G&B Classics!

Gibson SG: Die Geschichte eines Klassikers

Gibson SG

Die Solidbody Gitarre war eine der radikalsten Erfindungen der Gibson-Firmengeschichte. Trotzdem ist sie die am längsten ohne Unterbrechungen produzierte E-Gitarre des Herstellers. Seit über 50 Jahren rockt die Solidbody die Welt!

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Radikale neue Designs werden in der Regel dann präsentiert, wenn die Firma ein Problem hat. Und genau solch ein Problem hatten die Mannen um Gibson-CEO Ted McCarty um 1960 herum, denn die Verkäufe, insbesondere ihres Top-Sellers Les Paul, waren merklich zurückgegangen. Zu altbacken das Design, zu hoch das Gewicht, zu dumpf der Klang – die moderne Musik dieser Zeit fand praktisch ohne Gibson statt! Alle Welt wollte den hellen, durchdringenden Klang und das schnittige Design, das die Gitarren des größten Konkurrenten Fender auszeichnete.

So war die Country-Musik längst fest in Telecaster-Hand, der Rock ’n’ Roll, ursprünglich eine Gibson-Domäne, bereits von Strat- und Tele-Sounds durchsetzt, und in der modernen Musik wie z. B. dem wilden Surf hatte eine Gibson gar nichts verloren. Da blieb nur angestaubter Jazz und leichte Unterhaltungsmusik, wo Gibson weiterhin den Platzhirsch gab. Der Angriff der Fender Jazzmaster auch auf dieses Genre konnte zwar dank der konservativen Einstellung dieses Klientels abgewehrt werden, aber dafür erfreute sich das Fender-„Jazz“-Modell ausgerechnet im modernen Surf einer enormen Beliebtheit, die sich natürlich auch in Verkaufszahlen ausdrückte. Ted McCarty traf daraufhin eine schwere, aber konsequente Entscheidung: Die Produktion der Gibson Les-Paul-Serie sollte Ende 1960 eingestellt und im gleichen Atemzug die neue Les Paul vorgestellt werden, die SG Les Paul.

Katalog von 1961
Gibson Katalog von 1961 mit Les Paul und Mary Ford.

Les Paul

Gibson und der Gitarrist Les Paul schienen damals noch unzertrennlich, genau wie Les Paul und Mary Ford, das Traumpaar der amerikanischen Unterhaltungsindustrie der 50er-Jahre. Doch beide Verbindungen zerbrachen Anfang der 1960er. Les Paul diskreditierte die neue Gitarre, die noch seinen Namen trug, in aller Öffentlichkeit und unterschrieb den ihm vorgelegten neuen Vertrag zur Verlängerung seines Engagements mit dem Hersteller 1962 erst einmal nicht.

Die Hörner an der Gitarre seien zu spitz, man könne sich daran verletzen, erzählte er 1982 dem amerikanischen Journalisten Tom Wheeler. Und weiter: „Die erste SG Les Paul sah ich in einem Musikladen, und die Form mochte ich überhaupt nicht. Die Gitarre war zu dünn und den Hals- Pickup hatten sie ein Stück nach hinten versetzt, damit sie meinen Namen noch unterbringen konnten. Der Hals war auch viel zu dünn und ich mochte überhaupt nicht, wie er am Korpus saß.

1970er Katalog
Die Eckpfeiler der SG-Familie- Custom, Standard, Special und Junior (Aus dem 1970er Katalog)

Diese Gitarre hatte nichts mehr mit meinem Design zu tun.“ Trotz dieser markigen Worte und entgegen der Tatsache, dass sowohl er als auch Mary Ford live immer noch die alten Les Pauls spielten, war Les Paul sich nicht zu schade, auf vielen offiziellen Gibson-Fotos der frühen 60er-Jahre mit einer SG Les Paul zu posieren. Schließlich wurde er prozentual nach verkauften Gitarren bezahlt, also schob er mit seiner Popularität auch den Verkauf des neuen Modells an. Les Paul war eben nicht nur ein erstklassiger Musiker, sondern auch ein Schlitzohr mit einem ausgeprägten Sinn fürs Geschäftliche.

Was uns zum wahren Grund der Beendigung seines Geschäftsverhältnisses mit Gibson führt. Zum Zeitpunkt der möglichen Vertragsverlängerung befand er sich nämlich in Scheidung von Mary Ford und befürchtete, bei Unterzeichnung eines neuen lukrativen Vertrags hohe Zahlungen an seine zukünftige Ex-Frau leisten zu müssen. Das neue Gitarrenmodell bot ihm daher eine willkommene Gelegenheit, aus der Geschäftsbeziehung mit Gibson erst einmal auszusteigen.

SGs von 1972
Größer, klobiger und gar nicht mehr schön- Die SGs von 1972.

Zum Erfolg verdammt

Die Gibson-Chefetage hatte Anfang der Sechziger tatsächlich Grund, mehr als nervös zu sein. 1960 hatte man $ 400.000 Dollar in den Ausbau der Fabrikationsstätten in der Parsons Street in Kalamazoo investiert und deren Größe auf 12.000 m2 verdoppelt. Gibson brauchte nun einen deutlichen Zuwachs der Verkaufszahlen, um die gewaltigen Kapazitäten auszulasten und die Kredite zu stemmen! Mit der Bürde dieser hohen Erwartungen ging die neue SG Les Paul 1961 dann an den Start. War zwar die eigentliche Gitarre ein neues Design, so war doch ihr Name bereits vorher benutzt worden, wenn auch nur kurz.

Ende 1959 wurde die Doublecutaway Les Paul TV in SG TV umbenannt, genauso wie die Les Paul Special und die Les Paul Special 3/4 entsprechend in SG Special und SG Special 3/4. „SG“ stand dabei einfach für „Solidbody Guitar“, und natürlich nicht wie man manchmal liest – für „Satan’s Guitar“. Da hatten wohl einige die beiden spitzen Korpushörner dieser Gitarre falsch interpretiert. Der große Entwicklungssprung passierte dann tatsächlich 1961 – die Les Paul Standard, Les Paul Junior und Les Paul Custom erschienen in komplett neuer Gestalt.

SG Katalog von 1987
Die wieder erstarkte SG-Familie, mit der erfolgreichen 62 Reissue im Mittelpunkt (Katalog von 1987).

Sieht man sich das Design der neuen SG-Les- Paul-Modelle an und vergleicht dies mit den früheren Gibson-Modellen, wird man feststellen, dass hier in der Tat ein radikaler Schnitt vorgenommen wurde. Alle anderen Modelle des Herstellers, sieht man einmal von den futuristischen Studien Flying V, Explorer und Moderne von 1958 ab, orientierten sich bis dato mehr oder weniger stark an der eigenen Tradition. Also an Archtop-Jazzgitarren mit einer gewölbten Decke und ohne oder mit nur einem Cutaway. Ausnahmen wie die billigen „Student“-Modelle Les Paul Junior und Special in den DoubleCut- Versionen bestätigen nur die Regel.

