Lemmy Kilmister

Seit über 30 Jahren machte Lemmy Kilmister genau das, was er am besten konnte – kompromisslosen, dreckigen und vor allem lauten Rock ‘n‘ Roll. Und den lebte der baumlange Wahl–Kalifornier mit der Reibeisenstimme wie kein anderer. Er absorbierte die Klassiker der 50er und 60er, mixt sie mit der Attitüde des Punk und kreiert einen Sound, der inzwischen Dutzende von Alben füllt – und immer noch frisch klingt. Ein echtes Phänomen.

 

Als wir 2002 Lemmy Kilmister trafen, stand unser Interview unter keinen guten Vorzeichen: Lemmy litt an Zahnschmerzen und Stress. Nur: Es ist nun mal Teil des Jobs. Und da Gitarrist Phil Campbell und Drummer Mikkey Dee am liebsten schweigen, hängt wieder alles an ihm.

Also ein Sixpack Coke und ein paar Flaschen JB organisiert, und schon geht‘s los. Wobei man ihn aber auch prima aus der Reserve locken kann – sofern man seine erklärten Lieblingsthemen behandelt: Bässe, Business und Bumsen. Darin ist der Altmeister unschlagbar. Vorhang auf für the one and only: Ian Fraisier „Lemmy“ Kilmister – Mr. Rock ‘n‘ Roll himself.

Lemmy über seinen Weg ins Musikgeschäft

Du hast mal als Roadie für Jimi Hendrix gearbeitet. Kannst du dich noch daran erinnern?

Lemmy: Und ob! Das war ’67 – in seinen besten Tagen. Kurz nachdem er nach England gekommen war. Also unmittelbar vor der Veröffentlichung von ,Axis – Bold As Love‘. Und ich war auch bei allen Sessions dabei. Der Typ hatte ein unglaubliches Charisma – und er war immer sehr nett zu mir. Vielleicht merkte er ja, dass etwas Großes in mir steckte. (lacht)

Deine ersten Gehversuche im Musikgeschäft waren allerdings schon viel früher …

Lemmy: Ja, 1961. Und das war eine tolle Zeit für den Rock ‘n‘ Roll. Eben richtig aufregend. Es spielte sich alles im Underground ab. Da findest du übrigens auch heute noch tolle Bands, du musst sie nur suchen und nicht immer den Blödsinn verfolgen, der im Radio und Fernsehen läuft. Das ist meistens das Schlechteste, was es gibt.

Wobei das bei dir die Pre-Beatles Phase war. Damals war Rock-Musik ja noch gar kein Thema fürs Radio.

Lemmy: Ja, da gab es nur Radio Luxemburg, und das war‘s dann auch. Meine Freunde und ich haben wirklich jede Nacht vor den Radios gehangen. Diese ganz alten Schätzchen mit dem fürchterlichen Empfang. Da waren ständig irgendwelche Störungen drin – aber trotzdem war es toll. Eben, als würdest du eine geheime Musik hören.

Das Internet wimmelt nur vor wüsten Gerüchten und mythischen Stories. Etwa, dass du mal Roadie bei Pink Floyd warst, auf einer ’68er Zappa-Platte mitgewirkt hast …

Lemmy: Alles Blödsinn! Es gab sogar mal eine japanische Seite, die behauptete, ich hätte Wendy O‘Williams von den Plasmatics geheiratet. Niemals! Klar habe ich sie gevögelt, aber ich hätte sie nie geheiratet. Dafür war sie einfach nicht mein Typ. Sie war mir viel zu vulgär. Hahaha!

Immerhin bezeichnest du dich in einem Motörhead-Song als „Doctor Love“.

Lemmy: Das ist nur ein Charakter, mit dem ich spiele. Und dahinter kann ich mich prima verstecken, wenn mir Typen wie du mit solchen Fragen kommen …

Lemmy über Motörhead

Wie kommt es, dass Motörhead so lange in dieser Branche durchhalten, während ihre Zeitgenossen längst aufgegeben haben?

