Mehr als eine Dekade ist es her, dass Eric Johnson zuletzt durch Europa getourt ist. Wir sprachen mit dem Mann aus Austin über die anstehenden Konzerte, die Einschränkungen von Vintage-Strats und das Für und Wider moderner Technologien.
Eric, wir haben uns getroffen, als du zuletzt in Deutschland warst. Das war im Frühjahr 2013.
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Das war sogar das letzte Mal, dass ich in Europa war. Es ist schon lange her.
Aber jetzt ist es wieder mal so weit. Auf der anstehenden Europa-Tour wirst du von Drummer Tal Bergman und Bassist Daniel Kimbro begleitet. Wie wählst du die Musiker für eine solche Konzertreise aus?
Ich wollte dieses Mal etwas anderes ausprobieren. Tal hat vor gut 20 Jahren auf einem der Songs auf meinem Album ‚Bloom’ getrommelt. Er ist ein wirklich guter Schlagzeuger. Er hat mit Joe Bonamassa, Loreena McKennitt und vielen anderen gespielt. Daniel Kimbro kommt aus Nashville. Er ist ein wunderbarer Kontrabassist und spielt auch E-Bass.
Nebenher ist er auch Gitarrist und hat unter anderem mit Jerry Douglas gearbeitet. Er kommt also aus einer ganz anderen Richtung.
Richtig.
Auf deiner letzten Tour in Europa hattest du ein Drei-Wege-Setup: Clean, Dirty Rhythm – wie du es genannt hast – und den Leadsound.
Das ist auch heute noch so.
Sind es immer noch dieselben Komponenten oder hast du innerhalb dieses Systems größere Änderungen vorgenommen?
Nicht wirklich. Ich habe für Clean mit ein paar Deluxe Reverbs anstelle von Twin Reverbs experimentiert, weil die nicht ganz so laut sind. Für Dirty Rhythm habe ich einen Super Reverb ausprobiert. Beim Leadsound ist es immer noch ein 50-Watt-Marshall über eine 4×12-Box. Ähnliches gilt für die Effekte. Auch hier gab es keine größeren Veränderungen.
Dann fasse ich mal kurz das Setup von 2013 zusammen: Du hattest schon damals einen Deluxe Reverb statt des Twins für den Cleansound. An Effekten hast du in diesem Setup einen Electro-Harmonix Deluxe Memory Man, ein Boss DD-2 und einen TC Electronic Chorus/Flanger verwendet. Und heute?
Ich bin zum Echoplex zurückgekehrt. Das Boss benutze ich nicht mehr.
Für „Dirty Rhythm” kam ein Fulton-Webb Amp zum Einsatz, der von deinem damaligen Techniker Bill Webb entwickelt wurde.
Stimmt. An dessen Stelle sitzt jetzt der erwähnte Super Reverb.
Dazu gab es in diesem „Kanal” einen Ibanez Tubescreamer, ein Dunlop Eric Johnson Fuzz Face sowie ein MXR 19″ Digital Delay. Ist das noch im Rig?
Ja.
Für den Leadsound waren neben dem erwähnten Plexi-Marshall ein Vox Crybaby, ein Maestro Echoplex und ein B.K. Butler Tube Driver zuständig.
Korrekt.
Dein Techniker hat mir damals erzählt, dass du auf Tour immer noch an deinem Rig arbeitest und versuchst, es noch besser klingen zu lassen. Und er sagte, jedes Mal, wenn du damit fertig bist, ist das der Fall.
Na ja, manchmal vermassle ich es und es wird schlechter. Aber grundsätzlich versuche ich ständig, daran zu feilen und es zu optimieren. Wenn man einen Lautsprecher austauscht oder neue Kabel verwendet, wirkt sich das auf den Sound aus. Daher muss man vorsichtig sein und aufpassen, dass es nicht nach hinten losgeht.
“Ich bekomme den Rhythmus-Sound, der mir vorschwebt, nicht aus einem Humbucker raus.” (Bild: Max Crace)
Der Begriff, den ich im Gespräch mit dir gelernt habe, war „marriage of parts”, die Vermählung der Teile. Es geht dir dabei darum, in welcher Konfiguration einzelne Komponenten das beste Resultat ergeben.
So ist es. Manchmal funktioniert etwas isoliert betrachtet nicht optimal. Wenn man es jedoch in der passenden Kombination mit anderen Parts zusammenbringt, könnte es genau das Richtige sein. Es ist fast so, als gäbe es Komponenten, die nicht miteinander harmonieren, und andere, die sich ergänzen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, solche Verbindungen zu suchen und zu finden.
Bevor wir damit fortfahren: Gibt es einen besonderen Grund, warum du dich entschieden hast, nach 13 Jahren nach Europa zurückzukehren?
