Punk meets Surf & Jazz!

Unbekannte Helden: East Bay Ray

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(Bild: Stefan Brending)

In dieser Folge von Unbekannte Helden geht es um einen der einflussreichsten Punk-Gitarristen, der unter dem Künstlernamen East Bay Ray bekannt ist.

Manche Kollegen sehen Punk ja eher als eine krachige Geräusch-Collage, geboren aus Unvermögen und Dilettantismus am Instrument, aber wer sich mit der Geschichte des Stils beschäftigt, stellt schnell fest, dass diese These so nicht haltbar ist.

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Ein Punkgitarrist benötigt sicherlich andere Fähigkeiten als der improvisierende Bebopper, was aber nicht heißt, dass keine technischen Anforderungen gestellt werden.

Achtelpatterns in hohen Tempi, das Kreieren simpler, aber eingängiger Riffs und Solos, die nicht auf gut geübten, klassischen Licks basieren, sondern eher Individualität erfordern – solche Bausteine können genauso eine Spielwiese für Kreativität sein wie das clevere Ausspielen komplexer Akkordwechsel. Und genau das zeichnet den Protagonisten dieser Folge aus. Vorhang auf für East Bay Ray!

LEBEN

Geboren wurde East Bay Ray als Raymond John Pepperell am 17.11.1958 in Oakland, Kalifornien. Die Stadt befindet sich in der East Bay Area von San Francisco, woher auch der Künstlername resultiert. Seine Eltern waren sowohl in der Kunstszene als auch politisch engagiert, was den jungen Raymond prägte.

Mit dem Gitarrenspiel begann er in der High School nach dem Besuch eines Rolling Stones Konzerts. Erste Liveerfahrungen sammelte er in Barbands, die bekannte Rockhits coverten, bevor 1977 Punk in sein Leben trat und die Karriere als Cover-Musiker beendete. Ray faszinierte die Energie des Stils, und er begann, sich nach gleichgesinnten Musikern umzusehen.

Über eine Anzeige fand er den Sänger Eric Reed Boucher, alias Jello Biafra, und Bassisten Geoffrey Lyall, aka Klaus Flouride. Zusammen mit Drummer Ted, der eigentlich Bruce Schlesinger hieß, und einem Rhythmusgitarristen begann man, an ersten Demos zu arbeiten.

DEAD KENNEDYS

Schon der Name der neuen Band zeigte, wohin die Reise gehen sollte: Provokative, politische Texte verbanden sich mit aggressiven Gitarren und einer Freude an disharmonischen Klängen. Mit dem lustigen Bubblegum der Ramones hatten die Dead Kennedys wenig gemeinsam. Stattdessen arbeitete man sich am Konservatismus der Reagan-Ära ab und stieß damit auf gehörigen Widerstand bei der politischen Rechten.

In Songs wie „Holiday In Cambodia” und „California Uber Alles” kritisierte man den Imperialismus der US Regierung und den kalifornischen Gouverneur Jerry Brown. Auf den ersten Singles und dem Album ‚Fresh Fruit For Rotting Vegetables’ wurden musikalisch Punkgrooves mit Surfgitarrenriffs und Biafras theatralischem Gesang verbunden. Spätere Alben waren zuerst von schnellen Hardcore-Riffs geprägt, bevor auch Fifties-Rock’n’Roll und Jazz-Einflüsse Einzug in den Bandsound hielten.

Die Band veröffentlichte auf dem eigenen Label Alternative Tentacles und war auch in dieser Hinsicht wegweisend für den DIY-Spirit des US-Undergrounds.

1985 bekam die Band aufgrund einer Coverzeichnung von H.R. Giger Probleme mit der US-Justiz und löste sich 1986 nach 4 Alben und einer EP auf. Auch innerhalb der Band gab es Unstimmigkeiten, was Tantiemenzahlungen anging, und so stritten sich Ray Flouride und der ab 1981 agierende Drummer D.H.Peligro mit Biafra vor Gericht um Geld aus den Plattenverkäufen von Alternative Tentacles. Die beiden Lager sind seitdem zerstritten.

Biafra verfolgt eine Solokarriere als Musiker und Spoken Word Artist, während die anderen drei Bandmitglieder 2001 mit neuem Sänger die Dead Kennedys reformierten. Bis heute sind sie als Live-Act aktiv, mit Ray und Flouride als verbleibenden Originalmitgliedern. D.H. Peligro verstarb 2022 an den Folgen von Drogen- und Schmerzmittelkonsum.

EINFLÜSSE

Obwohl auch in der Musik der Dead Kennedys Punk-typische Powerchords und Akkord-Riffs vorkommen, sind die Einflüsse von East Bay Ray weitaus breiter gefächerter. Viele stammen aus den 50er- und 60er-Jahren. Ray nennt die Sun Sessions von Elvis als frühe Inspiration, die auch seine Vorliebe für Echo-Sounds erklärt.

