Kemper Amp

Kemper hat mit dem Profiling Amp die Verstärkertechnik auf ein neues Level gehoben. Plötzlich konnten Gitarristen Abbilder vom Sound eines vorhandenen Equipments erstellen. Erfahre mehr über die Technik & Sounds des KPAs!

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Kemper Profiling Amplifier im Test

Der Kemper Profiling Amplifier in der Praxis

Resümee

Kemper Profiling Features

Kemper Profiler PowerHead

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Kemper Profiling Amplifier im Test

E-Gitarren-Vorverstärker mit Effekteinheiten, Topteil von Kemper, weiß
FOTO: Dieter Stork

Die etablierte Riege der Modeling-Amps muss im Frühjahr 2011 einen ordentlichen Schock erlitten haben. Kommt doch ein Newcomer aus dem Norden des deutschen Ruhrgebiets daher und mischt mit einem neuen technischen Ansatz die Szene auf.

Nein, nicht nur vorgefertigte Abbilder analoger Amps stecken in der digitalen Brotbüchse, der Anwender kann mit dem sogenannten Profiling selber Samples seiner Favoriten darin speichern und abrufen. Herrlich, nich’? Das darin liegende Potential verheißt tonale Glückseligkeit jederzeit und allerorten.

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Die Entstehung des Kemper Profiling Amps

Beginnen wir mal am Anfang: Der, der dieses interessante Projekt initiierte und für die Entwicklung verantwortlich zeichnet, hat selbst mit dem Gitarrespielen gar nichts am Hut. Vielmehr verschrieb sich Christoph Kemper nach dem Studium der Elektrotechnik den Synthesizern und konnte ab 1997 mit seiner Firma Access und der Virus-Baureihe große Erfolge verbuchen.

Nach seinen Aussagen lag die Urzündung für den Profiling-Amp in Kempers Beobachtung, dass die existierenden Modeling-Produkte in seinen Augen eigentlich zu statische, nicht genügend individualisierte Ergebnisse liefern. Was vor dem Hintergrund steht, dass er auch als Musikproduzent arbeitet und im Zuge dessen das besondere Interesse an der Thematik wuchs.

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Wie ist der Kemper Profiling Amplifier aufgebaut?

Sein Erscheinungsbild mag ungewohnt sein, die innere Ordnung des Profiling-Amps differiert aber grundsätzlich kaum von anderen programmierbaren Geräten. Klare Strukturen und deutliche Begriffe helfen, die umfangreichen Eingriffsmöglichkeiten schnell unter Kontrolle zu bekommen. Was sonst als Preset bezeichnet wird, heißt hier lautmalend „Rig“ und fasst drei wesentliche Funktionsblöcke zusammen:

  • Stomps: Pedaleffekte, die vor der Sound-Formung im Signalweg liegen.
  • Stack: Die Amplifier-Sektion m. EQ und Cabinet-Simulation.
  • Effects: FX-Blöcke, die hinter dem Amp, bzw. im übertragenen Sinne in dessen Effekte-/Einschleifweg liegen.

Dazu gesellen sich ein programmierbares Noise-Gate und ein Tuner. Wenn man das Bedienpanel studiert, kann man erkennen, dass diverse Funktionen direkt zugänglich einstellbar sind. Wie z. B. die untere Reihe der Decoder-Drehregler in Normalbetrieb wie bei einem konventionellen Amp aussieht, mit Gain-Poti, einem Vierband-EQ und Volume.

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Rechts der Guitar-Input, links eine Buchse für Kopfhörer, alle weiteren Anschlüsse finden sich an der Rückseite. Der Master-Output bietet das (Stereo-)Signal einerseits symmetriert über XLR-Buchsen an (gut für lange Kabelwege), außerdem auch über Klinkenbuchsen.

Am Monitor-Out steht ein Mono-Signal zur Verfügung, das primär für die Bühne gedacht ist; die Cabinet-Simulation lässt sich für diesen Ausgang sinnigerweise separat ein-/ausschalten.