Wir haben mehrere Male daran gedacht, zurückzukommen, aber irgendwie hat es sich nie ergeben. Unter anderem lag es auch daran, dass wir Schwierigkeiten hatten, einen Veranstalter zu finden, der das Interesse und die Möglichkeit hatte, dies finanziell zu ermöglichen. Den haben wir jetzt gefunden.
Du hattest damals deine alte Lieblings-Strat dabei, ein 57er-Original.
Sie ist aktuell die einzige Vintage-Strat, die ich noch besitze. Ich habe ziemlich viel von meinem Equipment verkauft. Mir ist irgendwann klar geworden, dass ich viel Zeit damit verbracht habe, mich um all dieses Zeug zu kümmern – und ich dachte mir, vielleicht sollte ich sie lieber mit Üben verbringen anstatt mit Verwalten. Das ist so, als hätte man fünf Häuser statt nur einem. Sammeln ist für bestimmte Leute in Ordnung. Aber ich konzentriere mich mittlerweile lieber auf das, was ich habe.
Eine der Besonderheiten dieser Strat ist, dass dort spezielle, in der Mitte abgesenkte Bünde montiert sind, um den Radius zu kompensieren und den Hals quasi abzuflachen.
Was natürlich ein Kompromiss ist. Und das führt uns wieder zu dem Punkt, über den wir gerade sprechen. Die 57er-Strat wurde bereits mit großen Bünden „abgeflacht” – und zwar, bevor ich sie erworben habe. Sie gehörte einem sehr engen Freund von mir. Aber das ist die Zwickmühle, in die man heutzutage gerät – man kauft eine teure alte Stratocaster und denkt: „Ich kann das Griffbrett nicht abflachen, weil es dann nicht mehr original ist.” Für Sammler ist das okay.
Wenn ich jedoch für mich abwäge, was ich brauche, um mich zu verbessern, ist die Antwort eine andere. Es geht dann nur darum, das Instrument optimal bespielbar zu machen, damit ich persönlich bessere Musik machen kann. Das ist mein Ding. Optimal für mich sind daher alte 1950er-Jahre-Strats, an denen schon herumgebastelt wurde. Ich habe erst neulich eine originale 54er-Strat verkauft. Im Urzustand war sie für mich nicht gut genug, hätte ich sie bearbeitet, wäre der Wert deutlich gesunken.
Was ist dein Lieblingsradius bei einer Strat?
Eher ein Gibson-artiger, also etwa 12″. Ich mag zwar das Spielgefühl des runden Fender-Halses, aber wenn es um die Anforderungen meines Spiels geht, funktioniert das nicht so gut.
Noch eine letzte Sache zu deiner alten Strat: Damals hattest du einen DiMarzio HS-2, einen Seymour Duncan Antiquity und den Hals-Pickup aus einer 63er-Fender darauf montiert. Wie oft hast du die Tonabnehmer an dieser Gitarre gewechselt?
Sehr oft. Aber irgendwann hatte ich das alles satt und habe das originale Schlagbrett mit den originalen Pickups wieder draufgesetzt. Jetzt ist sie also wieder im Originalzustand. Aber ein Manko ist geblieben: Der Bridge-Pickup einer Strat, vor allem bei älteren Modellen, ist zu schwach für mich. Mit einem sehr kräftigen, gesättigten Fuzz-Sound ist alles noch okay, doch ansonsten fehlt häufig der Druck. Daher haben meine neueren Strats stärkere Steg-Tonabnehmer.
Aber du warst nie jemand, der einen echten Humbucker in eine Strat eingebaut hat.
Nein. Das ist zwar toll für Soli, aber dann verliert man auf der Rhythmus-Seite. Ich bekomme den Rhythmus-Sound, der mir vorschwebt, nicht aus einem Humbucker raus. Ich liebe Gibsons und verwende sie gerne für Soli, aber wenn ich Rhythmus-Parts spiele oder einen sauberen Country-Sound haben will, funktioniert das nicht wie mit einem Singlecoil.
Wo du Gibsons erwähnst: Deine andere Hauptgitarre damals war eine 63er SG. Wird sie wieder mit über den großen Teich kommen?
Eher nein. Dieses Mal bringe ich wohl eine Custom Shop Les Paul mit. Ich habe sie erst kürzlich bekommen und bin ziemlich zufrieden damit.
Das bringt mich zu einer Frage, die ich dir eh stellen wollte: Was ist dein Lieblingsmodell im Gibson-Stil?
Ich bin eigentlich kein Fan der SG, aber die erwähnte 63er klingt einfach großartig. Daher habe ich sie auch viel gespielt. Grundsätzlich ziehe ich jedoch Les Pauls vor. Meine Lieblings-Gibson ist aber wohl die ES-335.
Du bist tendenziell ein Analog-Typ. Aber du arbeitest auch viel im Studio. Wie sieht es denn bei dir heutzutage mit digitalem Equipment aus? Hast du dich damit beschäftigt?