Ted McCarty erklärte das neue Design damals so: „Die Musiker wollten zwei Cutaways, weil sie vermehrt die sechste Saite mit dem Daumen greifen, was bei einem einzelnen Cutaway natürlich nicht so gut funktioniert.“ Richtig – die neuen Ton angebenden Musiker waren eben keine geschulten Gitarristen mehr, die eine korrekte Haltung der Greifhand gelernt hatten, sondern selbstbewusste Selfmade- Typen, die einfach um den Hals herum griffen und so auch mal den Daumen mit ins Spiel brachten. Also bekam das neue, leichte Gibson-Modell zwei Cutaways, einen deutlich dünneren Korpus (ca. 44 mm) mit flacher Decke und auffälligen, fast schon künstlerisch konturierten Korpuskanten.

1994er Anzeige mit Carlos Santana
Der 1994er Katalog bringt die SG Custom und Carlos Santana auf einer Seite unter.

Als Material für Korpus und Hals hielt man an Mahagoni fest, auch die Hals- und Mensurmaße waren die gleichen wie bei den alten Les-Paul-Modellen. Um den Zugang zu den hohen Bünden so bequem wie möglich zu machen, fand der Hals-/Korpusübergang praktisch am vorletzten, dem 21. Bund statt. Anfangs war der Hals mittels eines kräftigen Zapfens in den Korpus geleimt, der bis in die Fräsung des Hals-Pickups reichte. Diese Verbindung war sehr stabil, was sich zwei Jahre später änderte, als Gibson den Hals-/Korpusübergang fließender gestaltete und damit konstruktionell schwächte. 1967 besann man sich wieder eines Besseren und führte neben einem wieder stabileren Hals-/Korpusübergang das so genannte Mortise & Tenon-System (deutsch: Feder & Nut) ein, bei dem wieder ein Zapfen fest in einer Art Halstasche saß.

Der Start

Die neue Modellreihe verkaufte sich trotz des radikal-neuen Designs sehr gut, das Werk verzeichnete 1961 eine deutliche Produktionssteigerung im Vergleich zum Jahr davor. Knapp 6000 SG Les Pauls wurden in den ersten drei Jahren verkauft. Und das, obwohl die neue SG Les Paul teurer als die alte Les Paul war! In der Preisliste vom 1. September 1961 tauchte die SG Les Paul Standard zu einem Preis von $ 290 auf, die Les Paul Standard kostete im Mai-Katalog von 1960 dagegen nur $ 265. 1963 entfernte Gibson dann den Zusatz „Les Paul“, fortan hieß die Gitarrenreihe nur noch SG.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 1

Die SG-Flotte bestand aus vier Modellen: Die nur in Cherry angebotene SG Les Paul Junior ($ 155) hatte einen P-90-Pickup in Dogear- Bauform, einen Wraparound-Einteilersteg, je ein Volume- und Tone-Poti, ein Palisander- Griffbrett ohne Einfassung und mit Punkteinlagen sowie Kluson-Mechaniken mit kleinen, weißen Plastikknöpfen. Ebenfalls in Cherry kam die SG Les Paul Standard ($ 310), hatte zwei Humbucker, je zwei Volume- und Tone- Regler, einen Dreiweg-Schalter, ein eingefasstes Griffbrett mit „Crown“-Einlagen, meist Kluson-Mechaniken mit „Tulip“-Plastikknöpfen und eine Tune-o-matic-Brücke in Kombination mit dem neuen Sideways-Pull- Vibratosystem. Das Topmodell war die weiß lackierte SG Les Paul Custom ($ 450) mit drei Humbuckern, je zwei Volume- und Tone-Regler, Dreiweg-Schalter, eingefasstem Ebenholzgriffbrett mit Blockeinlagen, meist Grover-Mechaniken mit Metallflügeln und einer Tune-o-matic-Brücke mit Sideways- Pull-Vibratosystem.

Zu allem Überfluss war die komplette Hardware der Custom vergoldet – eine Gitarre, die natürlich nahtlos an die prächtige Erscheinung der alten Les Paul Custom anknüpfen sollte, die abgesehen von ihrer schwarzen Lackierung identisch ausgestattet war – bis hin zum flachen Bunddraht mit fast rechteckiger Krone, der den beiden Gitarren den Spitznamen „Fretless Wonder“ eingebracht hatte. Die SG Special tauchte in der Transition-Periode (von der SG Les Paul zur SG-Ära) zwischen 1961 und 1963 nicht als SG Les Paul Special auf, dafür aber bereits 1962 als SG Special, wahlweise in Cherry oder Cream.

SG-Collection von 2006
Die Les-Paul- und SG-Collection von 2006.

In der Preisliste von 1963 ist sie dann mit $ 225 gelistet und entsprach in Optik und Ausstattung der SG Junior – bis auf die Tatsache, dass sie einen weiteren P-90-Pickup in der Halsposition trug und dementsprechend zwei weitere Potis und einen Dreiwegschalter an Bord hatte. Die Bodies der drei SG-Les-Paul-Modelle, der SG Special und der 1961 wiederbelebten SG TV waren aus leichtem Honduras-Mahagoni mit liegenden Jahresringen gefertigt, die Hälse aus dem gleichen Holz, aber mit stehenden Jahresringen.

Die Kopfplatten bekamen rechts und links „Ohren“ aus Mahagoni angeleimt, um die typische Gibson-Form zu ermöglichen, und neigten sich in einem Winkel von 17° nach hinten. Lackiert wurden mehrere Schichten Nitrocellulose-Lack, die letzte war auf Hochglanz poliert. Frühe Versionen der Standard und Custom waren noch mit „Patent Applied For“-Pickups ausgestattet, die schon bald durch die Patent- Number-Pickups respektive in späteren Jahren durch die jeweils aktuell produzierten Gibson-Pickups ersetzt wurden. Bereits 1962 debütierte die EDS-1275, die Doubleneck-SG. Der leichte und kleine Body der neuen Gitarren war prädestiniert für solch ein großes Instrument, das damals nur auf Bestellung gebaut wurde und in den 70er-Jahren mit Jimmy Page und Led Zeppelin zu Weltruhm gelangte.

Durch die 60er

Mit dem Wegfall des Namens von Les Paul änderten sich ab 1963 einige weitere Details. Der Hals wurde in den unteren Lagen etwas schmaler, der Winkel der Kopfplatte flacher (jetzt 14°). In der Mitte dieser Dekade war der Höhepunkt des amerikanischen EGitarren- Booms erreicht, nicht weniger als anderthalb Millionen E-Gitarren wurden verkauft. Gibson selbst hatte seinen Umsatz zwischen 1960 und 1963 dank der neuen SG-Serien und einiger alter Erfolgsmodelle wie der ES-335 sogar verdoppeln können.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 2

Auch der Melody Maker wurde 1965 die nun erfolgreiche SG-Form übergestülpt, sie war jetzt die günstigste Gitarre im Sortiment des Herstellers. 1966 war erneut ein Jahr vieler Veränderungen. Die wichtigste sicherlich der Weggang Ted McCartys und damit das Ende seiner Ära bei Gibson, der Firma, der er seit 1948 angehört und deren Entwicklung er maßgeblich beeinflusst hatte. Ab 1966 lenkte er die Geschicke von Bigsby. Gibson verbesserte im gleichen Jahr, wie oben schon gesagt, den Hals-/Korpusübergang der SG, die offensichtlichste Veränderung war jedoch die Einführung des großen Schlagbretts, das jetzt um die Pickups herum führte und die Optik der SG-Serie sehr eindrucksvoll prägte.

