Herr Motörhead hat Geburtstag

Lemmy Kilmister im Interview: Ich hasse Parties

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass er überhaupt noch unter uns weilt. Einfach, weil Ian Fraser Kilmister, von allen nur Lemmy genannt, nicht nur Rock ‘n‘ Roll spielt, sondern auch lebt. Und das seit einem halben Jahrhundert, von dem er die meiste Zeit auf der Bühne oder aber im Studio verbracht hat. Woran, so verkündet er zur Veröffentlichung seines 20. Albums ,The World is Yours‘, sich auch in Zukunft wenig ändern dürfte. Zum Glück!

Lemmy Kilmister
(Bild: Emi, Thomas Brill)

Es hat etwas von einem Ritual: Ein Interview mit Lemmy kommt nicht ohne Maulen zustande. Schließlich habe er im Lauf seiner Karriere schon alles gesagt, er habe keine Lust mehr, ständig dieselben Fragen zu beantworten und könne ohnehin nichts Neues hinzufügen. Was vielleicht sogar stimmt. Aber weil es für Deutschland – Motörheads wichtigsten Markt – ist, weil seine charmante PR-Dame darauf insistiert und er letztlich doch nicht nein sagen kann, bittet Lemmy kurzerhand ins Londoner Sheraton Towers.

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Genauer: In ein Zimmer, das erst mal nach seinen Vorstellungen umarrangiert werden muss: Die Vorhänge sind zu verschlissen, um direkte Sonneneinstrahlung zu verhindern, die Klimaanlage soll für ausreichend Frischluft sorgen und auf dem Tisch, hinter dem das Urgestein kurze Zeit später frisch geduscht und frisiert Platz nimmt, werden zwei Gläser, ein Eimer voller Eiswürfel, zwei Dosen Cola und eine Flasche Whiskey platziert. Das Lemmy-Gedeck, ohne das schlichtweg gar nichts geht. Und an dem sich der 64-Jährige, der dieser Tage zu einer weiteren Welttournee aufbricht, im Verlauf des einstündigen Gitarre & Bass-Gesprächs auch ganz ungeniert labt. Nur: Hinter der harten, Respekt einflößenden Schale aus Leder, Jeans und Nieten verbirgt sich einmal mehr ein weicher, sensibler und vor allem hochintelligenter Kern, der zu ebenso spannenden wie tiefen Einsichten kommt.

Motörhead
(Bild: Emi, Thomas Brill)

G&B: Lemmy, dein neues Album trägt den kämpferischen Titel ,The World Is Yours‘.

Lemmy: (zufriedenes Grunzen) Cooler Titel, oder? Die Formulierung stammt aus „Scarface“, einem meiner Lieblingsfilme. Und zunächst habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen zu auffällig ist. Aber dann dachte ich mir: „Wird schon OK sein, der wurde schließlich nicht erst gestern gedreht.“ Also: Wer weiß, ob das jemand merkt. Ich finde, er klingt einfach gut – er hat etwas Großes, etwas Bissiges und Zynisches. Und er lässt vermuten, dass wir uns da mehr Gedanken gemacht haben, als es letztlich der Fall war.

G&B: Du meinst, es ist gar kein Konzept-Album – auch wenn das einige Songs vermuten lassen, die mit dem Titel korrespondieren?

Lemmy: (lacht) Stimmt. Aber egal, wie sie auch heißen: Die Songs passen nicht wirklich zusammen. Deshalb ist es auch kein KonzeptAlbum. Obwohl das natürlich ein schöner Gedanke wäre. Aber diese Welt gehört nun mal nicht uns. Und wir sollten dankbar sein, dass die mächtigen Arschlöcher da draußen sie ebenfalls nicht besitzen.

G&B: Demnach geht es einmal mehr um deine favorisierten Themen: Politik und Religion bzw. ihren Negativeffekt auf die Menschheit.

Lemmy: Das sind nicht meine favorisierten Themen, sondern eher die, über die ich mich zu reden berufen fühle. Einfach, weil sie so abgefuckt sind. Und Religion ist ja nichts anderes als Politik. Nämlich völlige Gedankenkontrolle. Sprich: Der Versuch, dich am Denken zu hindern, damit du nur tust, was das Establishment von dir verlangt. Das funktioniert immer noch.