Der Direct-Output/Send hat wie die Return-Sektion zwei Aufgaben. Die Anschlüsse dienen als Einschleifweg (mono-Send, stereo-/mono-Return) oder werden beim Profiling-Vorgang benutzt. Vorbildlich: Alle analogen Ausgänge sind mit Ground-Lift-Schaltern ausgestattet, damit eventuell auftretende Erdungsschleifen unterbunden werden können.

Über zwei Switch-Pedal-Anschlüsse sind interne Effekte fernsteuer-/schaltbar, wie z. B. Wah und Volume. MIDI-, Netzwerk-, USB- und S/PDIF-Ports sorgen für universelle Anbindung an die digitale Außenwelt.

Erfreulich ist, dass gerade die mechanisch doch immer besonders belasteten Buchsen und Schalter solide mit dem Metallgehäuse verschraubt sind. Innen ist der Aufbau ebenfalls voll und ganz vertrauenerweckend.

Einigermaßen pfleglichen Umgang vorausgesetzt, dürfte der Kemper-Amp häufige Transporte ungerührt wegstecken; inzwischen ist auch ein gepolsterter Gigbag lieferbar, worin er bestens aufgehoben sein dürfte. Die High-Tech-Elektronik beansprucht im Übrigen wenig Platz. Es sind vielmehr die diversen Bedienungselemente, die das Gehäusevolumen bedingen. So bleibt auf der Rückseite Raum für ein Fach, das Kabel aufnimmt (oder spätere Erweiterungsmodule?).

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Das Profiling

Der Kemper-Amp bildet den Sound x-beliebiger Verstärker nach? Ja, das ist natürlich das spannendste Kapitel. Und, ist das aufwendig? Nein, überhaupt nicht.

Die Voraussetzungen entsprechen in etwa einer Recording-Situation. Benötigt wird neben dem Verstärker eine Box, die mikrofoniert wird, bzw. ein Combo. Die Gitarre wird an den Kemper-Amp angeschlossen, aus dessen Direct-Out führt man ein Kabel an den Input des Profiling-Kandidaten.

Das vor dem Speaker positionierte Mikrofon füttert den XLR-Return. Die Abhöre bekommt ihr Signal vom Master-Output. Damit sind wir fertig für den ersten Profiling-Durchlauf.

Es ist natürlich wesentlich, dass man ein geeignetes Mikrofon aussucht und dieses optimal platziert. Dementsprechend stimmt man den Amp und die Mikroposition ab, bis eben der gewünschte Sound zu Gehör kommt. Der Parameter Return-Level sorgt dafür, dass man auch die Lautstärke kommod im Griff behält.

Jetzt kann das Profiling erfolgen. Den Chickenhead auf Position Profiler stellen, die Sound-Ebene wählen (Distorted oder Clean): Start! Der Kemper-Amp generiert und sendet jetzt in drei Phasen unterschiedliche Sinus-Meßsignale, das in ziemlich hoher Lautstärke, mal tieffrequent, dann ein Rauschen, dann wieder pumpend … nach weniger als einer Minute ist der Spuk vorbei, Profile und Original können nun verglichen werden.

Um das Ergebnis weiter zu optimieren, aktiviert man die Funktion „Refine Profile“, die einen auffordert für 20 Sekunden Akkorde zu spielen. Hernach drückt man Finish, fertig, das war’s schon, mehr ist (meist) nicht zu tun.

Aber das Profile kann noch erheblich nachbearbeitet werden. Nicht nur über die bereits erwähnte Klangregelung, sondern mit Parametern, die spezifisch auf Details der Tonformung eingehen. Diese finden sich in der Sektion Stack (oben/Mitte auf dem Bedienfeld) …

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Stack

… im Untermenü Amplifier. Laut Handbuch soll „Definition“ die Distortion-Charakteristik „komplett verändern“. Na ja, ganz so drastisch sind die Ergebnisse nicht, aber das Mittenvolumen und die Zerrattitüde in den hohen Frequenzen sind in der Tat fein dosierbar, sodass z. B. ein Blues-Charakter fließend in hartgesottenere Rocktöne übergeht.

