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FISCHER‘S GUITAR FILES #2: Warm werden

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Erinnerungen an meinen Gitarrenlehrer Ulle Harazim (Bild: Peter Fischer)

Greetings and salutations, my dearest Guitar Friends! Na, was geht ab bei euch? Wie sind eure Erfahrungen mit der Übung vom letzten Monat? Sind euch die Töne auf dem Griffbrett nun schon etwas vertrauter?

Ist meiner Meinung und Erfahrung nach wirklich eine meiner allerbesten Übungen. Nicht vergessen − dranbleiben und die Geschwindigkeit so hochschrauben, dass man diese drei in der letzten Episode beschriebenen Durchläufe in fünf Minuten schafft. Diesmal geht es mit zwei weiteren, ungefähr fünfminütigen Blöcken weiter, die, wie der Stoff vom letzten Monat, auch wieder unterschiedliche Themen gleichzeitig ansprechen. Okay, let’s do it!

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WHEN I WAS A BOY

Wie einige von euch vielleicht wissen, stamme ich ja ursprünglich aus Hagen, wo ich meine Jugend verbracht habe, als die Stadt kurzzeitig eine wirkliche, kleine Musikhochburg war, mit Bands wie ‚Extrabreit‘, ‚Nena‘, ‚Grobschnitt‘, ‚The Ramblers‘ und einigen anderen. Im Wesentlichen bin ich ein Autodidakt. Genau genommen finde ich auch, dass sich JEDER das Spielen selbst beibringen muss.

Ein Lehrer kann eigentlich immer nur eine Reihenfolge an Themen und Impulsen vorgeben, mal etwas korrigieren usw.. Die Zeit und Arbeit am Instrument kann er einem allerdings leider nicht abnehmen… aber das ist ein Thema für ein anderes Guitar File.

1980, ich war noch keine 14 Jahre alt, kam in mir die Idee auf, dass ich vielleicht doch noch mal ein bisschen Konfirmationsgeld in Unterricht investieren sollte. Ich hatte zuvor eine kurze Zeit Notenlesen auf der Konzertgitarre gelernt und eine Handvoll Stunden bei einem lokalen Gitarristen namens Dickie Hank genommen, der damals bei der Band ‚Streetmark‘ spielte und später eine ganz große Nummer im Bereich Hörbuchproduktionen wurde. „Junge, du musst mal beim Ulle Unterricht nehmen!“

Gemeint war ein lokaler Jazzgitarrist namens Ulle Schmidt, bzw. eigentlich Harazim, der u.a. beim Zirkus Roncalli und als gitarristischer Alleinunterhalter auf Fjord-Linern arbeitete. Ein Vollblutmusiker, durch und durch, mit einem Stil à la Barney Kessel und Joe Pass. Ich war zwar etwas skeptisch, ob er mir wohl das Solo von ‚I Was Made for Lovin’ You‘, ‚Another Brick in the Wall‘ oder ‚Spanish Fly‘ beibringen können würde, aber auch gleichzeitig von seinem Ruf als strenger Lehrer fasziniert.

An meine erste Stunde für ganze 50 DM (eine unfassbare Kohle zu der Zeit!) erinnere ich mich noch ganz genau. In weißer Jeans und Leopardenmuster gekleidet, begrüßte er mich mit: „Na, alter Recke? Was kannst du denn schon? Spiel mal ein paar Skalen! Was willst du lernen? Kiss? Van Hollen? Nie gehört! Spiel erstmal ne chromatische Skala!“

Ähhh … Ratlosigkeit auf ganzer Linie machte sich breit. Und dann zeigte er mir folgende Übung, die ich immer noch nach all den Jahren spiele und die mich wirklich weitergebracht hat.

In Beispiel 1 siehst du den Fingersatz einer Möglichkeit, die chromatische Tonleiter zu spielen. Wichtig: der schnelle Lagenwechsel in die 5. und die 9. Lage, auch beim Abwärts spielen.

