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Weniger ist mehr

Interview: Jared James Nichols

(Bild: Stefan Woldach)

Mit Fingerstyle-Spieltechnik, modifizierter Gitarre und rauen Blues-Rock-Tunes wurde der Mann aus Wisconsin zu einem Senkrechtstarter der amerikanischen Gitarrenszene. Die fast logische Konsequenz: Für die nächsten Schritte bekam er eine Signature-Gitarre und einen Signature-Amp.

Nicht nur sein Gitarrenspiel ist imposant: Mehr als 1,90 m Körpergröße, ein strahlendes Großraumlächeln und ein beängstigender Händedruck machen die Begegnung mit „JJN“ zu einem erinnerungswürdigen Erlebnis. Der 30-jährige Lockenkopf ist zudem entwaffnend sympathisch, freundlich und unkompliziert. Und er plaudert mit Begeisterung über Musik, Gitarren und Amps.

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Der Mann aus dem Provinznest East Troy in Wisconsin, in dessen Nähe auch ein gewisser Lester Polfus aufwuchs, gibt sich ungemein bescheiden und dankbar. Nichols hat nicht vergessen, wie er 2010 mit nichts als seinem Gitarrenkoffer loszog, um seinen Traum wahr zu machen und in L.A. sein Glück als Profimusiker zu versuchen. Tatsächlich gewann er dort den „Gibson Les Paul Tribute Contest“ – Ausgangspunkt für seine rasante Karriere zum Blues-Rock-Star, dessen Einflüsse von Albert King, Leslie West, Paul Kossoff und Stevie Ray Vaughan in einer interessanten Spielweise und bemerkenswert authentischen Sounds resultieren.

Interview

Jared, „Old Glory“, deine modifizierte Gibson Les Paul Custom, wurde zu deinem Markenzeichen. Inzwischen hast du eine Epiphone Signature Les Paul nach deinen Vorstellungen gebaut bekommen. Glückwunsch!

Danke! Eine Signature-Gitarre zu haben, fühlt sich völlig unwirklich an. Ich fühle mich geehrt und glücklich! Diese Gitarre vereint fünf Jahre Experimente in einem perfekten Instrument. Die Jungs bei Epiphone haben einen großartigen Job gemacht. Als ich begann, mich mit Les Pauls auseinanderzusetzen, probierte ich Standards, Goldtops, Juniors, Specials und Customs. Ich beschäftigte mich intensiv damit, was genau ich an jeder Gitarre mochte. Am Ende entschied ich mich für die Custom-Variante. Das hatte mit ihrem Gewicht zu tun und mit den ausgeprägten Mitten, die diese Gitarren mitbringen, der „Midrange Chunk“, wie ich das nenne.

Dann mag ich P-90-Pickups lieber als Humbucker. Sie bilden die Mitten schärfer ab. Die Art, wie ein Les-Paul-Custom-Body über einen P-90 klingt, ist eine coole Kombination: lebendig, vital, elektrisch und sehr mittenbetont. Das ist die Story hinter „Old Glory“, die als Vorlage diente. 2018 boten mir die Jungs von Epiphone an, so ein Instrument für mich zu bauen. Weihnachten war der Prototyp fertig.

Als ich die Gitarre aus dem Koffer nahm, konnte ich es kaum fassen, wie großartig sie ist. Auch die Publikumsreaktionen waren unglaublich positiv. Die 500 zur NAMM Show gebauten Exemplare waren sofort vergriffen.

Epiphone Jared James Nichols Signature „Old Glory"
Seymour-Duncan-P-90-Pickup, Wrap-Around-Bridge und „Blues Power"-Plate

Mit einem Seymour Duncan P-90, einem Wrap-Around-Tailpiece und einem Volume- und Tone-Regler ist das ein kompromissloses Instrument mit viel Charakter.

Es ist eine sehr einfache, konsequente Gitarre. Der Seymour Duncan P-90 macht enormen Druck, hat reichlich Dreck und besitzt trotzdem Transparenz. Die Wrap-Around-Bridge wollte ich, weil sie mir mehr dynamische Kontrolle bietet, wenn der Ballen meiner rechten Hand beim Spielen auf der Bridge liegt. Nuancen lassen sich so ein wenig besser artikulieren und abdämpfen. Einige denken, diese Bridges besäßen keine besonders gute Intonation, weil kein Finetuning möglich ist. Aber hey: Ich spiele keine komplexen Jazz- Akkorde am 14. Bund! Ich bin eher ein barbarischer Blues-Höhlenmensch! (lacht) Nach einiger Erfahrung kann ich sagen, dass die Intonation der Wrap-Around-Bridge großartig funktioniert. Außerdem finde ich, dass sie zusätzlich Druck in den Mitten gibt. Und das passt einfach zu meinem Stil.