„Power-Sagging“ bestimmt, wie sensibel der Attack des Gitarristen in unterschiedliche Zerrintensitäten umgesetzt wird. Der Parameter „Pick“ betont den Anschlag mehr oder weniger intensiv und unterstützt damit sehr vorteilhaft die Artikulation der Sounds. Bei maximaler Aussteuerung (Wert 5.0) und harten Attacks wurde allerdings ein zweiter (unerwünschter) Impuls hörbar.

Der hier als vierter im Bunde vertretene „Compressor“ arbeitet anders als das gleichnamige Modul in den Effektsektionen, da er integraler Teil des simulierten Amps ist. Seine Funktion betrifft ausschließlich cleane Sounds, die er kompakter, fetter macht.

Die Cabinet-Sektion erweist sich für die Qualität der Sound-Ergebnisse als das effizienteste Werkzeug. Die Parameter „High-Shift“ und „Low-Shift“ als Variable zur simulierten Veränderung des Boxenvolumens und „Character“ mit massivem Zugriff auf das Mittentimbre, sind in der Lage die Wiedergabe extrem zu „verbiegen“, im positivsten Sinne des Wortes. Dies auf der Basis unterschiedlicher Speaker-Models, die mit Type ausgewählt werden. Die momentan fünf Typen werden sukzessive über kommende Firmware-Updates wohl noch aufgestockt werden.

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Stomps/Effects

Der Nutzer hat die Möglichkeit vor dem Stack bis zu vier Effekte zu aktivieren. Die Positionen A, B, C und D können nach Wunsch belegt werden, mit Effekten aus einer Typenliste, die diverse Wahs, Distortion-Module und Booster, Equalizer Flanger, Chorus etc. anbietet.

Ein in sich stimmiger Rundumschlag durch die Phalanx der gängigen Effektarten, mit weitreichenden und höchst effizienten Editiermöglichkeiten. Mehrfachbelegungen mit demselben FX-Typ sind möglich. Unterschiedliche Farben des Displays bzw. der On-LEDs helfen, die FX-Familien auseinanderzuhalten.

Die Distortion-Module weisen mit ihren Bezeichnungen auf den Charakter bestimmter Klassiker hin, wie z. B. Green Scream für Tube-Screamer, Muffin für Big Muff oder Mouse für The Rat, die klanglich durchweg gut getroffen sind.

Die Effects-Sektion funktioniert in den ersten beiden Positionen „x“ und „Mod“ wie die Stomps. Mod ist allerdings mit speziellen Parametern ausgestattet, die besonders für Modulationen, als Chorus, Vibrato etc. geeignet sind. Zwei LEDs über dem Delay-Taster verdeutlichen das Rhythmusmuster des aktiven Echos. Drei Delay-Typen (je maximal 1250 ms) stehen zur Wahl:

1. Ein Tap-Delay, das für linken und rechten Kanal individuelle Teilungsratios (Notenwerte) zulässt 2. Das Free-Delay kann mit lediglich einem Ratio-Parameter ein zweites getimtes (kürzeres) Echo erzeugen, wie auch das 3. Analog-Delay, dessen besondere Note das Nachbilden alter Eimerspeicherketten-Effektgeräte samt der typischen Lo-Fi-Nebeneffekte ist.

Bei allen drei Delays definiert der Parameter „Bandwidth“, dem ein Bandpass-Filter zugrunde liegt, wie sehr sich die Echo-Repeats klanglich verändern, und zwar um einen Frequenzpunkt, der mit „Center-Frequency“ variabel bestimmt werden kann. „Modulation“ schließlich lässt die Echos zwischen den Audiokanälen hin- und her wandern, was einen besonders luftigen Höreindruck erzeugt.

Alles in allem eine FX-Sektion, die nicht mit vielen Spielereien den „Blender“ macht, sondern mit dem Wesentlichen auf den Punkt kommt und extrem feine Signalqualität garantiert.

Auf demselben (hohen) Niveau bewegt sich das Potential der Reverb-Sektion. Sie hält fünf Effekttypen bereit, die luxuriös auf acht Parameter zurückgreifen: Mix, Delay+Reverb-Balance, Time (Ausklingzeit), Damping, Pre-Delay, Bandwidth, Frequency, Volume.

