Solo-Album mit Weihnachtsliedern

Steve Lukather is SantaMental sometimes

Zwei unbestätigte Gerüchte rankten sich in letzter Zeit um Toto-Mastermind und Session-Ass Steve Lukather: Zum einen sei er mit 340 km/h, unangeschnallt, einen Rentierschlitten steuernd, in einer amerikanischen Tempo-30-Zone geblitzt worden, und zum anderen habe er gerade ein neues Solo-Album veröffentlicht. MIT WEIHNACHTSLIEDERN. Wir fragten besser mal nach.

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Gut, dass wir nachgefragt haben. Denn nur das zweite Gerücht bestätigte sich: Toto-Gitarrist Steve Lukathers neues Solo-Album heißt ,SantaMental‘ (edel contraire/ulftone), beinhaltet Interpretationen legendärer Rock-Klassiker wie ‚Jingle Bells‘, ‚Silent Night‘ und ‚Winter Wonderland‘ … Luke hat tatsächlich ein Weihnachts-Album aufgenommen und dafür die Crème de la Crème des L.A.-Musikantenstadls verpflichtet. Eddie Van Halen, Steve Vai und Michael Landau drehen zusammen mit Jeff Babko, Simon Phillips, Gregg Bissonette u. a. angestaubte US-amerikanische Weihnachtslieder durch den Wolf – und das Ergebnis kann sich sehen und vor allem hören lassen. Für Steve Lukather, der nach eigenen Aussagen während der letzten Toto-Tour ziemlich krank wurde, sich Hepatitis A zuzog, eine „Streptokokken-Infektion im Hals“ hatte und einer Art Burn-Out-Syndrom erlag, boten die Aufnahmen eine willkommene Abwechslung – Urlaub vom Band-Alltag. Ich traf Luke im Oktober in Hamburg, wo er im Rahmen der Konzertreihe „The Hendrix Files Tour“, einmal mehr seinem größten Vorbild Tribut zollte.

G&B: Es war so Ende August, als ich erfuhr, dass du eine Weihnachts-Platte machst.

Steve Lukather: Ja, ziemlich sonderbar, was?! Es war nicht meine Idee, eine Weihnachts-CD zu machen. Ich wäre beim besten Willen, niemals darauf gekommen, das zu tun.

G&B: Wessen Idee war es?

Steve Lukather: Elliott Scheiners, Al Schmitts und Ed Cherneys Idee. Sie machen zusammen das Label Bop City Records. Elliott kennt man ja von Steely Dan, den Eagles, Fleetwood Mac, von Toto und von Millionen anderen Bands. Al Schmitt hat ,Toto IV‘ mit uns gemacht und er ist Ton-Ingenieur für Diana Krall und Natalie Cole. Er macht jetzt eine Menge Jazz-Zeug. Ed Cherney arbeitet mit den Stones und mit Bonnie Raitt zusammen und er hat das ganze Don-Was-Zeug gemacht. Die drei kamen zu mir und sagten: „Wir möchten, dass du eine Platte für uns aufnimmst!“ Und ich meinte: „Oh yeah, great man!“ Und dann fuhren sie fort: „Wir wollen, dass es eine Weihnachts-Platte wird!“ Und ich: „Was?! Ihr macht Scherze, oder?“ Ich meinte: „Was an mir erinnert euch an den Weihnachtsmann?!“ Wir haben alle gut gelacht aber dann meinten sie: „Wir wollen, dass du etwas völlig Verrücktes damit anstellst. Es soll keine normale Weihnachtseinspielung werden.“ Und ich meinte: „Ich werde auch keine Happy-Kenny-G.-Platte aufnehmen – das ist nicht mein Ding!“ „Nein, nein“, sagten sie, „wir wollen, dass du du selbst bleibst, deine Freunde anrufst und eine Jam-Scheibe aufnimmst. Sieben Tage. Alles analog. Keine Click-Tracks und Computer, keine Proben. Ruf einfach die Richtigen Leute an und dann läuft das.“ Daher steht ja auch „Steve Lukather & Friends“ auf dem Cover. Ja, wir haben dann das Meiste davon tatsächlich live aufgenommen – bei einigen Leuten haute es mit dem Zeitplan nicht hin – aber der größte Teil ist live entstanden. Ein paar Overdubs hier und dort, und – es war verrückt – innerhalb von sieben Tagen war alles im Kasten!

