Eine Legende

Lemmy & Motörhead: Die Geschichte seiner Band

Lemmy Kilmister war nicht nur über ein Vierteljahrhundert Bassist & Sänger der britischen Rock-Gruppe Motörhead, sondern auch eine der schillerndsten Figuren des Musikzirkus überhaupt. Gemeinsam mit ihm lassen wir die wichtige Stationen in der Geschichte seiner Band Revue passieren. 

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FOTO: Mineur; Archiv

“Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, mit den Ronettes und all diesen Bands in den Sechzigern. Ich habe eine größere Vergangenheit als lediglich Da-da-da-bumm-zisch“, behauptet Lemmy Kilmister, und fügt hinzu. „Tut mir Leid, ich habe niemals getan, was man von mir erwartete – und wir werden niemals nur das spielen, was man von Motörhead erwartet. Ich mache immer genau das, wonach mir gerade ist.“

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Man glaubt es ihm unbesehen, dem britischen Rock-Methusalem. Treffen mit Lemmy waren jeweils Naturschauspiele der extravaganten Sorte. Sir Kilmister war einer der authentischsten Musik-Dinosaurier der Gegenwart.

Wenn es überhaupt jemanden gibt, der den Zeitgeist aus Gründertagen des Rock ‘n’ Roll ins neue Jahrtausend herüber gerettet hat, dann ist es der Motörhead-Chef. Mit aller Konsequenz trug er seine Lebensphilosophie ebenso unmissverständlich zur Schau, wie seine zwei überdimensionalen Warzen im Gesicht. Der bärbeißige Klotz lebte seinen Traum von Freiheit und Abenteuer.

Auf seiner ledernen Haut prangte jenes unmissverständliche Tattoo: „Born To Loose – Live To Win“. Kann man Lemmys Leben auf ein treffenderes Kürzel bringen? „Manche Leute sagen mir: Hey Lemmy, du bist Gott. Ich aber sage: Das kann nicht sein. Gott war groß und schlank“, ist einer seiner Lieblingswitze, den er stets unter schallendem Gelächter erzählt.

Ian Fraser (so sein ursprünglicher Name) wurde am 24. Dezember 1945 in englischen Stoke On Trent geboren. Nach einer eher unauffälligen Kindheit wurde er in den späten Sechzigern erst Roadie und dann Bassist der britischen Space-Rocker Hawkwind (größter Hit: ,Silver Machine‘), musste dort aber den Dienst aufgrund einer Haftstrafe quittieren, die ihm wegen Drogenbesitzes aufgebrummt wurde. 1975 formierte er mit der Band Bastards quasi den Vorläufer einer Gruppe, die wenig später in Motörhead umfunktioniert wurde.

Der Name „Motörhead“ stammt von einer Slang-Bezeichnung für Temposüchtige, den so genannten Motor-Köpfen – ,Motorhead‘ hieß angeblich auch der letzte Song, den Lemmy für Hawkwind schrieb. Das erste offizielle Album der Band, ,Motörhead‘, erschien 1977, eingespielt mit dem Pink-Fairies-Gitarristen Larry Wallis und Drummer Lucas Fox. Die erste Motörhead-Besetzung, die wirklich von Belang war, bestand aus Lemmy (Bass & Gesang), „Fast“ Eddie Clarke (Gitarre) sowie Phil Taylor (Schlagzeug), und durfte sich, nachdem Ende der Siebziger ihr Debüt ,Over Kill‘ veröffentlicht wurde, über die schmeichelnde Auszeichnung als „schlechteste Band der Welt“ freuen. Lemmy kann dies nur bestätigen.

„Die erste Motörhead-Besetzung war technisch wirklich grottenschlecht“, gibt er unumwunden zu. „Die Songs, die wir heutzutage locker aus dem Ärmel schütteln, hätten wir mit Phil Taylor und Fast Eddie Clarke niemals spielen können.“ Das sieht auch der aktuelle Drummer der Band, Ex-King-Diamond bzw. DokkenSchlagzeuger Mikkey Dee, nicht viel anders. „Ich sah Motörhead im Hammersmith Odeon, Anfang der Achtziger“, erzählt er. „Dreimal versuchte Taylor, der am Ende kaum noch spielen konnte, bei ,Overkill‘ den Doublebass-Rhythmus anzufangen. Dreimal misslang ihm dies. Lemmy ging ans Mikro und schnauzte: Scheiß drauf, vergesst die verdammte Nummer einfach! Wir spielen jetzt einen anderen Song.“