Selbst im 21. Jahrhundert und in einer Welt, die ja wer weiß wie fortschrittlich sein soll. Nimm nur diesen verfluchten George Bush – was für ein Arschloch. Er hat den 11. September benutzt, um die Hälfte der amerikanischen Grundrechte auszuhebeln. Also kein Habeas Corpus mehr, sondern die können dich einfach so in den Knast sperren und den Schlüssel wegwerfen. Alles, was sie sagen müssen, ist: „Es ist zum Schutz gegen den Terrorismus.“ Und die Leute wehren sich nicht einmal dagegen. Mann, früher hat man rebelliert und die Engländer aus dem Land geschmissen. Aus genau diesem Grund: Zu viel Kontrolle.

G&B: Trotzdem fühlst du dich in den USA doch scheinbar ganz wohl?

Lemmy: Nun, ich mag Freaks. Und wo wären wir, wenn wir niemanden hätten, über den wir uns aufregen könnten. (kichert) Das stimmt doch, oder? Hauptsache, ich kann mich auf die Musik konzentrieren. (nimmt einen großen Schluck Whiskey-Cola).

G&B: Wie kam es denn zu den Status-Quo Anleihen in ,Bye Bye Bitch Bye Bye‘ und ,Devils In My Head‘ vom neuen Album?

Lemmy:  (ungläubig) Findest du?

 G&B: Die Riffs könnten auch von Rick Parfitt stammen.

Lemmy: Da muss ich widersprechen. Ich meine, die Songs klingen doch wirklich nicht wie dada dada, dada dada (intoniert ,Whatever You Want‘), oder? Zumindest hoffe ich das. Ich meine, versteh mich nicht falsch: Ich mag Status Quo. Sie kommen aus derselben Gegend wie ich, und auch sie sind schon ewig dabei. Nur: Ich würde nicht sagen, dass sie mich in irgendeiner Form beeinflusst haben. Schon gar nicht als Songwriter.

G&B:  Aber ganz allgemein gesprochen, servierst du in den zehn Songs doch ziemlich lauten, aber auch altmodischen Rock ‘n‘ Roll. Also das, was man gemeinhin als „Classic Rock“ bezeichnen würde… Was du ja jeden Abend auf der Bühne betonst.

Lemmy: Schon. Nur: Vielleicht sage ich das auch zu oft – und es nimmt keiner mehr ernst. Dabei liegen meine Wurzeln definitiv bei Leuten wie Chuck Berry. Also: Das ist es, wo ich herkomme – Chuck und der Blues. Aber auch Little Richard.

G&B: Leute, die du als Jugendlicher live erlebt hast – in ihrer Blütephase?

Lemmy: Little Richard habe ich leider erst vor kurzem gesehen. Und er ist heute richtig Scheiße. Er spielt vier Takte von ,Good Golly Miss Molly‘ und fängt dann an, Bibeln zu verteilen und über seine Kindheit zu reden. Mann, das ist wirklich das Letzte, was ich von ihm brauche. Da lese ich lieber seine Biographie, „The Quasar Of Rock“. Die ist nämlich richtig gut. Ich kann sie wirklich empfehlen, auch wenn sie schwer zu finden ist.

G&B: Und die Beatles hast du im Cavern Club gesehen?

Lemmy: Ja, als ich 16 war. Eine tolle Band.

G&B: Wer hat es dir mehr angetan – Lennon oder McCartney?

Lemmy: Ganz klar Lennon. Einfach, weil er der Sarkastische war. Und er hat keine Spielchen mit den Medien getrieben.

G&B: War das damals eine bessere Zeit, zumindest was die Musik betrifft?

Lemmy: Das war ein anderer Planet! Einfach, weil man noch nicht so mit Informationen bombardiert und zugemüllt wurde, wie heute. Sondern es basierte alles auf Mundpropaganda, und es hatte etwas Geheimnisvolles. Eben diese Band, die nur du kennst. Bis du die Information an deine Freunde  eitergibst und sich so etwas wie ein Zirkel von Eingeweihten bildet. Das finde ich viel spannender als diesen völligen Informationsoverkill mit ganz vielen Dingen, die eigentlich niemanden interessieren. Diesen Gossip, der einfach schlimm ist.