Meinst du Sachen wie Neural DSP?
Oder auch Kemper.
Ich finde, es wird immer besser – auch wenn es für meinen speziellen Sound nicht so gut funktioniert wie mein Vintage-Zeug. Wenn man jedoch versucht, damit neue Wege zu gehen, dann ist es sehr cool.
Arbeitest du neben den Proben für die Tour auch an neuer Musik?
Ja, das tue ich. Ich stelle gerade eine EP mit fünf Songs fertig – eine Bluesrock-Sache, eher zum Spaß. Außerdem habe ich vier oder fünf Songs für ein neues Studioalbum aufgenommen. Aber zunächst werde ich mich darauf konzentrieren, die EP herauszubringen, was wohl im Herbst geschehen wird. Danach geht es mit dem Studioalbum weiter.
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(Bild: Max Crace)
Du bist jetzt seit mehr als 40 Jahren in der Branche und hast viele Veränderungen miterlebt. Die digitale Revolution hat ja nicht nur Auswirkungen auf die Produktion und das Aufnehmen, sondern auch auf den Konsum von Musik, Stichwort Streaming. Das hat dein Leben als Musiker sicher massiv verändert.
Total. Die Haupteinnahmequelle ist so gut wie weg. Was jedoch bleibt, ist die Liebe zur Musik und die Freude daran, jemandem für ein paar Minuten ein besseres Gefühl zu geben. Um dies weiter aufrecht erhalten zu können, muss man natürlich umdenken.
Es gibt andere Wege, wie man überleben kann, etwa auf Tour zu gehen oder Masterclasses anzubieten. Aber es ist natürlich nicht dasselbe. Dass man mit Platten kein Geld mehr verdient, ist ein echtes Problem. Musiker, Produzenten, Studios – all diese Menschen und Orte, die zur Produktion einer Platte gehören, müssen bezahlt zu werden. Wenn man die Kosten zusammenrechnet, die man dafür aufbringen muss, und dann merkt, dass man damit kein Geld verdienen wird, entsteht eine extreme Diskrepanz.
Diese ermutigt Kreative nicht gerade dazu, organische, live eingespielte analoge Platten in einem Studio zu machen – weil es keinen Handel gibt, der das unterstützt. Man bekommt von einer Plattenfirma keine 100.000 Dollar mehr für eine Platte. Das wiederum führt dazu, dass jeder seine Platte einfach in der Küche mit einem digitalen Gerät aufnehmen muss. Wir verlieren also eine bestimmte Kunstform. Und ich glaube nicht, dass das förderlich sein wird; das Ergebnis wird mehr und mehr KI-generiertes musikalisches Fast Food sein.
Zurück zu dir und den Shows: Leider spielst du nur ein Konzert in Deutschland, aber du trittst in den Niederlanden und in Luxemburg auf. Was können die Leute erwarten, wenn sie euch drei auf der Bühne sehen?
Ich werde Titel von verschiedenen Alben aus der Vergangenheit spielen. Dazu kommen wahrscheinlich ein Country-Song und ein paar Blues-Stücke, vielleicht auch ein paar jazzige Nummern. Außerdem hoffe ich, dass ich zumindest ein oder zwei Tracks auf der Akustikgitarre spielen kann. Es wird also eine Art Querschnitt durch Gitarrenmusik im Laufe der Zeit sein – und ich werde dazu auch ein paar brandneue Lieder spielen, die ich noch nicht aufgenommen habe.
Also eine Überraschungsmischung aus alten Tracks und Songs, die so neu sind, dass sie noch niemand kennt.
Ein letztes Thema: Du bist in erster Linie bekannt für die Strat. Hast du dich jemals für Teles interessiert?
Ich habe genau eine, eine 58er. Ich habe sie vor etwa sechs Monaten gekauft – und ich mag sie wirklich.
Aber die Tele hat deinen Ansatz als Gitarrist nie so beeinflusst wie eine Strat?
Ich mag es, den mittleren Tonabnehmer zu haben, weil sich dadurch mehr klangliche Möglichkeiten ergeben. Und dann war auch die Intonation immer ein kleines Problem, weil die Tele je einen Reiter für zwei Saiten hat. Klar, es gibt auch welche mit Einzelreitern … Jedenfalls: Ich habe jahrelang versucht, ein passendes Modell zu finden. Das hat lange nicht funktioniert. Aber jetzt habe ich tatsächlich eine erstanden, die mir wirklich gefällt.
Ich frage das, weil wir über den Bridge-Pickup der Strat gesprochen haben, der dir häufig zu schwach erscheint. Der Steg-Tonabnehmer einer Telecaster ist ein ganz anderes Kaliber. Da dürftest du eigentlich keine derartigen Probleme haben.