An dieser kleinen Anekdote wird zweierlei deutlich: Motörhead hatten musikalisch und kommerziell harte Jahre zu überstehen, und überlebten wohl nur, weil Chef Kilmis ter sich weder seine Visionen noch seine Rolle als unumstrittenes Oberhaupt bei Motörhead aus der Hand nehmen ließ. „Ich bin der kleine Diktator, aber das muss auch so sein. Denn ich bin in dieser Band für alles verantwortlich“, erklärt er. „Motörhead ist mein Leben und wird irgendwann auch mein Tod sein.“ Trotz anfänglich eher bescheidener Darbietungen verfolgten die Medien die Geschicke der Band stets mit besonderem Interesse.

Wie schrieb 1977 das Magazin „Stereo Review“ halb fasziniert, halb angewidert: „Sie wissen, dass sie wie die Tiere sind, und sie wollen auch als gar nichts anderes erscheinen. Wo im Heavy Metal so viele hässliche Frösche herum springen, die sich einbilden, sie seien Gottes Geschenk an die Frauen, kommen einem diese Quasimodos sogar irgendwie charmant vor.“ Ab Anfang der Achtziger wurden die Musiker und ihre Alben jedoch zunehmend besser. 1980 landeten sie mit dem Titelsong des Albums ,Ace Of Spades‘ einen ersten Klassiker. Unmittelbar nach ,Ace Of Spades’ folgte der zweite Hit, der postwendend in die Rock-Geschichte einging: ,No Sleep Till Hammersmith‘, mit Live-Aufnahmen aus dem legendären Londoner Club Hammersmith Odeon.

Im Herbst 1982 verließ Gitarrist Eddie Clarke wegen anhaltender Unzufriedenheit über Motörheads kommerzielle Entwicklung die Band. Für ihn stieß Gitarrist Brian Robertson, der bis dato bei Thin Lizzy gespielt hatte, zu Lemmy & Co., und sorgte für eine graduelle Umwandlung der musikalischen Direktiven. SpexJournalist Diedrich Diedrichsen formulierte in seiner ganz eigenen, wortschwangeren Art und Weise die Tatsache, dass „aus der simplizistischen, radikalen, todesverachtenden, lauten Idiotenrockband mit grunzend-hymnisch-guten Songs, an denen Speedfreaks mit Freude am Ausgemergelten und Intellektuelle mit Spaß am Süffisanten gleichermaßen ihre brüllendidiotische Freude hatten, eine ganz normale Heavy Metal Band“ wurde.

Doch innerhalb der Gruppe kam es schon nach kurzer Zeit zu Spannungen. Der durch die Thin-Lizzy-Erfolge verwöhnte Robertson wollte eine Sonderbehandlung, fühlte sich als Star von Motörhead, und geriet mit dieser Einstellung geradezu zwangsläufig mit Böss Lemmy aneinander. „Mit Robertson hatten wir jede Menge Ärger“, schimpft Kilmister noch heute. „Er wollte sich niemals Motörhead unterordnen, er wollte immer ,Brian Robertson featuring Motörhead Artists‘ sein. Oder ,Motörhead featuring Brian Robertson‘. Für so etwas habe ich keine Zeit, ich will eine funktionierende Band.“

Nach der Veröffentlichung von ,Another Perfect Day‘ verließ Robertson die Band 1983 wieder, für ihn kamen Phil Campbell und Michael Burston alias Würzel. Anfang der Neunziger geriet das Flaggschiff Motörhead erneut ins Trudeln. Die Band unterschrieb ihren ersten Major-Deal, und versuchte auf Drängen ihrer Plattenfirma, den bis dato ungezügelten Kraft-Rock stärker gen Radioeinsatz zu schmirgeln. Das ’91er Album ,1916‘ wusste die Fans noch zufrieden zu stellen, der Nachfolger ,March Ör Die‘ (feat. Slash und Ozzy Osbourne) fiel dagegen komplett durch. Kurz vor den Aufnahmen zu ,1916‘ war Schlagzeuger Mikkey Dee zur Band gekommen, nach Beendigung von ,March Ör Die‘ der lukrative Majordeal jedoch schon wieder aus den Händen geglitten, Lemmy war zudem im Ärger auf seine britische Heimat nach Amerika ausgewandert. Er emigrierte nach Los Angeles und musste sich aufgrund dessen auch noch Hohn und Spott seiner Landsleute gefallen lassen.