1968 wurde Stanley Rendell neuer Gibson- Präsident. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Verkäufe insgesamt, aber auch speziell bei Gibson, wieder deutlich nachgelassen und die Produktion war in einem jämmerlichen Zustand, wie der Gitarrist Bruce Bolen beschreibt, der ab 1967 bei Gibson arbeitete. Er erinnert sich: „Einer der Gründe, warum ich angeheuert wurde, war der, die E-Gitarrenproduktion auf Vordermann zu bringen. Die SGs waren damals die einzigen Solidbody-Gitarren die wir hatten, dazu kamen noch ein paar Archtops und Thinlines wie die ES-335. Doch die haben sich damals alle nicht gut verkauft.

Pete Townsend SG
Pete Townsend SG

Der Verkaufsrenner dieser Tage waren Gibson-Akustik-Gitarren!“ Für die tapfere SG verfinsterte sich die Sonne dann endgültig, als Gibson 1968 die ursprüngliche Les Paul wieder auf den Markt brachte. Der Blues-Boom im Allgemeinen und Eric Clapton im Besonderen schufen weltweit große Begehrlichkeiten nach der nun wieder guten, alten Les Paul. Die hat die SG dann auch schnell ins Abseits gedrängt, obwohl sie weiterhin von vielen Top-Gitarristen gespielt wurde. George Harrison z. B. hatte große Teile von ‚Revolver’ damit bestritten und ausgerechnet ihr hauptamtlicher Totengräber, Eric Clapton, besorgte sich 1967 eine SG Standard, ließ sie vom holländischen Künstlerkollektiv The Fool psychedelisch bemalen und legte mit Cream eine bemerkenswerte Karriere hin, in der diese SG eine genauso bemerkenswerte Rolle spielte. Der Gitarrensound auf dem legendären Cream-Album ‚Disraeli Gears‘ stammt fast ausschließlich von dieser SG.

Die Siebziger

 In den frühen Siebzigerjahren zog die Nachfrage nach E-Gitarren wieder an, und im Schatten der Les Paul erlebte die SG nicht nur eine Erweiterung der kompletten Serie, sondern auch einige Veränderungen ihres Designs. SG-Experten sind sogar der Meinung, dass ab etwa 1971 das originale SGKonzept unzulässig weit aufgeweicht wurde. So wurden die vorher einteiligen Hälse nun aus drei Streifen Mahagoni gefertigt und am Übergang zur Kopfplatte mit einem rückwaÅNrtigen Knubbel („volute“) verstärkt, genau unter dem Zugang zum Halsstab, der schwächsten Stelle des gesamten Halses. Sicherlich eine gute Idee, diese Sollbruchstelle stabiler zu gestalten.

Außerdem wurde der Hals deutlich weiter in den Korpus hineingesetzt, der Übergang auf den 19. Bund verlegt und der Hals ab dem 17. Bund auf seiner Rückseite durch einen massigen Block verstärkt. Gleichzeitig setzte man den Hals parallel zum Korpus an – also wie bei Fender- Gitarren und nicht Gibson-typisch in einem leichten Winkel. Nicht nur die Kopfplatte wurde nun größer, sondern sogar der Korpus! Außerdem wurden die Cutaways und Korpuskanten nicht mehr konturiert, sodass die Gitarre eckiger, ja klobiger erschien.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 3

Das ursprüngliche Design der SG hatte durch all diese Änderungen deutlich an Eleganz eingebüsst und auch die Spielbarkeit der hohen Lagen, einst ein Hauptargument für die SG, unter den Modifikationen des Halsansatzes gelitten. Außerdem rupfte man die SG-Flotte gehörig: Die SG Junior flog komplett aus dem Programm, die SG Standard wurde zur SG Deluxe, die SG Professional ersetze die SG Special. Nur die SG Custom behielt immerhin ihren Namen, die drei Humbucker und die Gold-Hardware, war aber nur in schlichtem Walnut erhältlich und kam wie ihre beiden SG-Schwestern nun auch serienmäßig mit einem Bigsby B-5 Vibratosystem. Als Ersatz für die SG Junior und die SG-förmige Melody Maker wurden die SG-100, – 200 und -250 eingeführt, eher grobschlächtige SG-Varianten mit Ahorn-Korpus und – Hals, letzterer ebenfalls parallel zum Body eingeleimt.

Die nur in Cherry erhältliche SG- 100 trug einen schräg montierten Singlecoil- Pickup direkt am Hals, die SG-200 (Cherry und Walnut) bekam einen zweiten an den Steg gesetzt, die SG-250 entsprach in allen Details der SG-200, war aber in Cherry Sunburst lackiert. Diese drei Gitarren repräsentierten den Tiefpunkt der SG-Historie, wenn nicht der gesamten Entwicklung der Solidbodys des Herstellers. Die Musiker wollten sich nicht mit dem parallel zum Korpus verlaufenden Hals anfreunden, zumal die Saiten in einem ungewöhnlich hohen Abstand zum Korpus verliefen, und keins der insgesamt sechs neuen SG-Modelle konnte das umsetzen, was diesem Gitarrenmodell Anfang der Sechzigerjahre mit auf den Weg gegeben wurde: Eleganz, Leichtigkeit, superbe Spielbarkeit.

Zwar waren diese neuen Gitarren robuster gebaut als die alten, konnten denen aber klanglich nicht das Wasser reichen. Ein Jahr später wurden die Pickups der SG- 100, -200 und -250 durch Mini-Humbucker ersetzt; die gleichen, die Gibson in das erste Les-Paul-Modell nach der Wiederbelebung 1968 eingebaut hatte und die aus hauseigenen Epiphone-Beständen stammten. Hatten diese Pickups in der Les Paul noch schicke Nickelkappen, wurden sie hier in schwarzes Plastik gesteckt. Gleichzeitig, also Ende 1972, stellte man drei weitere SG-Modelle vor, die SG-I, SG-II und SG-III, die die 100er- Serie nahtlos ersetzten, aber bis auf einige unwichtige kosmetische Änderungen nichts Neues brachten. Denn sie wussten damals nicht, was sie taten …

Gleichzeitig wurden auch die „normalen“ SGs einer gründlichen Revision unterzogen, nur ein Jahr nach der vorherigen! SG Deluxe und Professional wurden gestrichen und durch altbekannte Namen, SG Standard und Special, ersetzt. Auch wurde nun der immer noch dreiteilige Hals (mit volute) wieder in einem leichten Winkel in den Korpus geführt, der Hals-/Korpusübergang wieder an den 21. Bund gesetzt und die Kopfplatte in einem Winkel von 17° geneigt – Änderungen, die den acht verschiedenen SG-Modellen, die der Gibson-Katalog Ende 1972 zeigte, sehr gut taten und die nun bis 1986 nicht mehr grundsätzlich angetastet wurden.