Dazu kommen der kalifornische Surfsound aufgrund der geografischen Verortung an der Westküste und psychedelische Songs von Syd Barrett und Hendrix. In vielen Riffs hört man zudem den Einfluss von Filmmusik, besonders Italo Western Soundtracks der späten Sechziger. Ray selbst meinte dazu in einem Interview: „Ich höre mir eine große Bandbreite an Musik an. Gute Musiker brauchen diese alternativen Einflüsse. Wenn du nur Punkrock hörst, wirst du am Ende klingen wie alle anderen. Wenn du dir Musik abseits von Punk anhörst, wirst du origineller.”

EQUIPMENT

Was das Equipment anging, hält East Bay Ray es bis heute eher simpel. Die ersten Aufnahmen der Dead Kennedys wurden mit einer japanischen Telecaster Kopie eingespielt. Als Amp kamen ein Fender Super Reverb mit einem davorgeschalteten Echoplex Tape Delay zum Einsatz. Später verwendete der Kalifornier zusammengebastelte, selbst lackierte Strats und einen Marshall JMP.

Das heutige Setup für die aktuellen Touren besteht aus einer Schecter S-1, die konzeptionell an eine Les Paul erinnert, mit zwei Seymour Duncan Humbuckern. Als Amp dient ein Marshall JCM 2000 DSL100. Die Echoeffekte kommen aus einem Line 6 DL4 Delay.

Ray verwendet drei Settings: ein kurzes Slapback, ein längeres Echo und eine dubartige Einstellung mit vielen Wiederholungen, die nur beim Intro von „Police Truck” zum Einsatz kommt. Um für Leadparts die Gitarre etwas zu boosten, wird ein Boss CS-1 Compressor hinter das Echo geschaltet. Beide Effekte sind vor den angecrunchten Amp geschaltet und nicht im Effektweg positioniert.

PLAY IT!

Zum Nachspielen und hoffentlich als Inspiration für eigene Musik gibt es ein paar Parts aus der Trickkiste von East Bay Ray.

Viele Dead-Kennedys-Songs basieren auf Single-Note-Riffs, die Moll-Pentatonik mit ein paar spannungsreichen Tönen kombinieren. In Beispiel 1 und 2 siehst du zwei Patterns in A-Moll. Beispiel 1 bekommt den musikalischen Pfeffer durch den chromatischen Abgang vom C zum Grundton. Beispiel 2 würzt mit der b5. Einfach, aber wirkungsvoll, vor allem im hohen Tempo um 200 bpm herum.

Beispiel 3 klingt fast wie ein Surf-Song. Takt 1 hat die typische Grundton-/Mollterz-Bewegung, die auch in kalifornischen Klassikern wie ‚Pipeline’ vorkommt. Zwischendurch wird ein Fill auf der hohen E-Saite gespielt, der auch wieder die verminderte Quinte betont, die einmal von der Quarte und einmal von der Quinte angesteuert wird.

Das nächste Riff in Takt 5 entstammt ebenfalls der E-Moll-Pentatonik, klingt aber durch das lange Verharren auf den einzelnen Tönen eher wie eine neue Akkordverbindung. Das tiefe Riff wird immer durch eine höhere Phrase beantwortet, die aus b7, 6, b6 und Quinte besteht. Am Ende steht die Polizeisirene in Form eines Quartintervalls, das aber einen Halbton tiefer als zur Tonart passend gespielt wird. Resultat ist – wie bei fast allen Dead-Kennedys-Songs – eine nervöse, unbequeme Atmosphäre. Entspannen soll diese Musik nicht.

Beispiel 4 und 5 verwenden jazzige Akkorderweiterungen. Beispiel 4 greift wieder die b7, 6, b6 und Quinte in der Oberstimme auf. Gespielt wird nur der erste Akkord, die anderen Achtel erzeugt das Delay. Beispiel 5 ist die zweite Stimme zum Riff aus Beispiel 1 und verwendet mit der b5, 6 und b6 ein paar spannungsreiche Erweiterungen zum harmonisch darunter liegenden A-Moll-Akkord.

Beispiel 6 ist ausnahmsweise in Dur. Am Anfang steht ein A-Dur-Akkord mit einer Bewegung von sus4 zur großen Terz. Ab Takt 5 erscheint eine kleine Melodie, die auf einem A-Dur Dreiklang basiert und über die Akkordwechsel A / G / B / D C# konsequent wiederholt wird.

Ob Ray all die theoretischen Erklärungen beim Schreiben der Parts gekannt und bedacht hat, wage ich zu bezweifeln. Hier zeigt sich mal wieder, dass ein gutes Ohr und Freude am Experimentieren genauso spannende Gitarrenparts produzieren können wie ein umfangreiches Jazz-Studium. Viel Spaß mit dem Surf-Jazz-Punkrock!

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)

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