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G&B: Worin bestand der Reiz für dich an dieser Aufgabe?

Steve Lukather: Die Herausforderung, Weihnachtsmusik neu zu arrangieren! Denn das sind so fröhliche Melodien und allein betrachtet etwas abgedroschen. Der Versuch sie aufzumöbeln, war eine wirkliche Herausforderung.

G&B: Hast du diese Songs wie Jazz-Standards behandelt?

Steve Lukather: Ja klar. Wir haben sie reharmonisiert, neue Voicings kreiert und die Grooves geändert. In manchen Fällen haben wir versucht, es so hässlich wie möglich hinzubekommen und manches war auch einfach nur Humor, also witzig gemeint, wie das Sammy-Davis-Jr.-Stück. Ich war ja immer ein großer Sammy-Davis-Fan. Du kannst dir übrigens überhaupt nicht vorstellen, wie ätzend das war, die Rechte dafür zu bekommen. Ich musste mit seiner Frau und mit seinem Manager telefonieren. Sie wollten wissen, worum es sich handelt und welche Geschichte dahinter steckt – das hat insgesamt ein Jahr gedauert! Die Platte sollte schon im letzten Jahr herauskommen. Aber es gab eine Menge Geschäftliches zu klären und so haben wir dann das Weihnachtsgeschäft verpasst. Das Album dann im Februar herauszubringen, hätte keinen Sinn gemacht.

G&B: Wann haben die Aufnahmen überhaupt stattgefunden?

Steve Lukather: Im Juni! Eine echt seltsame Zeit, um Weihnachtslieder einzuspielen. (Drummer) Gregg Bissonette brachte lauter Weihnachtsmann-Kram mit. Einen riesigen Plastik-Santa-Claus und Lichterketten … im Juni 2002, mitten im Sommer! Wir versuchten Christmas-Vibes zu erzeugen: „Ding, dingeling, ding, dong!“

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G&B: Gab’s auch Glühwein und Lebkuchen?

Steve Lukather: Nein – so weit sind wir dann doch nicht gegangen. Es ist echt schwer, Weihnachtsgebäck im Juni aufzutreiben. Wir hätten selbst backen müssen – und niemand hatte dafür Zeit! Ich war froh, dass wir die Platte in so kurzer Zeit einspielen konnten. Unser Budget war ziemlich klein, denn es handelt sich um ein sehr kleines Label. Deshalb habe ich meine besten Freunde angerufen, die letztendlich, ohne dafür bezahlt zu werden, mitgemacht haben. Ich stehe in ihrer Schuld. Andererseits habe ich so etwas auch schon getan. Ich habe auf Van-Halen-Platten Background gesungen und habe dafür nie etwas bekommen. Also sagte ich: „Hey Ed, du musst mir einen Gefallen tun. Komm, spiel für mich!“ Für einen kurzen Augenblick kam ich mir dabei wie im Ruhestand vor!

G&B: Wie seid ihr konkret an die Weihnachtslieder herangegangen?

Steve Lukather: Im Prinzip haben wir sie komplett umgeschrieben. Wir behielten die Melodie: ‚Joy to the World‘ – das ist die banalste Melodie der Welt! Wir änderten den Groove, so dass es klingt wie ‚Hot For Teacher’ (von der Van-Halen-Veröffentlichung ‚1984‘) meets ‚Space Boogie’ (von Jeff Becks ‚There And Back‘). Wir haben dann neue Akkorde dazu erfunden, ein Fusion-Stück daraus gemacht und ich schrieb dann noch Soli dazu. Man erkennt also gerade noch die Melodie und danach geht es in einen Jam-Teil. Nach diesem Prinzip haben wir versucht, die gesamte Platte zu gestalten.

G&B: Du bist aber jetzt nicht auf den Geschmack des reinen Interpretierens gekommen, nachdem du ja auch mit Toto im letzten Jahr eine CD mit Cover-Stücken auf den Markt gebracht hast?