Deshalb würde ich auch sagen: Das Internet ist ein Fluch. Die meisten Leute haben es nur noch nicht begriffen … Früher war wirklich alles besser. Ich meine, ich denke da nicht viel drüber nach, aber in meinem tiefsten Inneren ist wahrscheinlich doch sehr viel Nostalgie. Denn die 60er und 70er waren wirklich besser und lustiger. Es gab weniger Regeln – heute existieren dagegen wer weiß wie viele. Und überall bekommst du gesagt, dass du dies oder das nicht machen darfst. Es ist einfach unglaublich.

Lemmy Kilmister
(Bild: Emi, Thomas Brill)

G&B:  Also: Wenn du heute jung wärst, würdest du noch mal eine Rock-Band gründen?

Lemmy: Ja, weil sich da nicht wirklich viel verändert hat. Die Psyche einer Band ist immer noch dieselbe wie damals. Nämlich: Du willst raus auf die Bühne und spielen. Dafür tust du alles – du würdest sogar töten, wenn es nötig wäre. Denn du bist geil auf den Applaus, die Anerkennung und die Mädchen. Das ist alles, worum es bei einer Band geht. Sprich: Nicht um irgendwelche hochtrabenden Botschaften, sondern du willst flachgelegt werden. Das ist es, was als Jugendlicher oder als junger Erwachsener am wichtigsten ist. Häng dir eine Gitarre um, und du hast Sex. Das ist eine ganz einfache Gleichung.

G&B: Hast du eine Erklärung, warum es heutzutage kaum noch bekannte, geschweige denn erfolgreiche Frauengruppen gibt?

Lemmy: Oh, es gibt wahnsinnig viele Frauen-Bands. Das Problem ist nur, dass die Leute nicht hinhören. Wahrscheinlich weil die meisten meinen, dass Mädels keine harte Rockmusik spielen sollten. Und damit liegen sie komplett falsch. Schließlich haben Frauen die wahrscheinlich beste Rockmusik aller Zeiten gespielt. Also, wenn man sich jetzt die Geschichte des Rock ‘n‘ Roll vor Augen führt. Ich meine, wenn du zurückschaust, sind da zum Beispiel Fanny, die absolut toll waren.

G&B: Mit der Schwester von Suzie Quatro als Sängerin?

Lemmy: Eine scharfe Braut – und alles richtig gute Musikerinnen…

G&B: Genau wie Girlschool?

Lemmy: Girlschool waren geradezu umwerfend. Sie haben wirklich Grenzen ausgelotet. Und jetzt gibt es halt eine Menge Mädchen- Bands aus Schweden. Etwa Drain, die sich zwar aufgelöst haben, aber da sind auch noch jede Menge andere. Wie zum Beispiel… verdammt, wie heißen die jetzt? Mann, dabei bin ich mit der Sängerin ausgegangen… Aber egal, willst du noch Eis in deinen Drink?

G&B: Gerne.

Lemmy: (greift in den Eimer mit Eiswürfeln) Entschuldige, dass ich die blanken Finger nehme. Da bitte. Ach… Meldrum hieß die Band! Auch aus Schweden, sehr gut und alles Mädchen. Aber ihre Gitarristin ist gestorben. Insofern bin ich mir nicht sicher, was sie gerade machen. Und dann ist da noch Crucified Barbara, die ebenfalls aus Schweden stammen und auch nicht schlecht sind. Außerdem gibt es eine Menge Mädchen-Bands in Amerika und Japan.

In Japan haben wir zum Beispiel auf diesem Festival gespielt und da kamen diese drei kleinen Ladies zu mir, die wirklich aussahen wie Puppen. Sie meinten: „Hallo Lemmy, wir sind eine japanische Frauen-Band.“ Und ich: „Ach ja, wie heißt ihr denn?“ Die Antwort: „Thug Murder“ . (lacht) Was für ein verflucht toller Name! Thug Murder! Und dann gibt es da noch eine Band, die sich Yellow Machine Gun nennt. Also das hat wirklich Klasse. Mädels halt.