Abgesehen von der äußerst ansprechenden Qualität der Effekte, erfreut, dass Delay und Reverb mit Spillover arbeiten. D. h. beim Wechsel von Presets, äähh, tschuldigung, Rigs, klingen die Effekte homogen aus, während die neuen Einstellungen bereits aktiv werden. Sehr schön, denn nur so kommen Sound-Wechsel wirklich homogen zu Gehör.

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Der Kemper Profiling Amplifier in der Praxis

Ich habe im Vorfeld zum diesem Test von verschiedenen Seiten Kritik an den werksvorprogrammierten Rigs/Presets gehört. Es zeigte sich, dass subjektive Erlebnisse zur Einsetzbarkeit im individuellen musikalischen Umfeld die Aussagen ausgelöst hatten.

Weniger Unzufriedenheiten mit der Qualität der Sound-Formung an sich. Hätte ich auch von der Substanz her nicht nachvollziehen können. Sprich die ab Werk offerierte Sound-Bibliothek mag nicht jedermanns Geschmack treffen, ist aber zweifellos qualitativ hochwertig und breitbandig in den Einsatzmöglichkeiten.

Prominente Player haben dazu mit ihrem Equipment beigetragen, u. a. Peter Fischer und Uwe Bosse, mit Rigs, die auf Soldanos SLO100 basieren, dem Vox AC30, Marshalls, Fenders usw. Es ist jedenfalls dort schon herauszuhören, dass die Profiling-Technik zu exquisiten Leistungen fähig ist.

Zum Kennenlernen und Herumspielen empfehle ich das Rig „Chorused Surface“, das im Bereich Clean bis Crunch sehr sensibel auf den Spieler reagiert. Gain ein bisschen weiter aufdrehen, und der Kemper-Amp kippt in eine satte Lead-Ebene um – ja, auch das, die Ursprungsprofiles können im Handumdrehen in eine andere Rolle schlüpfen.

Wie macht sich der KPA auf der Bühne? Dieser Frage ist Thomas Dill in der Demo auf dem Guitar Summit nachgegangen:

So wird man schnell feststellen, dass die Bedienungsstruktur gezieltes, schnelles Arbeiten ohne Umwege erlaubt. Wozu auch gehört, dass Einstellungen einzelner Funktionsgruppen (z. B. Cabinet) zwischen Rigs hin und her kopiert werden können.

Natürlich liefern die Werkspresets nicht allein das Salz in der Suppe. Das Profiling macht das Produkt so schmackhaft. In einer Art Minimal-Konfiguration habe ich zunächst „auf die Schnelle“ mit einem Shure-SM57 vor einem 4×12-Cabinet (Vintage-30) direkt am Kemper-Amp angeschlossen losgelegt.

Die Position korrigieren, bis es aus der Abhöre gesund tönt, die Leinen los, Start Profiling. Erstes Aha-Erlebnis, das Ergebnis ist eine sehr ähnliche Kopie. Mit Refine Profile, dass man u. U. zweimal durchführen muss (kräftig anschlagen, damit der Kemper genügend Feinheiten angeboten bekommt), nähert man sich bis auf Mikromillimeter an ein 1:1-Plagiat heran.

Das Erlebnis ist frappierend, zumal einerseits auch die Feinheiten im Ausklang, wie etwa wechselnde Obertonverfärbungen, und die Dynamik dem Original entsprechend abgebildet werden, andererseits in Spielpausen der „Orkan“ an Nebengeräuschen bei hochverzerrter Distortion durch Abwesenheit glänzt.

Dass so eine simple Profiling-Konstellation doch letztlich nur begrenzt zufriedenstellen kann, zeigt sich in dem Moment, wo Speaker und/oder Referenz-Amp ausgetauscht werden (hier neben anderen z. B. Marble DCP100, Bogner Überschall und XTC, Fryette D120, Vintage-30, Weber-Bulldogs, Greenbacks). Die mit dem Ohr (live) vor dem analogen Stack sehr deutlich wahrnehmbaren Charakterunterschiede kommen über das eine dynamische Mikrofon nur unvollständig zur Geltung. Es macht sich eben die beim Recording immer relevante Crux bemerkbar, dass markante, „edle“ Gitarren-Sounds einigen Aufwand bei der Mikrofonierung erfordern.