Steve Lukather: Nein – das hat beides nichts miteinander zu tun. Wir mussten zum 25sten Jubiläum was veröffentlichen und damit auf Tour gehen. Das nächste Toto-Album wird auf jeden Fall ein richtiges Original. Wir haben noch nichts geschrieben, waren ja noch die ganze Zeit auf Tour und so wollte ich nur mal eine Spaß-Woche einlegen und jammen. Ich war ja ziemlich krank und musste meine Kondition wieder aufbauen. Das war wie in einen Club zu gehen und zu jammen. Es war alles unstrukturierter – bei Toto ist alles so durcharrangiert – und hierbei ging es nur ums Spielen. Eine Weihnachts-Platte ist eine Weihnachts-Platte. Sie ist zeitlos. Andererseits werde ich das Zeug aber nur zwischen Oktober und dem Jahresende spielen können und danach kann ich alles wieder vergessen. Damit bedient man einen ziemlich kurzen Zeitraum.

G&B: Und jetzt wirst du regelmäßig Weihnachts-CDs auf den Markt bringen, oder?

Steve Lukather: (lacht) Nein, das denke ich nicht! Ich meine, wenn das jetzt alles unglaublich gut ankommt und erfolgreich ist, dann wird es vielleicht mal einen zweiten Teil davon geben – nicht jedoch demnächst. Ich sage niemals nie – aber das ist eben nur so ein weiteres bizarres Projekt von mir.

G&B: Was haben deine Gast-Musiker Slash, Steve Vai und die anderen gesagt, als du sie zu den Sessions einludst?

Steve Lukather: Die haben gelacht! Die dachten, das würde lustig werden. Nimm Slash, er ist ein guter Freund von mir – das würden die meisten Leute wahrscheinlich nicht vermuten, aber wir kennen uns seit den 80er Jahren. Er ist ein verdammt netter Typ – ich liebe ihn einfach! Und ich bin ein großer Fan seiner Musik. Ich meinte: „Slash, komm vorbei und wir spielen was ein!“ Ich habe dann so einen Rolling-Stones-/Lenny-Kravitz-Groove geschrieben und habe es ziemlich offen gelassen und zu ihm gesagt: „Du spielst!“ Ich versuchte, jeden Song auf jeden Künstler zuzuschneiden, indem ich wusste, während ich an den einzelnen Passagen schrieb: „Diese Person wird diesen Teil spielen!“ Und für Slash war das dann eher so das Stones- /Blues-Ding – das entspricht seinem Stil! Ich würde ihn nicht in einen Jazz-Song hineinstecken. Mit Eddie lief es genauso: Ich habe für ihn was komponiert, was zu ihm passt und dasselbe galt auch für Steve Vai. Im Vergleich zu ihnen habe ich noch eher einen Jazz-Hintergrund und diesen Jeff-Beck-Einfluss. Jeff ist ja auch ein alter Freund von mir. Ich hätte ihn auch gerne auf der Platte gehabt aber er war leider nicht verfügbar. Man kommt derzeit schwer an ihn heran.

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FOTO: bilan, ulftone

G&B: Du hast ja dann selbst für die entsprechende Beck-Atmosphäre gesorgt. Laut Booklet hast du ihm den Song ‚Silent Night‘ gewidmet und scheinst einmal mehr, gelungen, sein Spiel zu imitieren.

Steve Lukather: Absolut! Das war die Intention: Alles wurde in einem Durchgang aufgenommen und keine Overdubbs dazu gefügt. Es ging mir um diese kleinen Nuancen und diese Looseness.

G&B: Wie hast du mit den einzelnen Gitarristen aufgenommen?

Steve Lukather: Slash brachte seinen Marshall mit, seine Les Paul, stöpselte ein und los ging’s. Ich habe ein Shure-SM57-Mikrofon vor die Speaker gestellt und er hat dann noch sein WahWah verwendet. Eddie hat seinen eigenen Amp mitgebracht und Vai brachte zwar seine Gitarre mit, spielte aber durch meine Anlage. Dasselbe gilt für Mike Landau. Er war schneller wieder weg, als ich mit den Augen zwinkern konnte. Er kam rein, spielte einen Take – schwups, war er wieder fort. Ebenso Vai. Während er ging, meinte er: Mir gefällt es wie dein Zeug klingt. Er hatte keinen Amp mitgebracht, weil es kein Geld gab. Wir hatten weder Zeit, noch Geld! Es lief nach dem Motto: „Bring deine Gitarre mit und komm her! Ich schleuse dich hier in 15 Minuten durch!“

G&B: Dein Sohn Trevor hat auch mitgewirkt. Bei ‚Carol Of The Bells‘ hat er das 5/4- Powerchord-Intro übernommen.