Zu dieser Zeit begann ein bekannter deutscher Elektroniktüftler ein dreijähriges Engagement bei Gibson. Bill Lawrence alias Billy Lorento alias Willi Stich entwickelte in Kalamazoo Pickups und Elektroniken und war auch an einigen Gitarren-Designs dieser Jahre beteiligt. So trug die SG Standard dieses Jahrgangs erstmals Pickups eines anderen Herstellers – die Bill Lawrence Super- Humbucker, die einen Keramik- und einen Alnico-Magneten besaßen und mit Epoxyd- Harz vergossen waren. Dieser Pickup war der erste „heiße“ Humbucker der Geschichte, noch ehe Larry DiMarzio, der frühere Assistent von Bill Lawrence, mit seinem Super Distortion große Erfolge feiern konnte.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 4

Statt eines Bigsbys wurde nun erstmals ein Stop- Tailpiece Standard auf der SG Standard verwendet. Bereits Ende 1973 strich man die unglückseligen SG-I, SG-II und SG-III aus dem Katalog, die SG-Serie bestand jetzt nur noch aus den Klassikern Custom, Standard und Special, die sich nur noch in Details wie z. B. der Hardware von den 72er Modellen unterschieden, mit denen man wieder in die richtige SG-Spur zurückgefunden hatte. 1974 fielen einige wichtige Entscheidungen im Gibson Headquarter, denn die Chicago Musical Instrument Corporation, zu der Gibson gehörte, wurde an den Konzern Norlin Music verkauft. Gleichzeitig richtete man in Nashville eine zweite Gibson-Fabrik ein, die ab Juni 1975 ihre Arbeit aufnahm.

Der ursprüngliche Plan der Verantwortlichen war, in Nashville eine Handvoll Modelle, vor allem Solidbodies, in großen Stückzahlen zu produzieren, während das Werk in Kalamazoo eine Vielzahl anderer Modelle und Custom Orders in kleinen Stückzahlen herstellen sollte. Nashville war mit der Produktion von Les Pauls bald ziemlich ausgelastet, aber die reduzierte SG-Linie, aus der 1975 sogar die SG Special herausfiel, wurde nun ebenfalls dort gebaut. Und zwar nun erstmals mit zweiteiligen Mahagoni- Bodys, eine erste Sparmaßnahme des großen Konzerns. Aber es war beileibe nicht alles schlecht, was Norlin sich einfallen ließ. So etablierte man z. B. ein neues, bis heute noch gültiges Seriennummern-System. Das Ende dieser bewegten Dekade markierte eine neue „Günstig-SG“, die spartanisch ausgestattete The SG. Im Prinzip eine SG Standard, aber mit dreiteiligem Body und Hals aus Walnuss und Ebenholzgriffbrett ausgestattet. Am Hals saß ein Gibson-Humbucker, am Steg der von Billy Lawrence konzipierte Super-Humbucker, der 1980 in „Velvet Brick“ umbenannt werden sollte und der auch diese The SG zum Kochen brachte.

Die Achtziger

Das neue Jahrzehnt begann … stockend. Nach 19 Jahren in Produktion schickte man die schicke SG Custom aufs Altenteil, strich die Linkshand-Version der SG Standard und stellte dafür der The SG eine ähnlich schlichte SG, The Firebrand aus Mahagoni mit eingebranntem Gibson-Logo auf der Kopfplatte, zur Seite. Um die Konfusion komplett zu machen, wurden im Juli 1980 beide Instrumente in The SG Standard und The SG Deluxe umbenannt. Auch das verbliebene Flaggschiff, die SG Standard, wurde einer neuerlichen Revision unterzogen. Um die Fertigung zu standardisieren, bekam auch sie wie die anderen SGModelle wieder ein etwas breiteres Griffbrett, das nun wieder die Maße der allerersten SGs hatte, die zwischenzeitlich mal verringert worden waren.

Auch wurden alle Fräsungen für Pickups und Elektronik den beiden anderen SG-Modellen angepasst, um den Produktionsprozess zu vereinheitlichen. Erhältliche Farben waren Cherry, Walnut, White und Tobacco Sunburst. Bereits 1981 wurde die The SG Standard gestrichen – da waren es nur noch zwei! Die konnten aber immerhin ab Mitte der Dekade auch mit einem Vibratosystem bestellt werden, dem von Schaller gefertigten Pro-Tune Vibrola, das dem Bigsby B-5 glich. Und dann war es nur noch eine … . Mitte der Achtziger eliminierte man auch die The SG Deluxe. Einen Wendepunkt in der Geschichte des Herstellers brachte das Jahr 1986. Anfang der Dekade ging das Gitarrengeschäft schlecht, allein in 1982 verzeichnete man einen Verlust von 30 % zum Vorjahr.

Epiphone SGs
Epiphone SGs

Gibson war nicht alleine mit dieser Situation – nahezu alle anderen amerikanischen Hersteller sahen sich mit der Invasion aus Fernost, aber auch mit dem wachsenden Desinteresse der Musiker konfrontiert, denn die Hitparaden wurden vom Synthi-Pop dominiert, in dem Gitarren keine Rolle mehr spielten. Hatte man 1979 noch einen Umsatz von $ 35,5 Millionen verbucht, waren es 1982 nur noch $ 19, 5 Millionen. Und da diese Bilanz zudem noch unter den steigenden Lohn- und Produktionskosten und Währungsschwankungen litt, blieb dem profitorientierten Konzern keine anderen Wahl, als Gibson wie Sauerobst anzubieten – was sie übrigens recht weitblickend bereits seit 1980 getan hatten! Der Großteil der Produktion wurde längst von dem Werk in Nashville erledigt, in Kalamazoo baute man nur noch Custom Orders, Banjos und Mandolinen.

Norlin wollte und musste sparen, also schloss man die Werke in Kalamazoo im September 1984 – nach mehr als 65 Jahren im Dienste Gibsons. Im Sommer 1985 hatte Norlin dann endlich Käufer für Gibson gefunden: Drei Geschäftsleute, die sich von der Uni her kannten, kauften Gibson letztendlich für nur $ 5 Millionen: Henry Juskiewicz, David Berryman und Gary Zebrowski. Ob das neue SG-Modell, das 1986 auf den Markt kam und enthusiastisch von den SGFans weltweit gefeiert wurde, bereits von dem neuen Trio an der Spitze der Firma initiiert worden war, lässt sich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Aber erstmalig wurde mit dieser Gitarre weitsichtig ein Trend vorweggenommen, der ab den 90er- Jahren bis zum heutigen Tag den Gitarrenmarkt bestimmen sollte – der Retro- oder Vintage-Trend!