Also Szenenwechsel, ein AKG-C414 kommt an den Start. Viel besser, die feinere Auflösung dieses Kondensator-Mikes zeigt die Details deutlicher auf. Leider braucht man dazu eine externe Phantomspeisung, denn der Kemper-Amp kann damit nicht dienen. Was letztlich vielleicht gar kein so gravierendes Manko ist, denn die Herstellung sehr hochwertiger Profiles wird – wie es sich hier gezeigt hat – in aller Regel eine Mehrfachmikrofonierung erfordern, respektive den Einsatz eines adäquaten Mischpultes, das bei an so einem Produkt interessierten Nutzern sowieso schon vorhanden sein dürfte.

Zur Information: Die nicht gerade leisen Messtöne liegen während des Profiling-Vorgangs am Master-Out an, werden also von der Abhöre übertragen. Wen das stört, der muss halt den Monitor-Bus am Pult so lange muten.

Die energiereichen Messtöne sind auch der Grund, warum ich zunächst davor zurückschreckte, meine alten Combo-Schätzchen dem Profiling auszusetzen. Was geschieht den schönen alten Jensen-Speakern im ’61-Fender-Brown-Deluxe, und dem warmweichen Gibson-Falcon? Pustet mir der Kemper vielleicht die Speaker durch? Schon klar, „no risk, no fun“, Außenstehende haben gut reden, für den Betroffenen könnte das jedoch schmerzhaft werden.

Hilft alles nix, die Neugier siegte, schließlich musste der Deluxe doch durch diese Mangel gehen. Einmal clean, das war noch gut zu ertragen, einmal voll ausgesteuert … puh, ich weiß nicht, wer mehr gelitten hat, der Combo oder ich.

Die Ergebnisse sind es aber wert. Erneut zeigte sich, dass der Profiling-Amp verblüffende Plagiate erstellt. Christoph Kemper merkt dazu übrigens an, dass die Zusammensetzung der Messtöne und die darin enthaltene Überlagerung von Frequenzen Intermodulationen erzeugt, die per se bereits schädigende Impulsspitzen verhindert. Jedenfalls sei von Problemen in der Hinsicht bislang auch überhaupt nichts bekannt geworden.

Interessantweise war mein subjektiver Eindruck, dass Profiles von Crunch- und Distortion-Sounds mit geringerem Aufwand oft eleganter und markanter umzusetzen sind als unverzerrte Amp-Einstellungen.

So verwischte z. B. der Charakterunterschied zwischen dem strammen Clean-Ton eines Fender-Evil-Twin und dem weichen Brown-Deluxe zu einem gewissen Grad, wenn nicht eine aufwendigere, feinfühlige Mikrofonierung vorgenommen wird (s. o.). Damit Cleansounds lebendiger werden und an Format gewinnen, auch im Spielgefühl, empfiehlt sich zudem etwas Nachbearbeitung mit den Amplifier-Parametern, speziell Power-Sagging und Compressor.

Ganz wichtig für die Einschätzung des Profiling-Amps ist, dass man nicht zwei unvereinbare Betrachtungsebenen zur Kollision bringt: Was der Zuhörer unmittelbar vor dem Lautsprecher, der Box als Im-Raum-Klang erlebt, inklusive des wahrgenommenen Körperschalls, kann sich aus physikalischen und physiologischen Gründen nicht mit dem mikrofonierten Signal decken.

Letzteres ist aber in den meisten Fällen die erlebte Realität des Nichtmusikers, des Konsumenten, der ein Konzert besucht oder eine CD kauft. Primär diese Ebene bedient der Kemper-Profiling-Amp. Und wie souverän, welche Aussichten!

Studiosounds kann man 1:1 mit auf die Bühne nehmen. Rare Vintage-Schätzchen können zu Hause bleiben; wer braucht die noch leibhaftig auf der Bühne? Oder man denke nur an den Luxus, dass die ausgetüftelten Gitarren-Sounds einer Produktion archiviert werden können und Wochen, Monate oder gar Jahre später spontan wieder zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig wächst das System permanent wie von selbst, weil einerseits Kemper die Software ständig weiterentwickelt, neue Effekte und Rigs integriert, die als Firmware-Evolutionsstufe ruckzuck aus dem Netz über USB an den Amp übertragen sind.