G&B:  Außerdem gibt es zig Motörhead-Cover-Bands. Bist du mit denen vertraut?

Lemmy: Ja, vor allem mit We’re Not Motörhead. Den Band-Namen finde ich wirklich toll. Aber weißt du, was das Lustigste ist? Ein Tribut- Album, das ,Going North‘ oder ,Heading North‘ heißt. Das sind lauter schwedische Bands. Und eine davon besteht nur aus Mädels. Sie haben ,Killed By Death‘ aufgenommen. Und mittendrin wechseln sie gleich mehrfach den Song, was unglaublich witzig ist.

G&B:  Was einmal mehr beweist, dass du fanatische Fans hast?

Lemmy: Bis zu einem gewissen Grad schon. Also diejenigen, die uns lieben, lieben uns wirklich. Und das überall auf der Welt. Und: Motörhead-Fans mögen nicht viel anderes. Das ist wirklich so. Sie sind  sehr loyal.

G&B:  Das gilt ganz sicher auch für dein deutsches Publikum …

Lemmy: Nun, die Deutschen haben uns am Leben gehalten. Ich meine, ohne sie wären wir längst Geschichte. Denn es gab eine Phase, in der wir nirgendwo anders spielen konnten. Nicht einmal in England, wo man uns immer nur für eine Show in London gebucht hat, aber nicht mehr. Einfach, weil die Promoter meinten, es gebe nicht genug Nachfrage, was einfach unglaublich war. Aber wir konnten halt nichts dagegen machen. Insofern blieben uns nur Holland, Deutschland und vielleicht noch Belgien. Das war’s. Weshalb wir hauptsächlich in Deutschland spielten, denn in Holland kannst du ja höchstens drei Gigs absolvieren, in Belgien auch nicht mehr.

Von daher haben wir uns auf Deutschland konzentriert, und das hat uns drei Jahre am Leben gehalten. In einer wirklich üblen Phase unserer Karriere, Mann. Schließlich konnten wir damals drei Jahre lang kein Album veröffentlichen, weil wir uns mit unserem alten Management gestritten haben. Aber wir konnten halt immer in Deutschland touren, und die Leute sind jedes Mal gekommen und waren verdammt cool. Also sehr loyal. Was einfach toll war. Von daher schulden wir Deutschland einiges. Keine Ahnung, ob die anderen in der Band das auch realisieren, aber ich tue es auf jeden Fall. Wir verdanken euch wirklich unser Leben.

G&B: Apropos Überleben: Du bist gerade in einem Bier-Commercial zu bewundern, in dem du eine Blues-Version von ,Ace Of Spades‘ spielst. Was nicht dein erster Werbeauftritt ist. Du hast bereits für Kit Kat und Walkers vor der Kamera posiert.

Lemmy: Und für Autoversicherungen. (lacht) Aber Walker’s Crisps war am besten. Das fand ich richtig lustig. Der für Kronenbourg ist auch OK. Ich meine, sie haben uns gefragt, und das Angebot konnte ich nicht ablehnen. Selbst als sie meinten: „Wir wollen ,Ace Of Spades‘ “, worauf ich gar keine Lust hatte. Deshalb haben wir auch nicht zum hunderttausendsten Mal die alte Fassung gespielt, sondern haben es akustisch versucht. Was sie gut fanden – und es dann richtig langsam wollten.

Ich dachte: „Es ist ein Blues-Stück, das ist schon ziemlich langsam.“ Und für meinen Geschmack ist es jetzt fast zu langsam. Ich hätte es gerne ein bisschen schneller gehabt. Nicht viel, nur ein bisschen. Aber egal, es hat funktioniert. Also es sieht gut aus, und es klingt gut. Aber ich habe noch einen Werbe-Deal mit Marshall, die jetzt ein Lemmy-Stack machen, ein Marshall-Lemmy-Stack. Was eine große Sache für mich ist, denn ich liebe Marshalls.

