezaubert. Aber von nun an wollte jeder Gitarrist die Magie des Master-Volumes auskosten – möglichst viel Gain bei geringer Lautstärke!

Steve Grindrod begründete die Entwicklung der sogenannten „Two-Inputter“ (man erkannte Master-Volume-Amps stets an den nur zwei vorhandenen Eingängen) genau mit diesem Bedürfnis vieler Musiker: „Starke P.A.-Anlagen hatten Einzug gehalten. Die Marshall-Boxen wurden jetzt meist mit Mikrofonen für die Front- Of-House-Anlage abgenommen. Niemand musste mehr seinen Marshall voll aufdrehen. Gleichzeitig verlangten die Musiker aber mehr Gain. Also habe ich die beiden Kanäle anstatt parallel einfach seriell ausgelegt, was zu einer enormen Verstärkung in der Vorstufe führte.“ Gleichzeitig wurde der Tonestack dieser Marshalls schlanker gestaltet, das heißt, die Bässe wurden stärker entkoppelt. Die Lead-Version erhielt einen 1000pF Treble- Kondensator, der mit diesem Wert freilich auch die hohen Mitten boostete.

Marshall Amp innen
FOTO: Udo Pipper
Vier JJ EL34 und großer Dagnall-Trafo

Diese Schaltungen gingen mit der Nummer 2204 (für das 50-Watt-Modell) und 2203 (für das 100-Watt-Modell) in die Geschichte ein. Es war der Rock-Amp schlechthin. Zufällig leitete eine australische Kombo namens AC/DC neben der allgegenwärtigen Punk- und Neue-Deutsche- Welle-Ära eine Gegenbewegung mit knallharten Rockriffs ein. In England kamen mit Thin Lizzy oder Motörhead gleich mehrere Nachfolger, und in den USA startete die ebenfalls hart rockende Lockenkopf-Fraktion mit Pop-Bands wie Toto und Bon Jovi oder Rockern wie Metallica oder Guns N’ Roses, um nur einige Namen zu nennen. Und überall stan- den 2203-Marshalls auf der Bühne. Beim ‚Back In Black‘- Album von 1980 soll Angus Young seine Soli über solche Amps eingespielt haben. Bis heute keine schlechte Referenz. Master-Volume-Marshalls gab es ab etwa 1975. Wie so oft herrscht Verwirrung über die genaue Markteinführung, da die Marshall-Entwicklung stets mit langen Übergangsphasen gearbeitet hat. Man könnte auch sagen, dass es da Prototypen gab, die für die zahlreichen Endorser auf den Markt gebracht wurden und erst ein paar Monate später offiziell für den Consumer-Markt vollendet wurden. Daher hatten die ersten Master-Volume-Amps oft noch das alte Plexi-Gehäuse, teils mit kleinem Schriftzug und sogar noch mit parallel geschalteten Kanälen und daher mit sehr wenig Gain.

Marshall Amp
FOTO: Udo Pipper
Seriennummer und Typenbezeichnung

1976 folgte die offizielle Einführung dieses Amp-Designs mit den unverkennbaren Rocker-Switches (beleuchteter Netzschalter), das bis 1981 unverändert gebaut wurde. Danach erhielten die Amps die berühmte Bezeichnung JCM800, ein durchgehendes Frontpanel und das aufgedruckte Marshall-Autogramm. Bis Mitte der 80er-Jahre besaßen die JCM800-Amps übrigens genau die gleiche Schaltung wie ihre Vorgänger, mal abgesehen von den üblichen Bauteil-Variationen. Die JCM800-Amps haben einfach nur einen andere Optik.

Der 2203 war Vorbild für die zahlreichen Marshall-Tuner, die Ende der Siebziger vielen Gitarristen mit zusätzlichen Regleroder Switch-Optionen auf die Sprünge halfen. Von diesen getunten Versionen gab es später eigene Boutique-Varianten. Darunter zählt man heute alle Bogner-, Soldano-, Diezel-, Engl-, Germino-, Suhr- oder Friedman- Amps. Schaut man sich die Schaltbilder dieser Verstärker etwas genauer an, sieht man, dass stets ein 2204 oder 2203 bei der Basis-Entwicklung Pate stand.

Steve Grindrod
FOTO: Udo Pipper
Zu Besuch bei „2203 Mastermind“ Steve Grindrod in Milton Keynes/England

1979 erlebte ich in Frankfurt die Lokal- Matadoren Rodgau Monotones zum ersten Mal Live. Beide Gitarristen spielten von Thomas Reußenzehn getunte JMP100-Amps und hatten damit unfassbar gute Sounds. Reußenzehn hatte, wenn ich mich recht erinnere, per Relais Gain- und Master-Regler verdoppelt und somit einen per Fußschalter bedienbaren Lead-Kanal mit zusätzlichem Boost-Kondensator eingebaut. Somit stand den Gitarristen jeweils ein Gainund Master-Pärchen für Riffund Solo-Sounds zur Verfügung.

Diese Amps klangen, natürlich auch durch die hervorragenden Spielkünste der Monotones Gitarristen Ali Neander und Raimund Salg, so gut, dass praktisch jeder Gitarrsit im Großraum Frankfurt, der irgendwie mit Rock-Sounds zu tun hatte, so einen Amp haben wollte. Im Kölner Raum machte sich mein lieber Kollege Dirk Baldringer mit seinen Umbauten schnell einen Namen. In Nürnberg tat es ihm Larry Grohmann (Larry Amps) gleich, und es folgten unzählige Liebhaber dieser Schaltung, die stets auf ihre persönliche Art eine Verfeinerung beisteuern konnten. Bei Marshall war das ähnlich. Steve Grindrod erzählte mir, dass „die Musiker uns die Bude mit Tuning- Wünschen einrannten, die wir auch stets erfüllt haben.“

FOTO: Udo Pipper
Das Innenleben des JMP100 MV

So besuchte Guns-N’-Roses-Lead-Gitarrist Slash die Customer and Artist-Abteilung so regelmäßig, dass man ihm schließlich ein eigenes Modell widmete, das aus dem Silver-Jubilee hervorging. Diese Amps sind nichts anderes als getunte JMP100 2203- Modelle. Der hier vorgestellte Amp sieht äußerlich noch fast nagelneu aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass er bald 40 Jahre alt ist und somit ohne Weiteres schon als Vintage-Amp durchgeht.

Marshall Amp
FOTO: Udo Pipper
Der 470pF Input-Kondensator

Den JCM800 hat Marshall als Reissue aufgelegt. Es handelt sich um eine exakte Kopie des legendären Amps. Doch ein echter Liebhaber wird sich immer, solange noch möglich, ein gebrauchtes Original zulegen. Und wie ich nun erfahren konnte, werden sie immer seltener. Findet man tatsächlich noch ein ungetuntes Modell, kann man für etwa 1200 Euro ein echtes Schäppchen machen. Zwar holt man sich damit ein wahres Lautstärke- Monster nach Hause, aber den guten alten Angus- oder Metallica-Ton kann man mit diesen Amps immer noch am besten nachstellen. Eine Referenz, die auch ich auf keinen Fall mehr missen möchte.

Bis zum nächsten Mal! Udo Pipper

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

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