Zudem gibt es inzwischen eine schon recht große Community, die auf der Kemper-Homepage Rigs untereinander austauscht (und dort auch ein Forum belebt). Sorge um das Speichervolumen muss man nicht haben. Da gibt es Reserven im Überfluss: Mindest 1000 Speicherplätze stehen zur Verfügung, je nach Auslastung des Systems noch deutlich mehr!

Okay, für das akustische Wohl der Außenstehenden ist bestens gesorgt. Wie ergeht es aber dem Spieler? Nun, der darf sich zunächst einmal darüber freuen, dass die Ansprache des Kemper-Amps naturgetreu ist. Die Dynamik in Tonformung und Lautstärke sind weitestgehend authentisch mit dem Original.

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Latenzen?

Das in der digitalen Welt stets leidige Thema Latenz spielt natürlich auch hier eine Rolle, aber nur ganz am Rande. Vordergründig ist sie nicht auffällig. Man muss schon genau darauf achten, um zu merken, dass eine minimale, kaum Timing-relevante, Zeitverzögerung zwischen dem Anschlag und dem Profiling-Ton liegt. Vom Spielgefühl her ist somit alles im grünen Bereich.

 

Das Im-Raum-Erlebnis

Bleibt die Frage nach dem Im-Raum-Erlebnis bzw. dem Hören in der Live-Situation. Für Gitarristen, die In-Ear-Monitoring favorisieren, beantwortet sich die Frage von selbst. Da ist man mit dem Kemper-Amp schlicht genial bedient. Wer auf den Im-Raum-Klang nicht verzichten möchte, dem ist ein linear arbeitendes Verstärker-Setup zu empfehlen.

Grundsätzlich funktioniert allerdings auch ein konventionelles Gitarren-Stack (FX-Return, Line-In o. ä. benutzen), das dann aber logischerweise die Signale koloriert; da weder in der Master-Out-Sektion noch im Monitor-Out-Weg ein globaler Equalizer zur Verfügung steht, kann man daran ohne externe Hilfsmittel zunächst wenig ändern.

Die subjektive Wahrnehmung der Sounds unterscheidet sich in jedem Falle von dem realen Ursprungs/Referenz-Amp (s. o.), ist aber durchaus lebendig und gibt dem Gitarristen auch spieltechnisch gute Rückmeldung.

Üblicherweise wird man die Rigs live auf der Bühne mithilfe eines MIDI-Schaltpedals abrufen. Damit man dabei nicht in dem riesigen Speicherwald verloren geht, hat Kemper den sogenannten Perform-Modus vorgesehen. Hier können Gruppen von je fünf Soundpresets/Rigs gebildet werden, sodass man quasi für jeden Song/Titel ein kleines Unterarchiv zur Verfügung hat – wie praktisch. Bei der Gelegenheit muss ich diesen geschickten Tuner auch einmal loben.

Die Anzeige im Display verhält sich wie die Luftblase einer Wasserwaage, was den Vorgang und das Ablesen erfreulich einfach macht. Zusätzlich sind in anderen Betriebsmodi jederzeit die drei kleinen, sehr hellen und farblich unterschiedlichen LEDs (zu tief, korrekt, zu hoch) über dem Chickenhead-Knopf aktiv, sodass man fix zwischendurch das Tuning prüfen kann.

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Hat der Kemper Profiling Amp Nachteile?

Während wir uns dem Ende unserer Betrachtungen nähern, kommt doch langsam Unruhe auf: Gibt es denn überhaupt keine Negativa?! Unter objektiven Gesichtspunkten kaum. Die minimalen Artifakte im Max.-Bereich des Parameter „Pick“ können das Bild kaum trüben. Die Profiling-Prozedur ohne Output-Mute, na ja Geschmackssache.

Wünschenswert wäre bestenfalls, wie eben angedeutet, dass die Klinken-Outs (Speisung des Bühnen-Monitoring) der Master-Sektion unabhängig von den XLR-Anschlüssen (Quelle für das FOH-Mischpult) einen eigenen globalen EQ hätten. Tja, aber eigentlich … brauche ich jetzt ’ne Pause, damit ich endlich mein Freudentänzchen aufführen kann.