Die SG-62 entsprach nämlich in allen Design-Details der SG Les Paul Standard von 1962, bis auf den Les-Paul-Namenszusatz und das Vibratosystem, das nun durch ein Stop-Tailpiece ersetzt wurde. Auch war der Korpus wieder eine Idee kleiner und bekam seine alten Konturen wieder – schlicht: Die SG war genau wieder da angekommen, wo sie 24 Jahre zuvor gestartet war! Das gefiel den Gitarristen, was wiederum den Gibson-Machern gefiel, die es sich nicht nehmen ließen, schnell eine sogenannte SG LP Custom hinterher zu schießen, die natürlich dem 24 Jahre alten, weißen Vorgängermodell exakt entsprach.

Zugeständnisse an die Neuzeit wurden auch gemacht, allerdings mit weniger Aufsehen und Erfolg: Die SG Special 400, ebenfalls 1986 auf den Markt geworfen, brachte zwei Singlecoils und einen Dirty-Finger-Humbucker für den Steg. Das Kahler Flyer-Locking- Vibratosystem warb um Anschluss an die von Superstrats, Fön-Frisuren und Spandex- Hosen geprägte Rock-Musik der Achtzigerjahre. Natürlich war die komplette Hardware in schwarz eloxiert. Interessant, weil total SG-untypisch, auch die Regeleinheit: Master- Volume, Master-Tone und drei On/Off- Schalter.

Neues Top-of-the-line-Modell war ab 1987 die SG Elite, entweder in Weiß oder Metallic Sunset lackiert, mit zwei sogenannten Spotlight Humbuckern mit je zwei Alnico-Magneten und einem Singlecoil- Schalter. Ende 1988 wurde die SG Standard gestrichen, die längst von der SG-62 überrundet worden war. Doch die neuen Gibson- Macher, und das ist bis heute zu konstatieren, blieben nie untätig, wenn es darum ging, Neues auszuprobieren. Auch im SGLager ruhte man sich nicht auf den Erfolgen der Vintage-Reissues aus und ließ sich durch Misserfolge, denen übrigens noch viele weitere folgen sollten, nicht aus der Ruhe bringen.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 5

So stampfte man die nicht erfolgreiche, moderne SG Special 400 im Jahr 1988 ein, brachte aber gleich darauf die spektakuläre SG 90 heraus – die SG für die anstehenden Neunzigerjahre, in denen der SG-Spieler nach Meinung Gibsons folgende Features braucht: Einen 24-Bund-Hals mit Graphitverstärkung, eine Fender-typische lange Mensur und heiße Pickups! Die SG 90 Single hatte einen HB-L8-Humbucker am Steg, die SG 90 Double zusätzlich einen gewinkelt montierten L-200L Mini-Humbucker am Hals.

Entweder wurden die Saiten durch den Korpus gezogen, oder es gab diese Gitarren optional mit einem Steinberger KB-X Locking- Vibratosystem. Im Gegenzug rasierte man einen weiteren Klassiker aus dem Gibson-Programm – die SG-Special wurde ab 1988 nicht mehr weiter gebaut. Trotzdem behaupten SG-Experten, dass die SG-Familie zu Ende der 80er-Jahre die wohl Beste aller Zeiten darstellt. Die Vintage- orientierten SG-62 und SG LP Custom, gepaart mit der aufwendigen SG Elite und der Vielseitigkeit der modernen SG 90, zeigten sich für alle Fälle bestens aufgestellt.

Die Neunziger

Es scheint, dass in den ersten Jahren der Gibson- Ära unter Juskiewicz, der bis heute die Geschicke der Firma leitet, während Berryman im Hintergrund arbeitet und Zebrowski längst ausgeschieden ist, eine gute Basis für die Zukunft der SG gelegt worden ist. Mit richtigem Instinkt war das Brot-und-Butter- Geschäft des modernen Gitarren-Business etabliert worden: Die Vintage- und Signature- Modelle von Gibson. Aber diese Firma hat unter Juskiewicz alles andere als nur eine konservativ verwaltende Politik betrieben. Vielmehr ermöglichte der stetige Erfolg der Neuauflagen historischer Modelle viele Versuche in neue Richtungen.

Tragisch nur, dass die meisten Gitarristen eigentlich gar kein Interesse an neuen, modernen Gibson-Gitarren hatten, sondern lieber konservativ die alten Werte pflegen und hochhalten wollten, so wie es auch heute noch ist. Anfang der Neunzigerjahre wurde das Gibson- Programm in einzelne Kollektionen sortiert, was der Übersichtlichkeit diente. Die fünfkoÅNpfige SG Collection brachte nichts wirklich Neues, bis auf die Tatsache, dass die doppelhalsige EDS-1275 nun eben auch offiziell zur SG-Familie gehörte. Die 62 SG Reissue, die jetzt mit Classic 57 Humbuckern, Stop-Tailpiece und dem „fastest neck in the world“ die Bewahrung der alten Werte verkörperte, war das beliebteste Modell, gefolgt von der schlichteren SG Standard, die mit den heißeren Gibson-Pickups 490R und 498T und dem großen End-Sechziger-Pickguard ausgerüstet wurde.

Die SG Custom war dann wieder ganz Vintage, weiß lackiert, mit Gold Hardware, drei 57 Classic Pickups, Ebenholzgriffbrett und Stop-Tailpiece. Nach unten wurde das Programm mit der SG Special abgerundet, die nun ebenfalls mit zwei Humbuckern (490R, 498T) bestückt war und sich dadurch nur durch ein paar kosmetische Dinge von der Standard unterschied. P90s waren zu dieser Zeit einfach nicht angesagt. Mit der SG Z wagte man sich dagegen wieder mutiger nach vorne – eine wahlweise silbern oder weiß lackierte SG mit einem 500THumbucker am Steg und einem Superstack 490R Humbucker, der gewinkelt am Hals saß, wollte man das Hardrock-Klientel bedienen, Applikationen in Blitzform auf Body und Kopfplatte sollten animierend wirken. Immerhin hat Angus Young eine zeitlang diese schnittige Gitarre gespielt, die Blitze auf seinen Signature-Gitarren erinnern heute noch an diese Zeit.

Doch alles weitere Bemühen war umsonst – die Gitarre fiel durchs Geschmacksraster und war wie die meisten ihrer modernen Schwestern alles andere als erfolgreich. Dafür stellte die Les Paul SG Custom-Reissue, als Teil der neu eingeführten Historic Collection mit dem üblichen Ornat, die erfolgreiche Vintage-Connection wieder her. Als Werbe-Ikone konnte sogar Carlos Santana für den Gibson-Katalog verpflichtet werden – mit einem Bild, das ihn mit einer weißen SG Custom zeigt, das allerdings bereits Mitte der Siebzigerjahre aufgenommen worden war. Kein Wunder, denn Carlos spielte in den Neunzigern schon längst keine Gibson-Gitarren mehr. Mit der SG Les Paul Custom 30th Anniversary präsentierte Gibson erstmals in der SGSerie eine auf ein Jahr, 1991, limitierte Auflage – ein Marketing-Schachzug, der in Zukunft noch sehr oft angewendet werden sollte und vor allem auf den sich in den Neunzigern aufblühenden Sammlermarkt zielte.