Steve Lukather: Er war da erst 14. Mittlerweile ist er 16 und hat eine eigene Band. Die machen tolle Musik. Er schreibt mehr so modernes Rock-Zeug. Er ist kein Solist, schreibt aber gute Riffs. Ich fragte ihn: „Willst du mit auf die Platte? Deine erste Session mit Vai und mir – wie wär’s?“ Er kam und spielte das erste Take. Niemand von uns war scharf drauf, diesen Powerchord-Part zu übernehmen aber für ihn war das cool. Er hat es mit dem ersten Take hinbekommen. Ich habe die Viertel auf seinem Rücken geklopft und er hat es sofort gelernt. Da war ich ziemlich stolz!

G&B: Warst du sein Gitarren-Lehrer?

Steve Lukather: Er ist halt zusammen mit mir im Studio aufgewachsen, war mit auf Tour und begann Schlagzeug zu spielen. Und als es mit der Gitarre losging, wollte er Metal-Zeug spielen. Also gab ich ihm ein Dropped-DTuning, stöpselte ihn in einen kleinen Marshall mit einem Distortion-Sound und zeigte ihm: „Tu den Finger hierhin und dorthin.“ Innerhalb von zehn Minuten, spielte er Musik; Metallica-Riffs und solchen Kram. Von diesem Moment gab es kein Zurück mehr – es hatte ihn erwischt. Er wurde besser und besser und kennt sich schon ziemlich gut aus. Er hat ein tolles Timing und Feeling. Aber er will auf keinen Fall so sein, wie ich. Daher meinte ich zu ihm: „OK, sei einfach Trevor! Leg dir einen anderen Namen zu, das würde mich nicht stören! Sei einfach du selbst!“

G&B: ‚The Christmas Song‘ ist zusammen mit Larry Carlton arrangiert worden. Wann und wo war das? Schließlich ist er auf ‚Santa Claus‘ ja nicht zu hören.

Steve Lukather: Als wir zusammen auf Tour waren, saßen wir mal Backstage herum und ich meinte: „Larry, gib mir eine Unterrichtsstunde! Zeig mir solch cooles Akkord-Melodie-Zeug!“ Zu der Zeit ging es auch gerade auf Weihnachten zu. Es war November und wir waren in Japan zusammen unterwegs – kurz vor Weihnachten 1998. „Zeig mir ein paar hippe Voicings, Larry!“ sagte ich und merkte mir, was er vorführte. Er hat das Arrangement dadurch auf jeden Fall inspiriert. Manche Akkorde habe ich auch komplett von ihm gestohlen, also musste ich ihn einfach als Co-Arrangeur nennen.

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Equipment

Beim Gig am Abend ist Luke bester Dinge und glänzt einmal mehr mit gelungenen Hendrix-Interpretationen. An seinem Equipment hat sich seit der Story in G&B 01/2003 so gut wie nichts verändert. „Ein Bob-Bradshaw-Preamp, VHT-Power-Amps, drei Boxen mit jeweils zwei 12″-Vintage-30-Speakern und einige weitere kleine Spielereien, wie Lexicon-PCM-Hallgeräte, ein Tremolo, ein Uni Vibe … Außerdem habe ich jetzt einen Octavia und dieses wirklich coole Tonebone-Fuzz (des Herstellers Radial), das mit einer echten Röhre ausgestattet ist. Brandneu! Eric Johnson benutzt das Teil und dann haben sie noch mich, Steve Stevens und Neal Schon deswegen angesprochen. Sie schickten mir das Teil und ich stöpselte meine Gitarre ein und – normalerweise benutze ich solches Zeug gar nicht – aber dieses Gerät klingt echt sweet. Das singt total! Nicht wie sonst, wenn man auf ein Fuzz drauftritt. Gefällt mir!“

Das Wichtigste zum Schluss: Natürlich hatte Steve Lukather auch wieder seine beiden mit .009er-Ernie-Ball-Saiten bespannten MusicMan-Luke-Gitarren dabei. Und auch die Ovation-Adamas-Acoustic, für ruhigere Momente – denn bald ist Weihnachten.

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