Lemmy: Weil ich genau weiß, was ich will. Und das hat mich so weit gebracht. Und ich musste ja auch nie auf irgendjemanden hören. Das hätte ich eh nicht. Die einzigen, denen ich vertraue, sind die Jungs aus meiner Band, und das ist alles, was zählt. Es ist nicht wirklich schwierig, zu überleben – du darfst nur nicht aufgeben.

Aber nimm nur eine Band wie Guns N’Roses. Die haben diesen wahnsinnigen Erfolg gehabt, nur um dann nie wieder auf die Beine zu kommen.

Lemmy: Wenn du mich fragst, wurde die Band regelrecht ermordet – von ihrem eigenen Erfolg. Das war einfach alles zu viel in viel zu kurzer Zeit. Schließlich kamen sie aus dem Nirgendwo und sind mit einem einzigen Album zu richtigen Welt-Stars aufgestiegen. Und es war schlichtweg unmöglch, da jemals wieder anzuknüpfen. Uns ist mit „No Sleep ´til Hammersmith“ ja genau dasselbe passiert. Es war unser erstes No. 1-Album und das erste Live-Album, das es je soweit gebracht hat.

Ein ähnlicher Klassiker wie „Frampton Comes Alive“?

Lemmy: Ja, aber glaubst du wirklich, dass die Kids noch wissen, wer Peter Frampton ist? Das weiß ja er nicht einmal selbst. Hahaha. Egal, es war jedenfalls unmöglich, mit einem nachfolgendem Album daran anzuknüpfen. Denn es war eine verfluchte Live-Scheibe, auf die unsere Fans so lange gewartet hatten. Und was willst du danach noch machen? Du kannst ja nicht nochmal dasselbe aufnehmen – und ein reines Studiowerk hätte nie so aufregend sein können. Da waren wir regelrecht gefickt. Also haben wir als nächstes ein beschissenes Album abgeliefert – und uns keinen wirklichen Gefallen getan.

Wie sieht das klassische Motörhead Line-up aus?

Lemmy: Das spielt auf der neuen Platte. Schließlich ist es die Besetzung, die am längsten gehalten hat. Phil Campbell ist jetzt schon 18 jahre dabei und Mickey Dee fast 11. So lange hat es noch niemand mit mir ausgehalten. Und es ist wirklich die beste Besetzung, die Motörhead je hatte. Ich weiß, wovon ich rede – fünf Gitarristen, Drei Drummer und einen Bassisten. Für 27 Jahre ist das gar nicht so schlecht.

Motoerhead
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Lemmy über seine musikalischen Vorbilder

Hast du so etwas wie ein persönliches Dreamteam?

Lemmy: Das wäre schon ein bisschen anders: Eben John Lennon, Jeff Beck und die üblichen Verdächtigen. Und natürlich Ringo am Schlagzeug. Wobei ich mir aber nicht so sicher wäre, ob all diese Leute auch untereinander harmonieren würden. Und genau das ist doch das Entscheidende. Du kannst ein noch so begnadeter Musiker sein – wenn du nicht ins Team passt, hast du verloren. Und deswegen sind drei Monate im Tourbus auch genau das, was Männer von Jungs unterscheidet.

Du hast letztens noch ein Cover-Album mit Slim Jim (Stray Cats) und Danny B. aufgenommen. Da habt ihr Rock-&-Roll-Klassiker aufpoliert…

Lemmy: Hat die das gefallen?

Es war toll!

Lemmy: Dabei bist du viel zu jung, um dich an Originale zu erinnern.

Na und? Das heißt doch nicht, dass ich die Musik der 50er nicht zu schätzen weiß…

Lemmy: OK, du hast recht. Und es ist wirklich schade, dass du nicht dabei warst und sie am eigenen Leib erlebt hast. Dann hättest du eine noch viel bessere Beziehung zum Rock & Roll. Damals, als er noch jung und wild war, war das nicht nur Musik, das war eine Lebenseinstellung. Und das erste Mal ist eben immer auch das beste.

Weißt du was: Ich kann mir durchaus vorstellen, wie beschissen der Job des Musikjournalisten heute ist. Schließlich rede ich ja fast täglich mit euch. Und die meisten sind sehr zynisch und frustriert, was ja kein Wunder ist. Denn viele Musiker sind einfach Wichser. Sie halten sich für ein Geschenk Gottes, dabei sind sie ganz mickrige Würmer.