  • Stelle ein Metronom oder einen binären Drum-Loop auf 60 bpm.
  • Spiele nun jeden Ton als 16tel-Note mit jeweils vier Anschlägen pro Note (Beispiel 2). Mit dem Fuß, auf jeden Fall, nur in Vierteln mitgehen!
  • Spiele vier Durchgänge davon. Zwei mit offen klingenden Saiten, zwei mit abgestoppten Saiten. Benutze dabei Wechselschlag, startend mit einem Abschlag.
  • Ganz wichtig: Die Finger der linken Hand müssen unbedingt auf ihrem Platz liegen bleiben. Beim Rückwärtsspielen, beim Lagen- und Saitenwechsel, immer zuerst alle vier Finger auflegen und dann abheben. Dies ist effektiv für eine gute Greiftechnik, ohne unnötige Bewegungen.
  • Wiederhole den Vorgang und die vier Durchgänge nun mit drei Anschlägen pro Note. Obacht: Es entsteht dabei eine witzige Akzentverschiebung, da der Wechsel des Tons meistens nicht mehr mit der vollen Zählzeit zusammenfällt. (Beispiel 3).
  • Wiederhole den Vorgang und die vier Durchgänge nun mit zwei bzw. nur noch einem Anschlag pro Note. Bei konstanter Anschlagsgeschwindigkeit der rechten Hand erhöht sich die Geschwindigkeit für die linke Hand Schritt für Schritt. Achte dabei unbedingt darauf, die gute Greiftechnik mit den auf den Saiten liegenbleibenden Fingern nicht aus dem Blick zu verlieren. (Beispiel 4 und 5).

Straight durchgespielt, dürften die 16 Durchgänge nicht viel länger als fünf Minuten dauern.

WHEN I WAS OLDER

Als ich dann 1989/90 in Los Angeles am GIT war, hatte ich u. a. Unterricht bei einer echten GIT-Legende: Daniel „Dan“ Gilbert, einem der am stärksten unterschätzten Gitarristen überhaupt, über den ich in dieser Serie sicherlich noch oft sprechen werde. Jede seiner Unterrichtsstunden fing mit einer kleinen Fingerübung an, und viele davon waren Variationen der „quasi-chromatischen“ Tonleiter. Hierzu sei angemerkt, dass es diesen Begriff in der Harmonielehre natürlich nicht gibt.

Wie du dem Diagramm (Beispiel 6) entnehmen kannst, ist dies lediglich der Fingersatz 1-2-3-4 auf jeder Saite (in einer beliebigen Lage). Diese „Tonleiter“ enthält 10/12 Töne der chromatischen Tonleiter, die ja alle vorhandenen Töne einsetzt.

Welche fehlen, das hängt davon ab, in welcher Lage man spielt. Dieser Fingersatz ermöglicht insgesamt 24 unterschiedliche Kombinationen, die alle sehr zur Beweglichkeit und Unabhängigkeit der linken Hand beitragen können.

Hier sind die Variationen:

1 2 3 4    2 1 3 4    3 1 2 4    4 1 2 3
1 2 4 3    2 1 4 3    3 1 4 2    4 1 3 2
1 3 2 4    2 3 1 4    3 2 1 4    4 2 1 3
1 3 4 2    2 3 4 1    3 2 4 1    4 2 3 1
1 4 2 3    2 4 1 3    3 4 1 2    4 3 1 2
1 4 3 2    2 4 3 1    3 4 2 1    4 3 2 1

In Beispiel 7 ist die erste Variante mal ausnotiert. Obwohl es durchaus sinnvoll sein kann, ab und zu mal einen Abend lang vorm TV oder so mit diesen Übungen zu verbringen, reichen konzentrierte, gute fünf Minuten beim Aufwärmen auch aus, um aus der Komfortzone zu kriechen. Dabei ist es vollkommen egal, in welcher Lage du diese Übung spielst.

In den unteren Lagen ist der gymnastische Aspekt vielleicht etwas höher. Mit dieser „Skala“ lassen sich übrigens noch viele andere witzige Dinge anstellen. Mehr davon später.

So viel zur zweiten Episode von #FischersGuitarFiles. Falls ihr Themenwünsche habt − immer her damit! Viel Erfolg beim Üben und auch sonst so. Haltet durch und bleibt echt. Immer.

PS: Und was wurde aus den Soli von „I Was Made for Lovin’ You“ und „Another Brick in the Wall“? Ach ja − nach einer Handvoll Stunden sagte er irgendwann: „So, alter Recke, ich muss mal wieder durch die Fjorde ziehen. Mach es gut, vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

„Und was ist mit den Soli, die ich EIGENTLICH lernen wollte?“ „Ach ja, ganz vergessen! Du kannst doch Noten lesen, oder?“ Er griff in seinen Leopardenbeutel und holte ein paar handgeschriebene Seiten Notenpapier mit den Transkriptionen heraus.

„Hier, lern das mal. Ist doch gar nicht so schlecht, das Zeug! Mach’s gut!“ Wir sind seitdem immer wieder mal, bis zu seinem Tod 2024, in Kontakt geblieben. Ich hab die Seiten immer noch …

(zum Vergrößern klicken!)


(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)

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