Meilenstein 1990

Faith Hope Love by King´s X

Es spielt kaum eine Rolle, welches Album man sich aus der über 26-jährigen Schaffensphase der texanischen Band herauspickt. Doug Pinnick (b, voc), Ty Tabor (g, voc) und Jerry Gaskill (g, voc) klangen stets sehr eigen und spielten Heavy-Rock, der nicht nur stark vom Progressive-Stil beeinflusst war, sondern entsprechend der Bedeutung des Wortes „progressiv“ der Zeit wirklich immer etwas voraus war.

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FOTO: MEGAFORCE/GEORGE CRAIG, SPV/INSIDE OUT

 

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Die Wurzeln der Band King’s X reichen ins Jahr 1980 zurück. Damals spielte man als „The Edge“ Cover-Rock. Ab 1983 nannte sich das Trio „Sneak Preview“ und die Musiker begannen, eigene Songs zu schreiben. Schließlich kam 1988 das Debüt-Album ,Out Of A Silent Planet‘ heraus, jetzt endlich als King‘s X. Für mehr Aufmerksamkeit sorgte ein Jahr später ,Gretchen Goes To Nebraska‘. Im Oktober 1990 stand in dicken Lettern ,Faith Hope Love By King’s X‘ auf dem Cover des neuen Albums. Große Themen wurden also angepackt, und entsprechend startet ,We Are Finding Who We Are‘ mit einem mächtigen zweistimmigen Gitarre-/Bass-Lauf, über gezupfte Akkorde breiten sich dann die typischen mehrstimmigen Gesänge aus, die Kritiker mit Recht gerne als „beatlesque“ bezeichnen. Das war es aber auch schon mit den Bezügen zu den britischen Fab Four.

Es wird mit viel Funk-Feeling deftig und modern gerockt. In den vokalen Schluss drängt das melodische Intro-Riff von ,It‘s Love‘, in dem Ty Tabor später mit einem virtuosen Solo beeindruckt, das hendrix‘sche Rock-Energie mit neuzeitlichen Spieltechniken paart. Sehr schön kommen die irgendwie „leicht“ wirkenden Akkorde in ,I‘ll Never Get Tired Of You‘ , die auch in einem Joe-Satriani-Instrumental auftauchen könnten. Im ,Moanjam‘ geht‘s mit Lemmy-Speed nach vorne, cool wie im Gitarrensolo die Bendings gesetzt werden, später zeigt Ty mit Tappings, lang ausgehaltenen Noten und deftigen Vibratohebel-Attacken was zeitgemäßes Rock-Gitarrenspiel bedeutet. Einen größeren Kontrast hätten King‘s X mit der Ballade ,Six Broken Soldiers‘ nicht folgen lassen können. Dank Pinnicks souligem Falsett-Gesang, schrägen Cello-Harmonien und rückwärts abgespielter Pipe-Organ verbreitet der Song eine Atmosphäre, wie man sie auch von Prince kannte.

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FOTO: MEGAFORCE/GEORGE CRAIG, SPV/INSIDE OUT
King‘s X: The Rocker, the Punk & the Hippie

Herzstück des Albums ist der über neun Minuten lange Titeltrack, bei dem sich psychedelische Momente mit melodischen Vocals und knackigen Gitarren-Riffs zu einem dramatischen Mini-Epos verbinden. Immer beeindruckend ist der Breitwand-Sound dieses Power-Trios, der stark von Dougs offensivem Bass bestimmt wird. In den frühen Jahren setzte der Linkshänder einen 12- saitigen Hamer B12S ein, bei dem zu den regulären E-, A-, D- und G-Saiten jeweils noch zwei Oktav-Saiten hinzukommen; die Stimmung lautet also Eee-Aaa-Ddd-Ggg. Später spielte Doug auch 12- und 4-saitige Bässe von Yamaha. Für seinen Sound setzte er live sechs Ampeg SVT 8×10-Cabinets und Ampeg-SVT-Verstärker ein, die er mit einem Fender Dual Showman kombinierte.

Auf den ersten vier King‘s-X-Alben resultierte der Gitarren-Sound im Wesentlichen aus der Kombination einer 80er Fender Elite Stratocaster (die u.a. eine aktive Mid-Boost-Schaltung bot) und einem Gibson Lab Series L5 Transistor-Verstärker. Dessen Klang genießt unter Fans einen hohen Kultwert, was die Facebook-Seite mit dem Titel „Ty Tabor, Please Bring Back the Lab Series L5“ illustriert 🙂 In Live-Videos der Zeit sieht man hinter Tabor jedenfalls auch 4×12-Boxen-Stacks, später hat er Amps und Boxen u.a. von Mesa/Boogie, Egnater und Randall eingesetzt, aktuell sieht man ihn mit Orange-Amps. Abgesehen von der Verzerrung geht Tabor mit Effekt-Sounds auf ,Faith Love …‘ recht sparsam um, lediglich mal ein Chorus oder Hall sind zu hören. Essentieller für Tys Sound sind verschiedene Down-Tunings, wie Drop D oder Drop C, die er neben der Standardstimmung benutzt.

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FOTO: MEGAFORCE/GEORGE CRAIG, SPV/INSIDE OUT
Die Single: It‘s A Long Way To The Top

King‘s X setzten damals mit ihrem neuen Album wieder ein dickes Ausrufezeichen und die Dinge liefen zunächst gut. So trat die Band im Vorprogramm der The-Razor‘s-Edge-Tour von AC/DC auf. Allerdings waren die Musiker auch in Auseinandersetzungen mit ihrem Manager Sam Taylor verstrickt und erst nach der Trennung von ihm und der Veröffentlichung von ,Dogman‘ (1994) ging‘s wieder aufwärts (mehr zu diesem Album findet man in G&B 06/2005). Die US-Rockmusik war zu Beginn der 90er-Jahre im Umbruch. Die Red Hot Chili Peppers mixten Rock mit Funk, und Nirvana und Soundgarden gaben der Szene neuen Schub mit aggressiven punkigen Gitarren-Sounds und tiefer gestimmten Instrumenten.

Aber am Hype um „Crossover“ und „Grunge“ konnten Pinnick & Co nie im ganz großen Stil partizipieren. Vielleicht war ihre Musik zu jenem Zeitpunkt einfach zu vielschichtig und passte nicht in die neuen Schubladen, bewegte sich trotz angesagter Verschmelzung aus Metal und Funk immer noch zu nah am eher intellektuellen Prog-Rock. Doug Pinnick, Ty Tabor und Jerry Gaskill zogen ihr Ding kompromisslos durch und besetzten spätestens mit ,Faith Hope Love By King‘s X‘ eine eigene Nische. Viel Spaß beim (Wieder-)Entdecken!

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FOTO: MEGAFORCE/GEORGE CRAIG, SPV/INSIDE OUT
Doug Pinnick und Ty Tabor live 2003
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