Immer wieder wurden nun Modelle veröffentlicht, die von Anfang an mit einer kurz kalkulierten Lebensdauer an den Start gingen. SG Standard Korina, SG Standard Celebrity (wie SG Standard, aber mit Gold Hardware), die prächtige SG Les Paul 63 Corvette Stingray, die SG Deluxe mit drei Mini-Humbuckern oder die SG Classic mit zwei P90s bereicherten maximal jeweils zwei Jahre den Gibson-Katalog. Die SG-X, Bestandteil der All-American-Serie und eine recht ärmliche Version einer SG mit einem Steg-Humbucker, wurden immerhin von 1995 bis 2000 angeboten.

verschiedene Gibson SGs
Gibson SG Gallery 6

Das neue Jahrtausend

Was sich in den Neunzigern deutlich abgezeichnet hatte, wurde nun – und das gilt bis heute – konsequent durchgezogen. Von Dauer waren nur Vintage-Reissue-Modelle der beiden Klassiker SG Standard und SG Custom, deren Phalanx durch etliche quick shots illustrer SG-Versionen aufgelockert wurde, für deren komplette Aufzählung mir hier aber der Platz fehlt. Beispielhaft seien hier z. B. die SG Voodoo erwähnt (2002 – 2004) mit einem schwarz-roten Finish und schwarzer Hardware, die SG Platinum (2005) mit platinierter Lackierung und einem großen, platinierten Pickguard, die SG Menace (2006 – 2007) ganz in Schwarz, die SG GT (2006 – 2007) in Heavy-Duty- Machart oder die SG Diablo (2008) mit 24 Bünden, gewölbter Decke und einer silbernen Lackierung, deren Wirkung von keinem Pickguard gestört wurde. Ein Meilenstein setzte 2008 immerhin die SG Robot, denn sie war mit in Deutschland konzipierten, sich selbst stimmenden Mechaniken ausgestattet. Ein großes Thema im neuen Jahrtausend wurde mit den Signature-SG-Modellen begonnen. Und schaut man sich die Künstler an, nach denen eine spezielle SG benannt wurde, wird man schnell das Hauptklientel umreißen können, für das diese einzigartige Gitarre steht: Rocker und Rebellen! Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Pete Townshend und Angus Young waren die ersten beiden, denen eine Signature-SG gewidmet wurde. Das war im Jahr 2000. Ein Jahr später gesellte sich Black Sabbaths Tony Iommi dazu, 2003 Judas Priest, 2004 Gary Rossington (Lynyrd Skynyrd), 2007 Elliot Easton (The Cars) – und weitere sollten folgen. Wie dieser Artikel aber auch zeigt, durchlief die SG Hochs und Tiefs wie kein anderes Instrument dieses Herstellers. Schließlich befindet sich die SG ab 1961 in irgendeiner Form immer im Gibson-Programm. Geboren als die letzte geniale Idee Ted McCartys für Gibson, fast zu Grabe getragen vom Norlin Konzern, wieder zum Leben erweckt von Henry Juskiewicz und Partnern und heute vor allem dank des Vintage-Booms mit beiden Beinen mitten im Leben stehend – davon kann die SG einige Lieder singen. Sie, die zwar immer im Schatten der Les Paul stehen wird, ist die große Konstante des Gibson-Programms, und wer wissen will, wie es um die Firma zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte bestellt war, der braucht sich nur die jeweiligen SG-Konzepte anzuschauen und weiß Bescheid.

Mehr noch als die anderen Gibson-Modelle repräsentiert das Kürzel SG nicht nur ein einzelnes Modell, sondern eine ganze Familie unterschiedlicher Versionen und Interpretationen dessen, was man unter Solid Guitar so alles verstehen kann. Entscheidet man sich selbst für eine dieser SGs, dann ist man in der Tat in guter Gesellschaft und hat es meist mit in irgendeiner Form extremen Musikern zu tun. Eric Clapton, George Harrison, Pete Townshend, Angus Young, Toni Iommi und Robbie Krieger haben mit ihrem jeweiligen SG-Sound Meilensteine gesetzt. Und was eint solche unterschiedlichen Typen wie Frank Zappa, Link Wray, Chris Spedding, Duane Allman und Derek Trucks? Die SG! Jeder dieser Musiker rang einer SG im Laufe der letzten 50 Jahre einen ganz speziellen Aspekt ab und machte sie auf seine Art unsterblich. Höchste Zeit, sich selbst um eine SG zu kümmern, oder?

Gibson SG heute

… und zwar Stand August 2011! Das SGProgramm ist vielfältig, gruppiert sich gefällig um Vintage- und Signature-Modelle und ist wie z. B. im Fall der Zoot Suit auch immer für eine Überraschung gut. Überraschend auch die zum Teil sehr günstigen Preise bestimmter Serien wie z. B. der Special 60s Tribute-Modelle, begleitet von einer Händler- Politik, die zur Folge hat, dass die Instrumente nur noch in großen Musikläden zu haben sind. Zudem verzichtet Gibson in Europa auf länderspezifische Vertriebspartner und regelt seine Geschäfte von einer Zentrale in Rotterdam aus. Gibson hat es sich nicht nehmen lassen, den 50-jährigen Geburtstag der SG auch zu feiern, und zwar durchaus spektakulär: Der Hersteller bringt jeden Monat ein neues SGModell auf den Markt!! Diese Modelle sind in unserer Tabelle nicht gelistet, wir wollten und konnten den redaktionellen Rahmen für eine dann noch viel größere Tabelle nicht sprengen. Die Tabelle setzt die bekannten Features voraus, die eine typische SG ausmachen. Das sind:

– Mahagonikorpus

– Mahagonihals

– Palisandergriffbrett m. 12“-Radius

– 22 Medium-Jumbo-Bünde

– Tune-o-matic-/Stop-Tailpiece

– 628-mm-Mensur

– 17° Kopfplattenwinkel

– 4° Hals/Korpus-Winkel

– Vol-Regler: 300 kOhm

– Tone-Regler: 500 kOhm plus .0223 mf- Widerstand

die angegebenen Preise sind sogenannte „Street“-Preise, die je nach Händler leicht von den hier angegebenen abweichen können.