„Lemmy goes to Hollywood“ proklamierte die britische Presse in spöttische Anlehnung an das englische Pop-Projekt „Frankie Goes To Hollywood“, und goss einen ganzen Kübel an Hasstiraden über den vermeintlichen Judas der heimischen Musikszene aus. Doch Kilmister war’s egal. „Ich schere mich nicht um das, was die Leute sagen“, groll te er, und fragt sich noch heute provokant: „Was sollte ich denn noch in England? Ich habe fast 44 Jahre dort gelebt, und was war das Resultat? Ich wäre als Musiker fast verhungert. Ich war noch nicht einmal zwei Jahre in Amerika, da wurden wir für den Grammy nominiert. Verstehst du, was ich meine?

Warum schimpfen die Leute in England? Sie haben mich doch quasi vergrault. Ich hätte aufhören müssen mit Motörhead, wenn ich in England geblieben wäre. Außerdem bin ich noch immer stinksauer, dass sie 1993 dermaßen viel Geld für die UK-Tour haben wollten. Weißt du, überall in der ganzen Welt kann man touren, und am Ende wird dann abgerechnet. Nur in England wollten sie eine 100.000 Pfund Bürgschaft. Vor der Tour! 100.000 Pfund!! Woher sollten wir die nehmen? Und selbst, wenn wir das Geld gehabt hätten: Ich würde mir lieber die Kehle durchschneiden, als es diesen Arschgeigen zu geben. Verstehst du? So ist das in diesem tollen England!“

Doch auch innerhalb seiner Band fand sein Umzug nach L.A. nicht ungeteilte Zustimmung. Würzel etwa blieb Großbritannien und weinte sich in der dortigen Presse öffentlich darüber aus, dass Lemmy seinen treuen Fans einfach den Rücken gekehrt hätte. Zudem war der Versuch, mit der Ballade ,Ain’t No Mr. Nice Guy‘ (u. a. mit Ozzy Osbourne und Slash) im kommerziellen Lager Fuß zu fassen, überhaupt nicht nach Würzels Geschmack. „Motörhead ist eine Rock-’n’-Roll-Band, die Fans wollen nicht dieses alberne Geseire hören. Auch nicht, wenn Ihro Gottheit das meint,“ giftete er.

Und bekam dafür von seinem Vorgesetzten sofort die gelbe Karte gezeigt. Speziell den Ausdruck „Ihro Gottheit“ missbilligte Lemmy aufs Schärfste, und verteilte öffentlich Rügen für seinen Untertanen. „Was ist verkehrt an Balladen?“ fragte er. „Phil mochte sie, Mickey mochte sie, und ich mochte sie. Also wenn es demokratisch zugeht, war Würzel damals eindeutig überstimmt. Wir versuchten jahrelang den Leuten das zu geben, wovon wir dachten, dass sie es haben wollen. Aber niemand kaufte es.“

Einfach machte es Lemmy seinem Umfeld zwar kaum einmal, doch vor allem deshalb nicht, weil er mittlerweile pingelig darauf achtet, dass das mühsam erreichte Niveau der Band nicht wieder leichtfertig unterschritten wird. Mitte der 90er verließ Gitarrist Würzel nach über einem Jahrzehnt Zugehörigkeit Motörhead. „Ich hatte schon lange vor, auszusteigen, aber ich wollte den richtigen Moment und das richtige Album abwarten“, behauptete er. ,Sacrifice‘ (1995) schien für ihn genau die richtige Scheibe zu sein, um aufzuhören. „Ich war elf Jahre in der Band, aber ich bedauere nicht, nun Schluss zu machen. Es tut mir etwas Leid für die Fans, denn sie sind immer ein wenig enttäuscht, wenn jemand eine Band verlässt. Und Lemmy wird sicherlich irgendwann einmal sagen, dass ich es noch einmal bereuen werde, bei Motörhead ausgestiegen zu sein. Aber solange ich von ihm keine negative Äußerungen über mich in der Presse lesen muss, habe ich nur gute Gefühle in Bezug auf Motörhead.“

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FOTO: Mineur; Archiv

Die zurückgebliebenen Lemmy, Schlagzeuger Mikkey Dee und Gitarrist Phil Campbell taten ihm diesen Gefallen jedoch nicht, sondern schimpften öffentlich über Würzels Alkoholsucht. „Würzel war in seinen guten Jahren eine große Hilfe für Motörhead“, erklärt Lemmy. „Er war eine treibende Kraft beim Songwriting, und auf der Bühne musste man ihn stets mit dem Lasso wieder einfangen. Doch am Ende war es nur noch schwierig mit ihm. Er war ständig besoffen. Schon morgens um neun sah man ihn durch die Hotel-Lounge torkeln.“