Und zur Abdeckplatte „Blues Power“ unter der Bridge: Sie ist inspiriert von den „Custom Made“-Plates. Die haben sie bei Gibson verbaut, wenn jemand eine Gitarre mit Tune-o-matic-Bridge nachträglich mit einem Bigsby-Vibrato nachrüsten wollte. Dadurch waren die beiden Bohrlöcher der Schraubhülsen des Stop-Tailpieces sichtbar. Die wurden dann mit so einer „Custom Made“-Platte abgedeckt. Als ich „Old Glory“ von der Tune-o-matic zur Wrap-Around-Bridge modifizierte, hatte ich das gleiche Problem. Also besorgte ich mir so eine „Custom Made“-Platte. Als ich jetzt mit Richard Akers von Epiphone mein Signature-Modell plante, änderten wir das dann in „Blues Power“.

Du hast mal in einem YouTube-Video eine 1958er Gibson Les Paul Custom Black Beauty gespielt. Du scheinst aber nicht viel auf Vintage-Instrumente zu geben.

Ich habe inzwischen eine Menge netter Kollegen kennengelernt, die darauf schwören – wie z.B. Joe Bonamassa. Versteh mich nicht falsch: Auch für mich als Gitarrist ist es toll, alte Instrumente antesten zu dürfen. Und viele spielen sich auch richtig gut. Das sind halt die legendären Originale, die Vorbilder. Aber als Nutzer habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet, ein wertvolles altes Instrument live zu spielen. Ein altes Instrument ist ja nicht automatisch besser. Am Ende klingt jedes Instrument ohnehin nur nach dir: weil du es spielst!

Legenden wie Leslie West und Edward van Halen haben gerne den Vorteil der Limitierung ihres Instruments betont. Worin liegt der Vorteil nur einen Bridge-Pickup zu haben?

Ich vertrete hundertprozentig die These, dass weniger mehr ist! Ich habe mich intensiv mit Leslie West beschäftigt. Sein Sound war der Türöffner für mich. Ich habe mir sämtliche Bootlegs der Jahre 1969-1972 angehört, den Sound aus seiner Gibson Les Paul Junior über seinen Sunn-Coliseum-PA-Amp, und konnte es kaum glauben! Warum glauben heute so viele Gitarristen sie brauchen mehr Effekte? Noch einen Overdrive, einen Boost, ein Fuzz! (lacht) All das macht dich nicht zu einem besseren Gitarristen. Eine Gitarre, ein Amp und deine Vorstellungskraft – das ist der Punkt, an dem du weißt, wo du stehst. Ein inspirierter Gitarrist wird immer glänzen, egal womit.

Welche Bedeutung kommt in diesem Konzept Volume- und Tone-Regler in Verbindung mit dem P-90 zu?

In meinen Workshops demonstriere ich den Leuten, dass jede Zahl auf dem Volume- und dem Tone-Regler tatsächlich eine Bedeutung hat. Besonders in Verbindung mit einem P-90 passiert etwas unbeschreiblich Schönes. Spiel ein Riff zehn Mal mit unterschiedlicher Einstellung und Anschlagsintensität und du erhältst zehn Variationen des Riffs. Es ist eine wichtige Erkenntnis, um wie viel dein Ton cleaner wird, je mehr du den Volume-Regler herunterdrehst. Auch der Tone-Regler gibt dir tolle Möglichkeiten, mit denen du viele Variationen in dein Spiel bringen kannst.

Du spielst mit den Fingern wie Wes Montgomery und Jeff Beck. In der Artikulation deines Anschlags spielt aber vor allem Albert King eine wichtige Rolle.

Er ist der Hauptgrund, warum ich mit den Fingern spiele. Sein Abschlag mit Daumen und sein Aufschlag mit dem Zeigefinger waren das Vorbild für meine Technik. Auch Jeff Beck auf ‚Blow By Blow‘. Ebenso Otis Rush. Oder Albert Collins. Im Fingerstyle zu spielen gibt dir etwas Unverwechselbares. Es hat eine gewisse Schlichtheit. Außerdem will ich die Saiten spüren, die Noten, die ich spiele – und zwar an beiden Händen! Das ist ein gewaltiger Unterschied, glaub mir!