Mehr zur Thema Gibson SG und anderen Gibson Gitarren findest du in unserer Gibson Sonderausgabe: http://musik-media-shop.de/gitarre-bass/sonderhefte/gitarre-bass-1797

Aus Gitarre & Bass 10/2011


Das ultimative Rockbrett: Gibson SG Standard

Vor einiger Zeit habe ich auf ZDFkultur eine uralte Wiederholung von Ilja Richters „Disco 72“ gesehen. Abgesehen von den komischen Frisuren fiel mir auf, dass fast alle Gitarristen der Popbands, die dort auftraten, Gibson-SG-Modelle spielten. Eine Les Paul suchte man vergeblich.

Eine 1964 Gibson SG Standard

Zu dieser Zeit waren Les Pauls auch nicht so angesagt. Sie galten als schwer und unhandlich. Eine SG war moderner, leichter und vor allem preiswerter. Der Modellname SG stand schlicht für Solidbody Guitar. Nicht ganz so geistreich und kreativ wie Stratocaster oder Telecaster. Aber nachdem Les Paul als wichtigster Endorser und Namensvater 1962 zurückgetreten war, musste man schnell einen neuen Namen finden, und so entstand die einfache Buchstabenabkürzung.

Les Paul stand mit seiner Scheidung von Mary Ford vor Gericht und wollte so wenig wie möglich verdienen. Daher zog er sich bei Gibson zurück. Angeblich war er mit dem Nachfolgemodell der nach ihm benannten Les Paul auch nicht so zufrieden. Dennoch spielten Mary Ford und er gleich nach dem Erscheinen der neuen Solidbody Guitar jeweils eine weiße Les Paul (SG) Custom in Weiß mit drei Pickups.

Für die Auftragsbücher bei Gibson war die Les Paul ein Flop. Die Form mit Deckenwölbung und einem Single-Cutaway reichte nicht aus, um der starken Konkurrenz von Fender Paroli zu bieten. Die Fender-Gitarren waren modern und futuristisch. Sie passten besser zu den Heckflossen der Straßenkreuzer und den Surfbrettern der kalifornischen Jugend. Für die meisten Gitarristen war sie einfach eine zu klein geratene Jazzgitarre ohne FLöcher. So richtig neu und innovativ sah sie wirklich nicht aus. Also musste eine Runderneuerung oder ein Relaunch her.

Und daraus wurde die SG, die in den ersten beiden Produktionsjahren 1961 und 1962 zunächst noch Les Paul hieß. Diese Gitarre schlug besser ein als ihr Vorgänger. Wir wissen ja, dass George Harrison, Carlos Santana, Eric Clapton und Pete Townshend diese Modelle spielten. Später Dickie Betts, Duane Allman, Mick Taylor, Frank Zappa, Tony Iommi, Derek Trucks und natürlich Angus Young. Eric Clapton ließ seine 65er SG Standard in bunten Farben bemalen. Mit dieser Gitarre spielte er 1968 bei den Winterland Live-Aufnahmen zum Beispiel ‚Crossroads‘ oder ‚Sleepy Time Time‘. Im Studio spielte er diese Gitarre bei ‚Sunshine Of Your Love‘.

Denkt man eine Weile darüber nach, findet man mehr legendäre SG-Aufnahmen als Les-Paul-Titel. Und doch wurde die Les Paul zur teuersten Vintage-Gitarre aller Zeiten. Eine Gibson SG Standard besitzt einen Chic, der unglaublich elegant anmutet. Die Proportion ist stimmig, die cherry-rote Farbe, das edle Vibrato sowie die Kontur des Bodys verleihen ihr diesen besonderen Flair. In den ersten beiden Produktionsjahren war sie mit einem recht schweren und in der Tat unglaublich komplizierten Sideways-Vibrola ausgestattet. Schwer wie eine Ritterrüstung, umständlich zu bedienen und im wahrsten Sinne klapprig. 1963 wurde dieses seltsame Konstrukt durch ein Lyre- oder Meastro-Vibrola ersetzt.

Manche SGs kamen auch mit Bigsbys. Trotz optischer Attraktivität konnten diese Tremolos mit dem der Stratocaster nicht mithalten. Kaum ein Spieler verwendete diese altmodischen Hebel-Konstrukte. Sie wurden meist kurzerhand gegen Stoptail-Halter ausgetauscht. Sie besaßen allesamt einen entscheidenden Nachteil: Die Saitenführung war so hoch, dass in Richtung Brücke kaum noch ein Winkel und damit ein Auflagedruck entstand.

Die Saiten konnten beim Spielen aus den Reiter-Kerben springen, was häufig auch geschah. Außerdem kostet der geringe Winkel hinter der Brücke in hohem Maße Sustain. Eric Clapton hat seine SG daher modifiziert. Er schraubte den „Blech-Deckel“ des Lyre-Vibratos samt Hebel-Konstruktion ab und befestigte die Saiten fortan in neu gebohrten Löchern im Rahmen des Vibratos. So hatte er einen grö- ßeren Winkel und folglich mehr Sustain und Stabilität.

Angus Young wechselte auf ein Stoptail, ebenso Dicky Betts, Santana und aktuell Derek Trucks, der eine SG Standard Reissue spielt. Natürlich sieht ein Lyre-Vibrato meiner Meinung nach wahnsinnig attraktiv aus. Es gehört irgendwie zur Aura oder der Symmetrie der Gitarre. Aber praktikabel ist es nicht.

Das Vibrola Vibrato
SG Sideways-Vibrola

Ich habe diesen Monat eine wunderschöne Spät-1964er-SG-Standard vor der Fotolinse und natürlich in meinem Musikzimmer. Ich wollte so eine Gitarre schon immer haben, allein wegen ihres unverkennbaren Sounds. Ihr fehlt die Ahorndecke einer Les Paul, sie ist zudem deutlich flacher und erlaubt den mühelosen Zugang bis zum 22. Bund ohne jedes Hindernis. Allein das mag der Grund für Santana und Clapton gewesen sein, diese Gitarre für lange Soli einzusetzen. Der wichtigste Unterschied – und das wird häufig übersehen – liegt jedoch in der abweichenden Position der Tonabnehmer. Sowohl Front- als auch Bridge-Pickup liegen deutlich weiter hinten als bei einer Les Paul.Daher ist ihr Sound schlanker und konturierter als bei ihrem Vorgänger.

Eine SG ist eine ideale Rockriff-Gitarre. Nicht nur Angus Young weiß das nur zu gut. Wer versucht, den Sound von ‚Sunshine Of Your Love‘ auf einer Les Paul nachzuahmen, wird kläglich scheitern. Die Position des Neck-Pickups bei einer Les Paul lässt diesen leicht nasalen und süßlichen Ton einfach nicht zu. Probiert man das Riff einmal auf dem Hals-PU einer SG, hat man sofort diesen typischen Sound. Der Neck-Pickup einer SG ist gut 1,5 Zentimeter richtung Brücke verschoben. Dadurch wird der Sound heller und knackiger.