Und auch Mickey Dee hält den Ausstieg des Gitarristen nicht unbedingt für einen Super-GAU. „Man konnte mit ihm einfach nicht mehr klarkommen, auch nicht musikalisch. Wenn er auf der Bühne die ersten Riffs von ,I’m So Bad Baby I Don’t Care‘ spielte, kam aus den Monitorboxen immer nur ein undefinierbares Knacken. Geräusche, zu denen man bestenfalls ohne direkte Orientierung spielen konnte.“

Zur Freude der Fans gingen Motörhead schnell wieder zum Tagesgeschäft über, und machten kurz entschlossen zu dritt weiter. Lemmy: „Phil wollte diese Chance für sich nutzen und alles alleine spielen. Micky und ich unterhielten uns darüber und sagten: Okay, wir geben ihm diese Chance auf der Tournee. Wir erklärten ihm, dass er für die bevorstehenden Shows die Chance bekäme und wenn wir am Ende der Tournee das Gefühl hätten, dass wir einen zweiten Gitarristen bräuchten, würden wir dann noch jemanden hinzuziehen. Aber es war großartig, es klappte hervorragend.“ Das fand übrigens auch die Presse und attestierte dem Trio, die klassische Drei-Mann-Tradition wieder neu zu vitalisieren.

Speziell der skandinavische Drummer Dee, mit wallender Mähne und smarten Gesichtszügen das pure Gegenteil zu seinem Herrn & Meister, fühlt sich sichtlich wohl in dieser Konstellation. Als er 1992 zur Band stieß und bereits wenige Wochen später ,March Ör Die‘ einspielte, dachten viele, dass der schlagwerkende Beau die Band lediglich als Zwischenstation benutzen, und spätestens nach dem nächsten Album wieder das Weite suchen würde. Nun ist Mr. Dee bereits seit über acht Jahren bei Motörhead, und entpuppt sich immer mehr zum zweiten Chef neben Lemmy.

„Ich glaube, Lemmy hat Respekt vor meiner Willenskraft, und steckt auch schon mal zurück“, gibt Dee Interna preis. „Aber er weiß auch, dass ich ihn immer gut berate. Bei mir laufen viele wichtige Dinge zusammen, ich vermittele oft zwischen organisatorischen Fragen und dem, was die Band möchte. Ich bin es, der zu Lem geht, und ihm sagt: ,Hör zu, ich weiß, dass du keinen Bock drauf hast. Aber wenn wir das jetzt machen, dann hat das den und den Vorteil. Das eröffnet uns vielleicht die oder die Chance. Lass es uns tun, beiß die Zähne zusammen, vertrau mir! Ich weiß, dass es gut für uns ist!‘ Auf diese Weise habe ich Motörhead in den vergangenen Jahren ein ganzes Stück weiter nach vorne gebracht.“

Lemmy weiß dies in der Tat nur allzu gut, und hat deswegen Mikkey Dee zu seinem Vizekanzler ernannt. „Mickey gehört zu Motörhead, so wie ich dazu gehöre,“ bestätigt er. „Er liebt es, mit mir zu spielen. Das Problem früher war immer, dass ich mein Instrument nicht im herkömmlichen Sinne spiele, sondern den Bass wie eine Rhythmusgitarre anschlage. Es ist so wie bei Mitch Mitchell in der Jimi Hendrix Band – man sollte sich keine Gedanken machen, warum etwas funktioniert, denn wenn man es versucht zu analysieren, wird’s nur schlechter.“

Zu dritt werkeln sie also auch Anno 2000, scheinen dynamischer denn je zu sein, und preisen mit ihrem aktuellen Album ,We Are Motörhead‘ die Philosophie der harten Arbeit. Denn geschenkt worden ist Mr. Kilmister in seinem Leben kaum etwas. Und mit Zufall oder Glück hat die einzigartige Karriere dieser Band wohl tatsächlich nicht viel zu tun. „Glück ist etwas für Arschlöcher“, posaunt Lemmy. „Glück braucht immer nur der, der nix auf dem Kasten hat. Ich hatte nie Glück im Leben, ich musste mir immer alles erarbeiten. Oder was glaubst du, wofür die Leute mir Respekt zollen? Weil ich so schön bin?

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