Ist das auch die Musik, die du zuhause auflegst? Guter, alter Rock & Roll?

Lemmy: Ja, sofern ich überhaupt zuhause bin. Den größten Teil meines Lebens verbringe ich im Tourbus. Und da höre ich vor allem Buddy Holly, Beatles und Dave Edmunds.

Dabei schlagen sich diese Einflüsse kaum in deiner Musik nieder.

Lemmy: Aber das ist doch auch egal. Einflüsse äußern sich halt auf unterschiedlichste Weise. Manchmal auch nur im Lifestyle oder der Attitüde, und das hörst du dann auch nicht wirklich in der Musik. Ich meine, einer meiner größten Einflüsse sind zum Beispiel die Everly Brothers, und das lässt sich bei Motörhead ja nicht wirklich nachvollziehen.

Aber die Everlys, die Beatles und die Bee Gees haben einfach die besten Harmonien geschrieben. Dabei klingen gerade die Everlys, als ob da mindestens drei Typen singen – dabei waren sie nur zu zweit. Und das ist einfach Wahnsinn. Außerdem schafft es so ein winziger Song ganz leicht, dich in eine bestimmte Zeit und an einen Ort zurückzuversetzen. Dabei erinnerst du dich an alles, jedes einzelne Detail des Tages, an dem du die Platte zum ersten Mal gehört hast. Das ist pure Magie.

Lemmy über sein Equipment

Welches Equipment benutzt du zur Zeit?

Lemmy: Fürs Studio brauche ich einfach nur einen Röhren-Amp. Ich habe zwei 4×15”-Cabinets und zwei 4×12er. Und eben zwei alte Marshall-Super-Bass-Tops, die gekoppelt sind. D.I.-Signale gibt’s bei mir nicht, nur den puren Amp-Sound bzw. den der Boxen. Und dann habe ich natürlich meinen Rickenbacker-Bass, der extra für mich wurde – das Lemmy-Modell. Ein ganz hervorragender bass, den ich so laut wie eben möglich spiele und auch sehr hart anschlage. Das war´s dann. Ich habe nie irgendwelche Effekte benutzt.

Wie lange spielt du schon diesen Rickenbacker?

Lemmy: Seit ungefähr fünf Jahren.

Was haben sie denn speziell für dich geändert?

Lemmy: Meiner war der erste bass mit den neuen Pickups. Und um die zu änder, haben die eine ganze Weile gebraucht. Früher musstest du sie immer selbst wechseln, weil sie einfach Mist waren. Aber was sollte ich machen? Ich liebe nun mal den Hals und diesen schweren, massiven Korpus. Schließlich bin ich ein Gitarrist, der zu einem Bassisten wurde.

Von daher brauche ich einen dünnen hals – und gerade darin sind die Rickenbackers unübertroffen. Genau wie die Höfner-Bässe, (für den englischen Markt tauschte Höfner im Eigennamen das ö gegen ein o. Die Red.) die ich früher immer benutzt habe, neben den Framus-Bässen. Die sind auch ganz gut für Gitarristen. Aber ich ziehe nun mal den Rickenbacker vor. Eben, weil er eine verrückte Form hat.

Lemmy über seinen Stil

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Was zeichnet den aus?

Lemmy: Eigentlich spiele ich eine Art Rhythmus-Gitarre auf dem Bass. Zudem verwende ich eine Menge offener Saiten und erzeuge oft richtige Drum-Sounds, indem ich kräftig reinhaue. Denn ich habe es immer gehasst, wenn du mit einer Band spielst, und plötzlich hört der Gitarrist mitten im Riff auf, um ein Solo einzufügen, und dann fällt der gesamte Sound in sich zusammen. Das ist mir früher ständig passiert – und es ist auch heute noch gang und gäbe. Deswegen verwenden so viele Bands Backing-Tapes. Aber nicht bei Motörhead! Ich fülle die Lücken hinter den Soli aus und sorge dafür, dass wir nie dünn klingen.