G&B:  Dabei ist dein Signature-Modell, der 1992LEM Super Bass Head eigentlich ein Replikat von „Murder One“, deinem 1992 Super Bass Amp von 1976, den du fast 30 Jahre verwendet hast.

Lemmy: Stimmt, sie haben Murder One als Vorlage benutzt.

G&B: Außerdem hast du noch einen Signature-Bass von Rickenbacker…

Lemmy: Den 4004LK. Aber Rickenbacker ist ein hoffnungsloser Fall. Sie brauchen unglaublich lange – für alles, was sie tun. Ich meine, ich hatte dieses verfluchte Teil schon sieben Jahre, ehe sie sich entschieden, noch ein paar mehr davon zu bauen. Und dann haben sie gerade mal 60 Stück davon produziert, und sie nur im Internet verkauft. Sie waren binnen eines Monats vergriffen. Was dir zeigt, was für einen tollen Geschäftssinn die haben. Denn danach gab es keine weiteren mehr. (lacht) Toll, oder? Der Letzte, den ich gesehen habe, ist für 18.000 Dollar weggegangen. Und zwar bei Ed Roman’s in Las Vegas. Was einfach idiotisch ist. Sie sollten ein paar mehr davon bauen, um den Preis zu drücken.

G&B: Vielleicht war das ja genau der Sinn der Sache, also in dem sie es bewusst limitiert gehalten haben…

Lemmy: (poltert los) Das ist einfach nur dumm, wenn du mich fragst. Ich meine, die Nachfrage ist da, warum ihr also nicht gerecht werden? Warum den Preis künstlich in die Höhe treiben? Das ist doch unfair gegenüber allen Musikern, die sich so ein Teil jetzt niemals leisten können. Und es ist auch kein seriöses Geschäftsgebaren. Also seine Sachen nur im Internet anzubieten und den Handel zu umgehen. Aber: Was soll ich sagen? Sie sind halt diese seltsame Firma, die da unten in Anaheim sitzt. Und der einzige Typ, der alle Entscheidungen trifft, ist mittlerweile 90 Jahre oder so. Deshalb dauert es auch so lange.

G&B:  Trotzdem sind die Rickenbacker 4001, 4003 und 4004 immer noch deine Hauptbässe. Darf man fragen, warum?

Lemmy: Wegen des Halses. Und ich mag die Form. Was mit der Hauptgrund ist, warum ich Bässe kaufe – wegen der Form. Also ihrem Look. Schließlich kriegst du es ja immer irgendwie hin, dass sie OK klingen. Also du kannst da andere Pickups einbauen oder den Hals justieren, solche Sachen. Aber für mich ist das Wichtigste, dass eine Gitarre cool aussieht. Und Rickenbackers waren schon immer etwas seltsam, aber gerade deshalb auch sehr interessant. Wenn du mich fragst, sind sie wie der JFK Flughafen in New York. Also sie könnten von demselben Typen stammen, der diesen Torso von Airport designt hat.

Aber: Für einen Bass ist es eine wirklich gute Form. Und es gibt nichts Vergleichbares. Denn die meisten Bässe sehen aus wie ein Fender oder Gibson. Einfach, weil die Leute das immer kopieren, was ich wirklich lahm finde. Warum lasst ihr euch nichts Eigenes einfallen? Habt ihr etwa keine Ideen? Wobei es natürlich so ist, dass Fender und Gibson sehr, sehr gute Designs besitzen. Keine Frage. Aber Rickenbacker ist eben ganz anders als sie. Und das macht die Bässe so interessant.

 G&B: Im Sinne von etwas wirklich Einmaligem?

Lemmy: Irgendwie schon. Und es gab ja auch nicht viele Leute, die sie gespielt haben. Eigentlich nur John Entwistle und Chris Squire. Das wars – zumindest früher. Und Rickenbacker ist einfach perfekt für Leute wie mich – für Gitarristen, die zu Bassisten geworden sind. Deshalb mag ich den dünnen Hals.