Signature Blackstar JJN-20RH MKII in Racing Green (Bild: Stefan Woldach)

Für die Verstärkung hast du inzwischen deinen Signature-Blackstar-JJN-20RH-MKII-Amp. Welche Features sind dir wichtig?

Meine Vorstellung war, mich in einen Amp einzustöpseln und genau meinen Ton zu haben. Als ich auf Tour durch England war, luden mich die Jungs ein und wir planten von morgens bis abends den kompletten Amp durch. Ich beschrieb ihnen meine Vorstellungen: einen Röhren-Amp mit 20 Watt, der mir alle Sounds bietet, die ich mag, der ordentlich Headroom hat und raumfüllend klingt. Mein Signature-Amp hat jetzt zwei umschaltbare Kanäle, jeder mit zwei Voicings.

  • Voicing 1 des ersten Kanals ist super-clean, perfekt für Pickings, die eine gewisse Spritzigkeit und Glanz haben sollen, wie man sich das von einem Vintage-Fender-Amp wünscht.
  • Voicing 2 ist mein sogenannter „Free“- Kanal, mit dem mache ich meine Paul-Kossoff-Sounds, also genug Gain, dass es geil klingt, der Ton aber dennoch genug Masse und Kraft besitzt. Das ist mein Rhythmus-Sound. Der zweite Kanal ist für ungezügelte Blues-Solo-Power, da stöpsel ich mich ein, reiße alles auf und meine Welt ist in Ordnung! (lacht) Das ist dieser High-Gain-Sound wie ihn Leslie West bei Mountain hatte. Und dann ist da noch Voicing 2, wenn ich mal komplett abgehen will, mit vollster Verzerrung und Feedbacks.

Nicht zu vergessen die Lautsprecher-Box: Sie hat zwei 12″-Celestion-Speaker und zwar zwei unterschiedliche. Der untere ist ein V-Typ, der obere ein G12T-75, wie ihn Edward van Halen benutzt hat. Die Box gibt mir eine Menge Punch und Midrange, also genau das, was ich liebe. Die Box setzt perfekt das um, was der Amp zu bieten hat.

Es gibt endlose Diskussionen im Internet, welche Röhren die besten seien. Warum sind aus deiner Sicht EL84 die beste Wahl?

Ich habe alle nur erdenklichen Röhrentypen durch: 6L6GC, EL34, KT88 und eben die EL84. Sie haben dieses gewisse Etwas, das sich aus meiner Sicht einfach „richtig“ anhört. Wenn ich meinen Amp aufreiße, will ich beim Spielen dieses Gefühl haben, als ob du beim Rodeo auf einem Bullen reitest. Dieses Gefühl von Kraft, Urgewalt, Unsicherheit und Adrenalin. Klar, das kann auch in die Hose gehen, aber wenn du diese Kraft kontrollieren kannst, ist es wundervoll! Nach meinem Geschmack gehen heute zu viele Gitarristen auf Nummer sicher. Versteh mich nicht falsch, da ist nichts verkehrt dran.

Aber für meine Musik brauche ich diese Komponente ungezügelter Wildheit, kurz vor dem Eskalieren. Das lässt mich wach sein! Auch Leslie West hatte genau diesen Sound. Und er klang immer am besten, wenn sein Ton fast außer Kontrolle geriet und er gerade noch so die Oberhand behielt. Sein Spiel hatte immer etwas Gefährliches. Das liebe ich.

Du nutzt nur selten Effekte, und wenn, dann den Seymour Duncan Killing Floor High Gain Boost und ein Dunlop Fuzz Face.

Ich mag Effekte nur für bestimmte Momente. Der Seymour Duncan ist ein guter transparenter Boost und ist nur dabei, weil ich manchmal auf Tour nicht weiß, was für einen Amp ich hingestellt bekomme. Manchmal bekomme ich einen Fender Twin Reverb, da ist es gut, den Booster im Gepäck zu haben. Ich mag Verzerrer und habe auch ein paar alte Fuzz Faces zu Hause. Ich mag alte Effekte.

Wofür ich mich nie richtig begeistern konnte, sind Modulationseffekte und Delays. Irgendwie passen die nicht zu meinem Stil. Im Studio mag etwas Delay ganz OK sein, aber auf der Bühne brauche ich das nicht. Und seien wir ehrlich: Es gibt heute so viele Delays, Flanger, Overdrives, Fuzzes und Boosts! Wer will die alle testen? Wer will die alle spielen? (lacht)

Vielen Dank fürs Gespräch!

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2019)

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