Lemmy über seinen 1. Bass

Lemmy: Das war ein Hopf, ein deutscher Bass. Den bekam ich von Del Dettmar, als ich bei Hawkwind anfing. Er hatte ihn von einer Versteigerung am Flughafen Heathrow. Wenn ich mich recht entsinne, schulde ich ihm immer noch das Geld dafür – also lass uns über etwas anderes reden …

Hast du ihn noch?

Lemmy: Nein, der ist längst im GitarrenHimmel (lacht). Und im Grunde habe ich auch nur etwa acht Bässe – alles Rickenbacker.

Wie denkst du über Fünfsaiter-Bässe oder Siebensaiter-Gitarren?

Lemmy: Wozu brauchst du so etwas? Bringt dir das irgend etwas? Zum Glück bauen sie keine siebensaitigen Bässe, sondern eben nur fünfsaitige. Aber selbst bei denen müsstest du wieder alles von vorne lernen, um sie halbwegs zu beherrschen. Du müsstest deinen gesamten Stil umstellen, und da mache ich nicht mit. Mir reichen vier Saiten. Mit denen habe ich schon genug zu tun … Weißt du, was wirklich irre ist? Ein achtsaitiger Hagström-Bass.

Das ist ein ganz altes Schätzchen, das übrigens auch auf Hendrix’ ,Axis – Bold As Love‘ zum Einsatz kam. Hör dir mal dieses komische Wummen am Beginn der Platte an – das sind zwei Hagström-Bässe, die so laut aufgedreht sind, dass sie ein Feedback erzeugen. Mitch und Noel haben sie damals gespielt. Ein wunderbarer Sound.

Lemmy über moderne Musikproduktion

Wie steht Lemmy zur Digital-Technik, zu Pro-Tools etc.? Kommen solche Sachen bei euch zum Einsatz?

Lemmy: Nicht immer, aber manchmal greifen wir schon darauf zurück. Denn es ist doch viel leichter, wenn du noch eine Strophe hinzufügen oder sie verkürzen willst. Das ist wirklich praktisch. Dann brauchst du nicht noch mal alle Leute zusammenzutrommeln und den ganzen Scheiß neu aufzunehmen. Das spart wahnsinnig Zeit. Und dafür ist es prima – du musst nur aufpassen, dass du es nicht übertreibst und fürs ganze Album einsetzt. Die meisten Leute verlassen sich viel zu sehr darauf.

Oder sie werden zu Perfektionisten und basteln fünf Jahre im Studio.

Lemmy: Ist das nicht verrückt? So etwas könnte ich mir nie vorstellen – niemals. Und deswegen halte ich es auch mit Jerry Lee Lewis. Er sagte: „Wenn du länger als einen Nachmittag an einer Single arbeitest, dann stimmt etwas mit dir nicht.“ So war das damals. Du musstest einfach alle drei, vier Monate einen neuen Hit haben, um die Leute bei der Stange zu halten.

Kein Wunder, dass sie alle irgendwann ausgebrannt und leer waren.

Lemmy: Die meisten sind einfach gestorben – oder in den Knast gewandert. Chuck Berry war im Knast, Buddy Holly starb, Eddie Cochran auch, Elvis musste zur Armee. Im Grunde war das genau wie beim Punk: Der ursprüngliche Rock & Roll hat nur zwei Jahre gehalten – dann waren alle verschwunden.

Wenn Produzent Phil Spector in den 60ern einen Wall Of Sound erzeugte – schuf Lemmy dann den Wall Of Noise?

Lemmy: Meinst du? Mmmmhh, das klingt gar nicht mal schlecht. Dabei haben wir längst nicht so viele Instrumente benutzt, wie er. Schon gar keine Pianos und Streicher – so weit wird es hoffentlich auch nie kommen. Ich werde ja schon stutzig, wenn da irgendwo ein Keyboard auftaucht. Das ist fast zuviel des Guten. Wenn es nach mir ginge, würden wir einfach nur die Gitarren auf volle Lautstärke aufdrehen, mehr nicht. Aber nicht auf 11, wie Spinal Tap. Bei Motörhead stehen die Regler auf 12 oder 13. Harrrharrggghhhh! (An dieser Stelle ist ein wirklich unbeschreibliches Gröhlen zu hören).

Autor: Marcel Anders

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