G&B: Wenn man „White Line Fever“, deine Autobiographie von 2003, liest, hat man den Eindruck, dass du eine regelrechte Hassliebe zum Musikgeschäft hegst. Und sei es nur, weil du in deiner langen Karriere von zig Plattenfirmen über den Tisch gezogen wurdest…

Lemmy: Ach, das ist doch alles, was sie tun – mit jedem.

G&B:  Wird sich das mit eurem neuen EMI-Deal ändern?

Lemmy: Ganz ehrlich? Ich erwarte da nicht wirklich viel. Schließlich haben sie keinen sonderlich guten Ruf. Erinnere dich nur an den Sex-Pistols-Song ,E-M-I‘ – „Every Mistake Imaginable“. (lacht) Das sagt doch alles, oder?

Motörhead
(Bild: Emi, Thomas Brill)

G&B: Du wirst am 24. Dezember 65…

Lemmy: (verdreht die Augen) Danke, dass du mich daran erinnerst!

G&B:  Was ist das für ein Gefühl?

Lemmy: (atmet schwer) Kein sehr gutes: Ich fühle mich wie 65. Das lässt sich ja auch nicht vermeiden. Es sei denn, ich sterbe noch im November mit 64. Was ich aber nicht hoffe.

G&B:  Bist du zumindest ein bisschen stolz darauf, oder hat das Alter für dich eher etwas Beängstigendes?

Lemmy: Natürlich ist es eine beängstigende Vorstellung. Ich hätte schließlich nie damit gerechnet, dass ich 65 werde. Und ich hätte nicht mal gedacht, dass ich die 45 erreiche. Als 20- Jähriger erschien mir selbst 35 völlig unrealistisch. Das sind einfach so kleine Kreise, in denen man sich da bewegt. Wenn du 20 bist, denkst du zum Beispiel, dass jeder über 30 dein Feind ist. Aber bist du dann selbst 27, ist 30 auf einmal gar nicht mehr so schlimm. (lacht) Das ist halt so. Je näher du dem Berg kommst, desto deutlicher erkennst du den, der sich direkt dahinter befindet.

G&B:  Also: Wie begehst du dein Jubiläum, das zugleich noch mit 35 Jahren Motörhead korrespondiert? Schmeißt du eine große Party?

Lemmy: Ich hasse Parties! Einfach, weil du da eh nur Leute triffst, auf die du nicht sonderlich scharf bist. Und weil die alle falsch sind – sie tun nur so, als wären sie deine besten Freunde, dabei bist du ihnen völlig egal. Und die wenigen Frauen, die richtig scharf aussehen, sind sowieso vergeben.

Insofern mache ich lieber gar nichts, sondern fahre nach Vegas und verstecke mich. Das mache ich schon seit Jahren so. Und von daher können sie sich auch keine Überraschungen für mich einfallen lassen. Schließlich erzähle ich keinem, in welchem Hotel ich bin. Ich fahre einfach nach Vegas, wenn du weißt, was ich meine. Obwohl: Vielleicht mache ich diesmal einen Trip nach Reno. Einfach, um sie an der Nase herumzuführen.

G&B: Ist Vegas zu Weihnachten nicht unglaublich deprimierend? Wer fährt da zu der Jahreszeit hin?

Lemmy: Warum sollte das deprimierend sein – da sind nur Singles. Genau, wie ich. Was sehr praktisch ist. Denn da musst du nicht lange um den heißen Brei reden. Du kannst einfach sagen: „Hallo Baby, wie ich sehe bist du auch nicht verheiratet.“ Man hat also sofort eine Gesprächsebene.

G&B: Das funktioniert?

Lemmy: Garantiert.

 

Lemmys Equipment

Bässe: Rickenbacker 4001 & 4003 & 4004 LK mit Gibson Thunderbird-Pickups

Amps: Marshall JMP Superbass II 100 Watt (Murder One ) Marshall 1992LEM

Boxen: Marshall 4×12 und 4×15

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  1. Geiler Rock´n Roller – Geiles Interview………….R.I.P

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  2. Geiler Rock´n Roller + Geiles Interview……….R.I.P

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  1. Motörhead: No Sleep´til Hammersmith › GITARRE & BASS

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