Verschiedene Pickup-Positionen
Pickup-Position-Vergleich SG und Les Paul

Das war eine wirklich gute Idee der Gibson-Konstrukteure, obwohl sie eigentlich aus einer Not entstand. Der Hals sitzt bei der SG soweit außerhalb des Korpus‘, dass der Halstonabnehmer gar nicht direkt an die Halsunterkante passte. Er musste nach hinten verschoben werden. Und da die Proportion zwischen den beiden Pickups nun nicht mehr stimmte, wurde auch der Bridge-Pickup etwa einen Zentimeter nach hinten versetzt. So ist der SG-Sound geboren.

Da Derek Trucks fast ausschließlich den Hals-Pickup für seine sagenhaften Slide-Soli verwendet, tut er sich auf einer Les Paul etwas schwer. Hier ist der Sound meist zu weich und zu dunkel. Nur bei der SG stimmt die Balance für seinen Ton perfekt. Die vordere Polepiece-Reihe des SG-Halstonabnehmers ist etwa in der gleichen Position wie bei einer Fender Telecaster. Interessant, oder? Der für den Spieler äußerst komfortable Hals-Body-Übergang birgt jedoch auch Nachteile. Viele SGs hatten einen Bruch an dieser fragilen Stelle. Der Hals hat nur wenig Auflagefläche für eine stabile Verleimung. Da die Gitarre sehr flach ist, fehlt der typische Neck-Heel.

Ab circa 1963 kommt noch ein kleiner Nachteil für den SG-Sound hinzu. Die Reiter auf der Brücke wurden aus Nylon gefertigt. Das nahm der SG wirklich eine gute Portion Sustain. Daher wird die Brücke von vielen Gitarristen auch sofort nach dem Erwerb einer SG ausgetauscht. Ich habe das hier zu Hause auch verglichen. Obwohl der Sound mit einer anderen ABR-1-Bridge mit MessingReitern wirklich knackiger, direkter und schneller war, konnte ich auch dem Sound der Nylon-Reiter etwas abgewinnen. Dieser für eine SG typische Tone-Snap wird etwas entschärft. Die Gitarre klingt etwas milder und weicher. Auch nicht schlecht. Clapton trennte sich übrigens nie von seinen Nylon-Reitern, und wer würde schon behaupten, die Live-Aufnahme von ‚Crossroads‘ hätte kein Sustain?

Vibrato und Bridge
SG ABR-1 Nylon-Bridge und ABR-1

Im Vergleich mit meiner Les Paul klang die SG etwas leiser, zahmer und dünner. Der bereits erwähnte „Snap“ erzeugte jedoch besonders bei Rockriffs eine Abbildungsschärfe, die mit einer Les Paul einfach nicht gelingen will. Der Bridge-Pickup klingt bei der SG schärfer und manchmal schon ein wenig harsch. Der Neckpickup zeigt jedoch eine Qualität, bei der die Les Paul einfach nicht mithalten kann. Man kann plötzlich nicht nur ‚Sunshine Of Your Love‘ überzeugend nachstellen, sondern auch Santanas ‚Treat‘ oder ‚Jingo‘.

Der weit aus dem Korpus herausragende Hals sorgt, so heißt es, für eine leichte Kopflastigkeit der Gitarre. Zugegeben, sie hängt am Gurt nicht ganz so komfortabel und kompakt wie eine Les Paul oder ES-335. Aber kopflastig fand ich die Gitarre nicht. Man hält sie automatisch etwas diagonaler am Körper (so wie Clapton oder Angus Young). Dann spielt sie sich wirklich erstklassig. Ich habe mich in den letzten Tagen buchstäblich in den SG-Sound verliebt.

Nach Tagen der Les-Paul-Abstinenz klang diese im Vergleich zunächst träge und schwer wie ein Sandsack. Die Kombination aus einem Gibson-Humbucker und dieser schnellen und knackigen Ansprache der SG ist einfach fantastisch. Meine Les Paul bekommt wirklich eine ernstzunehmende Konkurrenz. Vor allem dieser schlanke und knackige Hals-Pickup hat es mir angetan … Bis zum nächsten Mal! [1994]

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Der fragile HalsKorpusübergang
Sollbruchstelle: Fragiler HalsKorpusübergang

Aus Gitarre & Bass 02/15

5 Kommentare zu “Gibson SG: Die Geschichte eines Klassikers”
  1. Udo Pipper spricht mir aus der Seele, auch ich liebe den Sound meiner SG Standard. Alles was man braucht um gepflegt abzurocken ist ein Marshall und eine gute Gibson SG……

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  2. Rudolf Gajus

    Yeah, meine SG mit 1967er Pick-Ups ist noch immer eine Wucht! Sogar im klassischen
    Bereich: die Strings gezupft bringen eine Frequenz-Bandbreite wie kaum andere E-Guitars..

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  3. Victor Gub

    ” Und da die Proportion zwischen den beiden Pickups nun nicht mehr stimmte, wurde auch der Bridge-Pickup etwa einen Zentimeter nach hinten versetzt. ”

    Hoppla! Da hat sich der Herr Pipper wohl vermessen!

    Der Vergleich der aktuellen SG Standard und Les Paul Standard lässt das nicht erkennen. Hier sind die PUs an exakt der gleichen Position! Das kann man an den offiziellen Abbildungen auf Gibson.com sehen. Ein cm entspricht immerhin ungefähr dem Abstand vom Rand der PU-Kappe bis zur Mitte der Polepiece-Reihe.
    Auch auf dem Foto in diesem Bericht kann ich keine Differenz von einem cm erkennen.

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  4. Thrashroc

    Bei mir hat die Strat Konkurenz bekommen in Form einer SG “Special” , also ein etwas günstigeres Modell , das ich aber im laufe der letzten 2 Jahre , mit Absolut Professionellen und Hochwertigen Teilen , aufgewertet habe .(Alu STP von Montreux Parts ) , Schaller Klemmechaniken , Bessere PU´s , und da sie nicht mal Lackiert , sondern nur mit dem Red Filler Behandelt wurde , hab ich ganz Easy mehere schichten Nitrolack darübergetan , Schlagbrtt hat sie bekommen , schickere Knöpfe ..
    Jetzt ist das eine SUPER geile Gibson SG geworden und ich hätte nicht gedacht dass ich dieses Modell mal so Liebe , die SG ist eine Erfolgsgeschichte ..

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  5. Maestro Vibrola nicht praktikabel? Ich habs auf SGs, Paulas und V montiert – alles Originale aus den ’60s wegen dem Winkel der Arm-Halterung, der heutigen nicht mehr so genau ist – und eins ist klar: richtig montiert (man muß bei dem jeweiligen Gitarren-Modell die richtige der 3 Versionen aussuchen wegen der Saiten-Höhe) ist das ein MEGA Trem, das Dive-Downs sowie extremes Hochziehen ermöglich, Sattel und Stege mit Graphit geschmiert auch exakt so verstimmungsfrei wie bei einer guten (und richtig eingestellten!) Strat. Diese Aussage des Hernn Pipper ist also nicht richtig, probiert das einfach mal aus. Eins meiner Lieblings-Trems. Öffnet auch den Klang der Gitti sehr gut! 🙂

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