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Resümee

Es nicht übertrieben, wenn man sagt, dass der Kemper-Amp auf dem Gitarrensektor die großartigste Erfindung der letzten Jahre ist. Das qualitativ formvollendete Profiling schickt sich vielleicht sogar an, ein revolutionäres Umdenken einzuleiten.

Ohne hochwertige analoge (Röhren-)Amps wird man auch in Zukunft nicht auskommen, das ist klar, man braucht sie ja auch, um das Profiling zu nähren, aber es werden sich vielleicht nicht mehr so viele Kunden dafür finden: Gibt’s doch alles superlecker angerichtet im Kemper-Amp! (Ob Soldano, Two-Rock, Fender und Co. dann Urhebertantiemen einklagen?) Schmunzeln, man wird sehen.

Fakt ist hier und heute, dass dieser digitale Vorverstärker schlicht ein extrem vielseitiges und wertvolles Ton-Tool darstellt. Sein binäres Wesen glänzt mit warmer und präziser Wiedergabe, während die Bedienung gleichzeitig maximal effizient wie übersichtlich ist. Wer diesen Meisterleister erwirbt, hat sein Geld gut angelegt und bestimmt nicht zuviel bezahlt. (Unbedingt antesten, sonst Bildungslücke.)

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Kemper Profiling Features

Fabrikat: Kemper

Modell: Profiling Amplifier

Gerätetyp: E-Gitarren-Vorverstärker m. Effekteinheiten, Topteil

Herkunftsland: Deutschland

Technik: digitale Signalbearbeitung m. Datenspeicherung

Gehäuse: Metall, zweifarbig lackiert, Kabelfach a. d. Rückseite, Gummifüße, Tragegurt a. d. Oberseite

Anschlüsse: Front: Input, Headphone; Rückseite: Return-XLR, -Klinke, Alternative Input (für Stereo-FX-Return), Direct-Output/Send, Monitor-Output, Master-Ouput-Left-XLR, -Right-XLR, -Left-Klinke, -Right-Klinke, S/PDIF-Out, -In, MIDI-Thru, -Out, -In, Switch/Pedal-1, -2, Network (Cat5), 2x USB, Power (Netzbuchse)

Regler: Front: Noise-Gate, Mod-Rate, -Intensity, Delay-Feedback, -Mix, Reverb-Time, -Mix, Master-Volume, Gain, vier Data-Encoder m. variierender Funktion, Volume, Type (Anwahl v. Effekttypen u. a.), Browse (Anwahl von Presets u. ä.)

Schalter/Taster: Front: Input, Stomps, -A, -B, -C, -D, Stack, Amplifier, EQ, Cabinet, Effects, -X, -Mod, Delay, -Reverb, Master, Tap System, Rig, Quick, Store, Undo, Redo, Exit, Page-Left, -Right, On/Off, Lock, Copy, Paste, Rig-Cursor (4 Taster)

Effekte: Pre-Sektion m. max. vier frei wählbaren Typen, Post-Sektion m. 2 frei wählbaren Typen plus Delay u. Stereo-Reverb

Einschleifweg: ja, mono/stereo, Status u. Level programmierbar

MIDI: In, Thru, Out

Gewicht: ca.5,15 kg

Maße: ca. 375x215x175 BHT/mm

Vertrieb: Kemper GmbH

45657 Recklinghausen

www.kemper-amps.com

Zubehör: Netzkabel

Preis: ca. 1.450

Plus

  • Sound/Variabilität
  • Profiling mit originalauthentischen Ergebnissen
  • Total-Recall, voll programmierbar
  • Dynamik, Transparenz, Durchsetzungsvermögen, Leistungsausbeute, harmonisches Zerrverhalten
  • variable Effektbibliothek
  • einfache Handhabung
  • umfangreiche Ausstattung
  • sehr geringe Nebengeräusche
  • Verarbeitung

Autor: Ebo Wagner

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2013 hat der KPA Updates und einen neuen Rigpack erhalten. Lade dir hier den ausführlichen Test der  Power-Head-Version gratis herunter!

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